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Slum oder Boulevard?

16.01.2004

Auch nach Ende der EU-Finanzspritze gehen die städtebaulichen Bemühungen um die Gürtelzone weiter. Bestandsaufnahme nach einem halben Jahr Programm „Zielgebiet Gürtel“.

Im Mai 2001 erteilte die Wiener Stadtregierung den Auftrag, ein strategisches Handlungskonzept zu erstellen, das geeignet ist, die positiven Entwicklungsimpulse fortzusetzen und den ganzen Gürtelbereich zu erfassen, und bekannte sich zur forcierten Fortführung der Verbesserungsstrategien. Die Programmziele wie Investoren anzuziehen, eine zeitgemäße Wohnqualität zu schaffen und strukturelle und physische Barrieren abzubauen sollen in sieben bis acht Jahren realisiert sein. Dazu wurden eine eigene Geschäftsstelle ‚Zielgebiet Gürtel’ in der MA 21a und ein Gürtelbeirat eingerichtet. Das Zielgebiet Gürtel umfasst ca. 7450 ha Fläche, davon 580 Baublöcke. 95.000 Menschen leben, 50.000 arbeiten hier.
Ein Bürgerbeteiligungsverfahren mit Gürtelwerkstätten als regelmäßigen Austausch soll sicherstellen, dass die Anliegen der Anrainer mitberücksichtigt werden. Seit Mai 2003 wurden drei Gürtelwerkstätten mit je rund 60 Anwesenden unter Federführung des Büro Trafico abgehalten. „Das Engagement ist wahnsinnig groß, die Leute sprudeln vor Ideen. Die Frage bleibt, was mit den Ideen passiert und wie es mit finanziellen Mitteln aussieht. Es ist jedenfalls wichtig, dass die Anrainer gehört werden, wir sehen uns als Mittler zwischen Bevölkerung und Rathaus“, erklärt Projektleiter DI Andreas Käfer. „Die finanziellen Mittel sind zwar beschränkt, es ist aber dennoch wichtig, den Gürtel im Bewusstsein zu verankern. Denn nach wie vor ist der Gürtel eine Barriere zwischen den Bezirken.“ In den Gürtelwerkstätten geht es nicht unbedingt nur darum, das Rad neu zu erfinden, sondern auch darum, bestehende Initiativen zu unterstützen wie jene rund um das Projekt Wolke 7. Aufgewertet soll hier der Stadtteil rund um die Kaiserstraße in Wien Neubau werden. Wobei hier nicht großflächige Neubauten im Vordergrund stehen, sondern Revitalisierung, Umbauten, das Öffnen von Durchgängen und Innenhöfen. Die Erdgeschoßzone und Lokale sollen besonders berücksichtigt und die Freiraumqualität soll verbessert werden. „Die Finanzierung der ersten Projektphase ist gesichert, um EU-Förderung wurde angesucht“, erklärt DI Dr. Wolfgang Sengelin, Programmkoordinator der Geschäftsstelle Zielgebiet Gürtel bei der MA 21a. Über die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Licht berichtet Dr. Sengelin: „Seitens der MA 33 – zuständig für öffentliche Beleuchtung – wurde mitgeteilt, dass bis 2005 die Umsetzung des Beleuchtungskonzeptes in jenem Gürtelbereich, wo es Bögen gibt, fertiggestellt sein wird. Es werden dann alle Beleuchtungen mit Abspannungen durch Leuchten mit eigenen Masten ersetzt sein.“ Aus den EU-Projekten Urban und Urbion wurden Teile der Gürtelbeleuchtung finanziert, der Rest muss nun von den Bezirksbudgets beglichen werden.

Westgürtel
Im Zuge des EU-Projekts Urbion wurde eine Neugestaltung der Gürtelbögen am Westgürtel eingeleitet, Unternehmen und Betriebe sollen angesiedelt werden. Dr. Sengelin über den derzeitigen Stand: „Möglichkeiten für eine Zwischennutzung von Gürtelbögen werden seitens der Wiener Linien als äußerst gering erachtet, da freiwerdende Bögen gleich vergeben werden. Nachdem die EU-Förderung weggefallen ist, gibt es seitens der Wiener Linien keine Vorleistung für die Renovierung der Gürtelbögen mehr, sodass für künftige Nutzer beträchtliche Kosten anfallen.“ Die hohen Kosten ergeben sich dadurch, dass die Ausstattungen nicht mehr den heutigen Standards entsprechen, und aus dem Konzept von Architektin Tillner, die eine Glasfassade verpflichtend vorschreibt. Für Verkehrs- und Stadtplaner DI Käfer ist die Glasfassade auch aus anderen Gründen keine optimale Lösung: „Eine Glasfassade ist nicht mit allen Nutzungen kompatibel, denn nicht jeder will sich beim Haareschneiden oder beim Maßnehmen beim Schneider beobachten lassen. Ein Lokal in jedem Bogen ist wenig sinnvoll. Besser wäre, auch Gewerbebetriebe anzusiedeln.“

