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Neues Konzept – Impuls für Bauwirtschaft

06.05.2009

EU-Vorgaben fordern bis 2020 ein Umdenken in der österreichischen Energiepolitik. Jetzt soll ein neues ­Konzept her, das alternative Energiequellen, Energieeffizienz und die angeschlagene Wirtschaft fördert.

„Österreich braucht eine Energiestrategie. Es ist Zeit zu handeln“, stellten Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner und Umweltminister Niki Berlakovich dieser Tage anlässlich einer Pressekonferenz fest. Grund der Energie-Initiative: Abseits des in unerreichbare Ferne gerückten Erreichens des Kiotoziels für 2012 muss Österreich bis 2020, so die Vorgabe der Europäischen Union, stolze 34 Prozent des Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen abdecken. Derzeit steht Österreich bei 29 Prozent – ein statistisch neu errechneter Wert, dem Kritiker allerdings wenig Glauben schenken. Sie schätzen den Anteil eher auf 23 Prozent.

Impuls für die Wirtschaft

Eines steht jedenfalls fest: Der nun geplante Wandel im Energiebereich soll auch der Wirtschaft zugutekommen. Mitterlehner zum Nutzen gerade in der gegenwärtigen, wirtschaftlich angespannten Situation: „Diese Energiezukunft muss leistbar sein und eine möglichst hohe Wertschöpfung für die Bevölkerung und die Unternehmen erzielen. Investitionen in das Energiesystem schaffen wichtige Arbeitsplätze, sowohl in Klein- und Mittelunternehmen als auch in der Industrie.“ Besonderes Augenmerk gilt dem Bereich Gebäude. Die vielzitierte „Thermische Sanierung“ – für die beiden Minister mit ein Schlüssel zum Erfolg – soll öffentliche wie private Bauten einbeziehen.

Umstieg erzwingen

Die „Energiestrategie Österreich“ im Konkreten: Nicht ergebnis-, sondern prozessorientiert sollen insgesamt zwölf Arbeitsgruppen, besetzt mit Experten sowie Vertretern der Wirtschaft, Politik und Sozialpartner, einen Masterplan mit detaillierten Maßnahmen, Zeitplänen und Kosten entwickeln. Mit der Koordination wurde das Beratungsunternehmen brainbows betraut, dessen Geschäftsführerin und Ex-Grüne Monika Langthaler hier federführend agieren wird. Im Fokus steht die Umsetzung konkreter Maßnahmen und Projekte bis ins Jahr 2020.
Grundsätzlich wird das Papier drei Säulen beinhalten: Versorgungssicherheit, Energieeffizienz und erneuerbare Energie. Im heurigen Juli starten die Arbeitsgruppen, im Oktober werden die Ergebnisse zusammengeführt, bis Juni 2010 muss der Gesamtplan stehen. In weiterer Folge soll die „Energiestrategie Österreich“ in mehrere Detailgesetze fruchten. Allerdings geben die Minister zu bedenken: „Wir gehen nicht davon aus, dass am Ende 100 Prozent der Österreicher applaudieren. Durch den Umstieg auf erneuerbare Energieträger und konsequente Steigerung der Energieeffizienz können wir aber bis 2020 die EU-Vorgaben zu Energie und Klimaschutz zeitgerecht einhalten.“ Auch, so versprechen Mitterlehner und Berlakovich, soll das Papier verbindlichen Charakter erhalten, nicht in einer Schublade der Bürokratie enden. Schließlich handle man ja auch im Auftrag der Bundesregierung.

