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Normen als Qualitätsgarantie

29.05.2006

Wer kennt sich mit Normen aus? Wer braucht diese Flut an „Empfehlungen“ zur Errichtung einer Stiege, eines Dachstuhls – zum Mischen von Beton? Die Bauwirtschaft ist von dem Thema Normen massiv betroffen. Gerade am Bau ist die Normung eine wesentliche Grundlage zur Vergleichbarkeit von Leistungen, Produkten, zur Vermeidung von Bauschäden, Mängel in der Ausführung und letztlich auch zur Reduzierung von Schnittstellenproblemen. Ohne Norm kann nicht geplant, nicht gebaut werden. Kompatibilität ist das Um und Auf für eine erfolgreich abgewickelte Baustelle. Doch macht sich im Land ein gewisser Normenüberdruss breit. Spätestens bei der Präsentation des neuen Bundesvergabegesetzes 2006 schallten die ersten Warnschreie durch den Bau – die Angst, dass eine eventuelle Lockerung der Normenbindung letztlich die Qualität am Bau beeinträchtigt, wurde heftig diskutiert. Auch die Diskussionen rund um die schleppenden Harmonisierungsversuche der Bauordnungen beinhalten das Thema Normen. Dass Normen automatisch eine Qualitätsgarantie für den Bauherren sind, bestätigt Hartwig Spiluttini, Landesinnungsmeister Bau Salzburg. Spiluttini kritisiert allerdings, dass die Normenflut für kaum jemand mehr handhabbar ist: „Die österreichischen Normen sind viel zu kompliziert und zu umfangreich. Den Grund dafür sehe ich darin, dass zu viele Theoretiker an den Normen arbeiten. Und uns fehlen die Fachleute, die wir in Ausschüsse schicken könnten, unsere Kollegen haben keine Zeit dafür – damit ergibt sich eine gewisse Systemimmanenz.“

Europäische Definitionen
Dass es neun Bauordnungen gibt, ist eine (typisch österreichische) Sache. Dass es insgesamt 18.000 Normen gibt, davon ein Drittel für die heimische Bauwirtschaft, eine andere. Und letztlich ist die tatsächliche Kontrolle und Einhaltung von Normen ein weiterer Punkt. Zu den Normen gibt es darüber hinaus die für die Bauwirtschaft wesentlichen CE-Kennzeichnungen der Baustoffe, die kein Qualitätssiegel darstellen, sondern eine Erklärung, dass das Produkt mit den europäischen Richtlinien übereinstimmt. Nachfolgende Produkte müssen bereits über eine CE-Kennzeichnung verfügen: Zement, Geotextilien, Wärmedämmstoffe, ortsfeste Brandbekämpfungsanlagen, Betonzusatzmittel, Baukalk wie auch Baubeschläge und Schlösser für Türen.

Normung als Hilfe
Walter Ruck, Landesinnungsmeister Bau Wien, betont, dass Normen die Erfahrung aus der „geübten Praxis“ niederschreiben und daher rückwärtsgewandt zu verstehen sind: „Insofern ist auch die Veralterung systemimmanent. Inwieweit sie Neuentwicklungen behindern, vermag ich nicht zu sagen, fördern tun sie diese keinesfalls. Normen sind wichtig, um nicht jedes Mal das Rad neu erfinden zu müssen. Kritisch möchte ich doch anmerken, dass sie mancherorts und von manchen Personen als Ersatz für eigene technisch kreative Gedanken gesehen werden. Problematisch erachte ich daher fundamentalistische Normengläubigkeit, diese ist sicher dem Bauwesen nicht förderlich.“ Die Historie der österreichischen Normen geht bis in die 20er-Jahre zurück. Selbstverständlich besteht bezüglich Normen ein enger Zusammenhang mit der Industriealisierung, die Richtlinien für Bauprodukte bedingte. Die Zeiten, in denen der gute alte Ziegel von Hand gemacht wurde, sind vorbei. Jeder Ziegel, jede Holzlatte ist genormt, die ausführende Bauwirtschaft kann mühelos Produkte kombinieren – Anschlüsse erstellen, wenn alle Produkte genormt sind. Johannes Stern, Österreichisches Normungsinstitut, erklärt: „1920 wurde der Vorläufer des heutigen Österreichischen Normungsinstitutes gegründet. Die ersten Normen beschäftigten sich mit Schrauben und Gewinden.“

Forderungen der Wirtschaft
Zu dem häufig geäußerten Vorwurf, Normen seien zu teuer, relativiert Peter Nischer, Leiter der Abteilung Beton, Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie und auch Vorsitzender des Ausschusses Betonherstellung, -verarbeitung und Gütersicherung im Österreichischen Normungsinstitut, dass sich das Normungsinstitut ja auch selbst erhalten muss. Der auch oft gehörten Kritik, Normen seien meist veraltet, kann er nichts abgewinnen: „Wir sind in den Ausschüssen verpflichtet, laufend die Aktualität zu überprüfen, die Normen auf dem neuesten Stand der Technik zu halten.“ Dass es sehr viele Normen in Österreich gibt, bestätigt er: „Das stimmt, doch ein Großteil kommt von europäischer Ebene. Vor allem muss man bedenken, wir verfügen über immer mehr Hochleistungsbaustoffe – da muss man mehr definieren. Die Anforderungen an Beton waren früher viel einfacher, jedoch mehr Belastung erfordert mehr Qualität.“

