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Ökologisch und ökonomisch

22.04.2011

Welcher Dämmstoff und wie viel – diese Frage beschäftigt Bauherren, Planer und Ausführende. Bei der Fachveranstaltung „Heute schon an morgen denken" diskutierten mehr als 120 Teilnehmer Zukunftsszenarien.

Die GPH Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum, Qualitätsgruppe Wärmedämmverbundsysteme, ZIB Zentralverband Industrieller Bauproduktehersteller und der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie luden zur Fachveranstaltung ins Palais Eschenbach. Mehr als 120 Teilnehmer aus den Bereichen Baustoffindustrie, Planung und Architektur, Immobilien- und Hausverwaltung sowie Wohnbauträger folgten der Einladung. Roland Hebbel, GPH, Peter Maydl, Bernhard Lipp (Österreichisches Institut für Baubiologie und Bauökologie), Wolfgang Feist, Energieeffizientes Bauen Universität Innsbruck und Passivhaus Institut Darmstadt und Innsbruck, Barbara Pramreiter, Saubermacher Dienstleistungs AG, Johannes Wahlmüller, Global 2000, und Carl Hennrich, Fachverband Steine-Keramik, zeigten sich beeindruckt von dem Interesse und verfolgten mit Spannung die unterschiedlichen Positionen.

Wolfgang Feist betonte vor dem Hintergrund der Katastrophe in Japan: „Gerade die vergangenen Tage zeigten, dass der Einsatz von alternativen Energien dringend notwendig ist. Die Dämmung verbessert die Qualität des Gebäudes – nicht nur energetisch, sondern auch insgesamt die gesamte Werterhaltung." Grundsätzlich befürwortet Feist alle Dämmstoffe, die es auf dem Markt gibt: „Denn alle Dämmstoffe verwenden Luft – sobald Luft festgehalten wird, entwickelt sich der Effekt der Wärmedämmung." Die Energiekosten sind in den vergangenen Jahren extrem gestiegen – parallel auch die Risken der konventionellen Energieversorgung. „Wir haben heute in Europa Mittel zur Verfügung, mit denen wir uns innerhalb der nächsten 20 Jahre von den Problemen der konventionellen Energieversorgung befreien könnten. Das wichtigste und attraktivste Mittel dabei ist jedoch die effizientere Nutzung von Energie."

Die möglichen erzielbaren Einsparungen liegen zwischen 80 und 90 Prozent des früheren Wärmeverlusts – das bedeutet bei den derzeitigen Energiepreisen um die zehn Euro pro Quadratmeter Bauteilfläche und Jahr. „Vorausgesetzt, es wird richtig gut gedämmt. Mit mindestens 20, noch besser 30 Zentimeter hochwertigem Dämmstoff, wärmebrückenfrei, luftdicht und diffusionsoffen", erklärt Feist. Die Vorteile von einem verbesserten Wärmeschutz, auf den Punkt gebracht: geringere Gesamtkostenbelastung, höhere Wertigkeit des Gebäudes, besserer Bautenschutz, optimale Behaglichkeit, größere Gestaltungsspielräume, Wertschöpfung beim regionalen Handwerk, Entlastung der Umwelt, Stärkung der europäischen Wirtschaftskraft, Reduzierung des Geldtransfers in die Krisenregionen der Welt.

 

Optimale Dämmstärke

Bernhard Lipp betonte, dass die optimale Dämmstoffstärke bereits gut ermittelt werden kann, dazu bilanziert man die Herstellung der Dämmstoffe und der Befestigungsmaterialien ab Werk sowie deren Instandhaltung und stellt sie den Umweltbelastungen der Heizsysteme über eine Nutzungsdauer von 80 Jahren gegenüber, so können ökologisch optimale Dämmstoffstärken berechnet werden. Lipp berichtete aus Erfahrung von Dämmstärken jenseits von 20 Zentimeter – in einigen Fällen deutlich über 100 Zentimeter. Dabei entscheidet das Heizungssystem. Mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizungen verlangen aus ökologischer Sicht Dämmstoffstärken von 30 bis 50 Zentimeter.

Das Fazit von Lipp zu den unterschiedlichen Bauweisen: „In allen betrachteten ökologischen Kennwerten besitzt das Passivhaus die geringsten Umweltbelastungen. Die Aufwendungen für Gebäudebetrieb überwiegen beim Mindestwärmedämmstandard und beim Niedrigenergiehausstandard deutlich die Aufwendungen für die Errichtung und Instandhaltung der Dämmschichten. Im Neubau erreichen die Aufwendungen für Errichtung und Instandhaltung erst auf Passivhausniveau die Größenordnung der Belastungen durch die Beheizung der Gebäude." Roland Hebbel, GPH, stellte klar, dass es nicht um bestimmte Dämmstoffe geht, sondern um die Bewusstseinsbildung, dass die Energie, die man nicht braucht, die beste Einsparung ist. Wir müssen mit Energie insgesamt sparsamer umgehen – das ist das Thema." Hebbels Fazit zur aktuellen Sanierungsoffensive der Bundesregierung: „Es gibt keinen Boom in der Sanierung – sicher, das Geld der Bundesregierung löst einiges aus, aber wir stehen immer noch bei einem Prozent Sanierungsrate. Unser Ziel sind jedoch vier bis fünf Prozent."

