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Österreichisches Wohnbaumodell in Alpbach

23.08.2011

Der Fachverband Steine-Keramik macht das österreichische Wohnbaumodell in Alpbach zum europäischen Thema. Die Wohnkosten liegen in Österreich mit 17,4 Prozent des Haushaltseinkommens deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 22,9 Prozent. Bewährtes System muss beibehalten und zum europäischen Best Practice Beispiel ausgebaut werden. EU entwickelt sich zur treibenden Kraft bei Wohnungspolitik. Neufassung der EU-Gebäuderichtlinie von großer Tragweite.

Der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie macht im Rahmen der Alpbacher Reformgespräche das österreichische Wohnbaumodell zum europäischen Thema. „Wir beobachten seit langem und mit gemischten Gefühlen die zunehmende Verlagerung des nationalen Entscheidungsspielraums im Wohnbaubereich auf die europäische Ebene. Obwohl die EU de jure zwar keine Kompetenzen im Bereich Wohnen hat, übt sie de facto einen immer größer werdenden Einfluss aus. Sei es durch die Gebäuderichtlinie, die 20-20-20 Klimaschutzziele oder durch die Beurteilung der sozialen Nachhaltigkeit unterschiedlicher, nationaler Wohnbaufinanzierungsmodelle. Es zeichnet sich eindeutig eine europäische Wohnungspolitik ab“, so Manfred Asamer, Obmann des Fachverband Steine-Keramik.

 

Österreich muss sich dieser Entwicklung proaktiv stellen, da der Wirkungsbereich von Wohnungspolitik weit über deren Grenzen hinausgeht. Wohnungspolitik ist auch ein starker Hebel für die Wirtschafts-, Energie- und Umweltpolitik oder die Sozial- und Ordnungspolitik. „Internationale Untersuchungen zeigen, dass die Hebelwirkung des österreichischen wohnungspolitischen Modells zu den erfolgreichsten im europäischen Vergleich zählt. Sowohl in ökonomischer, ökologischer wie auch sozialer Hinsicht“, führt Carl Hennrich, Geschäftsführer des Fachverbandes aus. Diese Hebelwirkung muss künftig in Österreich noch intensiver thematisiert und in Europa zum Best Practice Beispiel ausgebaut werden.

 

Best Practice Beispiel made in Austria

Das österreichische wohnungspolitische Modell zielt auf eine leistbare und qualitätsvolle Wohnversorgung ab. Ein zentrales Charakteristikum sind Zugänglichkeit für breite Bevölkerungsschichten sowie Preise, die moderat unter dem Marktniveau liegen. So beeinflusst der Wettbewerb des sozialen mit dem kommerziellen Wohnbau letztlich auch dessen Preisniveau. Das macht den österreichischen gemeinnützigen Wohnungssektor in Verbindung mit dem System der Wohnbauförderung zu einem europäischen Best Practice Beispiel. Hohe Bauqualität, moderate Preise, Stabilität der Unternehmen und ein hohes Maß an Selbsterneuerungskraft zeichnen den heimischen Wohnbausektor aus.

 

Gute Performance Österreichs

Laut Statistik der seit 2004 durchgeführten EU-weiten Erhebung EU-SILC (The European Union Statistics on Income and Living Conditions) liegt Österreich bei den Wohnkosten mit durchschnittlich 17,4 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 22,9 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Wohnkostenbelastung bei über 30 Prozent, in der Schweiz bei rund 26 Prozent. Noch weiter voran ist Österreich im direkten Vergleich der Quote der Wohnkosten-Überbelastung. Darunter versteht man die Anzahl jener Haushalte, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnen aufwenden müssen. Mit einem Wert von 5,1 Prozent liegt Österreich hier noch deutlicher unter dem EU-Durchschnitt von 12,2 Prozent.

