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Richard Lugner: Ausgetanzt?

21.11.2003

Und zwar schon bald. Nur mehr bis Mitte November wollen sich die Gläubiger – zusammengesetzt aus Mitarbeitern, Lieferanten und der öffentlichen Hand – gedulden; dann ist Zahltag. Wieviel Baumeister Richard Lugner dann flüssig machen kann, steht noch nicht fest. Rund fünf Millionen Euro müssen sofort bezahlt werden, um ein Insolvenzverfahren noch abzuwenden. „Herr Lugner ist redlich bemüht, seine offenen Zahlungen an die ungesicherten Gläubiger zu begleichen“, erklärt Mag. Christoph Vavrik, Teamleiter des KSV-Referates Wien. Wieviel Schulden das Bauunternehmen überhaupt hat, weiß noch keiner; kolportiert werden rund 30 Millionen Euro. „Ein so großes Unternehmen kann jahrelang mit neuen Einnahmen und schleppender Zahlung der Subfirmen interne Missstände verbergen. Leider zeigt die Vergangenheit, dass es irgendwann halt doch zum Konkurs oder Zwangsausgleich kommt“, umzeichnet ein Insider den Fall Lugner. Denn das Problem aller Generalunternehmer in der Baubranche sei, dass bereits ein Großprojekt über Aufstieg oder Fall entscheidet. Man erinnere sich an Projekte, die den Bach mitsamt den Bauträgern hinuntergingen. Ein Hasardspiel: Wer hoch pokert, gewinnt entweder kräftig oder verliert alles und mehr.

Und Lugner hat hoch gepokert. Nicht Projekte auf Baustellen haben den Baumeister in die Spirale von Schulden, Verzugszahlungen und Außenstände getrieben, sondern angeblich sein außerbauliches Treiben. Die Wurzel allen Übels liege in den politischen Bestrebungen seines Vaters, wird Lugners Sohn Alexander im profil zitiert. Als 1998 Lugner bei den Bundespräsidentenwahlen und mit seiner Liste „DU“ (Die Unabhängigen) bei der Nationalratswahl kandidierte, fand die Spirale dort ihren Ursprung. Die beiden Wahlkämpfe sollen insgesamt rund drei Millionen Euro gekostet haben. Geld, welches im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Fenster geworfen war. Denn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit lässt sich auch durch billigere Aktionen gewinnen, wie die Beispiele der Opernball-Visiten, Viagra-Tests oder Scientology-Auftritte zeigen. Nichts schien dem Partylöwen heilig zu sein. Daher wurde er von den Society-Schreibern liebvoll Mörtel genannt und bekam erst kürzlich eine Soap-Serie im ersten privaten Fernsehen Österreichs. Den Ruf, den sich „Richy rich“ in den vergangenen Jahren mühevoll aufgebaut hat, fällt ihm nun massiv auf den Kopf. Schadenfreude scheint ja ein weitverbreitetes menschliches Phänomen zu sein. So wundert es nicht, dass Stimmen immer lauter werden, die meinen, dass der Mörtel selber schuld an seiner Misere sei und ihm gewissermaßen recht geschehe.

Derweil, gesundheitlich massiv angeschlagen und übermüdet, kämpft Lugner wie in Löwe, um zu retten, was womöglich gar nicht mehr zu retten ist: das Einkaufszentrum. Die Lugner-City soll nun Retterin in der Not sein. Mit einer „Sale and Lease-Back“-Variante für sie soll die Liquidität des Unternehmens verbessert werden, so der Gläubigerschutzverband KSV.
„Sale and Lease-Back” bedeutet, dass ein Unternehmer sein Anlagevermögen einer Bank verkauft, um es dann in teuren Leasingraten über Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) Stück für Stück zurückkauft. „Herr Lugner verhandelt konkret mit einem Bankinstitut über diese Variante“, heißt es aus dem KSV. Um welches es sich dabei handelt, ist Spekulation. Denn Gläubigerbanken sind unter anderem Bank Austria Creditanstalt, Erste Bank, BAWAG und Bank für Tirol und Vorarlberg. In Bankenkreisen werden die Lugner-Verbindlichkeiten laut „WirtschaftsBlatt“ mit 14 Millionen Euro beziffert, etwa sieben davon bei Banken.

Richard Lugner habe den Gläubigern noch einmal glaubhaft bekräftig, dass er alles bezahlen wolle und „Tag und Nacht“ mit Investoren verhandle, sagte KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner im Interview. Über den Ausgang der Bemühungen könne keine Prognose abgegeben werden, so Kantner, die Vorschläge klängen aber seriös. Lugner wolle die Verhandlungen bis zu jenem Gerichtstermin abschließen, zu dem er wegen des vom Alpenländischen Kreditorenverband (AKV) eingebrachten Konkursantrags in den nächsten Wochen geladen wird. Das Gericht kann laut Experten aber auch eine Nachfrist setzen, wenn glaubhaft ist, dass Verhandlungen laufen. Die Zeit läuft Lugner jedoch davon, denn bis Mitte November wollen die Gläubiger Bares sehen.
Gerade jetzt, wo so viele Journalisten mit ihm reden wollen, schweigt er und gibt bis dato keine Auskünfte über seine Vermögensverhältnisse. Bekannt ist, dass sich Richard Lugner eigentlich aus dem täglichen Geschäft zurückziehen und es seinen Söhne Andres und Alexander – die beide bis vor kurzem noch im väterlichen Unternehmen als Prokuristen tätig waren – überlassen wollte.

