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Quantensprung bei Zement

15.10.2010

Mit einer weltweit einzigartigen Nachverbrennungsanlage revolutioniert der niederösterreichische Baustoffproduzent Wopfinger die Zementproduktion in Sachen Umwelttechnik und Wirtschaftlichkeit.

Geruchlose, staubfreie Abluft, nahezu ohne organische Bestandteile und Stickstoffoxide: Baustoffproduzent Wopfinger will an seinem nieder­österreichischen Standort südlich von Wien zum saubersten Zementwerk der Welt aufsteigen. Ein hehres Ziel, das dank findigem Entwicklergeist und heimischem Know-how nun erreicht scheint: Möglich macht es eine Innovation von globalem Ausmaß, eine sogenannte thermische Nachverbrennungsanlage mit integrierter Entstickung. Mit ihr lassen sich unerwünschte Inhaltsstoffe im Abgas, die bei der Zementproduktion naturgemäß entstehen, kurzerhand umweltfreundlich und energieeffizient beseitigen.

„Das Konzept ist schon aus anderen Bereichen, wie der chemischen Industrie oder der Automobilproduktion, bekannt. In Verbindung mit der Zementproduktion ist das neu und einzigartig“, erklärt Wopfingers technischer Geschäftsführer Manfred Tisch. Dementsprechend ist auch das internationale Interesse an der gemeinsamen, inzwischen patentierten Entwicklung mit dem Umwelttechnik-Unternehmen CTP geweckt. Abseits üblicher Katalysatoranlagen kündigt sich damit eine kleine Revolution an. Die Fertigstellung und Inbetriebnahme sind für Sommer 2011 ge­plant. Die Erwartungen sind hoch: Satte 9,5 Millionen Euro lässt sich der heimische Baustoffhersteller das aufsehenerregende Projekt kosten.

Faktor Ersatzbrennstoffe
Die Investition stellt aber weit mehr dar als die Schonung der Umwelt und die Vorbereitung auf eventuelle Verschärfungen von Richtlinien. Tisch: „Es ist eine langfristige Standortabsicherung. Mit dieser Technologie sind wir verfahrenstechnisch viele Jahre voraus.“ Gleichzeitig ergeben sich durch die Anlage weit mehr Möglichkeiten der Nutzung von Ersatzbrennstoffen als bisher – und daher eine neue Wirtschaftlichkeit. Die sogenannten Sekundärbrennstoffe werden bei der Zement herstellung alternativ zu Kohle, Öl und Gas eingesetzt. Der Vorteil liegt auf der Hand: Aktuell werden laut Verband der Zementindustrie VÖZ bei der Produktion in Österreich Ersatzbrennstoffe, etwa aus Kunststoffabfällen, zu rund 46 Prozent eingesetzt. Ihr Anteil, da ist sich die Industrie einig, soll aus vielerlei Gründen noch weiter erhöht werden. Doch auch qualitativ hochwertige Ersatzbrennstoffe sind begehrt und werden gar von internationalen Industrieunternehmen aus Österreich abgezogen. Durch die Funktionalität der Nachverbrennungsanlage können die Wopfinger – neben den bereits bewährten Papierfaserreststoffen – jedoch bei Bedarf auch auf andere CO2-neutrale Ersatzbrennstoffe aus der Region zurückgreifen.

Bahnbrechende Entwicklungen sind bei Wopfinger übrigens nichts Neues: Bereits in den 1950er-Jahren hat das heimische Unternehmen den Maerzofen erfunden, den ersten Mehrschachtofen zur Herstellung von Branntkalk. Schon damals wurden, wie heute mit der Neuentwicklung der thermischen Nachverbrennung, die Verbrennungsgase in den unterschiedlichen Schächten eingeleitet und so die Abwärme zur Herstellung des Branntkalk genutzt. Mit einem Wirkungsgrad von mehr als 80 Prozent überflügelte der Maerzofen damit andere Kalköfen deutlich. In den vergangenen Jahren haben die Wopfinger außerdem mehr als 50 Millionen Euro in Maßnahmen zum Umweltschutz und der Standortsicherung investiert. Die Reduktion von Staub, CO2 und Geruch standen dabei im Vordergrund.

Dynamische Produktentwicklung
„Das Erfolgsrezept der Wopfinger Baustoffindustrie ist unsere Eigentümerfamilie Schmid“, streut Tisch dem Familienclan Rosen. Und tatsächlich ist nicht nur die technische Entwicklung bei Wopfinger erstaunlich: Was vor rund 100 Jahren noch ein kleines Kalkwerk war, vereint heute Marken wie Baumit, Austrotherm und Murexin unter seiner Fahne – in über 20 Ländern der Welt. Es ist die zeitgeistige Dynamik, die durchaus mit jener von Unternehmen wie Apple zu vergleichen ist. „20 Prozent des 155 Millionen Euro Umsatzes am Standort Wopfing machen Produkte aus, die jünger sind als fünf Jahre“, erklärt Tisch. Der Faktor Familienunternehmen spiele hier bei Forschung und Entwicklung eine wesentliche Rolle.

Aber auch weitreichende Umweltanliegen sagt man dem umtriebigen Unternehmenschef Robert Schmid nach. Bereits vor Jahren erging die Order bis 2020 die CO2-Ziele nach Kyoto umzusetzen. Denn auch die Lage des Stammstandortes Wopfing macht dies notwendig. In dem engen Tal drücken zeitweise Inversionswetterlagen von der Hohen Wand kommend die Luft zu Boden. Bei unbehandelten Emissionen keine Freude für Anrainer, was schlussendlich auch zu entsprechenden Maßnahmen und der Entwicklung der Nachverbrennungsanlage geführt hat. Dementsprechend geht es auch weiter: Aktuell investiert Wopfinger weitere 5,5 Millionen Euro in ein neues Innovationszentrum am Standort Wopfing. Für Geschäftsführer Tisch ein entscheidender Teil der Unternehmensphilosophie: „Wir versuchen die Innovationsrate zu halten. Unser Slogan lautet: Was wir machen hat Zukunft. Und es macht uns stolz, dass wir als kleiner Zementproduzent in Österreich einen derartigen technologischen Quantensprung entwickelt haben.“

Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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