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Pionier der Theorie

20.05.2011

Stefan Schleicher hat ganz konkrete Vorstellungen, wie wir in Zukunft leben, arbeiten und wohnen werden. Er ist überzeugt, dass Energieautarkie dabei in jedem Fall eine zentrale Rolle spielen wird.

Stefan Schleicher ist ein international anerkannter Experte im Bereich der Wirtschaftswissenschaften. Zentrale Schwerpunkte bilden dabei die Bereiche Energie, Technologie und Nachhaltigkeit, wenngleich er selbst betont, dass er bei dem Begriff „Nachhaltigkeit" etwas zurückhaltend ist und den Terminus „Zukunftsfähigkeit" bevorzugt. Demgemäß hat der Professor für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik der Uni Graz auch ganz konkrete Ansichten zum Thema „Nachhaltiges Bauen". Seine Zukunftsaussichten sowie die Chancen und Risiken für Österreichs Bauwirtschaft teilte er im Interview mit.

 

Bedarfsgerechter Wiederaufbau

„Ich sehe ‚Bauen‘ in einem viel größeren Zusammenhang, und zwar in dem großen Bedarf unsere gesamte Infrastruktur zu verbessern. Es gibt zahlreiche Gründe, unsere Gebäude mit einem Innovationssprung zu versehen. Diese Notwendigkeit ist gerade bei Gebäuden naheliegend. Wir hatten ein erstes Wiederaufbauprogramm nach dem zweiten Weltkrieg in Österreich, das hat ungefähr bis Ende der 70er-Jahre gedauert. Diese Gebäude sind mittlerweile abgewohnt und entsprechen nicht mehr den Standards – sowohl im Bereich des Wohnens als auch in Bezug auf die energetische Qualität –, die wir heute erwarten. Bei diesem Baubestand, der fast die Hälfte des Wohnbaubestands ausmacht, ist die Entscheidung zu treffen, ob man sie saniert oder abreißt. Deshalb spreche ich in diesem Zusammenhang von einem zweiten Wiederaufbauprogramm, das meiner Meinung nach viel bewusster gemacht werden sollte. Denn das, was wir bisher unter Renovierungsaktivitäten verstanden haben, ist weit davon entfernt, ein zweites Wiederaufbauprogramm genannt zu werden. Wir haben noch immer Sanierungsraten, die im Bereich von einem Prozent des Baubestands herumdümpeln. Es gibt genug Gründe dafür, so schnell wie möglich in Richtung drei Prozent hinzuarbeiten. Das erfordert natürlich gewaltige Aktivitäten und geht nicht von heute auf morgen. Dazu brauchen unter anderem ganz neue Kapazitäten in der Bauwirtschaft und auch ganz neue Finanzierungsmodelle.

Gerade im Bereich der Finanzierungsmodelle sehen wir im Moment, dass der öffentliche Sektor an seine Grenzen stößt. Es ist immer wieder daran zu erinnern, dass wir in Österreich im Wohnbau ein kräftiges Finanzierungsinstrument haben: die Wohnbauförderung. Allerdings wird meiner Einschätzung nach damit nicht sorgfältig genug umgegangen. Erstens, weil die Bundesländer diese Mittel zunehmend für Nichtwohnbau­zwecke verwenden, nachdem diese Möglichkeit bei den letzten Finanzausgleichsverhandlungen geöffnet wurde, und zweitens, weil immer noch zu wenig Mittel in die Sanierung gehen. Die Bereitschaft, die Wohnbauförderung in den Neubau zu investieren, ist viel höher, als damit in die Sanierung zu gehen. Zusätzlich ist anzumerken, dass nicht alle Bundesländer ambitioniert genug sind, die Wohnbauförderung mit Qualitätsstandards zu versehen. Hier gibt’s beachtliche Differenzen zwischen den einzelnen Bundesländern, und darauf sollte aufmerksam gemacht werden. Ebenso wie darauf, dass wir eine Vorstellung darüber zu entwickeln haben, wie die Wohnstandards in 20, 40 und 50 Jahren aussehen sollen. Diesbezüglich habe ich zwei ganz klare Aussagen: Erstens wird der Bedarf an Wohnfläche zweifellos steigen, und zweitens wird die Bevölkerung immer älter, und damit entsteht eine viel längere Nutzungsdauer für Wohnungen. Ein dritter Aspekt ist, dass sich das Nutzungsverhalten ändern wird. Arbeitsplatz und Zuhause werden künftig nicht mehr strikt getrennt sein."