 

Österreichs Wohnbau ist besonders effizient

Der österreichische Wohnbau zeichnet sich durch besondere Effizienz aus, wie folgende Zahlen verdeutlichen. Die heimischen gesamtstaatlichen Ausgaben für Wohnen belaufen sich auf 0,9 Prozent des BIP. Dabei zeigt sich im internationalen Vergleich folgendes Bild: Obwohl der Vergleichswert für Großbritannien beispielsweise bei weit über zwei Prozent BIP liegt, beträgt die österreichische Wohnbauleistung, bezogen auf die Bevölkerungszahl, mehr als das Doppelte Großbritanniens. Mit einer konstant hohen Bauleistung von fünf Fertigstellungen pro 1.000 Einwohner ist Österreich auch hier besser aufgestellt als der EU-Durchschnitt – dieser lag 2010 bei 3,4 Fertigstellungen.

 

Zudem stellt der Wohnbau einen entscheidenden Faktor insbesondere für die österreichische Bauwirtschaft dar. Rund die Hälfte der gesamten Bauinvestitionen  die bei ca. 28 Milliarden Euro pro Jahr liegen, entfällt auf den Wohnbau. Dies unterstreicht eindrucksvoll den Konjunkturfaktor Wohnbau. Auch wirkt der Wohnbausektor für die Bauwirtschaft zusätzlich als Dämpfer für die Bauproduktion – vor allem in Zeiten konjunktureller Schwankungen.

Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie für Fachverband von großer Bedeutung

Die 2010er Novelle der EU-Gebäuderichtlinie enthält u.a. die Vorgabe, dass alle Neubauten ab 2020 und öffentliche Gebäude ab 2018 als „Nearly Zero Energy Buildings (NZEBs)“ auszuführen sind. „Null-Emission wird im Wohnbau viel schneller Realität als etwa im Verkehr. Wir steuern im Wohnbaubereich auf einen  Paradigmenwechsel zu. Die Tragweite dieses Umbruchs ist in seiner Bedeutung noch nicht gesamtgesellschaftlich erfasst. Unsere Unternehmen werden mit ihren Bauprodukten jedenfalls ihren Beitrag leisten, die Null-Emission im Wohnbau Realität werden zu lassen“, so Hennrich. Die nationale Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie erfolgt über die sogenannte OIB-Richtlinie 6. Hier setzt sich der Fachverband für eine Ausweisung der Gesamtenergieeffizienz (GEE) auf der ersten Seite des Energieausweises ein und fordert die rasche Erstellung von Anforderungen an die GEE, sowie einer Roadmap 2020, um das Ziel NZEBs zu erreichen.

 

Vorbildwirkung Österreich. Arbeitskreis zu Wohnungspolitik in Alpbach

„Die hohe und kostengünstige Wohnbauqualität in Österreich wird vor allem durch zwei Faktoren gesichert“, betont Manfred Asamer. „Durch das Modell der Wohnbauförderung und durch die Verfügbarkeit von massiven Baustoffen im Land. Durch diese zwei Faktoren wird gewährleistet, dass sich auch das untere Einkommensdrittel ein qualitätsvolles Wohnen leisten kann. Ein unschätzbarer Wert, der sozialen Konflikten im Land entgegenwirkt. Konflikte, die in anderen Ländern ausbrechen, wo kostengünstiges und qualitätsvolles Wohnen nicht möglich ist“, so Asamer. „Das österreichische Wohnbau-Modell ist führend in Europa. Ähnliche Modelle würden großen Nutzen auch für neue EU-Mitglieds- und Kandidatenländer stiften“, ist Asamer überzeugt. Der Fachverband Steine-Keramik engagiert sich daher als Initiator und Mentor bei der Verbreitung des österreichischen Modells in der EU, um die Kompetenzverlagerung nach Europa bestmöglich mitzugestalten und bei den kommenden Weichenstellungen mitzuwirken.

 

Im Rahmen der Alpbacher Reformgespräche hält der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie einen eigenen Arbeitskreis zum Thema „nachhaltige Wohnungspolitik“ ab. Hochkarätige Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft diskutieren im Rahmen eines Wohnbausymposiums über aktuelle Entwicklungen und bevorstehende Weichenstellungen auf nationaler sowie europäischer Ebene. Das österreichische Wohnbaumodell nimmt in der Diskussion eine zentrale Rolle ein.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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