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Das Millerntor auf St. Pauli war ein sehr emotionales Stadionprojekt mit einem für alle Seiten zufriedenstellenden Ergebnis.

Traumfabrik Stadionbau

04.10.2017

Es gibt kaum Bauprojekte, die solche Emotionen wecken und bei denen so viele Wünsche ineinandergreifen müssen, wie Sport­stätten. Diesen Herausforderungen stellt sich mit Freude Claus Binz.

Seit 1904 wird auf dem Wiener Sportclub-Platz durchgehend Fußball gespielt. Nun soll er großzügig saniert werden.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt einem nicht. Gerade aus dem Flieger ausgestiegen und mit der S-Bahn am Wiener­ Hauptbahnhof angekommen, ist Claus Binz nach einer kurzen Begrüßung sofort in seinem Element: dem Sportstättenbau. „Heute geht es noch nach Linz zu einer Besprechung bezüglich des neuen Lask-Stadions, und am Mittwoch steht eine Gesprächsrunde mit dem Wiener Sport-Club bezüglich der Stadionsanierung an“, beschreibt der Geschäftsführer der Institut für Sportstättenberatung GmbH (IFS) seine weiteren Termine. Es wirkt, als könnte man ihn nicht mehr stoppen, wenn er einmal begonnen hat, über aktuelle Projekte und Entwicklungen zu reden.

Geliebt, gehasst

„Es hat verschiedene Gründe, warum mich der Sportstättenbau so fasziniert – einer ist sicherlich, dass Sportstätten Orte sind, mit denen jeder schon einmal etwas zu tun hatte“, beschreibt Binz seine Faszination. „Außerdem gibt es sonst kaum individualisierte Bauwerke, an die so viele Emotionen, Wünsche, Träume und Hoffnungen von so vielen Menschen geknüpft sind.“ Doch auch die wirtschaftliche Komponente spielt eine wesentliche Rolle. Schließlich finden je nach Ligazugehörigkeit nur eine gewisse Anzahl an Heimspielen pro Jahr statt, mit denen die Vereine Einnahmen lukrieren können, um schlussendlich auch ihre Sportstätte zu finanzieren. Jedes Projekt sei somit individuell zu betrachten, egal ob es dabei um die Machbarkeit, die Entwicklung, die Umsetzung oder den Betrieb, kurz die vier nach IFS definierten Phasen eines Projekts, geht.

Allein die Entwicklung einer Machbarkeitsstudie im Spannungsfeld Verein, Fans und Politik stellt eine große Herausforderung dar. „Es gilt, einen Kompromiss zu erarbeiten, der einerseits beinhaltet, was wirklich benötigt wird, und andererseits, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um das zu erreichen“, so Binz. Ausgeschrieben werden dann alle vom Unternehmen entwickelten Projekte in einem kombinierten Planungs- und Bauwettbewerb, der sich nur an Totalunternehmer – bestehend aus einem Bauunternehmen, einem Planer und einem Fachplaner – richtet. „Die Architektur, die städtebauliche Einbindung, die Funktionalität, die Wirtschaftlichkeit sowie die Kosten und ein innovatives Energiekonzept“ seien wesentliche Kriterien in diesem Entscheidungsprozess. Diese Strategie sowie auch das Vier-Phasen-Konzept werden weltweit bei allen Projekten angewendet, dennoch müssen die Eigenheiten des jeweiligen Landes berücksichtigt werden und in diese einfließen.

Vorzeigeprojekt und Eigenheiten

„Das österreichische Baurecht hat uns bei der Planung des Allianz- Stadions von Rapid Wien doch sehr überrascht“, beschreibt Binz seine damaligen Eindrücke. „In Deutschland gibt es ein Amt, an das man sich wenden muss, in Österreich braucht man drei Genehmigungen – eine baurechtliche, eine gewerberechtliche und eine veranstaltungsrechtliche – von unterschiedlichen Institutionen, die weder untereinander abgestimmt sind, noch miteinander reden.“ Zusätzlich fehlt in Österreich noch eine geeignete Rechtsgrundlage zur Genehmigung von Stadien. Die Stadien der Europameisterschaft 2008 mussten beispielsweise nach deutschem Recht gebaut werden.

