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Schatten über der Wirtschaft

20.11.2009

Mit der Krise steigt der Pfusch: Der österreichischen Bauwirtschaft und dem Handwerk entgehen bereits 7,8 ­Milliarden Euro im Jahr, schätzen Experten. Jetzt sind weitreichende Maßnahmen zur Eindämmung gefordert.

Ich bin davon überzeugt: Die Wirtschaftskrise forciert die Schattenwirtschaft“, nimmt sich Ökonom Friedrich Schneider von der Universität Linz beim Thema Pfusch kein Blatt vor den Mund. Und er legt erschütternde Zahlen auf den Tisch: Insgesamt, so kalkulierte der Wirtschaftsexperte nach eigener Berechnungsmethode, werden die Arbeitsleistungen ohne Rechnungslegung im heurigen Jahr eine Wertschöpfung von 20,5 Milliarden Euro ausmachen. Und damit erstmals seit 2004 wieder angestiegen sein. Den größten Teil davon, 7,8 Milliarden Euro oder 38 Prozent, werden im Baugewerbe und dem Handwerk lukriert – vorbei am Fiskus. Leidtragende sind in erster Linie – neben dem Staat – die heimischen Unternehmen. Ein Faktum, das auch Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel sauer aufstößt. Er warnt: „Der Pfusch ist kein Kavaliersdelikt. Wer er­wischt wird, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.“
Doch welches Ausmaß die Schattenwirtschaft tatsächlich angenommen hat, ist umstritten. Der Grund dafür liegt an unterschiedlichen Berechnungsmethoden. Und führt gelegentlich auch zu Disputen unter den Experten. So beruht eine weitere aktuelle Studie der KMU-Forschung Austria im Auftrag der Sparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer Wien auf den Daten der Statistik Austria. Das Resultat: Österreichweit sei die Schattenwirtschaft „nur“ auf rund 9,3 Milliarden Euro angewachsen. 1,7 Milliarden Euro davon entfallen allein auf Wien, rund ein Viertel auf das Bau- und Baunebengewerbe. Ernst Gitterberger von KMU-Forschung zur Erklärung: „Es gibt zwei unterschiedliche Basisberechnungsmodelle. Wir haben die Schattenwirtschaft enger definiert.“

Noch immer Kavaliersdelikt
Einen weiteren Faktor bei der Misere deckt eine Studie des market-Instituts auf: 41 Prozent der Österreicher sehen den Pfusch nach wie vor als Kavaliersdelikt an. Zwar bedeutet das einen starken Rückgang gegenüber 63 Prozent im Jahr 2006, aber trotzdem bleibt die Schwarzarbeit im Unrechtsbewusstsein an erster Stelle, noch vor Geschwindigkeitsüberschreitung auf der Autobahn (29 Prozent). Und überhaupt: Etwa jeder neunte Österreicher hat im letzten Jahr einen Pfuscher beschäftigt – und auf jede Gewährleistung und Haftung für Schäden verzichtet. „Hinter organisierten Pfuscherpartien stehen oft illegale Firmengeflechte, die ungeschulte und unbefugte Arbeitskräfte einsetzen. Dadurch wird der Pfusch auch als Ausdruck für minderwertige Leistung zum zusätzlichen Risiko“, betont Baubranchen-Chef Frömmel.

Maßnahmen gefordert
Abseits der Höhe des angerichteten Schadens wird der Ruf nach erfolgversprechenden Maßnahmen immer lauter. „Die Pfuscher, die nicht angemeldet tätig sind und weder Steuern noch Sozialabgaben abführen, schädigen nicht nur die öffentliche Hand, sondern vor allem die Unternehmer, die bei den Billigangeboten nicht mithalten können und Aufträge verlieren“, protestiert auch Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien. Gottfried Parade, Wiener Obmann der Sparte Gewerbe und Handwerk, über den sogenannten Arbeiterstrich: „Allein auf der Triester Straße bieten sich täglich rund 100 illegale Tagelöhner an.“ Was hier konkret fehlt, seien regelmäßige Kontrollen durch die Behörden. Mit der Schattenwirtschaft geht auch gehöriges Potenzial für den Arbeitsmarkt flöten: Würde das Unmögliche geschehen und die schattenwirtschaftlichen Leistungen im kompletten Umfang in die offizielle Wirtschaft wandern, entstünden 35.800 Arbeitsplätze. Das entspräche der Hälfte der derzeit in Wien arbeitslos gemeldeten Personen.
Hohe Erwartungen werden in einen geforderten Handwerkerbonus gesetzt. Analog zum deutschen Modell sollen Handwerkerrechungen für Renovierungs-, Erhaltungs- und Modernisierungsarbeiten im Haushalt als Absatzbetrag von der Steuerlast abgezogen werden können. Bis zu einem Höchstbetrag von 6.000 Euro sollen 20 Prozent der Arbeitskosten, also maximal 1.200 Euro, absetzbar sein. Davon, so kalkulierte Ökonom Schneider, würden rund 300.000 Haushalte Gebrauch machen. WKÖ-Präsident Christoph Leitl: „Ein Handwerkerbonus wäre sowohl ein Beitrag zur Förderung der Beschäftigung als auch zur Bekämpfung der Schwarzarbeit. Und er wäre für den Finanzminister kostenneutral, wenn nicht sogar ein gutes Geschäft.“ Im Detail: Zwar würde das dem Fiskus zunächst rund 300 Millionen Euro kosten, aber das Volumen der Schattenwirtschaft könnte um bis zu 1,7 Milliarden Euro reduzieren werden und bei einer Abgabenbelastungsquote von 40 Prozent 400 bis 500 Millionen Euro in die Staatskasse zurückspülen.
Eine weitere Idee zur Eindämmung der Schwarzarbeit wäre die Anhebung der Umsatzsteuergrenze für Kleinbetriebe von derzeit 30.000 auf 50.000 Euro. Liegt der Jahresumsatz darunter, muss keine Umsatzsteuer verrechnet werden.
Wie stehen die Chancen, dass diese Forderungen auch von politischer Seite Anklang finden? Dazu WKW-Obmann Parade: „Die Frage lautet vielmehr: Wie lange kann es sich der Staat noch leisten, dass Geld verschwindet.“

Forderungen gegen die Schattenwirtschaft
• Finanzielle Anreize wie Handwerkerbonus
• Verstärkung der Kontrollen
• Bewusstseinsbildung
• Senkung der Lohnnebenkosten

(Red.: Helmut Melzer)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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