 

Transformation der Arbeitswelt

„Die jetzige Arbeitswelt, so wie wir sie kennen, wird sich transformieren in Aktivitäten, die wir heute als ‚Tätigsein‘ bezeichnen. Es wird nicht mehr die klassischen Arbeitsverhältnisse geben, in denen man einen Arbeitsvertrag hat und sich damit verpflichtet, eine bestimmte Stundenanzahl an jedem Arbeitstag der Woche an einem bestimmten Ort zu verbringen. Aufgrund der neuen Kommunikationstechnologien wird es viel mehr Flexibilität geben, und daher werden sich diese Aktivitäten zunehmend in die Atmosphäre des Wohnens und des Zuhauses verlagern. Das heißt in weiterer Folge auch, dass wir mit dem Thema ‚Bauen‘ gar nicht sorgfältig genug umgehen können. Ein weiterer Aspekt ist, dass wir nach wie vor Probleme haben, dass unsere Wirtschaft sich mit nicht ausgelasteten Kapazitäten in fast allen Bereichen konfrontiert sieht, was in den viel zu hohen Arbeitslosenraten sichtbar wird. Gerade die Bauwirtschaft eignet sich hervorragend als erster Impulsgeber. Schätzungen zufolge lösen eine Million Euro Investitionen in der Bauwirtschaft rund 10.000 bis 15.000 Jahresarbeitsplätze aus – je nachdem wie arbeitsintensiv die jeweilige Tätigkeit ist. Wenn wir die Energiestandards bis 2020 im Baubereich erreichen wollen, sprechen wir von zusätzlichen Investitionen von vier bis sechs Milliarden Euro jährlich, damit würden wir 60.000 bis 80.000 zusätzliche Beschäftigungsverhältnisse generieren."

 

Notwendige Finanzierungsmodelle

Auf die Frage, für wie realistisch er die Erreichung der Energie- und Emissionsziele für Österreich im Rahmen der Europäischen Union hält, antwortet Schleicher gewohnt direkt: „Das hängt davon ab, ob es uns gelingt, im Bereich des Bauens die Zielvorgaben zu erreichen. Die Zielvorgabe heißt, die Sanierungsrate auf drei Prozent zu erhöhen. Davon sind wir im Moment weit entfernt. Es gibt auch zu wenige Hinweise darauf, dass ein Aufwärtstrend stattfindet. Denn die zusätzlichen 400 Millionen Euro, die der Bund für die Sanierung bereitstellt, werden von den Ländern negativ kompensiert. Das heißt, in Summe werden wir wahrscheinlich in den nächsten drei Jahren einen Rückgang der öffentlichen Förderung haben." Aufgrund der gefallenen Zweckbindung der Wohnbaufördermittel sieht Schleicher die Notwendigkeit neuer Finanzierungsmodelle gegeben. „Ich spreche hier auch die Finanzierung über die Finanzwirtschaft, über die Banken an. Wir brauchen dringend neue Mechanismen der Wohnbaufinanzierung über den Bankensektor, die hauptsächlich zwei Eigenschaften aufweisen müssen: Erstens brauchen wir eine viel längere Dauer der Kredite. 20 Jahre sind nicht genug.

Finanzierungsinstrumente mit einer Laufzeit von mehr als 30 Jahren und darüber hinaus sind anzustreben. Der zweite Punkt betrifft die Verzinsung. Kredite müssen sehr billig sein, damit gäbe es auch kaum ein Risiko für die Banken." Vor allem die Notwendigkeit eines längeren Finanzierungshorizonts hebt Schleicher hervor und erklärt: „Wenn wir anstreben, dass die neuen Baustandards zu Basisstandards werden, muss uns bewusst sein, dass wir mit höheren Baukosten konfrontiert sind. Die Qualität verteuert in diesem Fall die Investition. Wenn es uns gelingt, die Probleme der Kredite mehr an die Länge der Nutzungsdauer heranzuführen, dann sehen wir schon jetzt sehr deutlich, dass der Passivhausbau von den Nutzungskosten her nicht mehr teurer ist als der Niedrigenergiestandard. Es ist bereits jetzt unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu empfehlen, sich in Richtung Passivhausstandard zu bewegen. Eine Voraussetzung dafür ist natürlich, dass es uns gelingt, die Investition länger abzuschreiben, und dafür brauchen wir eine längere Kreditdauer. Wir haben in Österreich einen sehr hohen Bestand an Einfamilienhäusern, die thermisch sehr schlecht sind. Gerade in diesem Bereich brauchen wir neue Finanzierungsmechanismen, mit denen langfristig finanziert werden kann, um damit die Sanierungen leistbar zu machen."