Südgürtel
„Am Südgürtel geht es um hervorragende Flächen, die brach liegen. Das ist eine Schande. Man muss aber auch sehen, dass, egal, was man hinstellt, der Verkehr zunehmen wird. Es ist daher notwendig, die Pläne offen auf den Tisch zu legen, weil so Konflikte reduziert werden“, betont DI Käfer. Für die Aspanggründe liegen sie auf dem Tisch. Der Strukturplan Aspanggründe, der vom Gemeinderat einstimmig beschlossen wurde, gibt die wesentlichen Gestaltungselemente sowie den Rahmen für die zeitliche Umsetzung bis 2016 vor. Die umliegenden Viertel, insbesondere das Fasanviertel, sollen von den geplanten Nutzungen profitieren. So soll der zentrale Grünkeil mit der Umgebung vernetzt werden und als öffentlicher Begegnungsraum zur Verfügung stehen.
In der ersten Phase sollen im unmittelbaren Einzugsbereich der S7-Station St. Marx 98.000 m2 Geschoßfläche entstehen, die überwiegend als Büros und für Dienstleistungen, teilweise als Wohnungen genutzt werden. Im langfristigen Vollausbau sollen zwischen 4.000 und 5.000 Einwohner und zwischen 7.400 und 8.300 Arbeitsplätze angesiedelt werden.
Für das Arsenal gibt es ein Entwicklungskonzept eines Architektenteams, das aber derzeit nur grobe Überlegungen enthält.

Private Projekte
Neben zahlreichen öffentlichen Projekten, zu denen auch die Umgestaltung und Sanierung des Haydnparks oder die Errichtung einer Tiefgarage im Bereich der Stadthalle gehören, und Partnerschaftsprojekten wie das Bürogebäude Spittelau gibt es auch einige erwähnenswerte private Projekte entlang des Gürtels. So soll der Mariahilfer Platz am Beginn der Mariahilfer Straße mit einem 70 Meter hohen stehenden und einem 80 Meter langem, in 4 bis 8 Metern Höhe auf Stützelementen ruhenden Baukörper der Architekten COOP Himmelb(l)au und Arch. Neumann neu gestaltet werden. Vorgesehen ist die Nutzung durch Geschäfte auf zwei Ebenen, einem Restaurant und einer Bar im Turm. Die erforderliche Widmungsänderung erfolgte 1998.
Auf einem Teil des Busparkplatzes der APCOA am Gaudenzdorfer Gürtel/Wienzeile soll neben der bestehenden Tankstelle eine Burger King- Filiale mit Drive-in und 90 Sitzplätzen entstehen. Der Gürtel soll so in diesem Bereich aufgewertet werden.
Zur Verbesserung der gefahrlosen Erreichbarkeit von der U-Bahn-Station Margaretengürtel ist ein neuer ampelgeregelter Fußgänger- und Radfahrerübergang vorgesehen. Die Baugenehmigung für das Projekt ist erteilt.
Die uma architektur ZT GMBH soll ein Geschäfts-, Büro- und Wohnhaus in der Hernalser Hauptstraße 20 – 22 errichten. Das gesamte Erdgeschoß inklusive Hofzone soll als Geschäftsfläche genutzt werden. Im ersten Obergeschoß sind hochwertige Büroflächen mit Terrassennutzung im Hof über dem Geschäft vorgesehen. Die übrigen Geschoße werden mit Wohnungen belegt. Dieses Projekt will auch den vielen leerstehenden Geschäftsflächen, die durch Raum- und Grundrissqualitäten nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechen, im Bereich Hernalser Hauptstraße entgegenwirken.
„Leerstehende Gebäude und brachliegende Flächen sind furchtbar. Sie ergeben nicht nur ein hässliches Stadtbild, sondern bergen auch die Gefahr der Verslumung. Denn die anliegenden Besitzer investieren dann auch nichts mehr, sodass das Gebiet devastiert. Mit dem Zielgebiet Gürtel soll eben der Verslumungsgefahr entgegengewirkt werden. Denn noch gibt es bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern keine Slums“, so DI Käfer.
Der Verkehrs- und Stadtplaner ist davon überzeugt, dass der Gürtel das Zeug zur Boulevardstraße hat. „Hier steckt enormes Potential. Kinos, Theater und mehr Geschäfte könnten mehr städtisches Leben auf den Gürtel bringen und ihn so zu mehr als nur einer Durchzugsstraße machen. Und vielleicht flaniert man hier eines Tages sogar.“

Kontakt:

Geschäftsstelle
ZIELGEBIET GÜRTEL
MA 21 A – Stadtteilplanung und Flächennutzung Innen-West
A-1082 Wien,
Rathausstraße 14-16
Dipl.-Ing. Dr. Wolfgang Sengelin (Programmkoordinator)
T.: +43-1-4000-88012
Dipl.-Ing. Regina Wiala-Zimm
T.: +43-1-4000-88013
guertel@m21aba.magwien.gv.at www.guertel.wien.at

Ingenieurbüro DI Andreas Käfer - Trafico Verkehrsplanung (Projektleitung Team Gürtel)
1060 Wien Fillgradergasse 6/2
T: 01/586 41 81;
F: 01/586 41 81-10
terminal@trafico.at
www.trafico.at

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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