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Österreicher stark im Wasserkraftwerk-Bau

14.05.2008

Die Industrie und Bauwirtschaft entwickelt sich in dem noch jungen EU-Land rasant. Österreich ist ­stärkster Partner und Investor Bulgariens. Ein Lokalaugenschein gewährte Einblicke weit über die Rodopen hinaus.

„Reich werden wir bei diesem Projekt nicht“, erklärt Siegfried Müller, Geschäftsführer Alpine Bau wie auch Verantwortlicher für Kraftwerksbauten, beim Lokalaugenschein auf der rund 30 Kilometer langen Wasserkraftwerk-Baustelle in Bulgarien. Der Bau zieht sich durch die Rodopen, einem Gebirgszug an der Grenze zu Griechenland. Warum engagieren sich Bauunternehmen wie die Alpine für solche Projekte – wenn der Gewinn offensichtlich gering ist? „Wir waren eines der ersten österreichischen Bauunternehmen hier, wir haben bereits jetzt tolle Kontakte – für uns ist das Wasserkraftwerk ein wichtiges Referenzprojekt. Wir überzeugten mit unserem Know-how unserer Bau- und Projektleiter Bulgariens Wirtschafts- und Energieministerium“, erklärt Müller. Alpine hat somit die besten Karten für die Markteroberung erweitert bis nach Griechenland und die Türkei. Aber auch in Bulgarien selbst gibt es ein gewaltiges Auftragspotenzial in den kommenden Jahren, vor allem in puncto Infrastrukturausbau. Peter Gfrerer, Leiter der Alpine-Zentrale in Sofia, ist seit über vier Jahren vor Ort und erklärt nicht ohne Stolz Feinheiten des Projekts: „Die Finanzierung des Bauvorhabens erhielt von einem britischen Finanzmagazin den Titel ‚Deal of the year 2003‘.“

Auch der Projektmanager des Kraftwerksbaus, Christian Schild, bestätigt die Bedeutung dieses Auftrages für die Österreicher: „Die Chance, an so einem spannenden Projekt mitzuarbeiten, erhält man nicht jeden Tag, deshalb bin ich stolz, hier entscheidend mitwirken zu können.“ Der gebürtige Burgenländer fühlt sich hier wohl – hat sich eingelebt und einen Weg mit der doch sehr unterschiedlichen Mentalität der Bulgaren gefunden.

Die Besonderheiten des Projekts liegen weniger in den technischen Ausmaßen – die doppelt gekrümmte Bogenstaumauer mit rund 130 Metern Höhe ist im Wasserkraftwerksbau „normal“, aber die Dimensionen wie auch die Rahmenbedingungen in puncto Management sind die Herausforderung für die komplett österreichische Führungsmannschaft. „Für die Region hier leisten wir einen bedeutenden Beschäftigungsschub. Wir haben im Schnitt 1.200 bulgarische Arbeiter beschäftigt. Doch die meisten verfügen über kaum bis keine fachliche Bauarbeiterausbildung. Als z. B. die neuen Gräder von Volvo geliefert wurden, war die Überraschung groß, dass keiner der Arbeiter damit fahren konnte. Wir müssen in vielen Bereichen viel Zeit in Bildung und Anlernen investieren. Doch es macht Spaß, und der Erfolg der Baustelle bestätigt unseren Weg“, erklärt Schild.

Die Rahmenbedingungen sind für Österreicher tatsächlich erst begreifbar, wenn sie vor Ort stehen und das bunte Treiben auf der Baustelle beobachten. Es gibt in Bulgarien kaum Baufahrzeuge – jeder Bagger, Kran und Raupe musste extra gebracht werden.

Spontane Lösungen gefragt

Neben den logistischen Herausforderungen sorgten auch die geologischen Gegebenheiten für einen gewaltigen Mehraufwand wie auch eine zeitliche Verzögerung. Das neue Wasserkraftwerk ist das erste Projekt, das die flexiblen Instrumente des Kioto-Abkommens nützt. Jährlich werden im Schnitt 200.000 Tonnen CO2-Reduktionseinheiten generiert werden können. Die Emissionszertifikate werden an das österreichische Regierungsprogramm verkauft und übertragen.

„Für die Aushubarbeiten und die Errichtung der Staumauer wurde der Vacha-Fluss im Bereich der Baustelle umgeleitet. Die Flussumleitung besteht aus einem Umleitungstunnel mit 493 Meter Länge, mit einem Ein- und Auslaufbauwerk sowie einem stromauf- und stromabwärtigen Kofferdamm“, erklärt Gfrerer. Tatkräftige und kompetente Arbeit leisten für die Betonarbeiten unter anderen Doka wie auch Grund-, Pfahl- und Sonderbau, die auch für die Injektionsarbeiten verantwortlich zeichnen. Um mit der Betonage überhaupt beginnen zu können, mussten für deren Gründung rund 410.000 Kubikmeter Felsen gesprengt werden, für das Tosbecken rund 210.000 Kubikmeter, für die Baustelleneinrichtung wie auch die Zufahrtstraßen weitere 200.000 Kubikmeter.

„Österreich konnte sich bereits 2007 als Top-Investor in Bulgarien mit einem Gesamtbestand von 9,7 Milliarden Euro klar behaupten“, betonte Martin Bartenstein, Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, anlässlich eines Treffens mit Petar Dimitrov, Bulgariens Wirtschafts- und Energieminister. Im Mittelpunkt der Gespräche standen Interessen österreichischer Unternehmen in Bulgarien sowie geplante Gaspipeline-Projekte mit dem Ziel, die Energieversorgung Europas und damit auch Österreichs zu sichern. Der wichtige nächste Schritt für den Bau der Nabucco-Gaspipeline ist der Abschluss eines Regierungsabkommens der Partnerländer. Der Neuzufluss an österreichischen Investitionen nach Bulgarien hat 2007 vor allem den Immobilienbereich, aber auch den Handel und die Verkehrslogistik umfasst. Insgesamt verfügen 370 österreichische Unternehmen über Niederlassungen in Bulgarien, 30 davon sind Produktionsstandorte. Auch die traditionell guten Handelsbeziehungen Österreichs mit Bulgarien wurden 2007 weiter ausgebaut. Für heimische Exporteure war Bulgarien 2007 mit einer Exportsteigerung von 24,6 Prozent auf 694 neuerlich ein bedeutender Markt. Die Lieferungen umfassten vor allem Maschinen und Fahrzeuge. Gleichzeitig gingen die Importe aus Bulgarien um acht Prozent auf 256 Millionen Euro zurück.

Gisela Gary

aus: bau.zeitung 19/08, S.12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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