 

Energieautonome Gebäude

Zur Thematik der verschiedenen Möglichkeiten energieeffizienter Gebäude äußert sich Schleicher diplomatisch: „Ich will mich nicht auf den Passivhausstandard festlegen, ich spreche von energieautonomen Gebäuden. Das ist für mich aussagekräftiger, und dahingehend gibt es viele Varianten der Umsetzung. Aber dass Gebäude das Potenzial haben, energieautonom zu werden, das sollte unbestritten sein. Die Zielvorgabe sollte lauten, dass wir energieautonome Gebäude entwickeln, und zwar in allen Varianten – vom Einfamilienhaus bis zum Mehrgeschoßbau. Vor allem Dienstleistungsgebäude sind prädestiniert dafür, weil sie einen hohen Lokalwärmeverbrauch haben. Dafür bieten sich hocheffiziente Kraftwärmetechnologien gemeinsam mit Wärmepumpen an. Dienstleistungsgebäude wie etwa Hotels eigenen sich dafür bestens, weil sie ganzjährig laufen und einen nicht zu unterschätzenden Wärmebedarf haben." Auch in diesem Fall sieht Schleicher ein hohes Potenzial für die Sanierung. „Im mehrgeschoßigen Wohnbau haben wir diesbezüglich schon sehr gute Erfahrungen gemacht, auch im städtischen Bereich. Das könnte man bestimmt noch intensivieren."

Energieeffizienz und Sanierung hängen auch immer stark mit Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft zusammen. Zum Thema Bewusstseinsbildung hat Schleicher ebenfalls eine ganzheitliche Sichtweise: „In meinem Verständnis hängt Bewusstseinsbildung mit Entscheidungen über die Verwendung von Energie insgesamt zusammen. Das naheliegendste Argument ist, dass abzusehen ist, dass Energie immer teurer werden wird. Die Illusion, dass es irgendwo eine billige Energiequelle geben könnte, ist vorbei. Wenn man ehrlich und realistisch das Budget einer typischen Familie in Österreich ansieht, wird man feststellen, dass nicht nur die direkten Energiekosten, die auf der Energierechnung ausgewiesen sind, ins Gewicht fallen, sondern auch indirekte Kosten wie etwa die Nutzung eines Autos. Ein weiterer Punkt, auf den aufmerksam zu machen ist, ist der Eintritt in die Seniorenphase, in der damit zu rechnen ist, dass das Einkommen sich reduzieren wird. Hier stößt unser Pensionssystem bereits an seine Grenzen.

Insofern ist für mich eine energieautonome Wohnsituation auch unter dem Gesichtspunkt einer Pensionssicherung zu sehen, weil damit die Kaufkraft der noch verbliebenen Pension gewaltig erhöht wird." Zentraler Aspekt für Schleicher ist in diesem Zusammenhang der Begriff der „Zukunftsfähigkeit", den er als aussagekräfter empfindet, als „Nachhaltigkeit": „Es geht darum, welcher Lebensstil, welche Produktions- und Mobilitätsstrukturen zukunftsfähig sind. In diesem Zusammenhang spielt vor allen Dingen das Wohnen eine zentrale Rolle." Bei der Frage nach einer völligen Energieautarkie in Österreich, bleibt Schleicher realistisch: „Die allgemeine Diskussion über Autonomie in der Energieversorgung ist in einer geografischen Distanziertheit zu sehen.

Im Bereich der Gebäude ist es grundsätzlich möglich, energieautonome Versorgung zu gewährleisten, aber es gibt andere Bereiche in der Wirtschaft, wo es weiterhin sinnvoll ist, einen europäischen Kontext zu suchen. Das gilt unter anderem für Elektrizität. So ist es etwa ein großer Widerspruch, ein Gebäude mit Energie zu reparieren bzw. zu sanieren, die aus Sibirien angeliefert wird. Wir haben in Österreich eine von der technischen Qualität her eine extrem gut positionierte energieintensive Industrie. Es ist momentan schwer vorstellbar, dass wir diese Industrien mit innerösterreichischer Energie komplett versorgen können. Da gilt für mich eine europäische Perspektive."

Diana Danbauer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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