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Nachhaltigkeit im Bauen:

26.05.2004

Die Kyoto-Ziele und die Bauwirtschaft sind eng miteinander verbunden. Öko-Planer Martin
Treberspurg forciert ressourcenorientiertes Bauen.

Martin Treberspurg ist seit Anfang 2004 beauftragt, auf der Universität für Bodenkultur in Wien „den Bereich für ressourcenorientiertes Bauen“ im Departement für Bautechnik und Naturgefahren aufzubauen. Der ökologisch planende und bauende Architekt will am Start seiner Universitätskarriere einerseits Österreichs Ökologie-Forschung im Planen und Bauen vorantreiben. Andererseits hat er sich auch vorgenommen, die Wiederverwertbarkeit von Baustoffen „baustellenfähig“ zu machen. Treberspurg betont die wesentliche Rolle der Bauwirtschaft auf dem Weg zur Erreichung Österreichs Kyoto-Ziele. Auch bei der vor wenigen Wochen stattgefundenen Parlamentarischen Enquete „Architekturpolitik und Baukultur in Österreich“ meldete sich Treberspurg mit seinem Anliegen zu Wort: Kyoto und die Bauwirtschaft.

Wie lauten in Bezug auf Kyoto-Ziele und Bauwirtschaft Ihre Ansätze?
Treberspurg: Es wird immer wieder unterschätzt, wie viel Energie beim Bau und beim Betrieb von Gebäuden verbraucht wird. Bei Gebäuden kann sehr viel C02 eingespart werden, mit äußerst positiven volkswirtschaftlichen Nebeneffekten. Die thermische Optimierung von Gebäuden erhöht die heimische Wertschöpfung, schafft Arbeitsplätze und sorgt für die Zeit vor, in der die fossilen Energieträger knapp werden. Die Erreichung der Kyoto-Ziele ist ganz wichtig, eine Vernachlässigung der C02-Aufgaben wäre fatal, dies würde hohe Strafzahlungen an die EU zur Konsequenz haben. Es ist keine Diskussion mehr, dass die fossilen Brennstoffe immer knapper werden, die Frage ist nur wann. Was das Bauen betrifft, sind die Gebäude die wir heute planen, auf 50 bis 80 Jahre gebaut, wenn nicht 100 bis 150 Jahre. In Holland vergleichsweise macht man Gebäude demontabel. Sobald ich betoniere, muss ich damit rechnen, dass das Gebäude länger steht. Eine Alternative sind Holzgebäude, die ich zerlegen und wieder verwerten kann.
Inwieweit sehen Sie Zusammenhänge mit dem Treibhauseffekt?
Treberspurg: Hier gibt es sehr direkte Zusammenhänge. Der Treibhauseffekt sollte in keiner Weise vernachlässigt werden, das ist ein primärer Effekt, der ebenso auch die Bauwirtschaft trifft. Zum Beispiel auf unserem Departement für Bautechnik und Naturgefahren haben wir auch viel mit der Erforschung und Beobachtung von Hochwasser- und Lawinenkatastrophen zu tun. Ausgelöst werden diese Ereignisse durch die extremen Wetterereignisse, die wiederum durch die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung passiert. Dies bestätigten auch Klimaexperten am 8. Österreichischen Klimatag vor wenigen Wochen.

Was kann die Bauwirtschaft in diesen Punkten beitragen?
Treberspurg: Mitdenken – und umweltbewusst bauen! In der Bauwirtschaft zählen nur Hardfacts – jedoch die Kyoto-Ziele gelten ebenso für die Bauwirtschaft sowie natürlich auch für den Verkehr, die Industrie und die Haushalte. Der Eisenbahnausbau ist langfristig angelegt. Karl Ganser betonte beim Weltarchitektenkongress, dass jedes Bauwerk ein Eingriff in den Naturhaushalt ist. Deshalb sage ich, es ist die Aufgabe von Planern wie auch der Bauwirtschaft, diese „Eingriffe“ so gering wie möglich zu halten und voraus zu denken. Denn mit jedem Gebäudeabbruch werden gespeicherte Energien vernichtet.

Sind Sie mit den Maßnahmen in Österreich zufrieden?
Treberspurg: Nein, unser C02-Ausstoß ist sehr hoch, war schon besser, ist aber in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Aber der Punkt ist, auch die Politik muss das Thema Kyoto ernst nehmen. Es wird von 2008 bis 2012 gemessen, das ist sehr langfristig für die Tagespolitik. Die Industrie verhält sich sehr destruktiv. Aber auch die Politik trägt ihres dazu bei. So zum Beispiel die Diskussionen zwischen Wirtschaftsminister Martin Bartenstein und Umweltminister Josef Pröll, bei denen C02-Werte mit unverhältnismäßig sehr hohen Emissionsrechten für die Industrie vereinbart wurden, damit bei uns keine Arbeitsplätze gefährdet werden.
Aber auch in Bezug auf die E-Wirtschaft, als starken C02-Verursacher, sehe ich große Zugeständnisse. Der Verkehr ist die dritte Gruppe. Das europäische Wirtschaftssystem baut darauf auf, dass Verkehrswege einerseits nichts kosten sollen und andererseits die Anspruchnahme von Natur nichts kosten soll. Ökologische Maßnahmen im Verkehr sind politisch nur sehr schwer durchsetzbar.

