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Standespolitik - Es wird laut am Bau

20.09.2006

Österreichs Wirtschaft wird durch den Bau angetrieben. Der politische Stellenwert ist jedoch vergleichsweise unwesentlich. Das wird sich ändern – zeigt sich Walter Ruck im exklusiven bau.zeitungs-Gespräch überzeugt.

Walter Ruck, Landesinnungsmeister Bau Wien, kandidiert bei der Nationalratswahl. Der Baumeister spricht im nachfolgenden bau.zeitungs- Interview über seine Wünsche, Ziele und Hoffnungen hinsichtlich Standespolitik und warum es immer wichtig wird, über diese hinaus zu vertreten.

Ruck: Für mich hat das neue Bundesvergabegesetz
den Ausschlag gegeben. Wir wurden einfach viel zu spät und zeitlich zu knapp eingebunden. Ich ärgerte mich und musste feststellen, dass sich etwas ändern muss. Der politische Stellenwert der Baumeister nämlich, der anscheinend in diesem Fall nicht vorhanden war.

Wo liegt denn Ihr Kritikpunkt am Bundesvergabegesetz 2006?

Ruck: Dass im neuen Bundesvergabegesetz Normen nur noch herangezogen werden sollen und nicht mehr verpflichtend herangezogen werden müssen. Das ist für uns eine sehr nachteilige Entwicklung, die wir aufgrund der späten Einbindung in den Gesetzwerdungsprozess nicht verhindern konnten. Diese Sache ist für uns nicht optimal gelaufen! Das müssen wir ändern!

Die Chance dazu sehen Sie mit einem Sitz im Nationalrat?

Ruck: Das wäre sicherlich ein Ziel! Wie realistisch es ist, weiß ich nicht. Aber wir sollten uns nicht scheuen, in diese Richtung zu gehen. In diesem Fall ist die noble, eher zurückhaltende Art der Baumeister hinderlich, so sehr ich sie schätze! Ein schöner Charakter bringt in der Politik wohl nichts: Denn wir werden zu leicht überhört! Ich denke nicht einmal, dass wir zu leise sind, ich denke, dass wir nur die falsche Bühne gewählt haben. Und die Bühne für die Politik ist nun mal das Parlament! Zumindest die Premierenbühne!

Kommen wir zu Ihren Visionen, Ihren Zielen?

Ruck: Für meinen Berufsstand wünsche ich mir die Anerkennung, die er verdient und ein stärkeres Selbstbewusstsein! Wir beschäftigen österreichweit im Jahresschnitt 220.000 Menschen und stehen für einen Bauproduktionswert von rund 30 Milliarden Euro! Die Zahlen reichen an sich schon für ein großes Selbstbewusstsein aus! Wir hingegen messen uns immer noch mit den Architekten. Das halte ich beispielsweise für völlig sinnlos, denn die haben eine gänzlich andere Befugnis als wir, dürfen auch viel weniger als wir, sind Spezialisten auf dem Gebiet der Gestaltung. Unsere Stärken müssen uns endlich bewusster werden. Unsere Kompetenz planen und ausführen zu können und zu dürfen, daraus muss ein neues, starkes Selbstbewusstsein entstehen! Das schöne an unserer Ausbildung ist ja gerade, dass wir mehrdimensional sind und den Überblick bewahren können! Ein weiteres Ziel wäre der Weg aus der Angst! Der Angst vor der Grenzöffnung. Wir sollten diese Markterweiterungschancen nützen und nicht fürchten! Ab 2009 können die neu zur EU hinzu gekommenen Länder bei uns anbieten und umgekehrt. Für diese neue Wettbewerbssituation sollten wir gewappnet sein. Wir sollten uns auf unsere Stärken besinnen, wir haben ein qualitativ sehr hochwertiges Ausbildungssystem in Österreich, um unsere potentiellen Schwächen, wie ein höheres Lohnniveau, auszugleichen.
Stichwort Ausbildung: meine dritte Vision ist eine interdisziplinäre Ausbildungserweiterung speziell in der Lehre. Der Maurerlehrling
soll auch von anderen Fachbereichen am Bau etwas lernen.

Das soll heißen, der Maurerlehrling soll alle Berufe am Bau lernen?

Ruck: Nein, das nicht. Es sollen damit einfach
Reibungsverluste zwischen den verschiedenen Disziplinen verhindert werden. Wenn ein Maurer auch etwas von benachbarten Fachbereichen versteht, dann wird das Verständnis für einzelne Arbeitsschritte besser. Die Übergabe des Arbeitsplatzes wird fehlerfreier und geradliniger. In der Fehleranalytik geht man von etwa fünf Prozent frustrierter Kosten für Reibungsverluste aus. Was eine Verbesserung hier angesichts einer durchschnittlichen Umsatzrendite von zwei Prozent bei Österreichs Baufirmen
bedeutet erklärt sich von selbst.

Stichwort Ausbildung – halten Sie die Baumeisterprüfung eigentlich noch für zeitgemäß?

Ruck: Absolut! Ich halte die Baumeisterprüfung für qualitativ hochwertig. Weiters finde ich es wichtig, dass sie nach wie vor einen Level für den Abschluss definiert, der Qualität garantiert und gleichzeitig erst dann die Befugnis zum Bauunternehmer erteilt. Diese Qualitätszertifizierung halte ich, gerade hinsichtlich unserer Wettbewerbsfähigkeit, für bedeutungsvoll!

