Direkt zum Inhalt

Schalung mit Grips

07.10.2011

Kosten, Nutzen und Zeitoptimierung sind die Entscheidungskriterien für die perfekte Schalung. Wie sich die optimale Lösung finden lässt, und mit welchen Mitteln Hersteller um die Kunden werben.

Von Priska Koiner

Das billigste Schalungssystem ist nicht immer das beste. Diesen Satz würden viele unterschreiben. Doch in der Praxis läuft es so ab: Ein Auftrag steht an. Die Kosten werden durchgerechnet, reduziert und optimiert, um dieses Projekt sicher ins Auftragsbuch eintragen zu können. Entscheidungen müssen dabei oft unter Zeitdruck gefällt werden. Erfahrung und Know-how fließen ein. Die Wahl des Schalungssystems ist vom Auftrag ja nur ein Teil. „Es zahlt sich aus, die Verfahrens- und Systemwahl zu vergleichen", sagt Christian Hofstadler. Der Professor für Baubetrieb an der Technischen Universität Graz hat sich auf Schalungsoptimierung spezialisiert und weiß: „Das Schalungsmaterial und -gerät macht lediglich rund sieben Prozent der Gesamtkosten der Stahlbetonarbeiten aus. Der Lohnanteil liegt dagegen bei weit über 30 Prozent und wird nicht unwesentlich von der Art der Schalung beeinflusst", erklärt der Professor. Ein Blick auf die Lohnkosten zeigt, wie das gemeint ist.

Österreich gehört wie Deutschland oder die Schweiz zu den Hochpreisländern in puncto Arbeitskosten, die tendenziell sogar noch weiter steigen. 40 Euro pro Stunde sind mittlerweile Standard. Wohingegen in der Türkei die Arbeitsstunde nur zwei bis drei Euro kostet, in Saudi-Arabien sogar nur ein bis zwei Euro. Wenn Lohnnebenkosten keine Rolle spielen, kann zum simplen „Brett" – dem einzigen Universalschalungssystem, wie sich Experten einig sind – gegriffen werden. Ansonsten ist eine Systemwahl, so wie sie die Anbieter mittlerweile alle in ihrem Portfolio haben, der bessere Weg. Eine Orientierung allein an den Kosten für das Schalungsmaterial und -gerät könnte nämlich zum Kostentreiber werden.

„Ein vermeintlich billiges Schalungssystem kann durch hohe Lohnkosten zu einem teuren werden, während vermeintlich teures Gerät durch einfache Bedienung sich letztendlich als günstiger erweisen kann", weiß der Grazer Professor. Vor vier Jahren hat er ein Buch über systematischen Verfahrens- und Systemvergleich verfasst, im nächsten Jahr beginnt er mit der Überarbeitung und der Einarbeitung der mittlerweile neu entwickelten Schalungssysteme der Anbieter. Für die Unternehmen würde er gern all die Informationen in ein Online-System einarbeiten, das wie ein neuronales Netz funktioniert und mit jeder Anwendung dazulernt. Doch das ist bisher nur ein Plan im Kopf des Professors, dessen Umsetzung Zukunftsmusik ist.

Ganzheitlich

Da Lohnkosten nur eines von vielen Kriterien sind, empfiehlt Professor Hochstadler einen „ganzheitlichen Entscheidungsprozess". Dabei fließen Kriterien wie Sicherheitstechnik, ästhetische Ansprüche, Umweltkriterien und Klima ebenfalls ein. Im Bereich der Sicherheitstechnik hat jedes Land etwas andere Anforderungen. In Skandinavien, Großbritannien und Frankreich sind die Anforderungen sehr hoch und werden exekutiert. In diesen Ländern ist Sicherheitstechnik offensichtlich ein Kostenfaktor. Ästhetische Ansprüche etwa an Sichtbetonqualität, die der Architekt wünscht, benötigen gegebenenfalls teure und aufwändige Schalungslösungen, die sich auf der Kostenseite niederschlagen, aber ohne diese Lösungen nicht erreichbar wären. Und das Klima – um ein letztes Beispiel anzusehen – entscheidet die Materialwahl mit, da etwa in Saudi-Arabien bei 50 Grad Außentemperatur die billige Furniersperrholzplatte nach wenigen Einsätzen kaputtgeht.

Abgesehen von diesen Kriterien geht es um den Blick auf den Bauablauf. Hofstadler berücksichtigt in seinen Analysen neben optimaler Arbeitsvorbereitung mit ausgefeilter Baustellenlogistik auch spezifische Daten. Bei Kletterschalungen etwa lohnt sich ein Vergleich herstellerspezifischer, technischer Parameter sowie das Mitkalkulieren von Verfügbarkeit, Kosten für Miete oder Kauf und ebenso Nachnutzung. Denn Schalung beeinflusst die Baustellenlogistik, das Zusammenspiel der Gewerke und die Ablaufoptimierung.

