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Scheibe raus, Karte rein

19.11.2010

Digitale Tachografen ermöglichen auch Bauunternehmen eine Überwachung der Lkw-Lenker, aber auch die Überprüfung, ob Transportbetriebe die Lenk- und Ruhezeiten befolgen. Des einen Leid, des anderen Freud.

Wer braucht sie? Wer kann darauf verzichten? Was kostet eine Nachrüstung? Welche Systeme gibt es, und worin unterscheiden sie sich? Digitale Tachografen werfen noch immer viele Fragen auf. Es ist schon mehr als vier Jahre her, dass mit Einführung der EU-Verordnung VO (EG) Nr. 561/2006 die vertraute runde Tachoscheibe im Fahrerhaus von Neufahrzeugen endgültig ausgedient hat. Schätzungen zufolge wurden seit der Ersteinführung rund 1,5 Millionen Digital-Tachos eingebaut, die von drei Millionen Fahrern und 900.000 Transportunternehmen in der EU genutzt werden. Dennoch herrscht noch immer Unsicherheit in Bezug auf Vorschriften, Geltungsbereiche, Ausnahmeregelungen oder die Anwendung. Eigentlich ist es ganz einfach …

Digitale Tachografen müssen seit dem 1. Mai 2006 bei allen Fahrzeugen für den gewerblichen Güterverkehr mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 3,5 Tonnen (einschließlich Anhänger) sowie Bussen mit mehr als neun Sitzplätzen (inklusive Fahrer) werkseitig eingebaut werden. Dazu gehören alle Kipper, Betonmischer oder Baustoffzüge, aber auch die bei Bauhandwerkern so beliebten Kleintransporter, Pritschen- und Kastenwagen. Die Ausnahmen sind es, die das Ganze kompliziert machen. Sie sind in der VO (EWG) Nr. 3821/85 geregelt und besagen, dass beispielsweise Linienbusse mit einer Linienlänge unter 50 Kilometer, Feuerwehr- oder Müllentsorgungsfahrzeuge oder selbstfahrende Arbeitsmaschinen davon befreit sind. Gleiches gilt für Fahrzeuge zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen: Sie müssen im Umkreis von 50 Kilometer vom Standort des Fahrzeuges (das ist der Betrieb, auf den das Fahrzeug angemeldet ist) zur Beförderung von Material und Ausrüstung verwendet werden, die der Fahrer zur Ausübung seines Berufes benötigt. Dieser für alle Bau- und Handwerksbetriebe relevante 50-Kilometer-Ausnahmeregelung gilt allerdings nur, wenn für den Fahrer das Führen des Fahrzeugs nicht die Haupttätigkeit darstellt.

Weiterer Pferdefuß: Wird ein Fahrzeug nicht mit dem digitalen Tachografen ausgerüstet, darf es immer nur innerhalb dieses Aktionsradius für gewerbliche Fahrten genutzt werden. Wird es ohne Digital-Tacho in einer größeren Entfernung kontrolliert – seien es auch nur zehn Kilometer – stellt dies eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit mehreren 100 Euro Bußgeld geahndet wird. Für eine Nachrüstung inklusive Einbau muss man bis zu 1.600 Euro berappen, die Kosten für das Auslesegerät und die Software nicht eingerechnet. Außerdem ist der Wiederverkaufswert bei Fahrzeugen ohne Digital-Tacho geringer, da der Aktionsradius beschränkt ist. Nicht zuletzt deswegen wird beim Neukauf empfohlen, trotz möglicher Ausnahmen einen digitalen Tachografen einbauen zu lassen. Ältere, vor dem 1. Mai 2006 zugelassene Fahrzeuge müssen nicht nachgerüstet werden, es sei denn, der vorhandene Fahrtenschreiber muss ausgetauscht werden. Bei Fahrzeugen ab 7,5 Tonnen zulässigen Gesamtgewichts sind Digital-Tachos sowieso Pflicht.

Digitale Erfassung
Zentrales Bauteil bei der digitalen Erfassung von Fahrzeug- und Fahrerdaten ist der digitale Fahrtenschreiber. Er speichert Herstellerdaten von Tachograf und Sensor, die Fahrzeug-ID- und Registrierungsnummer, Fehlfunktionen, die Identität des Fahrers bei eingesteckter Fahrerkarte, fahrzeugbezogene Aktivitäten (Arbeits-, Lenk- und Ruhezeiten), Geschwindigkeit, Kilometerstand (Wegstrecke), Aktivierungs- und Werkstattdaten sowie Kontroll­aktivitäten. Dadurch soll er Manipulationen verhindern, die Verkehrssicherheit erhöhen und Kontrollen erleichtern. Zum kompletten System zählen eine Bedien­einheit in der Größe eines Autoradios mit zwei Chipkartenlesern für Fahrer und Beifahrer, einem Display und einem integ­rierten Drucker, einem Geschwindigkeitssensor, der per Kabel an den Digital-Tacho angeschlossen ist und mindestens einer Chipkarte. Die Chipkarte gibt es als Fahrer-, Unternehmens-, Werkstatt- und Kontrollkarte.