Eine weitere Eigenheit der heimischen Fußballliga, die auf lange Sicht eine wesentliche Rolle in der Planung von Stadien spielt, ist das zahlenmäßige Fehlen der Auswärtsfans. „Ein Auswärtssektor ist verpflichtend, dennoch wird dieser in der österreichischen Bundesliga unserer Erfahrung nach maximal drei Mal im Jahr voll sein“, erklärt der deutsche Sportstättenentwickler. „Das heißt, der Verein muss, egal wie viel Zuschauerpotenzial er hätte, damit leben, dass maximal drei Spiele der Saison ausverkauft sein werden. Der Auswärtssektor muss aber auch für fünf Leute geöffnet werden.“ Ein wichtiges Detail, das in die finanzielle Planung einfließen muss. Positiv überraschend war für Binz jedoch, dass die Auslastung und der Umsatz der Gastronomiebetriebe im Stadion weit über den deutschen Referenzwerten liegen und somit einen deutlich wichtigeren Wirtschaftsfaktor darstellen. Mit dem „Endprodukt“, dem Allianz-Stadion, zeigt sich Binz sehr zufrieden, das Projekt hätte auch in Österreich weitere Türen geöffnet.

Zwischen Wien und Linz

Weitere drei heimische Stadionprojekte stehen zurzeit in der Pipeline der IFS, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist einerseits der Wiener Sportclub-Platz. Der älteste durchgehend bespielte Fußballplatz Kontinentaleuropas ist in die Jahre gekommen und bedarf einer umfassenden Sanierung. „Geplant und notwendig wäre nach unserer Machbarkeitsstudie der Neubau von drei Tribünen, nun ist die Frage, ob der Verein die Grundlage für die Finanzierung bewerkstelligen kann“, beschreibt Binz den aktuellen Stand. „Dementsprechend gibt es drei ausgearbeitete Varianten der Sanierung des Stadions, die sich sowohl in der Bau- als auch Finanzierungslösung unterscheiden.“ Die Entscheidung, welche Version schlussendlich umgesetzt wird, liegt nun beim Wiener Sport-Club. In Linz hat man die erste Projektphase auch abgeschlossen. Der Lask, der derzeit in der Paschinger TGW-Arena seine vorübergehende Heimat gefunden hat, und das Land Oberösterreich einigten sich auf einen Neubau als sinnvollste Lösung. Momentan befindet man sich auf Standortsuche, „eine heikle, aber spannende Angelegenheit“.

Umstrittenes Herzstück

Das wahrscheinlich größte und herausforderndste heimische Stadionprojekt, an dem die IFS zurzeit arbeitet, ist der geplante Umbau des Wiener Ernst-Happel-Stadions zu einem reinen Fußballstadion. „Das Dach und die Fassade des Stadions stehen unter Denkmalschutz, und die reine Auslastung durch die österreichische Fußballnationalmannschaft ist gering“, meint Binz. „Wir haben der MA 51 und dem Ministerium für Landesverteidigung und Sport eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, die drei Szenarien beinhaltet.“ Man könnte die Tribünen tiefer ziehen, das gesamte Stadion aushöhlen und neu „einrichten“ oder einen Neubau an anderer Stelle andenken. Die beiden ersten Ansätze scheitern am Denkmalschutz des Daches, da dieses weder verändert noch nachgerüstet werden darf und somit die neuen Sitzplätze der Witterung ausgesetzt wären. Zusätzlich kann das Spielfeld aufgrund des hohen Grundwasserstands vor Ort nur schwer abgesenkt werden. Somit bliebe nur ein Neubau als Alternative. Da man vom Standort Wiener Prater nicht abweichen will, könnte also schon bald ein Nationalstadion neben dem Ernst-Happel-Stadion stehen. Bis Ende des Jahres soll diesbezüglich eine Entscheidung getroffen worden sein, im Moment befindet man sich in Gesprächen mit dem Bundesdenkmalamt über etwaige Möglichkeiten.

Wie es der Zufall so will, läutet in diesem Moment das Telefon: das Ministerium. Binz soll bei einer Besprechung anwesend sein, die in 15 Minuten startet. Also noch ein Termin in Wien, bevor es nach Linz geht. Die Frage nach seinen Lieblingsprojekten beantwortet er noch zwischen Kaffeehaus- und Taxitüre: „Das Millerntor auf St. Pauli – kompliziert, aber die Mühe wert – und unser bisher größtes Projekt: die King Abdullah Sports City in Saudi-Arabien.“ 

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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