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Der mittlerweile eröffnete Bahnhof "Porta del Sud" nahe Neapel: Das Gebäude nach einem Entwurf von Zaha Hadid wurde mit Peri-Schalungen errichtet.

Schalung für alle Fälle

19.09.2017

Der Kreativität von Architekten und Ingenieuren möglichst rasch gerecht zu werden gewinnt für Schalungsbauer an Bedeutung. Dafür werden auch Forschungsaktivitäten deutlich ausgeweitet.

Die moderne Architektur stellt hohe Anforderungen an die Baukunst. Das betrifft nicht zuletzt die Schalungshersteller, die Alternativen zur Errichtung klassisch-vertikaler Betonwände bringen müssen. Die Sonderschalung bleibt mitunter ein Einmalprodukt; umso bedeutender sei die Entwicklung des Geschäftszweigs, wie die Unternehmer bestätigen: „Für uns ist das das Hauptgeschäft“, sagt Herbert Heigl, Geschäftsführer von Heigl-Bau. „Wir fertigen individuelle Sonderschalungen aus Holz für nahezu alle Formen als Stand-alone-Lösung oder als Ergänzung zu Standardschalungen.“ Die größte Herausforderung seien Sonderformen für den Tunnelbau sowie für den architektonischen Hochbau mit künstlerischem Anspruch – und dabei wiederum besonders „elliptische Formen“. Heigl gibt den Bahnhof Tullnerfeld oder auch das Einkaufszentrum The Mall in Wien Mitte als Referenz an und lacht: „Das haben wir recht gut hingekommen.“ Kunststoffe würden „nur zum Belegen der betonberührenden Fläche verwendet, wenn die Sichtbetonanforderungen dies verlangen“. Ansonsten setzen er und sein Team bei der Herstellung der Sonderschalungen einzig auf den natürlichen Rohstoff Holz.

Auch für Dominik Thaler, Verkaufsleiter bei RSB Formwork Technology, ist es das „Tagesgeschäft“, bestehende Schalungskomponenten an wechselnde Anforderungen anzupassen und „durch neue Teile zu ergänzen“. Eine Riesenprojekt war der Wasserturm Arar in Saudi-Arabien. Bei einer Höhe von knapp 87 Metern und einem Fassungsvermögen von 2.000 Kubikmetern waren Zylinderschalungen für sich ändernde Turmdurchmesser zwischen 10,6 und 24 Metern nötig. Wobei die Sache dadurch erschwert wurde, „dass der Innenkern des Wasserturms nicht komplett rund ist“. „In vielen Fällen können wir selbst für ungewöhnliche Einsätze wirtschaftliche Lösungen aus Standardschalungen entwickeln“, sagt Hünnebeck-Austria-Chef Gerald Schönthaler. Bei ausgefallenen Geometrien seien „Sonderschalungen aus Holz oder Stahl“ jedoch unumgänglich. Etwa „für die Betonnage der ‚Pilzköpfe‘ beim Bau der neuen Raststation Hörbranz“. Die Antwort auf die Frage nach dem technisch und wirtschaftlich sinnvollsten Schalkonzept sei stets im Einzelfall zu finden „und muss mit dem ausführenden Unternehmen abgeklärt werden“. Wobei über allen gestalterischen Wünschen die Sicherheit oberste Priorität genieße.

Bei Peri gibt es Sonderschalungen für Sichtbeton, vor allem aber auch für 3D-Flächen sowie den Brücken- und Tunnelbau. Das Baukastensystem „Variokit“ mit standardisierten Bauteilen gewähre bereits eine hohe Flexibilität für verschiedene Anwendungen; ein darüber hinausgehender Bedarf werde mit Sonderbauteilen gedeckt, die in Kombination mit den Peri-Systemschalungen und -Gerüsten maßgeschneiderte, wirtschaftliche Lösungen ermöglichen, betont Geschäftsführer Christian Sorko. Hersteller Paschal sieht sich „bei der Umsetzung individueller Schalungslösungen“ als „Vorreiter“, so Geschäftsführerin Barbara Vetter. Die Standardsysteme seien „beliebig an die Bedürfnisse des Kunden“ anzupassen, etwa „durch das Hinzufügen zusätzlicher Spannstellen oder die Herstellung ergänzender Sonderelemente in verschiedener Größe“. „Ringer reagiert seit Jahrzehnten prompt auf Sonderwünsche bei Schalungsgrößen“, sagt Markus Ringer, Vertriebsleiter des Familienunternehmens. Dabei stoße man freilich auch mal an physikalisch-technische Grenzen, die aus Gründen der Sicherheit „selbstverständlich“ berücksichtigt werden müssen. „Der Trend zu speziellen räumlichen Abmessungen und erhöhte Anforderungen an das Betonbild stellen uns immer wieder vor Herausforderungen, die wir dank unserer flexiblen Planungsabteilung und gemeinsam mit den Kunden immer zu deren Zufriedenheit lösen konnten.“

