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Von der Idee bis zum erfolgreichen Business-Modell  ist es oft ein weiter Weg, für den Startups einen langen Atem brauchen.

Startups: Die Zeit ist reif

03.07.2018

Der Launch neuer Produkte ist für etablierte Konzerne mit vielen Risiken verbunden. Um sich neuen Entwicklungen anzupassen, setzen sie auf Startups – auch in der Bauwirtschaft.
 

Während wir alle iPhones benutzen, steckt die Baubranche­ noch in der Walkman-Phase“, sagte der niederländische­ Architekt Ben van Berkel erst vor einigen Monaten zum britischen „Economist“. Und tatsächlich: Laut einer McKinsey-­Studie werden rund zehn Billionen Euro jährlich in Waren und Dienstleistungen investiert. Die Baubranche gilt damit als eine der größten ökonomischen Taktgeber. Doch während die Arbeits­produktivität in der Weltwirtschaft in den vergangenen 20 Jahren um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr gewachsen ist, liegt das Äquivalent in der Baubranche laut Studienautoren nur bei einem mageren Prozent. Die Gründe, die die Baubranche daran hindern, ihr volles Potenzial auszuschöpfen, sind vielfältig und lassen sich unter anderem auf die dezentrale Organisation, eine wenig ausgeprägte Fehlerkultur und auf geringen Veränderungswillen zurückführen. Probleme, die auch die österreichische Baubranche kennt. Hinzu kommt, dass rund 70 Prozent der Unternehmen hierzulande noch nicht mit der Digitalisierung begonnen haben. Trotzdem: Experten orten den Beginn eines Trends hin zur neuen Technologie in der bis jetzt sehr traditionell orientierten Branche. Helfen können dabei vor allem Startups: junge, unabhängige Unternehmen, die mit neuen Geschäftsmodellen die Märkte revolutionieren möchten. „In letzter Zeit hat sich diesbezüglich einiges getan“, sagt Daniel 
Cronin, Co-Founder und Vorstandsmitglied von Austrian Startups. Das beweisen auch die Zahlen. Vor allem in den vergangenen drei Jahren ist weltweit – mit etwas Verzögerung auch in Österreich – die Anzahl an Startup-Unternehmen aus dem Bau- und Immobilien­bereich regelrecht explodiert. Branchenschätzungen zufolge gibt es im deutschsprachigen Raum rund 400 Bau- und Immobilien-Start­ups. Die Investments in die Branche sind enorm gewachsen: Laut CB Insights wurden 2015 weltweit fast zwei Milliarden Euro in neue Unternehmen investiert. Zwei Jahre später, 2017, waren es bereits zehn Milliarden Euro. „Natürlich haben wir hierzulande noch viel Aufholbedarf, aber der Grundstein ist mit einigen guten Initiativen bereits gelegt“, ist sich Cronin sicher. 

 „Out of the box“ denken

Eine der Initiativen, die er in diesem Zusammenhang anspricht, ist die „Digital Building Solutions“ der IG Lebenszyklus Bau. Unter dem Motto „Digitize today’s building industry“ hat diese zusammen mit zehn führenden Unternehmen aus der Bau- und Immobilien­wirtschaft Startups aus den D-A-CH- und CEE-Ländern im vergangenen Jahr dazu aufgerufen, digitale und disruptive Soft- und/oder Hardwarelösungen sowie Services für die Planung, Errichtung, den Betrieb und die Finanzierung von Bauwerken einzureichen. Neben einer öffentlichkeitswirksamen Präsentation und einer Messe­präsenz im Rahmen der Expo Real in München winkten den Gewinnern auch potenzielle Partnerschaften und Beteiligungen großer Firmen wie der Porr oder ATP Architekten. „Für Startups war das eine tolle Möglichkeit, in eine Branche vorzustoßen, die bisher eher traditionell unterwegs war.“ Um nachhaltig etwas zu verändern, brauche es aber nicht nur mehr davon, sondern vor allem auch das Bewusstsein dafür, was Startups grundsätzlich sind und wie sie arbeiten. „Es geht bei dem Thema nicht nur darum, dass nun jeder Apps baut, sondern alte Geschäftsmodelle zu hinterfragen und neue Ideen zu testen.“ Und genau dabei haben es Startups vergleichsweise einfach. „Sie haben den Vorteil, dass sie ‚out of the box‘ denken und dabei weder eine Marktposition noch einen Kundenstamm 
verlieren können“, sagt Cronin. 

