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Mit klima:aktiv auf Kyoto-Kurs

03.08.2005

Bis spätestens 2013 hat sich Österreich im Rahmen der Kyoto-Vereinbarungen zu einer freiwilligen Reduktion der klimaaktiven Treibhausgase um 13 Prozent verpflichtet. Neben dem Verkehr als Hauptverursacher von Treibhausgasen, ist es der Bereich Bauen und Wohnen, dem besondere Bedeutung beigemessen wird. Hier sieht das Lebensministerium – als Initiator der Initiative klima:aktiv – mittelfristig das höchste Einsparungspotenzial.
Vor diesem Hintergrund wurde die Errichtung von zwei Einfamilienhäusern – quasi als Demonstrationsobjekte – in Angriff genommen. Für die Umsetzung des ehrgeizigen Pilotprojekts zeichnet das Netzwerk Energie verantwortlich. Ihm zur Seite stehen der Ökobau Cluster Niederösterreich (ÖBC) und das Institut für Baubiologie (IBO), in deren Zuständigkeit die Entwicklung der Baustandards und die Erprobung in der Praxis fällt. Im Oktober 2004 erfolgten die Spatenstiche. In Tulln starteten die Bauarbeiten für ein Musterhaus in Massivbauweise. Zur selben Zeit wurde in Wien-Donaustadt mit der Errichtung eines klimaaktiven Fertighauses begonnen. Ende Mai gingen die Rohbauarbeiten ins Finale.
Als Vorzeigeprojekte sollen die beiden Gebäude höchsten ökologischen, baubiologischen und energetischen Standards entsprechen. „Das ist ein wichtiges Signal, denn auch die Bundesländer haben sich verpflichtet, ihre Wohnbauförderungsprogramme an den Kriterien des Klimaschutzes auszurichten. Mit den klima:aktiv Musterhäusern zeigen wir gemeinsam, wie und vor allem dass die Errichtung von klima- und umweltgerechten Häusern zu vernünftigen Konditionen möglich ist. Damit werden schon bald alle Bauherren die Möglichkeit haben, mit einem klima:aktiv Haus Energie und damit CO2 einzusparen“, zeigte sich Bundesminister Josef Pröll bei der Gleichenfeier zuversichtlich und vom Erfolg des Programms überzeugt.

Versuchsfeld für die Baubranche
Insgesamt 80 Bauunternehmen beteiligen sich an der Realisierung der klima: aktiv Musterhäuser und unterstützen das Projekt auch in finanzieller Hinsicht mit der Bereitstellung von Material und Arbeitszeit. Das Pilotprojekt schließt dabei die Lücke zwischen Theorie und Praxis und bietet den beteiligten Unternehmen die Chance, nicht nur ihr Know-how unter Beweis zu stellen, sondern auch gezielt in der Praxis weiterzuentwickeln. „Wir erfinden für die klima:aktiv Musterhäuser aber keine neuen Produkte, sondern fügen die bekannten Techniken in einer sehr ambitionierten Weise zusammen. Insofern darf die eine oder andere Lösung auch ausprobiert werden. Im Grunde zeigen wir nur, wie man gutes Assembling in einem Gebäude macht“, erklärt Josef Seidl vom Ökobau Cluster. So werden beide Häuser trotz Passivhausstandard mit einer neu entwickelten Pellets-Miniheizung ausgestattet – „vorrangig ein Tribut an die künftigen Nutzer“, weiß Manfred Peneder von der WP-Werbeagentur zu berichten, welche die Öffentlichkeitsarbeit des klima:aktiv Programms übernommen hat. Die Wärmeabgabe erfolgt über reduzierte Wandheizflächen, bei der lediglich eine Warmwasserleitung in der Wand verläuft.

Strenge Qualitätskriterien
Für die klima:aktiv Musterhäuser wird eine Energiekennzahl von unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angestrebt. Die Gebäude erreichen damit höchste Energieeffizienz und entsprechen dem Passivhaus-Standard. Als Grundlage für die Errichtung dient der vom Ökobau Cluster Niederösterreich und dem Institut für Baubiologie und Bauökologie erarbeitete Öko-Pass. Dieser funktioniert auf der Basis eines Punktesystems, wobei anders als beim Energieausweis nicht nur die energetischen Aspekte bei der Errichtung im Vordergrund stehen, sondern darüber hinaus auch Kriterien wie Behaglichkeit, Lichtqualität, der Einsatz Ressourcen schonender Baustoffe, der ökologische Innenausbau, Schallschutzmaßnahmen oder Standortindikatoren einfließen. In Summe können ökologische und umweltgerechte Gebäude maximal 1000 Punkte erreichen, wobei ein vom ÖBC ausgezeichnetes Haus eine Mindestpunkteanzahl von 750 Punkten erzielen muss. Für die beiden Musterhäuser wird ein Wert von 800 bis 850 Punkten angestrebt. Um dieses sensationelle Ergebnis in gebaute Form umzusetzen, wird bei der Errichtung und dem Innenausbau besonderes Augenmerk auf die Verwendung von ökologischen Baumaterialien gelegt. So wurden die Keller beider Gebäude mit Betonfertigteilen errichtet, die anstatt von Zement, erstmals im Fertigteilbau mit dem Zementersatzprodukt Slagstar hergestellt wurden. Die Verwendung dieses innovativen Bindemittels führt zu einer deutlichen Verbesserung der Ökobilanz, da der bei der Zementherstellung unabdingbare Brennprozess wegfällt. Damit ergibt sich eine Einsparung von Kohlendioxid- und Stickstoffemissionen von bis zu 90 Prozent.
Auch im Bereich der thermischen Gebäudeabdichtung setzt man auf die Verwendung ökologischer Dämmstoffe. Unter den Fundamentplatten und im Bereich der Kelleraußenwände kamen Foamglasplatten und Schaumglasbruch zum Einsatz – beides Recyclingprodukte aus Altglas. Für die Dämmung des aufgehenden Mauerwerks beim Massivhaus wird ein Wärmedämmverbundsystem aus dem nachwachsenden Rohstoff Kork aufgebracht. Das Fertighaus wird aus Ressourcen schonenden Holzfaserdämmplatten versehen. Für den Innenausbau werden lösemittelarme bzw. lösemittelfreie Spachtelmassen, Farben, Beläge und Möbel bzw. Produkte, die über das Umweltzeichen verfügen, verwendet. Auch bei der Auswahl der Elektrogeräte wurde auf Energieeffizienz geachtet, so kamen nur Produkte der Energie-Effizienz-Klasse A zum Einsatz.
Mitte August werden beide Häuser bezugsfertig sein. Nach Abschluss der Bauarbeiten werden beide Gebäude vom IBO hinsichtlich der Einhaltung der Öko-Pass-Kriterien überprüft und abschließend bewertet. Die Erfahrungen und Ergebnisse, die bei der Planung, Konzeptionierung und Errichtung der Musterhäuser gewonnen werden, werden auch in die Erstellung der neuen Programmlinie klima:aktiv Haus einfließen, die im Juli veröffentlicht wird. Ziel ist laut Stephan Fickl von der Österreichischen Energieagentur eine 20 Prozentquote von klimaaktiven Gebäuden im Bereich des Neubaus.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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