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Roland Berger Studie

30.04.2004

Österreichs Bauindustrie schätzt die Rahmenbedingungen für die künftige Entwicklung im
europäischen Vergleich deutlich besser ein.

Die Studien „Erfolgsfaktoren der Bauindustrie“ und „Erfolgsfaktoren der Bauzulieferindustrie und verwandter Branchen“ wurden zwischen Ende 2002 und Anfang 2004 von Roland Berger Strategy Consultants durchgeführt. Befragt wurden insgesamt 230 Führungskräfte aus der Bau- und Bauzulieferindustrie in Österreich, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Belgien, Schweden, Italien, Spanien und Portugal. 45 der befragten Unternehmen waren aus Österreich. In erster Linie erhoben wurden Rahmenbedingungen, Erfolgsfaktoren und Handlungsbedarf der Vergangenheit und Zukunft. „Diese Sparten weisen ein interessantes Reaktionsmuster auf. Manchmal verhalten sie sich konjunkturzyklisch, manchmal antizyklisch und manchmal sind sie sogar Konjunkturmotor“, begründet Dr. Roland Falb, Partner des Wiener Büros von Roland Berger, sein Engagement in diesem Bereich.
Während die Baubranche in Österreich, Schweden und Frankreich die Talsohle bereits durchschritten hat und vor einem neuen Aufschwung steht, befinden sich die Märkte in Spanien, Großbritannien und Italien auf ihrem Zenit. Portugal und die Benelux-Staaten haben den Gipfel bereits überschritten, und Deutschland steckt in einem anhaltenden Abwärtstrend. Dies ist vor allem auf unterschiedliche Rahmenbedingungen zurückzuführen. „Österreichs Bauunternehmen hoffen vor allem auf zunehmende Investitionsbereitschaft im öffentlichen Bereich. Dem Investitionsverhalten privater Auftraggeber kommt im europäischen Vergleich eher geringe Bedeutung zu", erklärt Falb. Im Vergleich positiv bewertet werden in Österreich die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. „Generell lässt sich eine zunehmende Annäherung der österreichischen Rahmenbedingungen an die übrigen EU-Staaten erkennen", erläutert DI Bernd Wippel, Projektmanager bei Roland Berger Strategy Consultants und Studienautor. „Die meisten Baumanager in Österreich wissen heute, dass Instrumente der Vergangenheit keinen dauerhaften Markterfolg sichern können", so Wippel. „Im europäischen Vergleich erfüllen sie nach eigener Einschätzung die zukünftigen Erfolgsfaktoren schon recht gut."

Erfolgsfaktoren der Zukunft
Obwohl Kostensenkung im Bauhauptgewerbe noch immer als wichtigster Erfolgsfaktor gesehen wird, orten Unternehmen hier nur geringen Handlungsbedarf. „Wir sehen hier die Gefahr, dass sich viele Betriebe nach erreichten Einsparungen auf ihren Lorbeeren ausruhen", so Wippel.
Für Österreich werden – entsprechend der Marktsituation – Erfolgsfaktoren der Zukunft anders bewertet als im restlichen Europa. Deutlich wichtiger als ihre europäischen Kollegen schätzen österreichische Unternehmen die erfolgsabhängige Vergütung für Führungskräfte als Erfolgsfaktor ein. Kooperationen mit Mitbewerbern, etwa in Form von Angebotsgemeinschaften, werden in Zukunft im Gegensatz zu Spezialisierungen deutlich wichtiger als in anderen EU-Staaten.
Nach zahlreichen Übernahmen wird organisches Unternehmenswachstum hoch eingeschätzt, Übernahmen werden in Zukunft deutlich seltener vorkommen. Für Österreich ist durch den EU-Beitritt seiner Nachbarn vor allem die Expansion in neue Märkte von besonderer Bedeutung. Weder die österreichischen noch die restlichen EU-Länder nannten Faktoren wie Motivation oder Qualifikation der Mitarbeiter als Erfolgsfaktoren.
Defizite bestehen noch bei schlanken Organisationsstrukturen, der Etablierung von Betreibermodellen als Geschäftsfeld, der Einführung neuer Vertragsmodelle – beispielsweise garantierter Maximalpreis – und bei Innovationen. Diese Erfolgsfaktoren haben der Bauindustrie im europäischen Ausland bereits nachhaltig zu Erfolg verholfen. Dazu zählen außerdem effektives Risikomanagement, Zusammenarbeitsmechanismen (z. B. Zulieferer, Subunternehmer), kundenorientierte Zusammenarbeit (z.B. mit Auftraggebern, Partnering, Bauteam), moderne Unternehmensführung (z. B. Vergütungsmodelle). Europäische Bauunternehmen halten Kundenbindung mit für den wichtigsten Erfolgsfaktor. Dagegen stufen sie – im Gegensatz zu ihren österreichischen Kollegen – die Kooperation mit Wettbewerbern als weniger wichtig ein.

