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Stadtzentrum auf Entgiftungskur

12.03.2008

Mehr als 30 Jahre schlummerte im Herzen von Wiener Neustadt ein unsichtbarer Feind. Jetzt müssen 180.000 Tonnen verseuchtes Erdreich umgewälzt, analysiert, entsorgt bzw. dekontaminiert werden.

Wer bei der Besichtigung einer so genannten Altlast auf spektakuläre Bilder hofft, der wird enttäuscht. Keine Männer in weißen Sicherheitsanzügen mit aufgeschraubten Gummihandschuhen, Atemschutz und Vollvisierhelm! Keine halbverotteten Giftmüllfässer mit rot aufgepinseltem Totenkopf und grünem Glibberzeug, das durch die verrosteten Fugen quillt, kein mutierter Molch und auch keine sechsbeinige Eidechse mit Doppelschwanz! Nein, nicht einmal ein Wurm oder eine Fliegenlarve verirrt sich in das verseuchte Erdreich! In der Regel ist die tatsächliche Gefahr nämlich unscheinbar und lauert versteckt im Boden – oft sogar über Jahrzehnte hinweg – bis jemand kommt und zu graben beginnt. So wie bei dem rund 22.000 Quadratmeter großen Grundstück am Maria-Theresien-Ring mitten in Wiener Neustadt. Als die EVN als Grundstückseigentümerin im Jahr 1991 auf der über drei Jahrzehnte brachliegenden Fläche ihre neue Regionaldirektion errichten wollte, erwartete sie eine böse Überraschung: Bis in eine Tiefe von zwölf Metern unter der Geländeoberkante war das gesamte Grundstück mit teilweise hochgiftigen Schadstoffen kontaminiert. Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Phenole, Cyanid, Ammoniak, Schwefel und andere, der Gesundheit nicht gerade zuträgliche Schadstoffe traten bei den ersten Probebohrungen zutage.

Folgenreiche Energieversorgung

Über rund 100 Jahre hinweg wurde in dem Gebiet unmittelbar am Stadtrand von Wiener Neustadt ein Gaswerk betrieben, das durch trockene Destillation von Steinkohle als Haupterzeugnis Stadtgas sowie als Nebenprodukte Koks und Teer produzierte.

Unmittelbar nach Kriegsende begann die Stadtgemeinde mit dem Wiederaufbau und errichtete auch das Gaswerk neu. Die Produktion wurde auf über drei Millionen Tonnen Stadtgas, über fünf Millionen Tonnen Koks und fast eine Viertel Million Tonnen Teer gesteigert, Anfang der 1960er-Jahre wurde das Gaswerk stillgelegt. Doch die intensive Nutzung hat ihre Spuren hinterlassen. Was blieb, sind die unterirdischen Anlagenteile wie Abwasserleitungen oder Teergruben – und jede Menge giftiger Sondermüll, den kommenden Generationen zur gütlichen Entsorgung anvertraut. Denn über kontaminiertes Erdmaterial oder Bodenschadstoffe kümmerte man sich damals noch recht wenig. Zu gering war das Wissen und das Bewusstsein über die Spätfolgen und das Gefährdungspotenzial, das von derartigen „heimlichen“ Deponien ausgeht.

Latente Gefahr für das Grundwasser

Besonders prekär ist die Situation, wenn hochgiftige Chemikalien und Abfälle in unmittelbarer Nähe eines der größten Grundwasserspeichers Europas liegen wie es in Wiener Neustadt der Fall ist. So befindet sich das kontaminierte Grundstück – im Altlastenaltlas unter dem harmlos klingenden Namen „Altlast N17:Gaswerk Wiener Neustadt“ geführt – aus geologischer Sicht im Bereich der Mitterndorfer Senke, über deren Grundwasser rund 40.000 Menschen im Umkreis von rund 60 Quadratkilometern mit Trinkwasser versorgt werden. Der Grundwasserpegel, durch den die Schadstoffe ausgetragen werden, schwankt im Bereich der Altlast zwischen sechs und zwölf Metern unter Geländeoberkante. Generell stuft das Umweltbundesamt die Schadstoffausbreitung als begrenzt ein. „Allerdings kommt es vor allem bei hohem Grundwasserstand immer wieder zu einer Überschreitung des Schwellenwertes, bei dem umfassende Sanierungsmaßnahmen ergriffen werden müssen“, erklärt Rainer Adami, Oberbauleiter bei Bilfinger Berger im Rahmen der Baustellenführung. Gemeinsam mit der Alpine Bau konnte sich Bilfinger Berger im zweistufigen Ausschreibungsverfahren gegen seine Mitstreiter durchsetzen und den Zuschlag für sich entscheiden.

