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Schnelle fressen Langsame

28.01.2011

Mit viel Schwung und einem Bündel an neuen Ideen übernahm Karl-Heinz Strauss den Baukonzern Porr. Erste Umstruk­turierungen sind bereits im Laufen – für den Kärntner ist Tempo eine Selbstverständlichkeit.

Karl-Heinz Strauss hat vor knapp drei Monaten in Wien sein neues Büro bezogen – 19 Stockwerke hoch. Es war nicht leicht, einen Interviewtermin zu bekommen, doch als es dann endlich klappte, war keine Spur von Gehetztsein zu spüren. Professionell, selbstsicher, klar strukturiert und bestimmt sind die spontanen Stichworte, die den ersten Eindruck vom neuen Porr-Generaldirektor prägen. Das schlichte, aber elegante Büro eröffnet einen traumhaften Ausblick über die Dächer Wiens.

Hier arbeitet Strauss. Drei Kunstwerke verraten en wenig über sein Interesse an zeitgenössischer Malerei. Der im Sternzeichen Schütze geborene Kärntner wollte schon immer hoch hinaus – selbst beschreibt er sich jedoch als mäßig ehrgeizig, „aber wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich das durch“. Strauss stammt aus einer Unternehmerfamilie. Unternehmerisches, selbstverantwortliches Denken und Agieren ist für ihn selbstverständlich – und dies erwartet er auch von seinen Mitarbeitern, räumt Strauss ohne Umschweife ein. Mit großer Überraschung wurde der neue Generaldirektor der Porr der Öffentlichkeit bekanntgegeben, umso größer war im Anschluss daran die Spannung, welche Umstrukturierungsmaßnahmen folgen würden. Immerhin hat Strauss mit Strauss & Partner ein florierendes Immobilienunternehmen mit einem breiten Wissen und internationaler Erfahrung. Die an die 90 Mitarbeiter werden als selbstständiges Unternehmen in die Porr integriert – Kündigungen soll es keine geben. Mit dem Kauf der Teerag-Asdag will er das Know-how der Porr im Tief- und Straßenbau noch weiter ausbauen und stärken.

Bezüglich Umstrukturierungen verrät er: „Die neue Organisation der Porr wird bis 1. April abgeschlossen sein. Dabei orientieren wir uns an klaren Kriterien: klare Erfolgsverantwortung, schlanke und flexible Strukturen sowie eine ergebnisorientierte und transparente Führung nach dem Vier-Augen-Prinzip mit einem Kaufmann und einem Techniker.“ Strauss definiert sich selbst als Teamworker – doch am Ende eines Meetings will er eine Entscheidung. Reden um des Redens willen, ist offensichtlich nicht seines. „Jede Mannschaft braucht einen Kapitän, der letztendlich auch die Verantwortung hat, seinem Team die Möglichkeiten zu eröffnen, die Fahrbahnen und Wege zu ebnen, damit das Team auch die PS auf den Boden bringt“, veranschaulicht Strauss seinen Führungsstil.

Strauss fokussiert die Porr auf drei Marktkategorien: Die Heimmärkte Österreich, Deutschland, Schweiz und Polen, mit allen Produkten und Sparten, die Kernmärkte Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien, Kroatien und weitere SEE-Staaten sowie die internationalen Märkte mit Libyen, Oman, Katar, Turkmenistan und Russland. Dabei ist das aktuellste internationale Projekt, das Stadion in Tripolis, Libyen, mit einem Bauvolumen von rund 200 Millionen Euro, laut Strauss ein wichtiger Schritt im Rahmen der selektiven Expansion.
Strauss will mit Doppelgleisigkeiten im Konzern aufräumen und anstelle dessen eine Gliederung nach Regionen und Spartenverantwortung aufbauen. Zentrale Gesellschaft unter der Holding soll die Porr Bau GmbH sein, darunter werden die einzelnen Landesgesellschaften angesiedelt. Die Konzernleitung – 18 Personen, die gleichzeitig auch die Regionen- und Spartenverantwortliche sind – werden dem Holding-Vorstand angehören.

Frühes Interesse am Bau
Das Spezialtiefbauunternehmen der Eltern prägte den Sohn vom ersten Augenblick. „Was es heißt, Unternehmer zu sein? Den Einsatz meines Vaters rund um die Uhr und das sieben Tage die Woche erlebte ich von Anfang an. Beruf ist Hobby und Hobby ist Beruf – diese Haltung hat sich auch bei mir fortgesetzt“, gibt Strauss zu.
Berufliche Vorgaben seitens der Eltern gab es keine – „mein jüngerer Bruder ging z. B. einen ganz anderen Weg. Aber mich hat das Bauen schon als junger Bub interessiert. Ich wollte immer planen und bauen – und am liebsten beides gemeinsam.“ Die Entscheidung fiel auf Tiefbau und da es in Villach keine passende Schule gab, ging Strauss in die HTL Mödling. „Das war eine tolle Erfahrung – aber auch zugleich eine meiner schwierigsten Zeiten. Heute weiß ich – durch meine Kinder – dass es gerade in der Pubertät schon hilfreich ist, das Elternhaus in der Nähe zu haben.“ Der Plan, nach der Matura zu studieren, wurde vorerst zugunsten eines Jobangebotes bei einem Steuerberater in Wien verworfen. Nach der ersten Arbeitserfahrung studierte Strauss an der Wirtschaftsuniversität Wien und in den USA. Doch nebenbei arbeitete er stets. „Ich bin davon überzeugt, dass mein erster Job hilfreich war, die finanzielle und steuerliche Seite des Unternehmertums näher zu durchschauen.“