 

Styropor ist recyclierbar

„Nach Angaben des Klimabündnisses könnten energieeffiziente Gebäude in Euro­pa die Kohlendioxidemissionen um 460 Millionen Tonnen pro Jahr senken, die Energienutzung um umgerechnet 3,3 Millionen Tonnen Erdöl pro Tag reduzieren und pro Jahr 270 Milliarden Euro Energiekosten einsparen", erklärt Hebbel. Die Experten zeigten sich einig darüber, dass Styropor nicht nur hervorragend dämmt, sondern auch über ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis verfügt. Laut Hebbel können durch die thermische Sanierung eines Hauses aus den 70er-Jahren jährlich rund 1.000 bis 2.000 Euro eingespart werden: „Unter dem Blickwinkel der Verknappung fossiler Brennstoffe wird Styropor jedoch immer öfter mit teilweise ab-strusen ökologischen Argumenten angegriffen. Das reicht von Wortmeldungen wie ‚Erdöl an die Wände picken‘, ‚ein Produkt, das viel Energie benötigt‘ bis hin zur angeblich nicht gelösten Recycling-Frage. Es ist hoch an der Zeit, die Fakten auf den Tisch zu legen und der Polemik ein Ende zu setzen."

Gerade den Vorwurf, dass Berge an nichtrecyclierbarem Styropor in Österreich liegen, entkräftet Hebbel: „Das stimmt nicht. Heute schon wird Styropor sehr gut verwertet – ganz im Gegenteil, die Baustoffindustrie hätte gern mehr davon! Ziegelhersteller verwenden entsorgtes Styropor als Zuschlagsstoff für die Ziegelherstellung. Österreich importiert bereits mehr als 100.000 Kubikmeter an Styropor als Zuschlagsstoff." Styropor ist zu 100 Prozent recyclierbar. Bei der Extrusion werden die Styroporabfälle geschmolzen und granuliert. Ein ober­österreichisches Unternehmen bietet dafür benötigte Extruder an. Das daraus gewonnene Polystyrolgranulat wird zu Parkbänken, Zaunpfählen, Schuhsohlen u. dgl. weiterverarbeitet.

 

Primärenergie amortisiert sich

Zu dem Vorwurf, mit Styropor wird zu viel Erdöl verschwendet, stellt Hebbel klar: „Fakt ist, dass Styropor ein Erdölprodukt ist, das für seine Herstellung außerordentlich wenig Rohstoff benötigt. Styropor besteht zu 98 Prozent aus Luft und zu zwei Prozent aus Polystyrol, dem Zellgerüst." Hebbel erklärt anhand eines Beispiels die energetische Amortisation: Bei der thermischen Sanierung eines Hauses aus den 70er-Jahren mit Styropordämmplatten wird die gesamte Primärenergie für die Herstellung innerhalb von zwei bis vier Monaten hereingespielt. Über die Lebensdauer betrachtet, amortisiert sich der Primärenergieeinsatz bis zu 200-fach. „Mit jedem Liter Öl, aus dem Styropor hergestellt wird, können bis zu 200 Liter Öl einspart werden. Nur 0,1 Prozent des gesamten Erdölverbrauchs wird für die Herstellung von Styropor verwendet", so Hebbel. In Zementwerken wird Polystyrol als Ersatzbrennstoff und in Müllverbrennungsanlagen bei der Auslegung der Stützfeuerung genutzt.

 

Umweltproduktdeklarationen

Offizielle Hilfestellung bei der Frage nach der benötigten Herstellenergie bieten die neuen Umweltproduktdeklarationen (EPDs) für Bauprodukte, die detaillierte ökologische Daten liefern. Beim Institut Bauen und Umwelt wurden mittlerweile drei EPDs für EPS erstellt. Bei diesen wird der gesamte Produktlebenszyklus von der Herstellung bis zur Entsorgung („cradle to grave") betrachtet. Der Vergleich mit anderen EPDs zeigt ganz klar, dass Styropor einen Vergleich mit den „ökologischen Alternativen" Mineralschaum und Holzfaser nicht zu scheuen braucht. Die Tabelle zeigt die gesamte für die Herstellung benötigte Primärenergie ohne Entsorgung („cradle to gate").

 

Kaum Alternativen

Zu den alternativen Dämmmaterialien wie Schafwolle oder Holzfaser geben die Experten zu bedenken, dass es mengenmäßig davon zuw wenig gibt und aus diesem Grund der breite Einsatz unrealistisch ist. Feist wendet dazu ein: „Wesentlich ist aber doch auch die Verarbeitung und das Handling des Dämmstoffs – mit Styropor ist ein einfaches und rasches Verarbeiten gewährleistet. Das Einbringen zum Beispiel von Stroh ist unvergleichlich kompliziert."

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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