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Städtebauliche Herausforderungen nützen

24.05.2005

Spannende Einblicke erhielten die Teilnehmer am an der TU Wien stattgefundenen Symposion „Nachkriegsmoderne: Wiederaufnahme und Neubeginn“. War der Wiederaufbau, das Schaffen von Wohnungen oberstes Gebot, noch vom Zwang zum Sparen geprägt, so zeigte sich das Baugeschehen der Fünfziger- und Sechzigerjahre von Technikbegeisterung und Fortschrittsoptimismus getragen. Daher reicht die Spannweite bei Realisierungen von minutiöser Instandsetzung oder Rekonstruktion des Alten, oft unter Wiederverwendung alten Baumaterials in der Nachkriegszeit, bis hin zu „modernen“ Neubauten. Erst der „Ölschock“ in den 1970er-Jahren erzwang ein gewisses Umdenken.
Ideen und Baupraxis der drei Jahrzehnte nach Kriegsende sollten im Rahmen des Symposions „Nachkriegsmoderne: Wiederaufnahme und Neubeginn“ thematisiert werden, wie Friedmund Hueber vom Ludwig- Boltzmann-Institut für Denkmalpflege und Archäologische Bauforschung als Leiter der österreichischen Arbeitsgruppe in der weltweit aktiven Vereinigung „Documentation and Conservation of buildings, sites and neighbourhoods of the Modern Movement“ (DOCOMOMO) betonte. Gerhard Schimak, der Vizerektor dieser Universität, unterstrich in seiner Eröffnungsansprache die Bedeutung des Symposions, das Bauten der Fünfziger- und Sechzigerjahre aus ihrer Anonymität holte für eine Wertediskussion, um „für diese Epoche Wertschätzung zu entwickeln“.
Experten verschiedener ineinander greifender Fachgebiete, darunter Architekten und Bauingenieure, Historiker und Kunsthistoriker wie Denkmalpfleger erläuterten die historischen und kulturellen Hintergründe des Baugeschehens dieser Zeit sowie die Möglichkeiten für technische Verbesserungen und stellten technische, architektonische und städtebauliche Bezüge zu Bauwerken und Siedlungen in Österreich her. Mehr als eine simple Chronologie der Ereignisse lieferte der Historiker und Soziologe Reinhold Knoll von der Universität Wien. Er benannte in seiner „phänomenologischen Interpretation“ viele auf den ersten Blick nicht erkennbare Einflüsse auf den Wiederaufbau und das Baugeschehen in den 1960er-Jahren, darunter auch jene der Kulturpolitik. Er erwähnte verschiedenste Versuche zur Konstruktion österreichischer Identität, die von Lebensgier bis zur Sinnzerstörung reichten, also von Bauten in malerischer Landschaft mit hübschen Menschen, wie in den Filmen Hans Marischkas dargestellt, bis hin zu Aktionen Otto Mühls.

Innovative Hochbautechnik

Architekt Karl Mang zeichnete anhand persönlicher Erinnerungen und weniger Anekdoten ein farbiges Bild des Architekturgeschehens nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Berufslaufbahn des 1922 Geborenen war durch den Krieg zwar verzögert, jedoch nicht gestoppt worden. Während der Genesung nach einer schweren Verwundung belegte er Vorlesungen an der Technischen Hochschule in Wien. Binnen weniger Semester konnte er neben seiner Arbeit im Atelier von Herbert Thurner im Herbst 1948 das Studium abschließen, um anschließend als Assistent bei Friedrich Lehmann zu wirken. Nach seinem durch karge Lebensbedingungen gekennzeichneten Studien- und Arbeitsaufenthalt in Italien, dem er viel Welterfahrung verdankt, eröffnete er in den frühen 50er-Jahren ein Architekturbüro, in das nach einigen Jahren Eva Frimmel, seine spätere Frau, eintrat. Nach dem 1952 entstandenen und viel beachteten Herrenmodengeschäft Bata in der Kärntnerstraße gewann das Büro mit Bauten wie einem Wohnhaus in Weidling (NÖ) oder dem Atelierhaus für Lydia Roppolt in Oberwang (OÖ) die Aufmerksamkeit der Fachwelt. Diese Häuser haben bis heute nichts von ihrer Frische verloren. Für die Ausstellung über die Shakerkultur arbeitete er mit Wend Fischer aus München zusammen und eröffnete damit vielen den Zugang zu dieser bereits von Adolf Loos zitierten Welt. Zu Klassikern wurden seine Bücher über die „Geschichte des modernen Möbels“ und „Thonet Bugholzmöbel“.
Um das Jahr 1960 änderte sich die Hochbautechnologie. Andreas Kolbitsch von der Technischen Universität machte deutlich, dass damals die traditionellen Bauweisen, welche auch Baurestmassen in großem Maß verwertet hatten, durch neue Entwicklungen ersetzt wurden, was durch die wirtschaftlichen Entwicklungen begünstigt wurde: Vom Industriebau ging der vermehrt angewandte Betonskelettbau aus wie die Industrialisierung des Baubetriebes. Auch neue Wandbauweisen kamen zum Einsatz. „Vereinfachend kann sowohl in architektonischer als auch in bautechnischer Sicht von einer Wiederaufnahme der ,Moderne’ der Zwischenkriegszeit gesprochen werden“, so Kolbitsch. Die Alterung von Bauteilen und Baumaterialien und die daraus sich ergebenden wirtschaftlichen Bedingungen wurde erörtert.

