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Planen und bauen mit Netz

21.12.2004

Nahezu alle Bauunternehmen verfügen heute über eine freiwillige Haftpflichtversicherung, die bei Schäden an Dritten für den verursachten finanziellen Schaden aufkommt. Eine Bauwesenversicherung, die darüber hinaus einen Versicherungsschutz gegen unvorhergesehene Sachschäden am eigenen Gewerk darstellt, besitzt aber nur mehr eine Minderheit von zirka 20 Prozent, schätzt Gerald Katzensteiner von der VAV-Versicherung. Vor allem große Bauherren und Auftraggeber versuchen das so genannte Bauherrenrisiko auf die ausführenden Bauunternehmen zu übertragen, um sich selbst schad- und klaglos zu halten. Die Übernahme von Risiken, die eigentlich zu Lasten des Bauherren fallen, ist heute gängige Praxis und vertraglich festgehalten. So verlangen heute viele Auftraggeber vom Ausführenden eine Bauwesenversicherung, die nach Bedarf auf einzelne Projekte bezogen abgeschlossen werden kann. In den letzten Jahren zeichnet sich auch im Baubereich eine Zunahmen der Schadenersatzforderungen ab. Den Grund dafür sieht Gerald Katzensteiner nicht hauptsächlich in einer Zunahme der Schadensfälle oder der Baufehler, sondern vor allem in den gestiegenen Qualitätsansprüchen der Konsumenten und im erhöhten Begehrungsverhalten allfälliger Geschädigter. Zusätzlich werden heute von den Gerichten durchwegs höhere Schadenersatzforderungen zugesprochen als noch vor wenigen Jahren. Vor diesem Hintergrund ist der regelmäßige Versicherungs-Check und die eventuelle Anpassung der Versicherungssumme Teil der Existenzsicherung für jeden Bauausführenden.

Seit wann gibt es die VAV-Versicherung in Österreich und wie kam es zur Spezialisierung auf die Baubranche?
Katzensteiner: Die VAV-Versicherung feierte heuer ihr dreißigjähriges Bestehen. Gegründet wurde sie 1973 als Tochterunternehmen der deutschen VHV Vereinigte Hannoversche Versicherung AG. 1974 nahm die VAV ihre Tätigkeit in Österreich auf. Die VHV gibt es bereits seit 1919. Entstanden ist sie aus dem Zusammenschluss mehrerer Baugenossenschaften, die einen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit gründeten und spezielle Produkte für das Bauhaupt- und Baunebengewerbe entwickelten.

Neben diversen Bau-Versicherungen bieten Sie heute auch eine Reihe anderer Produkte an. In Bezug auf das Prämienaufkommen ist die Baubranche nach wie vor Ihr Hauptgeschäftsfeld?
Katzensteiner: Rein vom Prämienaufkommen her hat der Bereich KFZ die Baubranche bei weitem überflügelt. Ende der 1980er-Jahre haben wir bei den KFZ-Versicherungen einen eigenen Beamten-Tarif eingeführt. Das hat sich so gut entwickelt, dass heute ein Großteil unserer Prämien aus dem KFZ-Bereich kommt. Darüber hinaus ist es durch den Zusammenschluss großer Bauunternehmen und durch Konkurse auch zu einer starken Fluktuation in der Versicherungslandschaft gekommen, sodass es schwer ist, ein stabiles Prämienaufkommen zu halten.

Wer ist Ihre Zielgruppe im Bau-Bereich?
Katzensteiner: Unser Angebot ist eindeutig auf die kleineren und mittleren Unternehmen – sozusagen die klassischen KMU – ausgerichtet. Die VAV ist selbst ein kleiner und flexibler Versicherer, und darin liegt auch unsere Stärke. Wir verkaufen keine standardisierten Gesamtpakete, sondern bieten unseren Versicherungsnehmern maßgeschneiderte Systemlösungen an. Unser großer Vorteil ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Vertrags- und Schadensabteilung in einer Hand sind – das erspart uns Reibungsverluste in der Kommunikation und der Bearbeitung der Schadensfälle. Damit können wir flexibel und schnell reagieren.

