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Mit dem Blick, durch den Berg

16.01.2018

Das Zentrum am Berg der Montanuniversität Leoben wächst stetig. Robert Galler erzählt von der Vision, dem aktuellen Baufortschritt und laufenden Forschungsprojekten.

Forschung und Ausbildung sollen im Zentrum am Berg im Erzberg Hand in Hand gehen.

Wenn ein Universitätsinstitut ein neues Gebäude bekommt, ist dies intern eine große Sache, stößt aber extern selten auf viel Resonanz. Anders beim neuen Departement der Montanuniversität Leoben, die mit dem Zen­trum am Berg den Tiefbau-Hot-Spot Europas schaffen wollen. Seit einem Jahr werden am steirischen Erzberg Tunnel vorangetrieben, und langsam nimmt das Zentrum Form an. Das internationale Interesse ist groß, und auch die ersten Forschungsprojekte zeigen schon auf, wohin der Weg gehen soll. Robert Galler, Leiter des Departements Zentrum am Berg, zeigt sich zufrieden mit der wachsenden Realisierung seiner Vision.

Was war die Idee hinter dem Zentrum am Berg?

Robert Galler: Vieles der angewandten Forschung im Tiefbau sowie der Projektentwicklung ist im Labor nicht möglich. Denken
Sie an die Entwicklung neuer Bohrtechnologien, das Messen von tatsächlichen Spannungen im Gestein beim Tunnelbau, die Berechnung wirklicher Brandlasten, die realitätsnahe Daten als Basis für Richtlinien und Normen – die Liste ist endlos. Deswegen haben wir beschlossen, ein wachsendes Zentrum zu etablieren, um realitätsnahe und anwendungsfreundliche Forschung für sämtliche Fachbereiche des Tiefbaus, mit einem leichten Schwerpunkt auf den Tunnelbau, zu realisieren. So bekommen die Studenten nicht nur theoretisches Wissen vermittelt, sondern können auch in der Praxis erleben, was ihre Arbeit bedeutet. Zusätzlich haben wir das Glück, dass das Zentrum am Berg von der Universität, dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft und dem Land Steiermark finanziert wurde. Damit haben wir die Möglichkeit, uns als neutrale Plattform zu etablieren, die das bestmögliche Umfeld bereitstellen kann.

Wie kann man sich dieses Umfeld für angewandte Forschung genau vorstellen?

Galler: Vor Ort haben wir, bedingt aus der Vornutzung, eine Vielzahl an kleinen Stollen, die für jegliche Art von Forschungsprojekt unter realen Bedingungen zur Verfügung stehen. Zusätzlich bauen wir momentan zwei Tunnelröhren, die als realitätsgetreues Eins-zu-eins-Modell dienen werden. Diese sind nach dem heutigen Stand der Technik ausgeführt, mit allen Querschlägen versehen und werden bis zum ersten Querschlag
komplett ausgebaut – einer als Eisenbahntunnelröhre, der andere als Straßenbautunnel.

Wie sieht hierfür der Zeitplan aus?

Galler: Wir gehen davon aus, dass wir bis Ende 2018 die Vortriebsarbeiten erledigt haben und ab Jänner 2019 mit den Ausbauarbeiten
beginnen können. Mitte 2019 sollen die beiden Tunnel fertig sein und in Vollbetrieb gehen. So haben wir einerseits einen fixen Bestand an Forschungseinrichtungen und andererseits die Möglichkeit, unser Zentrum um weitere Stollen zu erweitern und den aktuellen Anforderungen anzupassen.

Wie kann man sich die aktuelle und zukünftige Forschung im Zentrum am Berg vorstellen?

Galler: Das Zentrum soll jedem zugänglich sein, der Forschung in diesem Gebiet betreiben will, egal ob Tiefbauern, Baumaschinenherstellern, Sprengtechnikern oder Betreibern. Man kann Grundlagenforschung betreiben, Methoden auf ihre Praxis­tauglichkeit testen, Baumaschinen auf Herz und Nieren prüfen sowie im Einsatz den Kunden vorstellen. Wir stehen allen Ideen offen gegenüber. Ein weiteres wesentliches Thema ist sicherlich die Sanierung von Tunnelanlagen, die im Zentrum in Seitenstollen getestet werden kann. Zusätzlich wollen wir das Zentrum Firmen sowie der Feuerwehr zugänglich machen, um Einsätze unter realen Bedingungen trainieren zu können. Doch auch der breiten Bevölkerung wollen wir unsere Tore nicht verschließen. Durch den Komplettausbau der beiden Tunnelröhren können diese vor Ort erleben, was man in einem Notfall tun kann und wo man welche Möglichkeiten hat.

Gibt es schon Projekte, über die Sie reden können?

Galler: Es gibt sogar schon einige laufende Projekte. Beispielsweise forschen wir in einem EU-Projekt an der Optimierung der Nutzung von Geothermie. Ein weiteres Forschungsprojekt dreht sich um die „Speicherung“ von Strom über Druckluft und Wärme in Kavernen. Über diese wird im Bedarfsfall eine Turbine betrieben und Strom erzeugt. Hier arbeiten wir gerade mit der ETH Zürich daran, das geeignete Speichermedium zu finden. Zum Thema Sicherheit sind wir gerade dabei, mit 19 Partnern aus allen Phasen eines Tiefbauprojekts Datensätze und Standards zu erarbeiten, um diese in BIM implementieren zu können. So würde gewerksübergreifendes Wissen für alle an einem frühen Punkt eines jeden Projekts zur Verfügung stehen. Ebenso sind wir Partner bei Alplab, um im Tunnel das autonome Fahren von Lkws zu erforschen.

Kann man das Zentrum am Berg eigentlich auch zu Ausbildungszwecken nutzen?

Galler: Eine Idee, die wird unbedingt umsetzen wollen, ist die Entwicklung einer Tunnelbaulehre. Momentan dürfen – rein rechtlich – Jugendliche unter 18 Jahre keine Lehre in einem Tunnel absolvieren. Da wir aber ein gesichertes Umfeld bieten können, wäre dies sicherlich ein spannender Ansatz, der vielen Unternehmen zugutekommen würde. Momentan sind viele dieser Ausbildungen theoretischer Natur, das können wir ändern.

Ausbildung ist ein Thema, Weiterbildung ist aber sicherlich auch ein ebenso interessantes Feld, das man erschließen könnte.

Galler: Auch das ist ein Ansatz, den wir offensiv verfolgen möchten. Prinzipiell können sich Unternehmen, die ihren Mitarbeitern neue Techniken beibringen wollen, gern zu uns kommen. Wir haben die Infrastruktur, alles ausprobieren zu können, und auch Kontakte zu Experten für etwaige Schulungen. Oder denken Sie an den Einsatz von Baumaschinen. Bei uns kann man im Tunnel und unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen lernen, wie diese verwendet werden, wie sie sich in der Realität verhalten und im Einsatz anfühlen. Ein unschätzbarer Mehrwert für alle Beteiligten.

 

 

 

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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