Konsequenzen aus steigendem Marktdruck
Der Studie zufolge wächst der Handlungsdruck in Ländern mit niedriger Marktkonsolidierung. Wo wenige große Unternehmen einen hohen Anteil des Marktvolumens ausschöpfen – in Schweden, Frankreich und Spanien liegt der Anteil der 10 größten Unternehmen bei rund 50 Prozent –, schätzt das Management den Handlungsbedarf geringer ein. In Deutschland, Portugal und Italien dagegen liegt die Marktkonsolidierung bei nur rund 10 Prozent, mit entsprechend stärkerem Handlungsbedarf.
Konsolidierung reduziert den Wettbewerbsdruck auf den Märkten. Die österreichische Baubranche weist einen mittleren Konsolidierungsgrad – vergleichbar mit den Benelux-Staaten und Großbritannien – auf. Die zehn größten Unternehmen am Markt kommen auf einen Marktanteil von rund 20 Prozent.
„Besonders vor dem Hintergrund der bevorstehenden EU-Erweiterung darf die österreichische Bauwirtschaft ihre strategischen Ziele nicht aus den Augen lassen", so Wippel. „Langfristig haben Unternehmen nur dann eine Perspektive, wenn sie Innovationen fördern, effektives Risikomanagement betreiben und sich für Kooperationen öffnen."
Mit dem erwarteten Aufschwung im Baugewerbe hoffen auch die Zulieferer auf kräftige Wachstumsraten. Aufholbedarf gibt es noch bei Dienstleistungen und der Angebotspalette. Vor allem Bauzulieferer der Segmente Roh- und Halbfertigprodukte müssten verstärkt auf Diversifizierung setzen. Besonderen Bedarf sehen die Unternehmensberater bei der Kooperationsbereitschaft innerhalb der Bauzulieferindustrie. „Die Unternehmen müssen die Bedeutung strategischer Allianzen erkennen und auch einmal über den Tellerrand blicken. Denn nur dadurch kann der Unternehmenserfolg nachhaltig abgesichert werden“, erläutert Falb. Österreichs Bauzulieferer sehen die Zukunft in den zentral- und osteuropäischen Staaten. „Anders als in der Bauindustrie, die schon Schritte in Osteuropa gesetzt hat, ist die eher mittelständische Zulieferindustrie hier noch nicht so etabliert. Durch die bevorstehende EU-Osterweiterung ist hier eine gewisse Osteuropa-Phantasie deutlich spürbar“, so Wippel.

Neue Produkte und Märkte sichern Umsätze
Gegenüber den europäischen Mitbewerbern wird in Österreich die Bedeutung von Diversifizierungsinitiativen deutlich höher eingeschätzt, Spezialisierung gilt als weniger wichtig. Diese Bewertung resultiert vor allem aus der schwachen Preis-Mengen-Entwicklung auf dem Inlandsmarkt. Durch Maßnahmen wie zusätzliche Dienstleistungen hofft die Branche, die Umsätze abzusichern. „Die Rohmaterialhersteller und die Hersteller von Halbfertigprodukten entwickeln sich vom reinen Produktlieferanten zum Problemlöser“, erläutert Wippel. In den letzten Jahren haben Innovationen, Preisgestaltung und Risikomanagement in der Branche an Bedeutung gewonnen.

Risikomanagement in Österreich besonders wichtig
Bei den Fertigproduktherstellern unterscheidet sich Österreich deutlich von Mitbewerbern aus dem Ausland. Vor allem der Markteinbruch in Deutschland führt zu zukünftiger Fokussierung auf Risikomanagement. Aus riskanten Märkten will man sich eher zurückziehen und andere forcieren. Heimische Führungskräfte wollen auch in den kommenden Jahren das Marketing weiter ausbauen, während in anderen Staaten Kostensenkungsmaßnahmen oberste Priorität haben. Die Interpretation der Berater: „In Österreich wurde der Rotstift schon früher angesetzt.“ Unbedeutender hingegen werden Preispositionierung und Vertriebskanalstrategien bewertet.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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