Qualität und Sicherheit
Normen als Qualitätsgarant? „Der Garant für Qualität ist immer noch der Fachmann(-frau), Normen oder Standards sind Leitlinien, die dabei unterstützen. Ob zu viele davon da sind, ist individuell zu beantworten. Der fachlich gut ausgebildete Techniker im Bauwesen wird weniger davon brauchen als der fachlich nicht so gut ausgebildete“, meint Ruck.
Heimo Ellmer, Abteilung Bauwesen im Österreichischen Normungsinstitut, unterstreicht Normen als Qualitätsgarant: „Unbedingt, denn der Normschaffungsprozess bedingt die beste und effizienteste Lösung. Betreffend Qualität am Bau ist mit Sicherheit die Subsubsubunternehmer-Problematik der größte Risikofaktor.“

Revolution am Bau
Mit den Eurocodes – siehe dazu auch Infokästen – erhält die Bauwirtschaft das erste europäische Normenpaket. Damit sollen alle Handelshindernisse beseitigt werden, die sich aus den national unterschiedlichen Vorgaben im Baubereich bis dato ergaben. Die Harmonisierung technischer Ausschreibungen soll ebenso forciert werden. „Alle Eurocodes erhalten nationale Ergänzungen – wie wir sie zum Beispiel betreffend Schneelast sehr aktuell im vergangenen Jänner veröffentlichten“, erklärt Stern. Die Eurocodes werden nationale Normen ersetzen, aber die Önorm als solche nicht ablösen, denn jede europäische Norm muss als nationale Norm (Önorm EN) übernommen werden. Die Eurocodes gelten als Revolution für die Bauwirtschaft. „Als Revolution am Bau würde ich die Eurocodes nicht bezeichnen. Aber grundsätzlich sind Normen enorm wichtig, jedoch durch die EU wird alles noch umfangreicher und noch komplizierter“, so Spiluttini.
Stern erklärt den Ablauf, wie Normen entstehen: „Der entscheidende Punkt ist, es wird dort genormt, wo Bedarf besteht, der Ruf nach einer Norm kommt aus der Wirtschaft. Die Ausschüsse regeln die Formulierung. Wir sind die neutrale Plattform.“ An die 50 Komitees arbeiten für den Bau. Normen sind keine Bauvorschriften. „Normen sind freiwillig – das Wesentliche ist jedoch, dass Sicherheitsfragen geregelt sind, die Norm ist eine qualifizierte Empfehlung. Wenn ich sagen kann, ich hab nach Norm gebaut, gibt mir das zugleich Rechtssicherheit“, so Stern. Den Vorwurf, Normen sind veraltet, weist Stern zurück: „Mit den Eurocodes sind wir topaktuell. Die Norm ist das, was Stand der Technik ist, sie wird in regelmäßigen Abständen auf Aktualität überprüft. Für CAD und Software geben Baumeister auch Geld aus. Normen sind ihr Geld wert, denn damit erhält die Bauwirtschaft Wissen, die Grundlage für Kompetenz.“

Leistungsvergleich möglich
Normen werden als Richtlinien/Empfehlungen erstellt, um Vereinheitlichung, Überprüf- und Vergleichbarkeit der Leistung wie auch Sicherheit herbeizuführen. Eng damit verbunden ist die Gewährleistung, die ein Bauherr durch die Einhaltung der Norm erhält. Ellmer zur Flut an Normen: „Ja, wir haben sehr viele Normen. Aber Österreich ist ein glückliches Land – die Eurocodes bieten die Grundlage, dass wir unser Know-how weltweit verkaufen können.“ Normen garantieren Qualität und Sicherheit: „Mehr noch, sie schaffen Freiheit für das echt Kreative, das Nichteinhalten von Normen verschleudert Ressourcen, wenn bei jedem Projekt das Rad neu erfunden werden muss. Normen schaffen Vertrauen und bringen letztlich auch bessere Preise. Vor allem aber: Leistungen werden vergleichbar“, so Ellmer.

Baumängel feststellbar
Bauschäden und -mängel rufen immer mehr Sachverständige auf den Plan. Ideal, wenn sich der Baumeister auf eine Norm berufen kann. Für Ellmer eine klare Sache: „Normen sind ein Maßstab für Mängel, für die ordnungsgemäße Ausführung. Im Behördenumgang ebenso – Normen werden ja auch in Bescheiden zitiert. Auch in den Bauordnungen sind zahlreiche Verweise enthalten.“ Der öffentliche Auftraggeber muss sich laut Bundesvergabegesetz ebenso an Normen halten. „Und wenn man Normen kritisiert, soll man sie verbessern!“, so Ellmer. Zum Thema „Bauschäden – Toleranzen im Hochbau“ referiert Baumeister Wolfgang Ferstl am 30. Juni im Normungsinstitut im Rahmen eines Seminars zur per 1. Juni in Kraft tretenden Neufassung der Önorm DIN 18202. Dabei wird vor allem auf das neue Thema „Fluchten von Stützen“ eingegangen.
Die laut Nischer wichtigste Norm für Bauausführende ist die Önorm 4710-1. Baumeister müssen wissen, welchen Beton sie für welches Einsatzgebiet verwenden – in den Normen finden sie die Grundlage dafür. Den vielerorts geäußerten Vorwurf, in den Normen-Ausschüssen sitzen nur Beamte, die fern von jeglicher Realität agieren, verweist Nischer auf das System von Bring- und Holschuld: „Ich verstehe, wenn Bauunternehmer nicht in die Ausschüsse kommen, weil sie mit ihrer Tätigkeit am Bau mehr als ausgelastet sind. Jedoch: Faktum ist, dass zu gleichen Teilen Auftraggeber, Nutzer und Industrie in den Ausschüssen vertreten sein sollten – wenn hier die Industrie stärker vertreten ist, trifft die Ausschüsse keine Schuld. Vor allem aber vermisse ich in den vergangenen Jahren die Bauinnung, welche die Interessen der Baumeister im Ausschuss vertreten könnte bzw. sollte.“ Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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