Wogegen sollte sich Ihrer Meinung nach ein KMU in jedem Fall versichern? Was ist das „Standardprogramm“, über das jedes Bauunternehmen verfügen sollte?
Katzensteiner: Das lässt sich ganz gut mit den KFZ-Versicherungen vergleichen: Auch im Bauwesen gibt es eine Haftpflicht- und eine Kaskoversicherung. Die Haftpflicht deckt Schäden an Dritten, jedes Bauunternehmen und auch jeder kleine Baumeister sollte in jedem Fall über eine solche Haftpflichtversicherung verfügen. Viele Bauherren versuchen heute, die Haftung für Schäden an Dritten auf den Ausführenden zu übertragen. In den meisten Bauverträgen gibt es den Passus „Die ausführende Baufirma hat den Bauherren schad- und klaglos zu halten“ oder „Die ausführende Baufirma haftet für jeden verursachten Schaden“. Kleinere Bauunternehmen wissen oft gar nicht, was sie da unterschreiben. Wir versuchen deshalb, auch massiv Aufklärungsarbeit zu leisten – der Baumeister sollte nicht jegliche Vertragshaftung übernehmen. Vor allem kleinere Baufirmen unterschreiben oft Vertragsbedingungen, über deren Ausmaß sie sich gar nicht bewusst sind – bis hin zur Übernahme des Baugrund- oder Bodenrisikos, das für den Ausführenden vorab nicht einschätzbar ist. Kommt es dann tatsächlich zu Schadensfällen, zieht das oft langwierige Prozesse nach sich. Durch die Versicherbarkeit der „genormten Vertragsbedingungen“ – wie sie bei Verträgen mit dem Bund, dem Land oder der Gemeinde verwendet werden – kann man jedoch das Bauherrenrisiko teilweise durch eine Betriebshaftpflichtversicherung abfedern, sodass in der Regel die meisten möglichen Schadensfälle abgedeckt sind.
Ein zweites Standbein ist die Bauwesenversicherung, die im Prinzip nichts anderes darstellt als eine Kaskoversicherung für den Bau. Mit der Bauwesenversicherung kann man das eigene Gewerk gegen unvorhergesehene Sachschäden versichern. Das ist im Wesentlichen die Grundausstattung, die man jeder Baufirma empfehlen sollte. Die Haftpflichtversicherung wird von den Unternehmen sehr gut angenommen. Bei der Bauwesenversicherung sieht es ein bisschen anders aus, hier wird leider sehr oft der Sparstift angesetzt, weil die Ausführenden natürlich der Meinung sind, dass die von ihnen ausgeführten Arbeiten ohnehin sach- und fachgerecht durchgeführt werden. Was oft übersehen wird, ist, dass durch die Bauwesenversicherung auch unvorhersehbare Ereignisse wie beispielsweise Hagel- oder Windschäden abgedeckt sind. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob derartige Schäden nach der ÖNorm B2110 in das Bauherrenrisiko fallen oder ob die Baufirma dafür aufkommen muss. Bei einem unabwendbaren Ereignis müsste eigentlich der Auftraggeber das Risiko tragen, aber wer streitet schon gerne mit seinem Bauherrn?

Was kostet so eine „Versicherungs-Grundausstattung“? Wie funktioniert die Prämiengestaltung – was wird als Berechnungsgrundlage herangezogen?
Katzensteiner: Grundsätzlich ist die Idee hinter der Versicherung, das zu tragende Risiko für alle Projekte auf eine jährliche Prämie zu reduzieren. Theoretisch ist auch eine Versicherung für einzelne Projekte möglich. Aufgrund der genauen Risikoeinschätzung ist jedoch eine Projektversicherung meistens teurer als ein Rahmenvertrag, der alle Projekte beinhaltet. Als Berechnungsgrundlage dient der voraussichtliche Jahresumsatz aller Bauprojekte. Abgerechnet wird dann im Folgejahr nach tatsächlichem Bauproduktionswert. Das heißt, es gibt eine jährliche Vorauszahlung und eine Nach- bzw. Rückzahlung nach Abschluss des Geschäftsjahres und Bilanzlegung.