Sonnenfinsternis in Österreich

Nur einen Teil der erneuerbaren Energie, die nicht die Gesamtproblematik der Alpenrepublik lösen kann, mache die für Österreich traditionelle Wasserkraft aus, stellten die Minister zudem klar. Deren Potenzial gilt bereits zu 70 Prozent ausgeschöpft. Alternativen wie Fotovoltaik stehen längst in den Startlöchern, der Startschuss lässt aber bisher gehörig auf sich warten: Nur wenige Tage vor der Präsentation der „Energiestrategie“ kritisierte der Bundesverband Photovoltaic Austria (PVA) die verfahrene Förderpolitik und ein unzureichendes Ökostromgesetz. „In Österreich herrscht totale Sonnenfinsternis. Wir werden die ehrgeizigen Ziele nur dann erreichen, wenn wir alle erneuerbaren Energiequellen nutzen“, so der Hilfeschrei von Hans Kronberger vom PVA.

Die vorgestellte Statistik zeichnet ein trauriges Bild: Im Jahr 2008 konnte Österreich seine Fotovoltaik-Leistung um magere 2,9 MWp (Megawatt peak) auf insgesamt 30 MWp ausbauen. Zum Vergleich: Selbst Nachbar Tschechien erreichte allein im vergangenen Jahr ein PV-Wachstum von 51 MWp. Weltmarktführer hingegen ist Deutschland (+ 1.500 MWp im Jahr 2008) mit insgesamt 5,1 GWp und 48.000 Arbeitsplätzen. Trotz eines weltweiten Booms bei Fotovoltaikanlagen, so berichtet Christoph Panhuber vom heimischen Hersteller Fronius, fehlt der Heimmarkt: „Was wir für Österreich erzeugen, entspricht ganzen zwei Tagen Produktion.“ Beinahe 100 Prozent gehen in den Export.

Sonne und Wind: enormes Potenzial

Dabei wäre das Potential – zur Energiegewinnung und für die Wirtschaft – allein schon in der Fotovoltaik gewaltig. Im Rahmen einer Diplomarbeit wurden für ein österreichisches Dorf genaue Berechnungen angestellt. Kronberger präsentiert das Ergebnis: Mit den Sonnenenergieanlagen auf den Dächern könnten insgesamt 80 MW an Strom erzeugt werden, der Bedarf des Dorfes liegt bei nur vier MW. „Hätten wir ähnliche Rahmenbedingungen wie in Deutschland, wäre der Markt augenblicklich 50-mal so groß.“ Ganz ähnlich sieht das die österreichische Windenergiebranche. Eine Verbesserung der Rahmenbedingung für Ökostrom ist notwendig, dann kann Österreichs Windkraft bis 2020 jährlich fünf Milliarden Kilowattstunden zusätzlich erzeugen, heißt es vom Dachverband IG Windkraft. Anfang 2009 waren in Österreich 618 Windräder mit insgesamt 995 MW am Netz. Bei Einspeisetarifen auf europäischem Niveau könne man die Windkraft bis 2020 auf 3.500 MW verdreifachen, was einer Erzeugung von sieben Milliarden KWh oder imposanten zehn Prozent des Strombedarfs entspräche. Und: Durch den Einsatz moderner Technik sei dabei nicht einmal eine Verdoppelung der Anlagenstückzahl erforderlich.

Droht eine Energiekrise?

Der Druck der EU könnte nun zu einem Umdenken verhelfen. Aber auch die Gaskrise zu Beginn des Jahres hat deren Notwendigkeit eindrucksvoll aufgezeigt. Umweltminister Berlakovich: „Unser Ziel muss es sein, unabhängiger von Öl- und Gasimporten zu werden und mithilfe moderner Umwelttechnologien langfristig Österreichs Energieautarkie anzustreben.“ Die Uhr tickt. Denn kritische Energieexperten, darunter PVA-Präsident Kronberger, prophezeien eine baldige Verknappung der fossilen Rohstoffe: „Nach der Wirtschaftskrise folgt eine Energiekrise. Und die wird weit schlimmer, denn Energie lässt sich nicht wie Geld nachdrucken. Wir stehen am Rande einer dramatischen Energiewende.“

Helmut Melzer

aus: bauzeitung 18/09, S. 14f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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