Wo sehen Sie Versäumnisse? In der Politik, in der Standespolitik?

Ruck: Die Frage nach Versäumnissen impliziert an sich Fehler in der Vergangenheit. Ich werde sicher nicht nur Kritik üben – zumindest nicht ohne Alternativen zu liefern. Als dringend notwendig erachte ich, dass wir in der Europäischen Union unseren Stellenwert erhöhen. Wir müssen in Brüssel als Bau ebenso eine Stimme haben, um auf europäische Fragestellungen und Probleme Einfluss nehmen zu können. Ein
Ziel der Bauwirtschaft muss es sein, im europäischen Parlament mitwirken zu können! Wobei mir schon klar ist, dass es keinen erfolgreichen Bauunternehmer gibt, der neben seinem Tagesgeschäft einfach auf EU-Ebene quasi „nebenbei“ auch noch politisch aktiv sein kann, und Lobbying für die Bauwirtschaft betreibt.

Die Dieselpartikelfilterverordnung ist seit September in Kraft. Die Bauwirtschaft wird dabei zum schwarzen Schaf gestempelt. Versäumnis
oder Schicksal?

Ruck: Das hat mit unserem Fremdbild zu tun. Hier wurden wir zum Sündenbock gemacht und beispielsweise die heilige Kuh Auto verschont. Die Umsetzung dieses Gesetzes ist Landessache, weshalb es aus meiner Sicht ebenso wichtig ist uns im Wiener Landtag einzubringen. Wir sind – wenn man so will – gerade einmal 1,5 Prozent an der Feinstaubverursachung „schuld“. Doch dieser geringe Wert hat leider nichts mit der politischen Realität zu tun. Ich bin der Erste, der sich als Bürger dieser Stadt, Vater und Baumeister für umweltfreundlichere Maßnahmen einsetzt – jedoch sollte man bei jeder Aktion die Relation zwischen Maßnahme und Wirkung beachten!
Das Allheilmittel in Österreich sind dann Förderungen. Das bringt angesichts der hohen Schwellenwerte, dem kleinen Baumeister aber nichts, da ja erst ab 10.000 Euro Umrüstungsausgaben gefördert wird.

Bei einem Einzug in den Nationalrat –was sind Ihre unmittelbaren Themen?

Ruck: Zeitweilige Arbeitslosigkeit am Bau – hier habe ich ein Modell erarbeitet, das der Winterarbeitslosigkeit mit Weiterbildung
der Mitarbeiter entgegen wirkt. Der Unternehmer verpflichtet sich, den Mitarbeiter weiter zu beschäftigen, es entstehen für ihn dadurch aber keine Kosten. Es muss dabei gesehen werden, dass eine Reduzierung der Arbeitslosen einen gesamtvolkswirtschaftlichen Nutzen erzielt! Dieses
Thema wird jeden Winter kurz besprochen – dann ist es wieder für ein Jahr vom Tisch. Wir müssen eine langfristige, nachhaltige und finanzierbare Lösung anstreben. Denn wir sprechen hier von rund 25.000 Menschen, die von der Winterarbeitslosigkeit am Bau betroffen sind. Die Kosten des Modells betragen rund 30 Millionen Euro, ein geringer Preis gemessen am volkswirtschaftlichen Nutzen einer breiten
Qualifizierung.

Wäre Ihr Konzept auch auf andere Branchen
anwendbar?

Ruck: Glaube ich schon, allerdings bin ich nicht sicher, ob das Thema Weiterbildung zum Beispiel in der Tourismusbranche so wichtig ist. Am Bau ist die Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitern sicherlich sehr hoch.

Den Stellenwert des Baus in der öffentlichen
Wahrnehmung können Sie nur über eine Imagekorrektur erhöhen – wie steht es um das Image der Baumeister?

Ruck: Unser Image ist, denke ich, besser als unser Selbstbild. Aber immer noch nicht optimal. Stichwort: Pfusch am Bau und Schattenwirtschaft. Wir werden gerne für die hohen Schattenwirtschaft-Zahlen in Österreich verantwortlich gemacht. Übersehen wird jedoch dabei, dass die Scheinfirmenproblematik auch mit einer bereits oft geforderten Generalunternehmer-Haftung
genauso wenig gelöst werden kann wie mit mehr Erhebungspersonal. Scheinfirmen werden systematisch gegründet und können auch nur systematisch bekämpft werden! Während es im
urbanen Bereich gilt die Scheinfirmenproblematik zu lösen, ist im nichturbanen
Bereich die Schwarzarbeit bedrohlicher.
Dabei gibt es seitens des Gesetzgebers
eine Fehleinschätzung: Die von uns mit Vehemenz geforderte Anmeldung vor Arbeitsbeginn wurde nicht umgesetzt! Daher muss die Bauwirtschaft zumindest soviel politischen Einfluss anstreben um
ein System zu etablieren, das Korruption bereits im Keim erstickt!

Wie realistisch ist eine Korrektur des Sozialbetruggesetzes?

Ruck: Je mehr Gewicht wir erreichen, desto realistischer wird eine Korrektur hin zu bauwirtschaftlichen Interessen sein!

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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