 

Vergleichbar mit Autowahl

Wo liegen denn nun aber tatsächlich die Unterschiede in den Schalungssystemen der Anbieter? „Das ist unmöglich zu beantworten", winkt Roland Travnicek, Sachverständiger für Betontechnolgoie und Betonverfahrenstechnik, ab. „Schalungssysteme unterscheiden sich untereinander etwa so wie die Autos der Mittelklasse." Ist die Aufgabenstellung das Betonieren einer Säule mit 120 Zentimeter Durchmesser, geht es um die günstigste Schalung und zugleich um das am schnellsten umsetzbare System. Dabei spielt es gegebenenfalls auch eine Rolle, welche Leistung der Kran vor Ort vollbringt. Wie beim Auto kommt es eben darauf an, was man damit vorhat und wofür es eingesetzt werden soll. „Man kann im Vorhinein nie sagen, welche Lösung letztlich besser ist, daher sollte für jede Bauaufgabe der Entscheidungsprozess von vorn beginnen", rät Christian Hofstadler. Kleinere Firmen begleitete der Professor vom Studium des Bauvertrags bis zur Entscheidung. Dieses – kostenlose – Service wird „leider noch zu wenig in Anspruch genommen", so der Professor. „Firmen glauben, damit Zeit zu verlieren, dabei muss man den Bauvertrag ja sowieso studieren und danach entscheiden."

 

Komplettleistung Schalung

Was sagen die Hersteller selbst zu den Unterschieden am Markt? „Von der Qualität unterscheiden wir großen Anbieter uns längst nicht mehr. Alle bieten Top-Qualität und sind Komplettanbieter", sagt Joachim Strachwitz, Marketingleiter von Ringer in Regau. Ringer bietet etwa dem Auftraggeber beim Betonieren einer extrem hohen Schalwand einen gratis Druckmesser oder übernimmt auch gegebenenfalls die gesamte Planung. Kurz gesagt: Die Auszeichnungsmöglichkeiten liegen in Soft Facts oder in der Dienstleistung und im Zusatznutzen. Man kauft heute nicht mehr nur ein Schalungsmaterial, sondern man erhält ein umfassendes Dienstleistungspaket, das wesentlich zum wirtschaftlichen und schnellen Baufortschritt beiträgt.

Schalungen leasen oder verkaufen, sanieren und reparieren, das bietet heutzutage Meva und Doka, Ringer und Harsco selbstverständlich an. Beim Amstettner Unternehmen Doka erhält man eine Detailplanung des Schalungseinsatzes, Just-in-time-Lieferungen für geringe Vorhaltemengen und die Belgeitung des Bauvorhabens durch einen versierten Richtmeister in der Startphase bis hin zum Geräteservice. Mit maßgeschneiderten Lösungen will auch Harsco punkten. Hauseigene Projektentwickler finden Lösungen, berücksichtigen gesetzliche Regelungen und bleiben – wenn gewünscht – während der Projektzeit in ständigem Austausch (mit wem?), um im Verlauf flexibel reagieren zu können. Wenn sich die Angebote im Wortlaut unterscheiden, ist eines offensichtlich: Schalung ist für alle großen Hersteller längst wesentlich mehr als ein bloßes Produzieren von Material. Schulungen in den eigenen Systemen und die Kundenkontaktpflege gehören selbstverständlich dazu. Einen neuen Trend beobachtet Strachwitz im Aufkommen selbstständiger Dienstleister, die ausschließlich das Reparieren von Schalungen anbieten. Doch das ist derzeit nur ein kleiner Nebenschauplatz.

 

Zerlöcherte Stammkundenschaft

In Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass der Kunde alles aus einer Hand erhält. Joachim Strachwitz beobachtet erste Zeichen einer gewissen Marktkonzentration: „Kleine Anbieter sterben immer mehr aus, und mittlere werden von den großen gefressen." Da wäre es logisch, dass die Kunden ihren Anbietern treu bleiben. Aber so ist es nicht. „Ein neues Angebot ist ein neues Match um den Kunden. Die Zeiten, wo Kundentreue zählte, sind vorbei. Das System mit den Stammkunden wird immer mehr zerlöchert, weil jeder Baumeister und jede Baufirma derart unter Zugzwang steht, so günstig wie möglich zu produzieren", sagt Ringer-Mann Strachwitz. Um in diesem schwierigen Umfeld Vorteile zu generieren, setzen die Hersteller auf Innovationen. Jeder betreibt eine Entwicklungsabteilung, aus der größere oder kleinere Verbesserungen hervorgehen, um Schalungen noch effizienter einsetzen zu können.

 

Spitzenleistungen Tag für Tag

So wie jedes Bauwerk genau betrachtet ein Unikat ist, ist jede Schalungslösung exakt auf die Aufgabenstellung angepasst. Die Herstellerfirmen blicken dabei sehr tief in Abläufe und bieten speziell zugeschnittene Lösungen an. Nur vier Projekte seien hier beispielhaft herausgenommen. Schalungshersteller Paschal beispielsweise legte eine Spitzenleistung im Streben nach Höhe beim Ausbau der Rollsdorfer Kläranlage hin. Auf der Rundspitze eines bestehenden Faulturms musste in 13 Metern Höhe eine Erweiterung angebaut werden. Für den hinausstehenden Schlammtisch standen zwei Lösungen zur Auswahl: entweder mit einem Traggerüst oder aber eine kleine, fest montierte Arbeitsfläche auf dem Turm, die über ein Treppengerüst erreichbar ist. Gewählt wurde von Bauleiter Thomas Polzer und Polier Maik Jenkel von beton & rohrbau die Lösung mit der Arbeitsfläche als effiziente, kostengünstige und schnelle Lösung.