Erst auf dem Weg in die Baugrube erkennt man das Ausmaß der Verunreinigung. Bereits wenige Zentimeter unter der Oberfläche färbt sich der Boden dunkelbraun bis schwarz und beginnt in der Sonne zu glitzern – allerdings nicht aufgrund der Bodenfeuchtigkeit, sondern infolge der Teer- und Ölschichten, mit denen die Gesteins- und Erdschichten getränkt sind. Und dann bemerkt man auch den unangenehmen Geruch, der sich ausgehend vom aufgewühlten Erdreich langsam ausbreitet. „Solange die Temperaturen noch relativ tief sind, ist der Gestank nicht so schlimm“, erfahre ich von Adami. Nicht so schlimm? – Offensichtlich muss man sich erst daran gewöhnen!

Aufwändige Dekontaminierung

Für die Erstellung des Sanierungskonzeptes zeichnet die Porr Umwelttechnik verantwortlich. „Vereinfacht dargestellt ist der Austausch des gesamten verunreinigten Bodens erforderlich“, beschreibt Porr-Projektleiter Reinhard Höchtl die umfangreichen Sanierungsarbeiten in knappen Worten. In der Praxis bedeutet dies, dass rund 180.000 Tonnen Bodenmaterial geborgen, untersucht und von einem Chemiker bewertet werden müssen. „Rund die Hälfte davon ist ungefährlich und wird wiederverfüllt, voraussichtlich 70.000 Tonnen gelangen auf die Deponie und rund 20.000 Tonnen werden als hochkontaminiertes Material vor der Deponierung in der Bodenreinigungsanlage der Wiener Firma ABW aufbereitet“, schätzt Höchtl.
Zwischen fünf und zehn Baumaschinen und -geräte sowie zehn bis 15 Mann sind laufend im Einsatz. Es herrscht rege Betriebsamkeit auf der Baustelle – aber keine Hektik! Der Umgang mit dem verunreinigtem Aushub erfordert einige Sensibilität. Schließlich soll im Arbeitsablauf keine zusätzliche Belastung des ohnehin schon schwer belasteten Bodens erfolgen. Nicht kontaminiertes Erdreich muss von kontaminiertem getrennt werden, Gleiches gilt für extrem belastetes Aushubmaterial. Auch durch die Bauarbeiten verunreinigtes Grundwasser muss extra behandelt werden, bevor man es in den öffentlichen Kanal einleiten kann.

Dank der guten Witterung und der milden Temperaturen schreiten die Arbeiten zügig voran. So konnten seit Arbeitsbeginn bereits 42.000 Tonnen Massenabfall und 9.000 Tonnen nicht deponierbarer Abfall geborgen werden. Und obwohl die Baustelle damit vor dem Zeitplan liegt, wird im Eiltempo weitergemacht. Nicht aus Angst vor einem verspätetem Wintereinbruch, sondern in erster Linie aufgrund der neuen Deponieverordnung und des neuen Altlastensanierungsgesetzes. Waren als Altlasten ausgewiesene Deponiegüter bislang von der Altlastensanierungsgebühr befreit, so ist diese Kostenbefreiung mit 1. April aufgehoben. Zwischen 18 und 26 Euro werden damit pro deponierter Tonne an zusätzlichen Ausgaben entstehen. Adami befürchtet eine Verdoppelung der noch anfallenden Deponiekosten. Hans-Georg Rych, EVN-Umweltbeauftragter, hofft hingegen auf eine Reparatur der für ihn nicht nachvollziehbaren Gesetzesänderung in Form einer Anpassung der Förderrichtlinien. Ob dies tatsächlich passieren wird, steht allerdings in den Sternen – diesbezügliche Zusagen vonseiten der Politik gibt es nicht. Und so wird in Wiener Neustadt eifrig weitersaniert, in der Hoffnung, noch vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung sprichwörtlich „so viel Boden wie möglich unter den Füßen zu gewinnen“.

Tom Cervinka

aus: bau.zeitung 10/08, S. 12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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