Kulturclash vorprogrammiert

Das Gegenteil sind große Unternehmen, die viel Geld, Zeit und Energie­ in den Aufbau ihrer Marke gesteckt haben, oft über zig Jahre. Sie sind etablierte Player auf umkämpften Märkten und haben einen Ruf zu verteidigen. Peter Krammer, Vorstandsmitglied der Strabag, weiß, was das bedeutet. Der heimische Bauriese hat Anfang letzten Jahres den Schritt gewagt und sich mit 75-prozentigem Anteil an dem erst 2014 gegründeten Industriereinigungsspezialisten Egger PowAir beteiligt. Das junge „Old-Economy Business“ setzt auf die umweltschonende Reinigung von Maschinen, Industrieanlagen sowie Produkten mit empfindlichen Oberflächen. Der innovative Ansatz: Es kommt hauptsächlich kalte Trockendruckluft zum Einsatz, um die Maschinen und ihr Zubehör zu säubern. Durch die Zugabe von verschiedenen schadstofffreien Strahlmittel wie Glas ist der Reinigungsspezialist in der Lage, 90 Prozent aller in der produzierenden Industrie anfallenden technischen Reinigungen­ zu übernehmen. Im kommenden Jahr will das Startup seinen Umsatz auf vier Millionen­ Euro steigern und vor allem international mit der Hilfe der Strabag expandieren. „Aus unserer Sicht muss die Idee eines Startups nicht nur ein bestehendes Problem in der Branche lösen, sondern auch einen finanziellen Vorteil bringen. Vor allem Letzteres wird bei all der Euphorie gern vergessen.“ Bei Egger PowAir habe all das gestimmt und deshalb habe man investiert, sagt ­Krammer. 
Was er allen Gründern raten würde, ist vor allem den Kontakt zur Branche zu suchen. „Wir sehen derzeit, dass es noch einen Gap zwischen von uns identifizierten Problemen und von innovativen Menschen entwickelten Lösungen gibt.“ Diese beiden Seiten zusammenzubringen sei deshalb eine der zentralen Aufgaben der Zukunft. Dass die jungen Unternehmen einen wesentlichen Beitrag zur Digitalisierung der Branche leisten, stehe außer Frage. „Das Wichtige ist, dass diese verstehen, warum unsere Branche diesbezüglich noch so hinterherhinkt. Wir sind typischerweise dezentral organisiert und als Dienstleisterin in der Gestaltung des Produkts von den Wünschen unserer Kunden abhängig. Vor diesem Hintergrund ist es besonders spannend, digitale Lösungen, die oft ihren Vorteil aus der Standardisierung ziehen, zu finden. 
Und auch wenn die Zusammenarbeit der Strabag und Egger PowAir­ ein Musterbeispiel sein mag, die Kooperation von Groß­konzernen und Startups bringt einige Herausforderungen. „Als Start­up, aber auch als etabliertes Unternehmen muss man wissen, worauf man sich einlässt. Denn eines ist klar: In einem Unternehmen, das aus vier Personen besteht, herrschen andere Konstrukte vor als in einem Konzern, der 4.000 Mitarbeiter beschäftigt. Ein kleiner Kulturclash ist da oft vorprogrammiert“, sagt Cronin. Gerade Schnelligkeit und Agilität seien solche Themen, denn um als Erster auf dem Markt zu sein, handeln Startups häufig nach dem First-Mover-Prinzip, bei dem Geschwindigkeit wichtiger ist als Perfektion. Meistens testen sie ihre Ideen dann im laufenden Betrieb und arbeiten im Idealfall das Feedback der Kunden gleich ins Produkt mit ein. 
Einer, der diese Abläufe sehr gut kennt, ist Sander van de Rijdt. Zusammen mit seinen vier Gründerkollegen hat er 2013 das Startup Planradar aus dem Boden gestampft. Das Team hat eine Applikation entwickelt, die auf Baustellen für Mängelmanagement und Baudokumentation eingesetzt wird. Mit dem Tablet oder Smartphone können mehrere Baufirmen und Subunternehmer auf Basis eines gemeinsam Plans arbeiten, Informationen eintragen und Arbeitsschritte dokumentieren. 

