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Porträt

19.10.2004

Der eidgenössische Zementriese Holcim verstärkt seine Präsenz in Osteuropa. Über die Bedeutung der Niederlassung Wien steht Geschäftsführer Reinhard Hartl Rede und Antwort.

Die Holcim AG wurde 1912 als kleines, bescheidenes Zementwerk in der Ortschaft Holderbank im Schweizer Kanton Aargau gegründet. Heute ist das weltweit tätige Unternehmen einer der führenden Produzenten von Zement und Transportbeton. Wie sieht die Konzernstruktur aus, was sind die Hauptgeschäftsfelder?
Hartl: Die Holcim AG ist aktuell in siebzig Ländern auf der ganzen Welt vertreten und hat zirka 50.000 Mitarbeiter. Das Haupttätigkeitsfeld ist nach wie vor die Zementproduktion. Daneben bilden aber auch die Herstellung von Transportbeton und der Abbau und die Aufbereitung von Zuschlagstoffen wichtige Unternehmensstandbeine.

Im Jahr 2001 wurde die ehemalige Holderbank AG in Holcim Ltd. umbenannt. Was war der Grund für die Namensänderung?
Hartl: Bis 2001 lief das Unternehmen unter der Bezeichnung Holderbank, benannt nach der Ortschaft nahe Zürich. 2001 wurde für den gesamten Konzern eine einheitliche Corporate Identity erarbeitet. Im Zuge dessen wurde auch unser neues Logo kreiert und der neue Firmenname Holcim ins Leben gerufen, der sich aus der ehemaligen Bezeichnung Holderbank und dem französischen „Ciment“ für Zement zusammensetzt.

Seit wann gibt es die österreichische Tochtergesellschaft?
Hartl: Die österreichische Niederlassung wurde 1993 unter dem Namen Dunaweiss gegründet. Anfangs wurde hauptsächlich Weißzement verkauft. Grundsätzlich ist das ein absolutes Spezialprodukt. In ganz Österreich gibt es bis dato aber keine Produktionsstätte für Weißzement, Holcim konnte sich mit der neuen Vertriebsfirma damals eine Marktnische sichern. Später kam mit der Firma Hirocem Österreich auch der Bereich Grauzement dazu. 1996 wurden diese beiden Firmen unter dem Namen Cemroc zu einem Unternehmen zusammengeschlossen und der Terminal in Kaltenleutgeben bezogen. Mit der Umbenennung des Konzerns erhielt auch die österreichische Tochter ihren jetzigen Namen.

Seit wann gibt es den Vier-Länder-Cluster Slowakei, Tschechien, Ungarn und Wien?
Hartl: Der Zusammenschluss dieser vier Länder in eine gemeinsame Organisationsstruktur erfolgte 2003, auch im Hinblick auf die EU-Erweiterung.
Holcim Wien ist ein relativ kleiner Standort. Gibt es in Österreich eigene Produktionsstätten?
Hartl: Produktionsstätten für Zement gibt es in Österreich nicht. Wir importieren den Zement aus Rohoznik, das knapp vierzig Kilometer nördlich von Bratislava liegt. Zwischen Wien und Bratislava gibt es heute eine direkte Bahnverbindung von Werk zu Werk. Über den Terminal in Kaltenleutgeben setzen wir jährlich rund 140.000 Tonnen Zement um. Für den Transfer kam uns die Liberalisierung der österreichischen Bundesbahn im Jahr 2000 sehr zugute. Seit damals fahren wir auf dieser Strecke mit einer Privatbahn mit unseren 259 eigenen Waggons. Davor waren wir vollständig auf die Bundesbahn angewiesen, was den Transport erheblich verteuerte. Die Kosten lagen rund dreißig Prozent über den vergleichbaren Transportkosten für inländische Produzenten. Das war für uns ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. 2001 sind wir das erste Mal mit unserer, sozusagen hauseigenen Privatbahn gefahren, allerdings nur von der österreich-slowakischen Grenze bis nach Kaltenleutgeben. Vom Werk bis zur Grenze mussten wir bislang auf die slowakische Bahn zurückgreifen. Ab Jänner/Februar 2005 werden wir aller Voraussicht nach die gesamte Strecke mit der LTE Logistik- und Transport GmbH fahren, die bis dato auch schon den Transfer für unseren Terminal abwickelte.