Schwerpunkt Projektentwicklung
Die nächste Herausforderung erlebte Strauss bei Klaus Liebscher bei der jetzigen RZB. „Nach einem Jahr im Treasury-Management lernte ich die vielen Facetten im Bankenwesen gut kennen. Mein Vorgesetzter überantwortete mir eine große Anzahl von Kunden. In kurzer Zeit wurde ich der damals jüngste Abteilungsleiter, später erhielt ich die Prokura. Mein Bauwissen kam mir bald zugute – rasch landete ich über das Thema Finanzierung beim Immobiliengeschäft.“

Strauss’ erstes großes Projekt war der Concorde Business Park in der Nähe des Wiener Flughafens. Im Immobilienbereich der Raiffeisengruppe avancierte Strauss zum Projektentwickler und Immobilienprofi. Im Jahr 2000 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit – daraus entstand ein erfolgreiches Development-Geschäft mit rund 150 Mitarbeitern. Und auch hier zeigte Strauss das richtige Gespür für strategische Schritte zur rechten Zeit: „2007 verkauften wir alle Osteuropaaktivitäten aus einem Bauchgefühl heraus – und die Entscheidung war absolut richtig. 2009 ergab sich dann die Beteiligung bei der Kapitalerhöhung der Porr.“ Dahinter stand der Gedanke, dass der Weg ins Ausland mit einem strategischen Partner einfacher ist. „Denn mit einer Baufirma als Partner ist es als Bauträger leichter und umgekehrt. Da geht es vor allem um die Vertrauensbasis, die gerade bei Auslandsaktivitäten entscheidend ist“, verrät Strauss. „Doch dann machte mir Wolfgang Hesoun einen Strich durch die Rechnung“, lacht Strauss, „denn dass ich zur Porr gehe, war nicht Bestandteil meiner Lebensplanung.“

Doch die beiden Hauptaktionäre B & C und Klaus Ortner ließen nicht locker. Anfangs zierte sich Strauss: „‚Ich bin kein Angestellter, ich will nicht abhängig sein‘, war meine Antwort.“ Doch letztlich siegte der Reiz der Herausforderung und das Angebot, seine Immobilienfirma miteinbringen zu können. Vermutlich gab auch sein Naturell, neugierig und wissbegierig zu sein, den Ausschlag.
Strauss schlug ein, vergrößerte seinen Anteil an der Porr auf zehn Prozent. Somit blieb ein bisschen Unternehmertum übrig: „Ich fragte mich, wo ist der Unterschied? Ob ich 100 Prozent von einem kleinen Unternehmen besitze oder zehn Prozent eines großen – die Verantwortung ist ähnlich.“ Die Familie machte ihm letztlich Mut auf dem Weg der Entscheidung.

Leidenschaft Familie
Eines der großformatigen, farbenkräftigen Bilder in seinem Büro zeigt seine Frau und seine Kinder. Beide, 15 und 17 Jahre alt, besuchen die internationale Schule. Beruf, Familie, Freizeit und Hobbys – Jagd, Sport, lesen, reisen – gehen sich gut miteinander aus, schmunzelt Strauss: „Zurzeit ist mein Spruch: Die Kinder sind dann in der Pubertät, wenn die Eltern komisch werden.“ Die Ehe währt seit 30 Jahren. Seine Frau studierte ebenso in Wien, war viele Jahre im Private Banking tätig, bis sie ins gemeinsame Unternehmen Strauss & Partner wechselte. Der operative Teil der Firma wird nun in die Porr eingebracht, der vermögensverwaltende Teil von seiner Frau selbstständig weitergeführt. Doppelgleisigkeiten gibt es in diesem Bereich laut Strauss keine: „Nein, weil Strauss & Partner sehr schlank aufgestellt ist. Im Development-Bereich wird es eine klare Trennung geben, nach Immobilienarten und Spezialfunktionen. Die Porr Solutions wird nach wie vor in den Bereichen Infrastruktur, Energie, Spitalsbau, Hotels, Thermen etc. tätig sein. Die Auslandsaktivitäten bleiben ebenso, hinzu kommt der Bürobau. In Österreich bleibt die Büroentwicklung bei Strauss & Partner, weil der Name in der Büroentwicklungsbranche perfekt verankert ist. Auch der Wohnbau bleibt bei Strauss & Partner.“ Synergieeffekte sollen noch besser genützt werden, auch mithilfe der Kooperation mit Alba, dem drittgrößten deutschen Projektsteuerer.

