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Reges Interesse herrschte sowohl in  den einzelnen Arbeitsgruppen als auch bei der Präsentation des Endberichts des Dialog­forums Bau.

Start in die nächste Phase

06.06.2017

Das Dialogforum Bau Österreich legt seinen Abschlussbericht vor, der eigentlich als ­Startschuss für die nächsten Ziele dienen soll.

Zu viele Vorschriften in unterschiedlichen Regelwerken, die sich überschneiden, einander widersprechen, Bauprojekte hemmen und eklatant verteuern; eine Pauschalkritik, die seit Jahren in verlässlicher Regelmäßigkeit auftaucht, egal ob aus der Branche, der Tagespresse oder der Politik. Diese Kritik nahmen vor rund eineinhalb Jahren Austrian Standards und die Bundes­innung Bau zum Anlass: Es wurde das „Dialogforum Bau Österreich“ ins Leben gerufen, ein Projekt, das für klare und einfache Bauregeln steht. Dabei wurde die gesamte Branche angehalten mitzuarbeiten, nun liegen die Endergebnisse vor.

Breiter Diskurs

„Bisher fehlte eine Gesamtschau der komplexen Problematik, die durch das Aufeinandertreffen von Gesetzen, Richtlinien, Verordnungen und ÖNormen und anderen freiwilligen Normen entsteht“, stellt Walter Barfuß, Präsident von Austrian Standards, fest. Mit dem Dialogforum sei erstmals ein Ort für einen breiten Diskurs in der Branche geschaffen worden. Mehr als 400 Personen sowie Organisationen, eine „für die Baubranche repräsentative Menge“, nahmen an den zwei öffentlichen Onlinekonsultationen und zehn Arbeitskreisen teil und diskutierten intensiv darüber, welche komplexen Ursachen den Problemen zugrunde liegen und in welchen Bereichen der Bauregeln es Vereinfachungen, Verbesserungen und Veränderungen geben kann und muss. „Im Dialogforum Bau Österreich gab es erstmals eine öffentliche und ausführliche Diskussion über die Komplexität der Regelungslandschaft im Bauwesen“, zeigt sich auch Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel über den Zuspruch zu dem Projekt begeistert. „Durch die Einbindung von zahlreichen Praktikern aus unterschiedlichsten Fachrichtungen ist es gelungen, einen umfassenden Überblick über die Problematik zu schaffen und Lösungsansätze zu erarbeiten.“

Konkrete Ansätze

Das Endresultat der bisherigen Arbeit des Forums lässt sich in fünf Punkten allgemein zusammenfassen: Es bedarf konkreter Änderungen in diversen Baunormen sowie einer Modifikation bei der Entwicklung und Bearbeitung von Normen, einer verbesserten Abstimmung zwischen den verschiedenen normgebenden Institutionen, Maßnahmen zur Abstimmung der Bauregeln, die unter der Federführung des Bautenausschusses des Nationalrats und der Konferenz der Landes(wohn)baureferenten gesetzt werden, und gesetzliche Regelungen zur Verringerung von Haftungsrisiken. „Die ersten drei Punkte betreffen uns direkt, an deren Umsetzung arbeiten wir jetzt schon“, stellt Elisabeth Stampfl-Blaha, Direktorin von Austrian Standards, fest. So wurden 53 konkrete Änderungsempfehlungen für rein österreichische Baustandards bereits an die zuständigen Komitees bei Austrian Standards weitergeleitet. Diese befinden sich nun in Bearbeitung. Ebenfalls arbeitet man in einem offenen Prozess gerade an der „Änderung der Spielregeln“, an einer neuen Geschäftsordnung von Austrian Standards. So sollen beispielsweise Stellungnahmen, die zu ÖNorm-Entwürfen eingebracht werden, zukünftig öffentlich einsehbar sein. Noch bis Mitte Juli ist die neue Geschäftsordnung kommentierbar, mit Jahreswechsel soll sie in Kraft treten.

Politischer Wille gefragt

Die Teilnehmenden am Dialogforum kamen ebenfalls sehr rasch zu der Erkenntnis, dass der Wunsch nach harmonisierten, klareren Bauregeln in Wirklichkeit ein höchst politisches Anliegen ist und Kernfragen nur mit Einbeziehung der Gesetzgeber gelöst werden können. Dies spiegelt sich auch in den letzten beiden Punkten des Endresultats wider. „Wir haben bereits Vorgespräche mit allen Regierungsparteien geführt, und ich kann sagen, dass großes Inter­esse an unseren Anliegen herrscht“, so Bundesinnungs­meister Frömmel. „Trotzdem gilt es nun, gezielte Arbeit dafür zu leisten, damit diese Ansätze auch in diesen politisch bewegten Zeiten Gehör finden.“ So schlägt auch der Endbericht vor, Bauten-, Justiz- und Wirtschaftspolitiker im Nationalrat, Teile der Bundesregierung und die Landes(wohn)baureferenten mit ins Boot zu holen. Dies sei allerdings nur dann möglich, wenn Austrian Standards, die Bundesinnung Bau mit Unterstützung weiterer Innungen und Industriefachverbänden, die Kammern der Architekten und Ingenieurkonsulenten und die fachlich zuständigen Vertreter der Arbeitnehmerschaft gemeinsam auftreten, um konkrete Ansätze voranzutreiben. Auch die Mitwirkung und Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, die ebenfalls Bauregeln entwickeln, werde als notwendig erachtet. Doch wurden nicht nur politische Schritte erarbeitet, bei handfesten Problemstellungen wurden auch gleich Lösungen erarbeitet. Brandschutz und die Regelwerke Als größte Problemfelder wurden bei den offenen Onlinekonsultationen die Themen Brandschutz und Barrierefreiheit angesprochen. „Dabei kamen oftmals aber nicht wie erwartet konkrete Problemfälle, sondern es mangelte an der richtigen Abstimmung der verschiedenen Regelwerke“, stellt Irmgard Eder, ­Leiterin der Kompetenzstelle Brandschutz in der MA 37 der Stadt Wien, fest. Dieser Tatsache sei auch eines der Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe geschuldet. „Für den Brandschutz wird nun ein neues Gremium geschaffen, das die Koordination zwischen OIB-Richtlinien, ÖNormen und TRVB-Richtlinien sicherstellen soll“, kündigt Eder an. Ein Vorschlag, der auch für andere Themenbereiche wie etwa „Energie“ und „Barrierefreiheit“ eine Lösung sein könnte.

Befreit von der Sucht

Insgesamt zeigten sich alle Beteiligten des Projekts mit der bisherigen Arbeit zufrieden, dennoch betonten sie ebenfalls, dass dies erst der Anfang eines längeren Prozesses gewesen sein muss. „Dies sollte auch nicht als Endveranstaltung betrachtet werden, mehr als Zwischenschritt zur Erreichung unserer Ziele“, so Frömmel. „Die Themen Leistbarkeit, Lesbarkeit und Vereinfachung werden uns noch länger begleiten.“ Das Ergebnis sei jedoch schon eindrucksvoll, „es ist mehr geschehen, als man anfangs erhoffen konnte“. Vor allem das Verständnis zwischen den einzelnen Personen und Institutionen sei im Laufe des Dialogs auch immer weiter gewachsen. „Ein zukunftsträchtiger Weg“, befindet auch Barfuß, der hofft, dass sich nun alle am Bau Beteiligten „endlich von der Sucht befreit haben, alle Probleme sofort einem Universalschuldigen, in diesem Fall den ÖNormen, umzuhängen.“

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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