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Studie

16.03.2005

Eine Studie erhebt schwere Vorwürfe gegen die Qualität am Bau. Wir konfrontierten Vertreter der Bauwirtschaft, diese reagieren energisch und weisen die Behauptungen schärfstens zurück.

Die Qualität am Bau leidet – behauptet die Studie Bauen & Wohnen. 620 gewerbliche und private Bauherren Österreichs wurden von Kreutzer Fischer & Partner befragt. Die Studie Bauen & Wohnen in Österreich befasst sich mit der Zukunft am Bau – ein Schwerpunkt der Untersuchung war die Qualität der gebauten Leistung. „Sowohl Bauträger als auch private Bauherren stöhnen immer lauter über Qualitätsmängel am Bau“, erklären Kreutzer Fischer & Partner. „Die Ergebnisse sind alarmierend“, so Andreas Kreutzer, Projektleiter der Studie.
„Die Studie ist eine Frechheit“, wettert Hans-Werner Frömmel, Landesinnungsmeister Bau Steiermark, „ich stelle alle Behauptungen in Frage. Die Studie ist nur einseitig und tendenziös – es ist eigentlich unglaublich, ich verstehe nicht, wozu solche Studien überhaupt gemacht werden.“ Eine weitere Aussage von Kreutzer Fischer & Partner ist, dass in fast 90 Prozent aller Wohnbau-Projekte nach der ersten Bauabnahme in mehr als drei Gewerken nachgebessert werden muss.
In 54 Prozent der Fälle mussten vor Bezug der Wohnungen noch schwere Qualitätsmängel behoben werden. „Dazu müsste man aber genau schauen, welche Art von Qualitätsmängel. Denn wir, das Bauhauptgewerbe, sind nicht für tropfende Wasserhähne verantwortlich“, kritisiert Frömmel. Bei 42 Prozent aller Projekte kam es laut Umfrage zu erheblichen terminlichen Verzögerungen. „Das kann so nicht stimmen und selbst wenn es zu Terminverzögerungen kommt, wir zahlen Pönalen, der Auftraggeber holt sich diese von uns.“ Auch Robert Jägersberger, Landesinnung Bau Niederösterreich, verwehrt sich massiv gegen die Vorwürfe und erklärt: „Wir Bauausführende brauchen vor Arbeitsbeginn Unterlagen, häufig bauen wir bereits und bekommen erst nachher Statik- oder Detail-Pläne. Wenn also die Vorleistungen bereits zu spät erbracht werden – was sollen wir tun? Die Erfüllung der Vorleistungen ist Auftraggebersache. Umso höher die Auftraggeberqualität, also die Bestellqualität, umso besser wird unsere Arbeit.“ Jägersberger räumt ein, dass ein enormer Preis-/
Kostendruck herrscht, bei großvolumigen Bauaufgaben kommt auch noch die Subunternehmerproblematik hinzu.

Enormer Termindruck
Frömmel weist den Vorwurf der Studie, dass am Bau „salopp mit Qualität und Terminen umgegangen wird“, massiv zurück: „Unglaublich! Noch nie wurde so verantwortungsvoll gearbeitet wie zurzeit.“ Kreutzer stellt jedoch fest: „Nachbesserungen werden bereits von vornherein einkalkuliert und auch terminliche Verzögerungen machen keinen Bauleiter mehr nervös. Terminzuverlässigkeit ist eher die Ausnahme als die Regel.“ Laut Interviews liegt dies jedoch nicht an den Betrieben, sondern ist Resultat einer Marktentwicklung, welche die Baubranche auch in den kommenden Jahren noch intensiv beschäftigen wird. Während sich die Baukosten seit 1990 um mehr als 45 Prozent erhöhten, konnten Preiserhöhungen nur im Ausmaß von 34 Prozent realisiert werden. Jägersberger bestätigt den Preisdruck: „Hauptsächlich die Lohnkosten sind gestiegen, aber auch die Materialkosten wie z. B. die Betonkosten sind explodiert. Die Baustoffpreise erhöhten sich um zehn bis 15 Prozent – diese Preissteigerungen müssen wir erst einmal unterbringen. Die Auftraggeber interessiert das nicht.“
Kreutzer stellt weiters fest, dass die lahmende Baukonjunktur zu einem enormen Verdrängungswettbewerb führt, „der mangels Alternativen primär über den Preis geführt wird. Der rasch wachsende Sektor der Schattenwirtschaft übt ebenfalls Druck auf die Baupreise aus. Und im privaten Wohnbau greift bereits mehr als jeder vierte Häuselbauer zu einem Fertigteilhaus.“
Jägersberger bestätigt, dass der Fertigbau nicht negiert werden kann: „Natürlich hat der Fertigbau ein Marktsegment, natürlich haben wir als auf Einfamilienhausbau spezialisierte Baumeister darauf reagiert – wir verkaufen ebenso ein fertiges Produkt, ein Einfamilienhaus. Und wir sind dabei, Marktanteile zu gewinnen.“
„Qualität am Bau ist der Zukunftsgarant für unsere Betriebe – nur über Qualität werden wir bestehen. Die Qualitätskriterien müssen klar sein, das Billigstbieterprinzip darf kein Thema mehr sein“, plädiert Jägersberger. Ebenso fordert Frömmel endlich das Bestbieterprinzip: „Der Preisdruck ist enorm – die Billigstbietertendenz ist zum Teil Schuld an Qualitätsmängeln.“

Gisela Gary

Die Studie
„Bauen & Wohnen in Österreich“
ist bei Kreutzer Fischer & Partner Consulting GmbH erhältlich:
Tel. 43-1/470 65 10-0.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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