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Sonnenenergie im Schatten?

19.03.2004

Das zweite internationale Photovoltaik-Symposium, organisiert von arsenal research, zeigte eine Vielzahl an Anwendungsmöglichkeiten von Solarzellen auf.

„Wird die Photovoltaik jemals aus dem Nischendasein herauskommen und einen signifikanten Beitrag zum Stromaufkommen leisten? Wird sie jemals im Netzbetrieb Konkurrenz zu Großkraftwerken sein können?“ Mit diesen Fragen zeigte DI Hubert Fechner von arsenal research in seiner Eröffnungsrede klar, was Photovoltaik-Experten derzeit bewegt. Fechner lieferte neben den Fragen auch gleich die Antworten. „Wenn die Kosten sinken und der Wirkungsgrad steigt, dann hat die Solarenergie eine große Zukunft, wobei ich mich hüten werde über künftige Kosten zu spekulieren. Klar aber ist, dass Silizium nicht die einzige Möglichkeit ist, aus der Sonnenergie Strom zu gewinnen. Kunststoffzellen könnten in Zukunft den Wirkungsgrad enorm erhöhen.“ Für Österreich und ganz Mitteleuropa sieht Fechner den Durchbruch über die Integration in die Gebäudehülle, wobei man über die Ästhetik sicher manchmal diskutieren könne. Als schöne Beispiele erwähnte er die List-Halle in Graz und die Berufsschule in Imst. Die Bandbreite der Einsatzmöglichkeiten ist außerdem in den letzten Jahren enorm vergrößert worden. Solarzellen werden mittlerweile als Sonnenschutzelemente ebenso verwendet wie als Fensterelement oder Fensterladen oder als Varianten zum Einrollen. Und dass die Photovoltaik auch in alte Gebäude integrierbar ist, zeigt das Beispiel des alten Reichstags Berlin, wo Solarzellen am Dach integriert wurden. Das ist auch als Symbol zu sehen, dass die Regierung mit ihrem 100.000-Dächerprogramm die Marktbelebung der Photovoltaik unterstützt. Eine Initiative, die auch zur Belebung des Arbeitsmarktes beiträgt. Denn immerhin gibt es in Deutschland 10.000 Arbeitsplätze im Photovoltaikbereich, bis 2010 erwartet man einen Anstieg auf 30.000.
DI Brigitte Weiß von der Abteilung für Energie- und Umwelttechnologien im Bundesminstierium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) wies auf die Bedeutung der Energieforschung hin. Im Jahr 2002 hat das BMVIT laut DI Weiß 4 Millionen Euro in Forschung auf dem Gebiet der Photovoltaik investiert. Etwa die gleiche Summe habe es für Photovoltaik-Forschung durch Rückflüsse aus der EU gegeben. Seit 30 Jahren ist Österreich auch in der Internationalen Energieagentur (IEA) aktiv. Durch Forschungskooperationen werden dort 100 Millionen Euro pro Jahr umgesetzt. Prof. Dr. Gerhard Faninger, Österreichischer IEA-Vertreter, betont, dass auch Politik und Forschung Visionen haben müssen. „Wir wollen in eine nachhaltige Energiezukunft blicken. Wenn wir Solarzellen in hoher Quantität und Masse, billig und langlebig herstellen können, dann ist das auch eine Strategie, mit der wir weiterkommen.“ An Komfort dürfe dabei zwar nichts verloren gehen, aber auch Verschwendung solle nicht hervorgerufen werden. Und die Forschung solle jedenfalls die Markteinführung erleichtern.

Werkzeuge für Bauschaffende und Architekten
Das Ziel, die Photovoltaik einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen, verfolgt der Bundesverband für Photovoltaik (BVP), indem er sich derzeit mit Serviceangeboten besonders an die Zielgruppe der Architekten wendet. Entwickelt wurde eine spezielle Tool-Box für Architekten. „Darunter sind Werkzeuge zu verstehen, die auf die Bedürfnisse der Architekten im Arbeiten mit der Photovoltaik abgestimmt sind. Mit diesen Werkzeugen soll das Thema Photovoltaik und die Integration ins Gebäude für Architekten zum alltäglichen Geschäft werden“, erklärt DI (FH) Michaela Vezmar vom BVP. Noch im März sollen Basisinformationen, speziell aufbereitet für Architekten, auf der Homepage www.architekt.bv-pv.at abrufbar sein. Eine Datenbank von Solararchitekten, um untereinander besser Erfahrungen austauschen zu können, soll folgen. „Weiters soll eine Produktdatenbank erstellt werden, weil es für Architekten wichtig ist, einen Überblick über übliche Komponenten wie Photovoltaik-Module, Wechselrichter oder Aufständerungsversionen zu haben“, so Vezmar. Auch Anlagenbeispiele mit Daten und Bildern sollen folgen. „Die Gespräche und Diskussionen mit den Architekten haben weiters gezeigt, dass es für eine Technologie wie die Photovoltaik wichtig ist, die Qualität der Anlagen zu halten bzw. zu verbessern. Daher haben sich die Mitglieder des Bundesverbands Photovoltaik entschlossen, ein Gütesiegel für den Nachweis des Qualitätsstandards von Photovoltaik-Anlagen einzuführen“, gab Vezmar auf diesem Symposium erstmals der Öffentlichkeit bekannt. Die Einführung soll im Frühjahr 2004 erfolgen und soll die Qualität der Komponenten, des Systems, die Qualifikation der Mitarbeiter, Umweltfreundlichkeit und Garantiebestimmungen enthalten. Vezmar: „Wir arbeiten schon länger an diesem Gütesiegel, weil mit schlechten Photovoltaikanlagen das Image stark reduziert wird.“ Weiters arbeitet der Verband an der Konzeption und Umsetzung einer Photovoltaikausbildung.
DI Assun López-Polo von der Technischen Universität Wien stellte ein Programm zur Wirtschaftlichkeitsberechnung für gebäudeintegrierte Photovoltaikanlagen vor – weil zu wenig bekannt sei, was Photovoltaik-Anlagen kosten. Das Programm ist demnächst auf www.b-pv.at abrufbar. „Die dynamische Entwicklung hat großen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung des Ausbaus der Photovoltaik-Technologie. In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig, Berechnungstools für einen transparenten Kostenvergleich zur Verfügung zu haben“, betont López-Polo. „Bei der Berechnung der Stromerzeugungskosten werden Nutzungsdauer der Anlagen ebenso berücksichtigt wie die laufenden Kosten, der Annuitätenfaktor und die Investitionskosten.“

