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"Ein wichtiger Punkt ist die Frage, wie sehr ich über­leben will. Wenn man schon seit Jahren überlegt, etwas anderes zu machen oder den Betrieb zusperren will, ist der Wille, durchzuhalten und weiterzumachen, sicher gering", sagt Universitätsprofessor Jürgen Huber.

Universitätsprofessor Jürgen Huber: Starker Wille zum Überleben nötig

21.04.2020

Universitätsprofessor Jürgen Huber über die Wege aus der Krise, die Vorteile von KMUs und durch die Corona-Krise beschleunigte Veränderungen.

Die Wege aus der Wirtschaftskrise sind vorgezeichnet, die Frage ist nur, welchen wir einschlagen werden. Geht es nach Jürgen Huber, Vorstand des Instituts für Banken und ­Finanzen sowie Professor für empirische Kapitalmarkt­forschung an der Universität Innsbruck, sollte man auf ein V hoffen, doch auch ein W würde die Wirtschaft überleben. Dabei könnten gerade Klein- und Mittelbetriebe aktuell punkten und die regionale ­Verwurzelung ein entscheidender Faktor zum Überleben sein. Vorausgesetzt die Liquidität stimmt und dass der Wille, durchzuhalten und weiterzumachen, nicht auf dem Weg verloren geht.

Welche Szenarien können sich für die österreichische Wirtschaft ergeben? 

Jürgen Huber: Wirtschaftskrisen sowie darauf folgende Erholungen hat es ja schon einige gegeben. Daraus weiß man historisch, wie diese ablaufen können, und kann auch jetzt mögliche Szenarien ableiten. Wir sprechen hier von Buchstaben: V, U, W und L. Das V steht dabei für eine Krise, in der die Wirtschaft nach dem schnellen Abfallen sich ebenso schnell erholt. Das funktioniert meist bei einem kurzfristigen, temporären Schock. Das U repräsentiert eine längere Talsohle, das heißt, die Wirtschaft braucht länger, um sich zu erholen. Die Möglichkeit, dass nach dem ­ersten Einbruch sowie Anstieg ein weiterer Einbruch folgt, symbolisiert das W. Das würde aktuell bedeuten, dass wir einen zweiten Corona-bedingten Shutdown haben, aus dem wir uns wieder erholen müssen. Am unerfreulichsten wäre ein L, also ein Absturz der Wirtschaft ohne Erholung. Das würde bedeuten, dass die Wirtschaft dauerhaft geschädigt wurde. Das sind die möglichen Wege in die Zukunft. Nun liegt es an der Politik, aber auch an uns allen natürlich, die Rahmenbedingungen zu schaffen, um hoffentlich eine V-Erholung zu ermöglichen.

Bilden die aktuellen Maßnahmen der Regierung eine gute Basis auf dem Weg zu einer V-Erholung? 

Huber: Meiner Einschätzung nach haben wir in ­Österreich vieles sehr gut gemacht. Wir haben ein solides Gesundheitssystem, in das im Vorfeld investiert wurde, wir haben eine disziplinierte Bevölkerung, die die Maßnahmen bis jetzt mitgetragen hat, und wir haben eine Regierung, die früher als viele andere drastische Schritte eingeleitet hat. Demnach ist ­Österreich auch eines der Länder, die zu einem früheren Zeitpunkt den Shutdown beenden können. Aktuell scheinen die Rahmenbedingungen in Österreich für eine V-Erholung zu stimmen, während beispielsweise in Italien vieles auf ein L hindeutet. 

Würde Österreich einen zweiten temporären Shutdown aufgrund von Corona, also eine W-­Erholung, wirtschaftlich überleben?

Huber: Es ist ein mögliches Szenario, hier gilt es besonders die Entwicklung der Pandemie in den asiatischen Ländern zu beobachten. Ausgehen würde es sich wahrscheinlich schon. Wir sind in diese Wirtschaftskrise mit 70 Prozent Staatsverschuldung ­hineingegangen, wir haben wahrscheinlich bald 85 Prozent erreicht. Warum? Weil wir erstens sehr viel ausgeben und ein riesiges Budgetdefizit haben, und weil zweitens die Wirtschaft schrumpft. Bei einem zweiten Shutdown könnten wir auf 100 Prozent kommen, aber auch das kann Österreich stemmen. Italien ist mit 130 Prozent in die Krise hineingegangen, die USA mit rund 110 Prozent. Wir haben also den Spielraum, eine zweite Welle abzufangen. Was mir Sorgen macht, ist die Arbeitslosigkeit. Wir haben aktuell (15. 4. 2020, Anm. d. Red.) eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent. Hinzu kommen noch 13 Prozent in Kurz­arbeit. Wenn aus der Kurzarbeit Arbeitslosigkeit wird, haben wir ein echtes Problem. Österreich hat einen finanziellen Spielraum, aber kaum beim ­Arbeitsmarkt.

Da viele Unternehmen der Baubranche Klein- und Mittelbetriebe sind: Wovon hängt deren Überleben aktuell ab?