Eine Geschwindigkeitsleistung legte Doka in Spanien hin. Zwischen Madrid und Valencia wurde ein mehr als ein Kilometer langes Viadukt in drei Monaten Arbeitszeit abgeschlossen. Bei den 26 Betonierabschnitten mit Maximalhöhen bis zu 13 Metern wurde eine Zeitersparnis von 20 Prozent erreicht, sagt Tecozam-Bauleiter Luis Gardia Barrio.

Der Weißenhorner Schalungsexperte Peri fand eine perfekt getaktete Lösung für das Großprojekt Kraftwerk Spremberg. Die Herausforderungen bestanden in einem hohen Bewehrungsgrad, schweren Gewichten und großen Höhen. Die technische Lösung war ein kombinierter Einsatz von Kletterschalung, Zugangstechnik, Bewehrungs- und Traggerüst bis zum Schwerlastturm. Doch es ging mehr als um technische Durchführbarkeit: Die Besonderheit war hier die Anpassung der unterschiedlichen Klettertakte an die schwierige Geometrie. Und zuletzt noch ein Beispiel aus dem Tunnelbau. Bei der Sanierung des Nitteler Tunnels nahe der deutsch-französischen Grenze bauten die Schalungsexperten von NOE Schaltechnik den hauseigenen Schalwagen noetec für den bergmännischen Ausbau um. Das technische Herzstück war dabei der Portalkran, der sich durch einen einfachen Umbau auch als Deckenschalwagen einsetzen ließ.

 

Die Neigung bei der Ausführung

Angesichts all der Tag für Tag gelingenden Höchstleistungen in der Schalungstechnik und der technisch optimierten Lösungen ist eine Sache in der Praxis nicht unwesentlich. Denn neben den techischen Details und der optimalen Planung spielt auch die Mannschaft einen entscheidenden Faktor. Der eine Polier bevorzugt das Schalungsstystem von Hersteller A. Da macht sein Team klick-klack, und fertig ist die Sache. Der andere Polier schwört auf Prodzent B, bei dem der Schnellverschluss klack-klick macht. Je nach Präferenz und Gewohnheit geht es im entsprechenden Team dann auch tatsächlich schneller. Wer das System wechselt, muss zumindest mit einer Umstellungszeit für die Mannschaft rechnen, die dazu Zeit benötigt. Um diese Hürde rasch zu überwinden, bieten die Hersteller Einschulungen an.

Doch zurück zur Kosten-Nutzen-Falle. Letztendlich wird die Entscheidung am Papier angesichts der Zahlen gefällt. „In der Praxis hängt es davon ab, wer die Entscheidung trifft. Ein reiner Baukaufmann wird tendenziell eher die reinen Gerätekosten betrachten, während ein Entscheider, der den gesamten Bauablauf mitdenkt, tendenziell die bessere Entscheidung trifft", gibt Professor Hofstadler zu bedenken. Denn – wie eingangs gesagt – das Billigste ist nicht immer das Klügste.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Sanierungsoffensive - Betriebe und Private holten sich bisher 46 Millionen Euro.
Aktuelles
27.10.2020

Für thermische Sanierungen stellt der Bund im Rahmen der Initiative für die Jahre 2021 und 2022 Fördermittel in der Höhe von 750 Millionen Euro zur Verfügung. 46,6 Millionen Euro wurden bereits ...

Berthold Kren ist seit Juli CEO von Lafarge und war bislang bei Lafarge Holcim für den Bereich Geocycle Asien verantwortlich.
Aktuelles
28.10.2020

Lafarge-CEO Berthold Kren zieht Bilanz über seine ersten hundert Tage im Amt: Arbeiten zwischen Corona, Facharbeitermangel und der Vision, den CO2-Fußabdruck der Zementwerke auf null zu senken. ...

Arbeitsgruppen  entwickelten im Rahmen  des Kongresses der  IG Lebens­zyklus Bau ­Strategien für den  Umgang mit Green-Deal- Herausforderungen.
Aktuelles
27.10.2020

Welche Rolle spielt die Bau- und Immobilienwirtschaft im Green Deal? Und könnte sie sogar davon profitieren? Die IG Lebenszyklus Bau suchte Antworten.

Modulbau: Die ­Baustelleninfrastruktur am Abschnitt H51 Pfons–Brenner des ­Bauvorhabens Brenner-Basis­tunnel spielt alle Stücke.
Aktuelles
27.10.2020

Modulbauspezialist Recon installierte die Baustellen­-Infrastruktur am Abschnitt H51 Pfons–Brenner.

Recht
21.10.2020

Eine aktuelle Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) bestätigt den Weg des österreichischen Gesetzgebers.

Werbung