Daher bereitete Lugner sen. alles vor, um seine Firma zu liquidieren. Bis Anfang kommenden Jahres wollte er Stück für Stück den Söhnen übergeben. Sie hatten bereits 1999 das Bauunternehmen bekommen. Ausgerechnet jene Firma, mit der Lugner groß geworden ist und auf Revitalisierung von Altbauten sowie Anfang der 80er auf Tankstellenausbau spezialisiert war. Neue Aufträge indes wurden Schritt für Schritt von den im Juni gegründeten Unternehmen seiner Söhne aus erster Ehe, Alexander (Ing. Alexander Lugner GmbH) und Andreas (Ing. Lugner Bau GmbH), übernommen. Allein der Schönheitsfehler: Lugner öffnete damit die Büchse der Pandora und löste somit eine Kettenreaktion aus. Denn dem Bauherrn ging das Geld aus. „Um wieviel es sich dabei genau handelt, können wir nicht sagen“, erklärt KSV-Experte Mag. Christoph Vavrik weiter, „da ja noch kein Verfahren anhängig ist.“ Obwohl Vorschrift, hat Lugner nie seine Bilanzen im Firmenregister hinterlegt. „Über die Haftungsverhältnisse zwischen den Gesellschaften, den zwei Privatstiftungen Lugner und Lugner Söhne und dem Baumeister selbst gibt es bislang nur Spekulationen“, so Vavrik. „Wir haben bis heute keinen klaren Überblick über das Ausmaß der Verbindlichkeiten und die werthaltigen Aktiva“, klagt KSV-Kollege Hans-Georg Kantner im profil.
Rettungsanker Privatstiftung: Allgemein bekannt ist, wer Geld verdient, muss Steuern zahlen. Wer sehr viel verdient, kann sein Vermögen steuerschonend in eine Stiftung einbringen. Diese Möglichkeit, Struktur in das Familienvermögen zu bringen, ist trotz der Verschärfung der steuerlichen Bestimmungen immer noch attraktiv und wurde von Richard Lugner Ende 1993 auch genützt, als er zwei Privatstiftungen gründete. Stiftungszweck: Die Verwaltung von Beteiligungen und Familienvorsorge.

Während vor der Steuerreform (2000) im Rahmen der so genannten Kapitalmarktoffensive empfohlen wurde, mindestens 726.728 Euro in eine Stiftung zu legen, liegt dieser Wert heute bei rund 1,5 Millionen Euro. Durch die laufende Besteuerung werden die paradiesischen Zustände ein bisschen getrübt. Der Steuerstundungseffekt wurde beschränkt. Aber die Stiftung bleibt des Österreichers liebstes Kind, wenn es um die Weitergabe des Familienvermögens an die nächste Generation geht. Beispiele für eine Privatstiftungen gibt es hierzulande zuhauf: Denn auch Karl Wlaschek und der deutsche Industrielle Flick haben einen klugen Schachzug getan. Bevor sie ihre Unternehmen verkauft haben, gründeten sie eine österreichische Privatstiftung. Seither nutzen an die 2.000 In- und Ausländer die steuerlichen Vorteile (wie Steuerbefreiung für Wertpapiere, steuerfreie Beteiligungsveräußerung), aber auch die Vielzahl von außersteuerlichen Vorteile (zum Beispiel unzersplitterte Weiterführung des „Lebenswerkes“, Änderung der gesetzlichen Pflichtteile und vieles andere). Sie alle haben mit der Privatstiftung das geeignete Instrument gefunden, ihr Vermögen und ihre Unternehmen zu erhalten.

In einem etwaigen Konkursverfahren hat der Gläubiger keinerlei Chancen, aus einer Privatstiftung Geld zu bekommen. Dem Gericht sind diesbezüglich die Hände per Gesetz gebunden. Denn streng juristisch genommen, gehört zum Beispiel die Privatstiftung gar nicht Richard Lugner. Es ist freilich kein Geheimnis, dass der Stiftungsvorstand immer im Interesse seines Mandaten handelt, sind die Vorstände zumeist Anwälte, Steuerbarater und Wirtschaftreuhänder. In Lugners Fall ist es Kommerzialrat Herbert Lugmayr, Aufsichtsratsvorsitzender der Spielautomatenvertreiber Firma Novomatic.
Die Immobilie Lugner City ist in solch einer Stiftung geparkt; und zwar in jene der Söhne. Er hält lediglich zehn Prozent an der Betriebsgesellschaft – die City und die angrenzende Liegenschaft gehört der Stiftung seiner Söhne, die er, wie erwähnt, 1993 gegründet hat. Mit der „Sale and Lease-Back“ Variante hofft Lugner, die offenen Beträge begleichen zu können. Mit dem „übrigen“ Geld plant er schon seinen nächsten Streich: Hinter der Lugner City will der Baumeister einen riesigen Kino-Komplex bauen. Ob sich das noch ausgeht, steht freilich nicht fest. Das drohende Konkursverfahren soll nur die Spitze eines Eisbergs sein. Aber darüber haben Gerichte und Institutionen zu entscheiden.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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