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„Straße sollte teurer werden“

22.07.2011

Wegen der Rekordverschuldung sollte die Budgetkonsolidierung an erster Stelle stehen, meint Klaus Weyerstraß vom IHS – doch Österreich brauche auch eine hervorragende Infrastruktur. Mega-Tunnelprojekte seien für den Bau weniger förderlich, aber für die Volkswirtschaft als Ganzes positiv.

Bauzeitung: Herr Weyerstraß, der eben vorgestellte Wirtschaftsbericht 2011 konstatiert für die Gesamtwirtschaft ein Wachstum, während die Flaute am Bau weiter anhält. Waren die Maßnahmen gegen die Krise falsch?

Klaus Weyerstraß: In der Krise hat die öffentliche Hand viele Aufträge vorgezogen – entsprechend stark stiegen auch die Schuldenstände. Daher gibt es jetzt die Notwendigkeit einer Haushaltskonsolidierung. Die Entwicklung hat auch gezeigt, dass weite Bereiche der Wirtschaft von selbst aus der Krise gekommen sind, dass es also gar nicht notwendig war, so viel gegenzusteuern wie gedacht.


Bauzeitung:
Während die Staatsschulden auf Rekordhöhen steigen: Welche Rolle kann die öffentliche Hand als Auftraggeber einnehmen?

Weyerstraß: Dass der Staat derzeit auf die Bremse tritt und die Budgetkonsolidierung im Auge hat, ist sicher richtig. Auch ist es volkswirtschaftlich wichtiger, Geld für Bildung und Forschung auszugeben, also für Investitionen in die Zukunft, als für physische Werte wie Straßen und Schienenwege. Aber man darf nicht zu viel zurückfahren: Gerade ein Industrie­land wie Österreich ist auch auf eine gute Infrastruktur angewiesen. Wenn man die Schienenwege über den Semmering anschaut: Die stammen zum Teil noch aus der Kaiserzeit. Wie Sie allerdings wissen, sind bei den ÖBB die Schulden sehr hoch. Dagegen erwarten wir, dass die Baugenehmigungen nach einem Plus 2010 heuer weiter steigen.

Bauzeitung: Sind die Mittel für die thermische Sanierung zu hoch oder zu niedrig?

Weyerstraß: Diese Frage ist Sache der Politik, aber grundsätzlich ist die Maßnahme sehr positiv zu bewerten, auch, weil sie so personalintensiv ist – im Gegensatz zum Tunnelbau, wo große Maschinen zum Einsatz kommen.

Bauzeitung: Gerade dieser Punkt stößt in der Bevölkerung auf Ablehnung und ist auch in der Wirtschaft umstritten, etwa mit dem Hinweis, dass man für das Geld sehr viele Wohnungen bauen könnte. Wie sehen Sie das?

Weyerstraß: Für die Baubranche sind die Tunnelbauprojekte wohl weniger förderlich. Aber gesamtgesellschaftlich ist das schon sinnvoll, siehe Schweiz. Allerdings betreibt die Schweiz eine andere Politik: Sie verteuert die Straße und verlagert den Verkehr auf die Schiene. Die Straße teurer zu machen und für eine Auslastung bei den Tunneln zu sorgen – dagegen wäre nichts einzuwenden.

Bauzeitung: Die Straße teurer machen: Bei diesem Vorschlag bekämen Sie hier großen Gegenwind.

Weyerstraß: Ja, das wäre in der EU schwer machbar. Zwar haben neue EU-Richtlinien das Ziel, die Kosten der Umweltverschmutzung der Straße anzulasten, aber das ist weit von 100 Prozent entfernt. Wenn man die Straße stärker belasten würde, könnte man weit mehr Verkehr auf die Schiene bringen.


Bauzeitung:
Wie erklären Sie sich den großen konjunkturellen Unterschied am Bau in Österreich und Deutschland?

Weyerstraß: Das hat zwei Gründe. Erstens der Aufholprozess nach der Wende, da wurde zu viel gebaut – und danach ist der Bau jahrelang massiv eingebrochen. Zweitens die extrem niedrigen Zinsen. In Deutschland können Sie viel eher langlaufende Hypothekarkredite zu niedrigen Zinsen bekommen, und das ist auch etwas, wovon der Bau profitiert. Es ist also eine Korrektur nach zehn Jahren rückläufiger Entwicklung.


Bauzeitung:
Ein Aufschwung mit billigen Krediten hat allerdings spätestens seit Lehman einen unangenehmen Beiklang.

Weyerstraß: Diese Gefahr sehe ich weder in Deutschland noch in Österreich, und die Immobilienpreise steigen, anders als etwa in Spanien. Außerdem gehört Österreich immer noch zu jenen Ländern Europas, in denen die Bevölkerung wächst.


Bauzeitung:
Porr-Chef Karl-Heinz Strauss rechnet bis 2013 nicht mit einem nennenswerten Aufschwung am heimischen Markt. Wie sind Ihre Prognosen?

Weyerstraß: Wir sehen das ähnlich. Wir erwarten, dass es heuer eine Stag­nation und nächstes Jahr ein kleines Plus geben wird, und ab 2013 dann ein stärkeres Wachstum. Wir sehen also keinen Boom – rechnen aber damit, dass sich der Aufschwung nach einem leichten Plus im nächsten Jahr ab dem Jahr 2013 festigt.

Von Peter Martens

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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