Huber: Einer der Kernpunkte ist definitiv die Liquidität, also habe ich das Geld bzw. den Bankspielraum, um meine unbedingt notwendigen Ausgaben tätigen zu können. Dazu gibt es zum Glück den Härtefallfonds und gewisse Rettungspakete. Trotzdem darf man nicht vergessen: Da geht es nicht um das große Geld. Mit 6.000 Euro für drei Monate kommt man vielleicht alleine durch, Mitarbeiter und Firmen­gebäude zu ­finanzieren wird schon schwierig. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Frage, wie sehr ich überleben will. Wenn man schon seit Jahren überlegt, etwas anderes zu machen, oder den Betrieb zusperren will, ist der Wille, durchzuhalten und weiterzu­machen, sicher gering. Ein dritter Punkt ist die Perspektive, wann ich wieder zum Normalbetrieb zurückkehren kann. Diese drei Aspekte hängen voneinander ab – und damit auch das Überleben des Betriebs.

Gibt es Vorteile für regional agierende Unternehmen, wie sie in der Baubranche üblich sind?

Huber: Dabei gilt es mehrere Perspektiven zu betrachten. Einerseits kommen wir als Staat Österreich relativ gut durch die Krise. Es ist Geld vorhanden, und auch die Solidarität spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Andererseits sind regionale Unternehmen nicht auf die großen internationalen Liefer­ketten angewiesen. Wenn ich zum Beispiel auf Produkte aus China angewiesen bin, habe ich ein Problem, da die Lieferketten gerissen sind. Ein zusätzlicher Pluspunkt ist eine loyale Kundschaft. Die meisten kleineren Unternehmen sind regional stark verankert, und man spürt die vermehrte Bereitschaft, in regionale Leistung zu investieren, die Qualität auch über den Preis zu stellen. Was ebenfalls helfen kann, ist, dass der Kapitalbedarf eines kleinen Unternehmens vergleichsweise gering ist. Dieser Vorteil kann vor allem EPUs das Überleben sichern.

Also steht es im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht für die kleinen heimischen ­Unternehmen?

Huber: Ich bin prinzipiell lieber ein Bauunternehmen in Österreich als in Italien, Spanien oder sonst wo. Wir haben einfach ein besseres Gesundheits­system, ein besseres Sozialnetz und können aktuell auf staatliche Unterstützung zurückgreifen.

Lieferketten: Inwieweit sind diese aktuell international und national aufrechtzuerhalten, und welche Auswirkungen ergeben sich für die Wirtschaft?

Huber: Der internationale Handel war die letzten drei Jahre aufgrund des Handelskrieges zwischen den USA und China schon sehr stark im Umbruch. Zusätzlich ist der Lohnkostenvorteil vieler Länder über die letzten Jahre immer weiter geschrumpft. Es waren also schon viele Unternehmen am Überlegen, ob das ganze Outsourcing und Produkte aus China zukaufen überhaupt noch viel Sinn macht. Dieser Prozess wurde durch die Corona-Krise nochmals beschleunigt. Produktion wird aus Asien wieder zurück nach Europa geholt. Am prominentesten sind diese Bewegungen aktuell in der Medizin, wo die Abhängigkeit von Asien immens ist. Dieser Trend zieht sich aber durch alle Branchen und wird auch vor dem Baugewerbe nicht haltmachen. 

Daraus ergibt sich aber auch, dass Produkte teurer werden müssen.

Huber: Definitiv. Was uns die Krise aber vielleicht auch lehrt, ist, dass wir weniger in Quantität, dafür aber mehr in regionale Qualität investieren sollten. 

Glauben Sie daran, dass dieser Trend zur Rationalität die Krise überleben wird?

Huber: Ich glaube schon, dass die Corona-Krise tiefere Narben hinterlässt und ein Dauereffekt eintreten kann. Vielleicht bleibt nicht der volle Effekt erhalten, eher gegen 30 Prozent davon, aber das ist auch schon einiges. Geht es um größere Unternehmen, bestehen sowohl ökonomische Vorteile als auch Zwänge durch außereuropäische Produk­tionsstätten weiterhin, und einiges davon kann, wirtschaftlich sinnvoll betrachtet, nicht verändert werden.
 
Gibt es eine Art Point of no Return, an dem man den Lockdown beenden muss, um die österreichische Wirtschaft nicht zu gefährden?

Huber: Ein kritischer Punkt wäre erreicht, wenn den Unternehmen, die jetzt ihre Mitarbeiter halten wollen und in Kurzarbeit geschickt haben, die Perspektive abhandenkommt, wenn Kurzarbeit zur Massenarbeitslosigkeit wird. Wann dieser Punkt erreicht ist, ist für jedes Unternehmen individuell zu betrachten. Dennoch muss die Regierung diesen Balanceakt zwischen gesundheitlichem und wirtschaftlichem ­Risiko gut hinbekommen und den Peak bei den ­Arbeitslosenzahlen so niedrig wie möglich halten.

Werden wir nach der aktuellen Wirtschaftskrise wieder zum neoliberalen Wirtschafssystem zurückkehren, oder sehen Sie die Möglichkeit eines Wandels?

Huber: Ich glaube nicht, dass sich am System selber sehr viel ändern wird. Die Krise wird als Gesundheitskrise gesehen, die eine Wirtschaftskrise ausgelöst hat. Kritik am Wirtschaftssystem kommt daher nicht auf, wodurch es auch nicht infrage gestellt wird. Das ist bedauerlich, da die Krise auch eine Chance wäre, vieles in unserer Wirtschaft zu überdenken und regionaler und nachhaltiger aufzustellen.

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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