Vom Startup zum großen Player

„Gerade haben wir ein umfangreiches Update ausgespielt, das es erlaubt, unser Produkt noch besser für den individuellen Bedarf anzupassen. Unser Fokus ist weiterhin eine einfache und schnelle Anwendung entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, so Van de Rijdt. Mittlerweile ist Planradar in 29 Ländern bei rund 2.000 Kunden vertreten. Vergangenen Herbst wurde es beim renommierten MIPIM Protech Summit in New York sogar als bestes Startup Europas und als eines der besten drei der „Digital Building Solutions“ ausgezeichnet.­ Das Erfolgsrezept: „Wir haben einerseits Leute, die aus der Branche­ kommen und deren Probleme sehr gut kennen. Andererseits ist es für Startups und neue Lösungen aber sehr wichtig, so früh und schnell wie möglich in den Markt zu gehen, um Kunden-Feedback zu bekommen und umzusetzen. Das haben wir von Anfang an gemacht. Unser Ziel ist es nun, bis Ende 2018 rund 5.000 Kunden im Portfolio zu haben.“ 

Günstiger Zeitpunkt, um einzusteigen

Doch die dynamische Entwicklung birgt freilich auch Risiken: Geschäftsmodelle funktionieren nicht oder Investoren schießen kein Geld mehr nach. Immerhin scheitern rund 54 Prozent aller IT-Start­ups in der Bauindustrie in den ersten vier Jahren. Für Van de Rijdt alles andere als ein überraschender Prozentsatz: „Die ersten drei Jahre sind wegweisend, danach entscheidet es sich meistens, ob das neue Produkt auch vom Markt angenommen wird.“ Und Scheitern müsse im Zusammenhang mit Startups sowieso in Relation gesehen werden, denn das sei Teil des Wesens, fügt Cronin hinzu. Ob es junge Unternehmen in der Baubranche schwerer als in einer anderen haben? Das glauben weder Cronin noch Van de Rijdt. „Ein Startup bedient einen Markt, den es meist noch nicht gibt, mit einem Produkt, das noch keiner kennt, mit einem Team, an das noch keiner glaubt. Das Risiko, dass dabei etwas schiefgeht, ist natürlich dementsprechend hoch. Aber das ist in allen Branchen so, nicht nur in der Baubranche“, sagt Cronin. Vielmehr sei gerade jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um mit neuen Ideen einzusteigen. „Startups sind derzeit ein sehr heißes Thema, auch in Österreich. Die Bauindustrie ist bis dato kaum digitalisiert, das heißt, es ist noch sehr viel Potenzial vorhanden. Gleichzeitig kommt bei den handelnden Personen immer mehr das Bewusstsein auf, dass es hier etwas zu tun gibt. Das sind definitiv günstige Voraussetzungen, um mit einer neuen Idee einzusteigen“, so Van de Rijdt. 
Und welche Rolle spielt der Standort Österreich? „Natürlich ist der kleine Markt eine Herausforderung, und auch die Risikobereitschaft der Investoren ist in Ländern wie Israel oder den USA höher. Anderer­seits gibt es kaum Länder, in denen Starter so viele Förderungen bekommen“, sagt Cronin. Was der gebürtige Hamburger hierzulande aber schon vermisst, ist das unternehmerische Denken. Und dabei gehe es nicht darum, dass jeder Unternehmer wird, sondern darum, dass man den Umgang mit Budget und Eigenverantwortung bereits in der Schule lernt. „Das ist wie im Sport. Wäre ein Marcel Hirscher mit 20 Jahren zum ersten Mal auf Ski gestanden, wäre sein Potenzial auch nicht so ausgeschöpft, wie es heute ist.“ Aber auch auf der anderen Seite müsse nun ein Umdenken stattfinden. „Für große Unternehmen ist es an der Zeit, den kleinen ein wenig Vertrauen entgegenzubringen. Wer ihnen zuhört und eine Chance gibt, der wird sicherlich nicht enttäuscht sein von dem, was in der Unter­nehmenswelt gerade passiert“, ist Cronin überzeugt.

 

Autor/in:
Theresa Kopper
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