Ausgefallene Geometrien

Das Berliner Reichstagsgebäude war für die Firma Jordahl H-Bau sehr fordernd. Dort war eine Säulenschalung für runde Rohre in der Gesamtlänge von 23 Metern nötig – wobei nicht nur Planung und Erzeugung der passenden Schalung, sondern auch die Logistik auf der Baustelle und der Betoniervorgang zur besonderen Herausforderung wurden. „Jedes Bauvorhaben ist einzigartig und stellt spezielle Anforderungen an die Schalungstechnik“, bestätigt dann auch Doka-Geschäftsführer Walter Schneeweiss. Der wachsende Anteil moderner Architektur steigere den Bedarf nach komplexen Sonderschalungen zur „Realisierung ausgefallener Geometrien“. Doka-Lösungen bezeichnet er als „Maßanzüge für genau diese Baustellen, wobei Mensch und Maschine hier perfekt zusammenarbeiten“: Die Techniker erstellen ein computergestütztes 3D-Modell der Bauwerksteile beziehungsweise Schalungskörper, das als Basis für die weitere Planung, den 3D-Druck eines Modells sowie die anschließende Fertigung der Sonderschalung dient.

Der in Liechtenstein angesiedelte Hersteller Alkus setzt von jeher auf Vollkunststoffplatten, die als in die Rahmensysteme vieler anderer Schalungbauer passend vermarktet werden. Das Produkt komme ab Werk mit siebenjähriger Garantie, und dies ganz ohne die „holztypischen Eigenschaften“ wie etwa Quellen, Schwinden oder Abfärbung, erklärt Geschäftsführer Martin Feuerstein. Die Alkus-Platte sei für eine Bearbeitung wie Blech – mittels Walzen – geeignet und tauge gerade deswegen „hervorragend auch für Sonderschalungen“. Dies in der Vergangenheit etwa beim Bau der Wiener Wirtschaftsuniversität oder auch beim Headquarter des „Swiss Life“-Gebäudes in Zürich. Da die Kunststoffplatte bei Beschädigung „die Möglichkeit der stoffgleichen Reparatur“ biete, seien „1.000 und mehr Einsätze mit ein und derselben Platte möglich“. In Sachen Langlebigkeit und Nachhaltigkeit hält Hersteller Alkus sein Produkt so naturgemäß für „fast unschlagbar“.

Davon ließ sich auch Schalungsbauer Meva überzeugen – das Unternehmen setzt bei seinen Sonderteilen unter anderem Alkus-Schalungsplatten ein. Wobei die Gestaltungsmöglichkeiten laut Meva nahezu grenzenlos scheinen: Filigran, schwebend, geschwungen, gebogen, gewölbt, geneigt, fliegend, fließend oder gedreht kämen die Bauwerke und Bauteile auf Kundenwunsch daher. Geschäftsführer Erwin Platzer erläutert, dass Meva für die Produktentwicklung mit verschiedenen Forschungsinstituten und Universitäten kooperiert. Erforscht werden dabei alle Aspekte der Schalungssysteme, vom Rahmen über die Beschichtung, Ankersysteme und Stabilität bis zur Haltbarkeit. In einem Unternehmen, das sich als der Qualitätsanbieter schlechthin verstehe, „ist Forschung und Entwicklung ein ständig laufender Prozess“, sagt Platzer. Er gibt zu bedenken, dass die steigenden Anforderungen auf Kundenseite samt den laufenden technischen Neuerungen vor allem für seine Mitarbeiter eine Herausforderung sind: „Wir benötigen immer besser qualifizierte Fachkräfte, die mit vollem Einsatz nicht nur innerhalb der üblichen Bürozeiten für den Kunden da sind.“

In den 1990er-Jahren habe Ringer „die österreichweit erste Kunststoffverbundschalhaut auf den Markt gebracht“, seit dem Vorjahr setzt man aber wie Meva auf die Kooperation mit Alkus. Die Kombination der Vollkunststoffplatte mit feuerverzinktem Stahlrahmen sei „extrem strapazierfähig und langlebig“, wobei Markus Ringer für Komplettlösungen aus Kunststoff derzeit noch die Problematik der jahreszeitlichen Temperaturunterschiede sieht: Die machten je nach Einsatzgebiet zu schaffen; aber auch in puncto Zug- und Druckfestigkeit könnten Kunststoffe nicht alle Qualitätsanforderungen erfüllen. Umso bedeutender sei die aktuelle Vergrößerung des eigenen Entwicklunsteams. Ringer: „Unsere Philosophie ist, die Experten ins Haus zu holen und damit auch das Know-how intern zu entwickeln.“ Für Paschal ist der regelmäßige Austausch Grundlage der Produktentwicklung, es werden eigene Seminare und Arbeitskreise organisiert: „Kunden und Schalungsexperten kommen zusammen und tauschen sich über Entwicklungen und Markttrends aus“, so Barbara Vetter. Die Kooperation mit Hochschulen werde wichtiger, und auch Studierende sind als Praktikanten und für Abschlussarbeiten sowie zum wechselseitigen Austausch willkommen. Geradezu das „Herzstück“ des Unternehmens stellen Forschung und Entwicklung bei Hünnebeck dar: „Wir arbeiten konsequent an der Neu- und Weiterentwicklung der Hünnebeck-Systeme und haben auf der Baumaschinenmesse Bauma in den vergangenen Jahren richtungsweisende Innovationen präsentiert.“ So nennt Geschäftsführer Schönthaler „den weltweit ersten Stahlrahmendeckenschaltisch Topmax“ (2010), „die einseitig bedienbare Wandschalung Platinum 100“ (2013) sowie „die Unterstützungssysteme ST 60 und Gass, die hohe Tragfähigkeit und Arbeitssicherheit verbinden“ (2016). Auch Hünnebeck setzt auf Zusammenarbeit mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen (z. B. Fraunhofer-Institut), „um den Einsatz neuer Werkstoffe und Verfahren zu erproben“. Herbert Heigl nennt ein laufendes Forschungsprojekt mit der Uni Wien, in dessen Rahmen „die Entwicklung drahtloser, passiver Dehnungs-, Feuchtigkeits- und Temperatursensoren für den Betonbau bzw. das Structural Health Monitoring“ vorangetrieben wird.