Welche Nebeneffekte haben ökologische Bemühungen in puncto Gebäudeerrichtung?
Treberspurg: Einen klaren positiven, volkswirtschaftlichen Effekt, weil die Wertschöpfung ist im Bereich des Baugewerbes, im Bereich des Hochbaus nahezu 100 Prozent österreichisch. Das heißt, Geld, das investiert wird, bleibt in Österreich. Fossile Brennstoffe werden eingespart, die Handelsbilanz wird entlastet. Zudem haben Gebäude, die nachhaltig und umweltschonend gebaut oder saniert werden, dass sie tatsächlich Heizenergie einsparen, eine wesentlich höhere Nutzer- und Wohnqualität – und das ist doch der wichtigste Effekt.

Welche staatlichen Instrumente sind zur Forcierung von ressourcenschonendem Planen und Bauen notwendig?
Treberspurg: An erster Stelle sicherlich die Wohnbauförderung. Die aktuelle Diskussion, diese zu kürzen, wäre für die gesamte Bauwirtschaft verheerend. Dass die Industrieseite auf die Wohnbauförderung leicht verzichten kann, ist kein Wunder. Aber für die Bauwirtschaft würde eine Kürzung oder Streichung der Wohnbauförderung nicht nur ein Stopp des Neubaus bedingen, sondern eine Vielzahl an kleinen Bauunternehmen stünden vor dem Konkurs. Daher ist die Wohnbauförderung in Koordination mit den Kyoto-Zielen zu erhalten. Bundesländer wie Salzburg, Vorarlberg, Niederösterreich oder Wien sind hier bereits vorbildhaft unterwegs – die Inanspruchnahme einer Förderung ist an strenge ökologische Kriterien gebunden. Niedrigenergiehauslevel ist hier oft schon eine Mindestanforderung. Die Wohnbauförderung kann man nur halten, indem man sie als Werkzeug verwendet, zur Durchsetzung der Kyoto-Ziele. Hier erwarte ich mir aber auch von der Bauwirtschaft noch mehr Engagement, die Verantwortung für Kyoto liegt auch bei ihnen.

Wie kann Österreichs Bauwirtschaft der Erreichung der Kyoto-Ziele rascher näher kommen?
Treberspurg: Wir müssen lernen, in Kreisläufen zu denken, das Verursacherprinzip spielt ebenso eine große Rolle. Eine gängige Theorie ist zum Beispiel, dass die Umweltkosten internalisiert werden. Produkthaftung und -rücknahme sind in der Wirtschaft immer häufiger, Produktionsweisen liegen in der Verantwortung der Unternehmen, dieses Prinzip ist in der Wirtschaft ist immer mehr vorhanden. In der Bauwirtschaft gibt’s diesen Ansatz noch nicht – obwohl diese einen Großteil des gesamten Abfalls Österreichs produziert. Den Hausmüll kann man verbrennen. Den der Bauwirtschaft meist nicht – daher müsste diese die Umweltkosten internalisieren. Dazu gibt’s einen meiner Meinung nach sehr konstruktiven Vorschlag von der UIA (Weltarchitekturvereinigung), dass jede Baugenehmigung in Zukunft eine Rückbaubescheinigung benötigt, in welcher der Nachweis geführt wird, wie das neue Bauwerk schadlos in den Energie- und Materialkreislauf zurückzuführen ist. Und für Bauträger und Bauherrn würde dann gelten, dass mit der Baugenehmigung eine bankengesicherte und konkursfeste Rücklage für den Rückbau gebildet wird, aus der die Rückbaukosten finanziert werden. Diese Maßnahmen hätten massive Auswirkungen auf die Bauweisen.

„Ressourcenorientiertes Bauen“

Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Martin Treberspurg baut den Bereich für „Ressourcenorientiertes Bauen“ an der Universität für Bodenkultur auf. Sein Aufgabenbereich umfasst die Forschung und Lehre in diesem Gebiet. Dazu zählt Entwerfen, Konstruieren und Bauen unter der gleichberechtigten Berücksichtigung von ökologischen, sozialen und ökonomischen Maximen, die dem Nachhaltigkeitsanspruch entsprechen.
Ziele und Schwerpunkte:
• Energie und Ökologie
• werkstoffübergreifendes Entwerfen
• recyclinggerechtes Konstruieren, Demontage, Wiederverwendung
• Überwachung, Bewertung und Ertüchtigung von Ingenieurkonstruktionen
• Kreislaufwirtschaft

Departement für Bautechnik und Naturgefahren an der Universität für Bodenkultur:
Institut für konstruktiven Ingenieurbau –
Bereich für ressourcenorientiertes Bauen
Internet: www.boku.ac.at und http://ikiserver.boku.ac.at

Symposium nachwachsende Rohstoffe

Anlässlich der Gründung der „Plattform nachwachsender Rohstoffe und erneuerbarer Energien in Österreich“ findet am 4. Juni, um 9 Uhr 30 auf der BOKU, 1190 Wien, Muthgasse 18, ein Symposium statt.
Neben anderen Instituten organisiert die Universität für Bodenkultur die Veranstaltung.
Ziel der Plattform ist, die österreichischen Aktivitäten in Wirtschaft, Forschung und Ausbildung zum Thema nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien zu koordinieren.
Informationen: werner.praznik@boku.ac.at

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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