Vielfältige Anwendungsmöglichkeiten
Wie Photovoltaik über die reine Energiegewinnung hinaus genutzt werden kann, veranschaulichte Architekt DI Erwin Kaltenegger an einigen Objekten. So wurde an einem traditionellen Bürogebäude der Pichler Werke in Weiz ein drehbares Sonnenschutzsegel aus Photovoltaik angebracht. War um 1900 ein Turm an der Südfassade des Gebäudes angebracht, entschied sich Architekt Kaltenegger im Jahr 2000 für ein markantes Solarschild. „So wie Türme in früherer Zeit die Botschaft von Macht und Stärke lokaler Potentaten im Land verkündeten, so signalisiert ein riesiges, über dem Südtiroler Platz schwebendes Solarschild den symbolträchtigen Aufbruch eines weltoffenen Energieunternehmens in das Zeitalter von Sonne und Nachhaltigkeit.“ Eine starre Einfassung der Gebäudeecke mit statischen Solarmodulen wurde aufgrund mangelnder Helligkeit der Büroräume verworfen. Da die Ostseite ab Mittag keine Beschattung benötigt, wurde ein mit dem Sonnenverlauf von Osten nach Süden mitziehendes Photovoltaiksegel ausgeführt. In diesem Schild wurde oberhalb der dritten Reihe eine motorisch betriebene Leinwand integriert. „Diese wertet bei öffentlichen Veranstaltungen den Platz in den Sommermonaten zu einem Open-Air-Kino auf und verleiht der wichtigen Piazzetta im Zentrum von Weiz einen Hauch von Grandezza, wie man sie von bedeutenden Filmfestivals südlich der Alpen kennt“, erklärt DI Kaltenegger. Die nüchternen Energiefakten des Segels: die elektrische Nennleistung beträgt 2,7 kWp bei 40 m2. Weitere kreative Zugänge Kalteneggers: Bei einem Gemini-Haus in Weiz dreht sich das ganze Gebäude der Sonne entgegen, um die Energiegewinnung zu optimieren. Und bei einem Bau in Gutau in Oberösterreich wurden Photovoltaik-Zellen auf die Garagentore montiert.
Einer der Pioniere der Solararchitektur, Arch. Prof. DI Georg Reinberg, erörterte die speziellen, sehr unterschiedlichen Anforderungen der Photovoltaik in der Architektur: „Photovoltaik braucht etwa eine gute Belüftung und sollte daher nicht ins Gebäude direkt integriert sein. Photovoltaik erzielt außerdem in unserem Klima eine höhere Effektivität, wenn sie sich zur Sommersonne ausrichtet, daher ist der Einsatz eher in Richtung horizontal sinnvoller als bei der thermischen Nutzung.“ Dass die neue Technologie die Architektursprache von heute ist, zeigte der Architekt an einem Gründerzeithaus in der Wollzeile. Am Dach sind keine Säulchen oder Ähnliches zu finden, sondern ein neuer Aufbau mit Photovoltaikelementen.
Für einen weiteren Experten in Sachen Solares Bauen, Arch. Prof. Dr. DI Martin Treberspurg, steht fest, dass nur die Integration der Photovoltaik in Gebäude als effektive Möglichkeit zur CO2-Einsparung bleibt, nachdem die Industrie nicht viel auf dem Gebiet unternehmen würde und es bei der Energieerzeugung ein Drama mit der Deckelung gebe. Die breite Bandbreite des Photovoltaikeinsatzes demonstrierte er an der ersten hochalpinen Solaranlage, die 1996 bis 1998 am Dachstein errichtet wurde. Die 200 m2 Kollektorfläche bedeutet, dass nicht länger Personen durch die Energieversorgung gefährdet werden, denn zuvor musste die Funkstelle des Heeres-, Bau- und Vermessungsamtes von einem Hubschrauber mit Diesel versorgt werden. Die Leistung der Anlage beträgt 20 kW und deckt den Energiebedarf von Februar bis Oktober zu 100 Prozent, die restliche Zeit zu 80 Prozent.
Für DI (FH) Gernot Becker vom Bundesverband Photovoltaik Österreich spielt Architektur in der Verbreitung von Photovoltaik eine große Rolle. „Gerade hier trägt der Doppelnutzen der Photovoltaikanlagen als Gebäudehülle, als ästhetisches Gestaltungselement, als Abschattung bzw. als Lärmschutz zur Erhöhung des Gesamtnutzens der technischen Gebäudeausrüstung bei.“ Wichtig sei Qualität, die Architekten zurecht von den Herstellern verlangen, die aber andererseits auch von den Architekten eingehalten werden sollte.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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