Bauphysikalische Experimente

Der Zivilingenieur Franz Kalwoda widmete sich Fragen der Bauphysik und hier besonders dem Auftreten von Mikroorganismen. Diese rechnete er zu jenen Mängeln, die bei unterdimensionierten Bauten und bei fehlerhaften Sanierungen häufig auftreten. Sie müssen aber nicht als „Schicksal“ gewertet werden, sondern können durch geeignete Maßnahmen bekämpft werden. Der Referent machte durch die vorgeführten Schadensbilder und deren Analyse deutlich, dass selbst bei normalem Gebrauch der Feuchtigkeitsniederschlag bei vorhandenen Wärmebrücken zum Wachstum von Mikroorganismen führt. Die Beseitigung der Ursachen stellt demnach die einzige Möglichkeit dar, um die Entstehung von Mikroorganismen dauerhaft zu verhindern.
Der Definition, Diagnose und Ortung von Wärmebrücken und Fragen der Dichtheit von Gebäuden als bauphysikalische Schwachstellen widmete Günther Fleischer vom OFI Bauinstitut seine Überlegungen. Er unterschied in geometrisch bedingte und in materialbedingte Wärmebrücken. Die Infrarotthermografie bietet sich als „ideale Untersuchungsmethode“ für das Aufsuchen von Wärmebrücken. Sie wurde in den letzten Jahren weit entwickelt. Die Optimierung der Randbedingungen für Untersuchungen wurden genauso erörtert wie praktische Anwendungsmöglichkeiten. Auch Luftundichtheiten begünstigen die Schimmelbildung auf kühlen Bauteilen, weil dort vermehrt Kondensat ausfällt. Die Blower-Door-Meßmethode in Verbindung mit der Infrarotthermografie ist eine effiziente Möglichkeit zum Aufsuchen von Leckstellen in der Gebäudehülle.

Schützen und erhalten

Gegen den Maßstab ihrer Umgebung sprengende Neubauten wie am Rochusmarkt in Wien und in anderen österreichischen Städten zu beobachten, sprach sich Wilfried Posch von der Linzer Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in seinem Beitrag über Bebauungstendenzen nach 1945 aus. Er erinnerte nicht nur an das Fehlen vorausschauenden Städtebaus im „Wirtschaftswunder“, sondern auch an einige bis heute nicht verschmerzte Abbrüche wertvoller Bausubstanz. Zwei Modelle für Alternativen zur Maximierung des umbauten Raumes, führte Posch vor: die Fertighaussiedlung in der Veitingergasse in Wien-Lainz von Roland Rainer und Carl Auböck und die Wiener Südstadt von Wilhelm Hubatsch, Franz Kiener und Gustav Peichl. Seit der von Karl Schwanzer für die Weltausstellung 1958 in Brüssel errichtete und danach für das Museum des 20. Jahrhunderts adaptierte Pavillon seine Nutzung verloren hat, leidet er unter fehlender Instandhaltung. Die Adaptierung für eine Nutzung durch die Österreichische Galerie gestaltet sich zu einem wahren Spießrutenlauf, wie Gerbert Frodl, Direktor des Museums, darstellte. Visionäre Vorstellungen stellte Horst Hambrusch von der Universität Innsbruck der Realität des Wiederaufbaus von Innsbruck gegenüber, wobei er unter anderen Werke von Willi Stigler sen., Robert Schuller und Clemens Holzmeister (mit dessen Werk in Ankara) vorführte. Das Verschwinden von Werken der Gründerzeit-Architektur und der Moderne in Salzburg führte der Salzburger Publizist Norbert Mayr vor Augen. Gleichzeitig stellte er Tendenzen zur Verdichtung der Stadt anhand des Elisabeth-Viertels dar, wo im Zuge der Projektierung das mögliche Volumen verdoppelt wurde.
Die Gefährdung von Bauwerken stellte Bruno Maldoner vom Bundesdenkmalamt in den Mittelpunkt seiner Erwägungen: Zwischen 1945 und dem „Ölschock“ entstandene Bauten sind demnach derzeit besonders gefährdet, weil sie zwar noch nicht alt aber oft ungepflegt wirken. Dadurch werden sie leicht aus dem allgemeinen Bewusstsein verdrängt und in der Folge abgebrochen, ohne dass vorher die Möglichkeiten für ihre qualitätsvolle Instandsetzung geprüft und ohne dass sie ausreichend dokumentiert worden wären. Bei dem in den ersten Nachkriegsjahren entstandenen Wiener Strandbad „Gänsehäufel“ kann man sehen, wie attraktiv ein sorgfältig instandgesetztes Objekt aus jener Zeit heute wirkt. Auch die 1988 gegründete Initiative DOCOMOMO will aufklärend wirken, indem sie den internationalen Erfahrungsaustausch im Umgang mit Werken des ,Modern Movement’ zwischen Experten fördert. DOCOMOMO International ist offizieller Berater der UNESCO und unterstützt das World Heritage Center, ICOMOS (International Council on Monuments and Sites), UIA (Union Internationale des Architectes), mAAN (modern Asian Architecture Network) und andere Organisationen bei der Auflistung von schützenswertem Kulturgut.
Durch die Zusammenarbeit von Experten aus der Bau- und Immobilienbranche, aus dem Denkmalschutz, aus den Geistes- und Kulturwissenschaften könnten auch in Österreich wichtige Gebäude aus der Epoche von 1945 bis zum Ölschock nicht nur identifiziert und erhalten, sondern auch gepflegt werden, wodurch in Zukunft sicher auch dieser Teil unseres baulichen Erbes international beachtet würde.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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