Und als ungefährer Richtwert – wie viel Prozent oder Promille kostet ein durchschnittliches Standardprogramm?
Katzensteiner: Ein durchschnittlicher Rahmenvertrag liegt ungefähr um die zwei Promille der Jahresauftragssumme. Sollten sehr viele oder sehr hohe Schäden auftreten, muss man sich natürlich höhere Selbstbehalte oder eine Anhebung der Prämie überlegen. Im umgekehrten Fall, das heißt, wenn kaum oder gar keine Versicherungsansprüche gestellt werden müssen, gibt es sehr wohl auch die Möglichkeit einer teilweisen Rückerstattung.

Wie sieht der Versicherungsschutz bei Planungs- oder Ausführungsfehlern aus? Kann man auch Baufehler versichern?
Katzensteiner: Wenn aus einem Planungs- oder Ausführungsfehler ein tatsächlicher Sachschaden am zu errichtenden Gewerk entsteht, ist dieser durch die Bauwesenversicherung natürlich gedeckt. Liegt beispielsweise ein Fehler in der Statik vor und der Bauausführende hat diesen nicht erkennen können und eine Decke stürzt ein oder bekommt Risse, dann greift die Bauwesenversicherung. Liegt die Schuld beim Planer, wird man natürlich an dessen Haftpflichtversicherung Regressforderungen stellen.
Nicht gedeckt sind dagegen Mängel – das heißt, wenn eine Mauer schief steht, dann muss der Ausführende selbst haften.

Das heißt, Sie richten sich mit Ihrem Angebot in erster Linie an die Ausführenden oder auch an die Planer.
Katzensteiner: Sowohl als auch, wir bieten Versicherungen für die ausführenden und die planenden Baumeister, wir versichern aber auch technische Büros bis hin zu den Bauherren und Bauträgern selbst. Für letztere haben wir eine eigene Bündelversicherung – den Bauträger-Komfortschutz, wo sowohl eine Bauwesen-, eine Bauherrn- und eine Betriebshaftpflichtversicherung mit Subsidiäritätscharakter inkludiert ist, falls der Bauherr Probleme mit seinen ausführenden Firmen hat. Wir versuchen damit, den gesamten Baubereich umfassend abzudecken.
Wie sieht in etwa die prozentuelle Verteilung aus?
Katzensteiner: Das kann ich nicht auf Prozentpunkte genau sagen, aber die Mehrheit der Versicherungen sind im Bereich der ausführenden Baufirmen. Auch bei den planenden Baumeistern und technischen Büros sind wir sehr stark vertreten.

Einen letzten Punkt, den ich noch kurz ansprechen möchte, ist das Thema Diebstahl am Bau. Gibt es auch dafür eine Versicherung? Was für Vorsichtsmaßnahmen muss der Versicherungsnehmer einhalten, um im Fall eines Diebstahls auf den Versicherungsschutz zurückgreifen zu können?
Katzensteiner: Diebstahl am Bau ist ein besonders heikles Thema und eigentlich für jede Versicherung ein Verlustgeschäft. Dass auf einer Baustelle teure Spezialbohrmaschinen oder Laptops verschwinden, ist heute leider an der Tagesordnung. Das schlägt sich natürlich in höheren Prämien nieder. Die Einbruchsdiebstahlversicherung ist grundsätzlich kein erwünschtes Risiko. Bei speziellen Anfragen wird jedoch als Serviceleistung versucht, eine für den Kunden vertretbare Lösung zu finden. Generell ist jedoch nur der Einbruchsdiebstahl versichert, das heißt, der Versicherungsschutz gilt nur, wenn die Gerätschaften in geschlossenen, abgesperrten Räumen verwahrt werden.
Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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