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Urbaner Ballungsraum Amsterdam

23.05.2007

„Die Niederlande sind ein Land der Superlativen“, das zeigte sich bei der diesjährigen Studienexkursion des Verbands für Wohnbauförderung (vwbf) in die niederländische Hauptstadt. Mit einer Fläche von knapp 42.000 Quadratkilometern und einer Einwohnerzahl jenseits der 16 Millionen leben verglichen mit Österreich in den Niederlanden doppelt so viele Menschen auf der Hälfte der Fläche der Alpenrepublik.

Rund 480 Einwohner pro Quadratmeter zählt die Statistik und damit gehört der nördlichste der Beneluxstaaten zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Erde. Über die Hälfte des Landes wurde in den vergangenen Jahrhunderten durch Trockenlegung und Neulandgewinnung dem Meer abgerungen. Rund ein Viertel der Niederlande liegt bis zu sechs Meter unter dem Meeresspiegel. So wie beispielsweise Schiphol – der drittgrößte Flughafen auf dem europäischen Festland. Vier Jahre dauerte die Trockenlegung des Haarlemmermeeres, auf dessen Grund zu Beginn der 1920er-Jahre eine der heute wichtigsten Drehscheiben im internationalen Flugverkehr errichtet wurde. Und so ist es auch nicht auf eine Fehlfunktion in der Cockpitanzeige zurückzuführen, wenn nach Erreichen des Nullpunktes auf der Messskala noch rund drei Höhenmeter mit dem Flugzeug zurückgelegt werden müssen, bis man tatsächlich wieder festen (Meeres-)Boden unter den Füßen hat.

Umkehr in der Förderpolitik

Wer heute in Amsterdam über eine leistbare Wohnung verfügt, kann sich glücklich schätzen. Denn Wohnraum ist in der dynamischen Metropole an der Amstel ein seltenes Gut. Bis zu 20 Jahre muss man auf eine geförderte Mietwohnung warten. Die Mietpreise im gemeinnützigen Sektor sind vergleichsweise moderat, unterliegen aber einem strengen Reglement: Eine Förderung in Form von Mietbeihilfe bekommen nur einkommensschwache Haushalte bis zu einer Gesamtmiete von maximal 615 Euro monatlich. Wer teurer Wohnen will hat es schwerer und muss ein monatliches Nettoeinkommen nachweisen, das mindestens dem Dreifachen der Monatsmiete entspricht. Damit will die Stadtregierung sicherstellen, dass Mieten auch immer bezahlt werden.

Eine ähnliche Durchsetzungskraft legten die Amsterdamer Stadtväter auch schon in der Vergangenheit an den Tag. In den 1980er-Jahren hatte die niederländische Hauptstadt ein für europäische Großstädte ungewöhnliches Problem – ein Überangebot an billigen Sozialwohnungen. Gleichzeitig herrschte ein Mangel an hochwertigem Wohnungsangebot. „Diesem Problem begegnete die Stadtregierung mit einer radikalen Korrektur in der Wohnbauförderpolitik“, erklärt Jeroen Van der Veer von der Amsterdam Federation of Housing Associations. „Alle offenen Förderzusagen wurden mit den ausständigen Darlehen der Housing Associations gegengerechnet. Innerhalb eines Jahres wurde im Zuge dieser 17 Milliarden Euro schweren Transaktion die bis dahin geltende Wohnbauförderung abgeschafft. Die Objektförderung wurde zugunsten einer stärkeren Subjektförderung aufgegeben“, so Van der Veer weiter. Objektförderungen werden heute nur noch für Revitalisierungen oder bei außerordentlichen Kosten für die Erschließung von neuem Bauland gewährt.