Klare Marktaufteilung
Strauss will die Märkte so aufteilen, dass auch zur UBM, an der die Porr 41 Prozent hält, keine – außer in Deutschland – Konkurrenz entsteht. „Als Konsequenz wird sich die Porr Solutions aus Tschechien und Polen zurückziehen. Die UBM wird ihre Aktivitäten bis nach Moskau konzentrieren und verstärken“, erklärt Strauss einen Teil seiner Strategie. Wäre es attraktiv, die UBM stärker an die Porr zu binden? „Die UBM ist ein starker Partner und hat als eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen ihre eigenen Spielregeln. Diese Partnerschaft hat sich in den vergangenen Jahren bewährt. Beide Unternehmen sind solid – wir streben nicht nach kurzfristig hohen Renditen, sondern nach nachhaltigen, abgesicherten Zahlen“, erklärt Strauss. Neben der klar strukturierten Marktaufteilung ist es ein weiteres Ziel, die Wertschöpfungskette im Konzern zu erhöhen. Das bedeutet, es gab bis dato Defizite? „Es wurde nicht optimiert“, so Strauss knapp.

Der Porr-Chef ist davon überzeugt, dass der Hochbaumarkt wieder in Schwung kommt. Im Gegensatz zum Mitbewerb sieht er keinen Handlungsbedarf, sich aus diesem Segment zurückzuziehen: „Wir sind eine Baufirma und sind in der Lage, sämtliche Bauvorhaben abzuwickeln, und das meist mit der fortschrittlichsten Bautechnologie. Diesen Vorsprung werden wir weiter ausbauen. Wir werden das Baugeschäft nur um einige Themen wie Development-, baunahe Projektentwicklung, aber auch um Facility-Management, Hausverwaltung etc. ergänzen.“ Bezüglich des Hausverwaltungsgeschäfts denkt Strauss laut nach: „Da kann ich mir auch vorstellen, dass wir das Geschäft mit größeren Partnern teilen.“ Doch nur so viel verrät er dazu: „Es wäre eine gute Möglichkeit, z. B. von Hamburg bis ans Schwarze Meer auch das Facility-Management aus einer Hand anbieten zu können.“

Stellenwert Partnerschaft
Wie geht es Ihnen mit Ihrem türkischen Partner? Waren da die Hoffnungen Ihres Vorgängers vielleicht ein bisschen zu optimistisch? „Nein, ganz im Gegenteil. Die Renaissance ist deswegen für uns ein optimaler Partner, weil sie genau in den für uns spannenden Ländern gut vernetzt ist – wir liefern das technische Know-how und die Finanzkraft. Und damit ist diese Partnerschaft eine durchaus sinnvolle Ergänzung. Natürlich ist es wie bei jeder Liebe, zuerst kommt die Verliebtphase, dann kommt die Phase, wo man seine Pläne umsetzen muss und dann sollte sich die Beziehung stabilisieren. Mit dem Zuschlag für den Bau des Stadions in Libyen haben wir eine Bestätigung unserer neuen Strategie.“ Gerade für das Auslandsgeschäft ist das Netzwerk wichtig – welches Potenzial sehen Sie noch in Russland?
„Der Markt ist riesig, da haben wir sicher Chancen, dort, wo die Industrie ist, im Bahnbau, Tunnelbau etc.“, zeigt sich Strauss überzeugt. Gekränkt, dass Sie nicht Vibö-Präsident geworden sind?
„Nein, das sehe ich positiv. Ich führe die Porr erst seit drei Monaten, und gerade jetzt ist für die Vibö wichtig, dass ein Profi an der Spitze steht, und den hat die Vibö mit Hans Peter Haselsteiner.“

Ihr privater Zukunftswunsch – und Ihre berufliche Vision? „Ich wünsche mir, dass meine Familie gesund und unser Zugang, den wir zueinander haben, bestehen bleibt. Beruflich wünsche ich mir, dass wir die Ziele und den Weg, den wir jetzt beschreiten, erfolgreich erreichen.“ Die Porr soll nicht die Nummer eins werden? „Mein Lebensmotto ist nicht, der Größte wird den Kleinsten schlagen, sondern der Schnelle wird den Langsamen fressen. Es kommt letztendlich nicht nur auf den Umsatz an, sondern auch darauf, wo ich arbeiten kann, ob ich die richtige Größe für all die Märkte etc. habe. Technisch sind wir die Nummer eins – was die Entscheidungen betrifft, wollen wir die Nummer eins werden.“

Generaldirektor Ing. Karl-Heinz Strauss, MBA
Karl-Heinz Strauss, 50, gebürtiger Kärntner, absolvierte die HTL für Tiefbau. Anschließend studierte er an der Harvard University, der Management Business School in St. Gallen und absolvierte ein MBA-Programm an der IMADEC University. Bis zum Jahr 2000 war er in verschiedenen Funktionen bei der Raiffeisen Zentralbank tätig – unter anderem in den Bereichen Bau und Immobilien. Danach machte er sich mit dem Unternehmen Strauss & Partner als Immobilienentwickler selbstständig. Zu seinen bekanntesten Projekten zählt das Euro Plaza am Wienerberg. Karl-Heinz Strauss ist verheiratet und Vater eines Sohnes und einer Tochter.

(Redaktion: Gisela Gary)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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