Digitale Prozessoptimierung

Eng mit den Forschungsagenden verbunden ist das für die gesamte Baubranche wichtige Thema der Digitalisierung. Ihr ausweichen zu wollen sei unmöglich, Peri treibe sie entsprechend „aktiv voran“. Mit dem „Digital Transformation Office“ wurde sogar eine eigene Abteilung gegründet, um die Bedürfnisse der unterschiedlichen Unternehmensbereiche auszuloten. Wobei Peri sich nicht nur auf E-Commerce oder BIM beziehe, sondern auch das Potenzial von Virtual Reality sowie Augmented Reality im Auge habe, um Prozesse zu optimieren. Die Bauwirtschaft stehe bei vielen Technologien noch am Anfang, aber für Sorko ist klar, dass sich das Arbeiten mit und auf der Baustelle damit „signifikant verändern wird“. Heigl-Bau widmet sich verstärkt dem „Structural Health Monitoring“. Er sei überzeugt davon, dass die Einbringung von Sensoren für das zukünftige Monitoring von Gebäuden bzw. Tragwerken in enger Verknüpfung mit den Dienstleistungen der Schalungsbauer bzw. -lieferanten stehen wird, so Herbert Heigl.

„Forschung, Entwicklung und Innovation spielen in der Strategie der Doka-Group eine zentrale Rolle“, so Geschäftsführer Schneeweiss, der als Ziel definiert, in jeder Hinsicht zukunftsweisend zu sein. Umweltbewusstsein und Nachhaltigkeit stehen dabei mit im Fokus, die Vernetzung und Kooperation mit universitären und privaten Forschungseinrichtungen sowie technologieführenden Lieferanten ermögliche dem Unternehmen den Zugang zu Spezialwissen und Schlüsseltechnologien. Was die Digitalisierung betrifft, nutzt Doka das Internet verstärkt als Vertriebskanal – unlängst wurde ein Onlineshop für Schalungen gelauncht. Für Kunden biete er Vorteile „wie die Erreichbarkeit an sieben Tagen zu 24 Stunden, weiterführende Informationen zu Produkten und Anwendungen“ sowie die ständige Verfügbarkeit auch am Smartphone. Bei all der positiven Entwicklung und der spürbaren Zukunftsgewandtheit der Branche hegen die Unternehmer dennoch in mancherlei Hinsicht den Wunsch nach Veränderung bzw. Flexibilität. Angesichts der nahenden Nationalratswahlen steht ganz oben auf der Wunschliste an die Politik eine finanzielle Entlastung der Unternehmer, sprich die deutliche Senkung der Lohnnebenkosten, um die „Wettbewerbsfähigkeit zu steigern“, wie RSB-Verkaufsleiter Thaler sagt. Meva-Boss Platzer fordert weitere „Maßnahmen gegen Lohndumping auf den Baustellen, um Chancengleichheit und entsprechende Qualitätsarbeit sicherzustellen“.

Bei Alkus, dessen Geschäft zu weiten Teilen in Österreich läuft und dessen Geschäftsführer Feuerstein aus Vorarlberg stammt, ist man sich sicher, dass der Staat einfach mehr sparen müsse, um die Abgabenlast mindern zu können: „Österreich hat kein Einnahmen-, sondern ein Ausgabenproblem.“ Neben der Lohnnebenkostensenkung wünscht Markus Ringer der heimischen Wirtschaft Möglichkeiten zur Arbeitszeitflexibilisierung, um „in temporären Spitzenzeiten“ Aufträge verlässlich abarbeiten zu können. „Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert und wichtig, dass die Politik weiter daran arbeitet, die Steuerbelastung der Betriebe zu reduzieren“, schlägt Gerald Schönthaler von Hünnebeck in dieselbe Kerbe wie die Kollegen. Dies gelte insbesondere bei Investitionen und wäre der wichtigste Hebel, „um die Kaufkraft zu stärken und den Wirtschaftsmotor in Schwung zu halten“. 

Autor/in:
Bernhard Madlener
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