Ende September wurde die Sanierung des slowakischen Werks in Rohoznik abgeschlossen. Es zählt damit zu einem der modernsten Zementwerke im Mitteleuropa. Was war der Grund für die umfangreichen Investitionen in diesen Standort? Was wurde alles erneuert?
Hartl: Das Werk in Rohoznik wurde im Jahr 1992 von der jetzigen Holcim-Gruppe erworben. Strategisch gesehen ist Rohoznik ein extrem wichtiger Standort. Das Einzugsgebiet eines Zementwerkes beträgt zirka 100 bis 150 Kilometer. In diesen Radius fällt sowohl die Stadt Bratislava als auch Wien. Mit einer Fläche von knapp 120 Hektar ist Rohoznik auch eines der größten Werke im Osten. Das heißt, in Zukunft wäre hier bei Bedarf auch noch ausreichend Platz für eine Erweiterung. Darüber hinaus war die bestehende Anlage überaltert und man konnte die angestrebten Qualitätskriterien nicht mehr erreichen. Deshalb wurde jetzt ein komplett neuer Ofen errichtet, der auf dem letzten Stand der Technik ist.

Auf dem letzten Stand der Technik bedeutet im Detail?
Hartl: Das bezieht sich vor allem auf die Technologie der Zementherstellung und die Energieversorgung des Ofens. Wir haben im Rahmen von Holcim eine eigene Abteilung für alternative Brennstoffe gegründet. Im Moment wird gerade an der teilweisen Umstellung des modernen Ofens auf alternative Brennstoffe gearbeitet. Das heißt, es wird eine Zugabeeinrichtung für alternative Brennstoffe installiert. Der neue, so genannte „Hotdisc“ wird in Zukunft die Möglichkeit bieten, Abfälle und feste Brennstoffe zu verfeuern. Das ist – ebenso wie der hauptsächliche Transport mit der Bahn – auch ein wesentlicher Beitrag zum Umweltschutz.

Wie viel Prozent der in Rohoznik hergestellten Zemente werden nach Österreich exportiert?
Hartl: Nach Österreich gehen zirka 20 Prozent der Produktion. Ein kleiner Teil wird nach Tschechien exportiert, der Rest deckt den Eigenbedarf im Land.

Mit der Investition von rund sechzig Millionen Euro wurde das Werk in Rohoznik umfassend saniert. Holcim verstärkt damit deutlich seine Marktpräsenz im Osten Europas. Welche Bedeutung kommt dabei dem Standort Wien zu? Ist Wien sozusagen das Tor zum Osten?
Hartl: Ich weiß nicht, ob man Wien tatsächlich als Tor in den Osten bezeichnen kann. Rein von der Größe her sind wir im Vergleich mit den anderen Holcim-Niederlassungen ein relativ kleiner Standort. Als Drehscheibe in den Osten verfügen wir aber über eine wesentliche strategische Bedeutung. Alleine schon deshalb, weil sich in Wien einige Firmen niederlassen, die in den Osten drängen. Wien ist auch als Hauptsitz für den zukünftigen Neun-Länder-Cluster – der alle osteuropäischen Länder beinhalten wird – im Gespräch.

Wie sieht es mit dem Geschäftsbereich Transportbeton aus?
Hartl: Holcim verfügt mit den Werken in Gerasdorf, der Wiener Freudenau und Himberg über drei Transportbetonwerke im Osten von Österreich. Diese versorgen hauptsächlich den Großraum Wien. Hier hat sich der Transportbeton-Markt in den letzten Jahren stabilisiert, große Zuwachsraten sind natürlich nicht mehr zu erwarten. Das soll nicht heißen, dass die derzeitige Situation schlecht ist. Im Grossraum von Wien gibt es immer große Baustellen, so wird zum Beispiel gerade der Wienerwald-Tunnel gebaut, auch die Umfahrung Wien steht zur Realisierung an. Allerdings sind die Betonpreise leider absolut im Keller. Kleinere Transportbetonwerke können mit diesen Preisen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten. Holcim hat vor allem mit der internationalen professionellen Erfahrung in diesem Geschäftsfeld den Vorteil, dass wir sowohl Zement als auch Beton anbieten und damit viele Synergien nutzen kann. Und natürlich rechnen wir auch damit, dass sich der Markt über kurz oder lang wieder erholen wird. Wir wollen nicht zu Dumping-Preisen anbieten. Wir verkaufen lieber weniger, können unterm Strich aber wenigstens Gewinn verbuchen.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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