Damit sind vier unterschiedliche Betriebsarten möglich: Die Fahrerkarte aktiviert den Fahrbetrieb, enthält die Identitätsdaten des Fahrers und speichert Lenk- und Ruhezeiten. Sie speichert ferner die Gültigkeitsdauer (fünf Jahre) und das Datum der Ausstellung, Fahrzeugdaten, Ereignisse, Fehler und Kontrollen. Die Unternehmenskarte ermöglicht das Anzeigen, Ausdrucken und Herunterladen der gespeicherten Daten und zeichnet Download-Tätigkeiten auf. Die Werkstattkarte dient der Prüfung, Reparatur, Kalibrierung und dem Herunterladen der Tachografendaten. Die Kontrollkarte weist Kontrollbehörden aus und ermöglicht das Lesen, Ausdrucken und/oder Herunterladen der im Gerät oder auf Fahrerkarten gespeicherten Daten. Sowohl die Daten der Fahrerkarte als auch des Tachografen müssen vom Fahrzeugbetreiber in gesetzlich geregelten Intervallen heruntergeladen werden, um eine lückenlose Dokumentation von Lenk- und Ruhezeiten zu gewährleisten. Der Unternehmer muss spätestens alle 28/92 Tage die Daten von der Fahrerkarte / aus dem Massenspeicher des digitalen Tachografen kopieren und ein Jahr im Betrieb sicher aufbewahren, sprich mindestens zwei Sicherheitskopien erstellen. Das alles setzt weitere Hard- und Software (Download-Key, PC mit Auswerteprogramm, Archivierungsmedium) oder die Unterstützung externer Dienstleister voraus. Tachografen der aktuellen Generation ermöglichen einen Datendownload per Mobilfunk über die DLD-Schnittstelle. Diese Funktion ist vor allem für Fahrzeuge interessant, die im Fernverkehr unterwegs und nicht oder nur selten am Unternehmensstandort sind.

Moderne Tachografentechnik ist nicht billig, und die Kosten sind deutlich höher als beim analogen Fahrtenschreiber. Der digitale Tachograf schlägt mit rund 1.000 Euro zu Buche, hinzu kommen Kosten für Chipkarten (Unternehmenskarte und mehrere Fahrerkarten à 30 bis 40 Euro), Download-Key mit PC-Adapter (ab 250 Euro) und Auswertesoftware (ca. 300 Euro), einem optionalen Kartenlesegerät (50 bis 1.000 Euro) oder Funk-Downloadmodul (ca. 500 Euro). Hinzu kommen laufende Kosten für Papierrollen (3 bis 4 Euro/Rolle).

Genauigkeit gefordert
Mit dem Einstecken der Fahrerkarte beginnt der Arbeitstag des Fahrers. Dabei liest der digitale Tachograf automatisch die Informationen von der Fahrerkarte. Der Fahrer meldet sich an und gibt das Land am Beginn und am Ende der Fahrt ein. Fährt er nicht gleich los, muss er gegebenenfalls seine aktuellen Aktivitäten (z. B. Fahrzeug beladen, Arbeitsunterbrechungen, Ruhezeiten etc.) manuell einstellen. Bei Fahrtbeginn schaltet das Gerät automatisch auf „Lenkzeit” und für den Beifahrer auf „Bereitschaft” um. Alle Arbeitszeiten lassen sich entweder am Tacho-Display, auf einem Ausdruck oder durch Herunterladen der Daten von der Fahrerkarte einsehen. Alle Informationen (Fahreraktivitäten, Fahrzeugdaten, Kilometerstand etc.) werden automatisch aufgezeichnet. Dazu gehören insbesondere die gefahrenen Geschwindigkeiten. Sie werden über einen Zeitraum von 24 Lenkzeitstunden sekundengenau aufgezeichnet und können bei Kontrollen jederzeit ausgelesen werden. Das Gerät warnt rechtzeitig optisch und akustisch vor einer Überschreitung der maximal zulässigen Lenkzeit. Am Ende des Arbeitstages stellt der Fahrer seine Aktivität auf Pause/Ruhezeit um und lässt die Fahrerkarte vom Gerät auswerfen, um diese mitzunehmen. Zuvor werden seine Aktivitäten auf die Karte kopiert und gegebenenfalls ein Tagesausdruck angefertigt, der ähnlich wie die Tachoscheibe, chronologisch alle Fahrer- und Fahrzeugdaten auflistet (Datum, Uhrzeit und Art des Ausdrucks, Beginn, Ende und Dauer von Lenk-, Arbeits-, Bereitschafts- und Ruhezeiten, Gesamt- und Tageskilometer etc.). Die Ausdrucke sollten vor allem lichtgeschützt aufbewahrt werden, da Thermopapier-Ausdrucke schon nach kurzer Lichtexposition bis zur Unleserlichkeit verblassen.

Die Qual der Wahl
Vier Hersteller bieten derzeit ebenso viele digitale Tachografen an: Continental Automotive (VDO), Intellic, Stoneridge und I+ME Actia. Die Auswahlmöglichkeiten sind also ziemlich eingeschränkt. Hinzu kommt, dass Nutzfahrzeughändler keine oder eine Wahlmöglichkeit zwischen nur zwei Modellen bieten. Gesetzliche Vorgaben haben ferner zur Folge, dass die Geräte praktisch über die gleichen Ausstattungs- und Leistungsmerkmale verfügen. Kleine, aber feine Unterschiede gibt es dennoch: So verfügen nicht alle Geräte über einen Karteneinzug. Stoneridge setzt auf manuell bedienbare Schubladen, die weniger defektanfällig sein sollen. Auch ein grafischer Kontrollausdruck ist nicht bei allen Geräten möglich. Der Papierrollentausch ist ähnlich, allerdings lässt sich das Druckermodul nicht immer im Einbauzustand austauschen. Auch die Auflösung des Displays ist unterschiedlich und damit auch nicht gleich gut lesbar. Bedient werden die Geräte über vier oder sechs Tasten, wobei vier ausreichen: zwei Pfeiltasten für „Funktionsauswahl“ respektive „Blättern“, eine „OK“-Taste fürs Bestätigen sowie eine „Zurück“-Taste für das schrittweise Verlassen gewählter Menüs. Wichtig ist, dass die Bedienanweisungen im Display verständlich per Klartext erfolgen, unterstützt durch gut erkennbare Bildsymbole. Da der Umfang der Aufzeichnung und der Ausdrucke gesetzlich vorgeschrieben ist, gibt es hier kaum Unterschiede. Der Datendownload sollte zügig erfolgen und auch per Mobilfunk möglich sein. Eine Schnittstelle zu Telematik-/Fuhrparkmanagement-Systemen eröffnet weitere Rationalisierungspotenziale. Sie ermöglicht per Mobilfunk beispielsweise die Übermittlung von Fahrerdaten. So kann der Disponent seine Fahrer optimal einsetzen. Bei Preisangaben halten sich alle Hersteller bedeckt – mit dem Hinweis, dass der Preis von verschiedenen Randbedingungen abhängig ist und letztlich vom jeweiligen Kfz-Händler in den Fahrzeugpreis eingerechnet wird. Im nachträglichen Einbau kosten Digital-Tachos zwischen 1.000 und 1.600 Euro, zuzüglich Einbau und Kalibrierung.

Mehr Sicherheit oder Abzocke
Digitale Tachografen sollen Manipulationen verhindern, die Verkehrssicherheit erhöhen und Kontrollen erleichtern. In der Tat macht die Digitalisierung die Kontrolle einfacher. Fraglich ist nur, was im Vordergrund steht: die Kontrolle durch verantwortliche Personen in den Unternehmen, die fraglos einfacher und rationeller geworden ist, oder die von behördlichen Kontrollorganen. Unter Fahrern ist jedenfalls häufig von Schikane und Abzocke die Rede. Vermehrte Kontrollen der von der Neuregelung betroffenen Fahrzeuge, strenge Bußgeldkataloge und die Möglichkeit, auch mehrere Tage zurückliegende Geschwindigkeits­überschreitungen schnell nachweisen und nachträglich ahnden zu können, scheinen dies zu bestätigen. Auch Fuhrparkbetreiber trauern der alten Tachoscheibe nach, denn der technische, finanzielle und administrative Aufwand ist erheblich größer geworden. Um Fahrer- und Fahrzeugdaten ordnungsgemäß digital aufzuzeichnen, auszuwerten und zu archivieren, müssen pro Fahrzeug rund 1.500 Euro investiert werden. Der Betreiber trägt zudem die Verantwortung für die Einhaltung aller rechtlichen Vorgaben und muss einen erheblichen administrativen Aufwand und organisatorische Veränderungen in Kauf nehmen. Das gilt nicht nur für Betreiber großer Flotten, sondern auch für Kleinstunternehmen mit nur einem Transporter.

Zum weiteren Kritikpunkt zählt die 50-Kilometer-Ausnahmeregelung. Sie entspricht nicht den heutigen Gegebenheiten. Bau- und Handwerksbetriebe müssen mobil und auch für Kunden in 100, 200 oder mehr Kilometern Entfernung da sein. Nachbesserungen sind also dringend geboten, nicht nur bei der Gerätetechnik. Auch die scheint noch keineswegs ausgereift zu sein, denn bereits einfache Magnete können die Datenaufzeichnung manipulieren oder ganz unterbinden. Das bedeutet, dass die Dokumentation der Lenk- und Ruhezeiten gefälscht werden kann, was die Absicht der EU, Lkw-Fahrer durch die entsprechenden Vorschriften vor zu langen Fahrtzeiten und dem Druck ihrer Arbeitgeber zu schützen, konterkariert. Hinzu kommt eine neue Lastenverteilung: War bisher mit der alten Tachoscheibe der Aufwand für Fahrer und Fuhrparkleiter vergleichsweise gering, für Kontrollbehörden dagegen hoch, ist es jetzt genau umgekehrt. Die Zeche für die neue Technik zahlt der Unternehmer.

Dorian Kreicic

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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