Diese gewaltige Trendwende hat nicht, wie vielfach befürchtet, zum Ende des sozialen Wohnbaus in Amsterdam geführt. Die gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften sind heute für rund 80 Prozent des Neubauvolumens verantwortlich und halten rund 55 Prozent des Amsterdamer Wohnungsbestandes. Damit liegt Amsterdam ungeschlagen an der europäischen Spitze – sogar noch vor Wien, das seit jeher über einen starken gemeinnützigen Anteil am Wohnungsmarkt verfügt.
„Dennoch kann man das Amsterdamer Modell nicht als Vorbild für die heimische Wohnbaudiskussion heranziehen“, warnt Eva Bauer, wohnwirtschaftliche Referentin des Verbandes der gemeinnützigen Bauvereinigungen (GBV). Der grundlegende Unterschied liegt laut Bauer vor allem in der Bodenbereitstellung für geförderte Wohnbauprojekte. „In Österreich sind die Grundstückspreise im Bereich des Neubaus ein immenser Kostenfaktor und wirken sich ganz erheblich auf die Gesamtkosten aus“, erklärt Karl Wurm, Obmann des Verbandes Gemeinnütziger Bauvereinigungen: „In den Niederlanden sieht das anders aus. Hier werden die Grundstücke sehr günstig von den Städten oder Gemeinden an die gemeinnützigen Wohnbauträger abgetreten.“ Bauer spricht in diesem Zusammenhang von einer „Grundstücksförderung für die Wohnbauträger“.

Wohnen am und im Wasser

Bauland ist allerdings Mangelware in Amsterdam, der Flächen- und Wohnungsbedarf aber nach wie vor ungebremst. Deshalb muss immer mehr bebaubare Fläche aus dem Meer gewonnen werden. Auch ein Großteil des heutigen Stadtgebiets von Amsterdam ist durch Trockenlegung von Meeresboden oder durch Aufschüttung von künstlichen Inseln entstanden. Selbst das historische Stadtzentrum steht auf Millionen von Tannenholzpfählen, womit der weiche, sandige Untergrund überhaupt erst bebaubar gemacht werden musste. Die Holzpfähle sind heute Stahlbetonpylonen gewichen, die metertief in den schlammigen Boden getrieben werden, um den neuen Bauprojekten einen ausreichend stabilen Untergrund zu bieten. Seit Ende der 1980er-Jahre haben sich auf diese Weise mehrere Stadteile aus dem Wasser erhoben. Im östlichen Hafengebiet – auf den ehemaligen Docks am KNSM-Eiland, Javaeiland, Borneo oder Sporenburg – leben heute mehr als 15.000 Menschen in rund 6.000 Häusern. Die Inseln sind untereinander durch Brücken verbunden. Eine öffentliche Buslinie stellt den Anschluss zum Zentrum her. Knapp zehn Minuten beträgt die Fahrzeit von dem am weitesten entfernten KNSM-Eiland bis zum Hauptbahnhof.

Aktuellstes Projekt in der Geschichte der Stadterweiterung sind die künstlich angelegten Inseln im Ijmeer, dem südlichsten Teil des niederländischen Binnensees. Insgesamt sieben Inseln wird der neu geschaffene Archipel Ijburg umfassen. Mit den Bauarbeiten wurde 2001 begonnen. Die ersten beiden Inseln Haveneiland und Rieteiland werden gerade besiedelt. Um die Wohnbedürfnisse und -wünsche der künftigen Bewohner erfüllen zu können setzt man auf bauliche Vielfalt. Auf die traditionellen Vorgärten wird in der ersten Bauetappe zumindest auf dem Haveneiland verzichtet. Eine dichte Blockrandbebauung prägt das Bild der Insel – zu kostbar, um nicht genutzt zu werden, ist jeder Quadratmeter Bauland. Das wesentlich schmalere, vorgelagerte Rieteiland hingegen bekommt eine lockere Bebauung, vorwiegend mit Einfamilienhäusern. Weiter vom Stadtzentrum entfernt laufen Verkauf und Vermietung der Wohnungen derzeit noch sehr schleppend. Mit Fernsehwerbungen, großzügigen Rabatten beim Wohnungskauf und staatlichen Mietzinsbeihilfen sollen nun die nötigen Anreize geschaffen werden, um den Zuzug neuer Bewohner anzukurbeln. Bis 2012 sollen alle sieben Inseln bebaut und bevölkert sein, rund 45.000 Amsterdamer werden dann auf den vorgelagerten Inseln ein neues Zuhause gefunden haben. Die Wohnungsnot wird aber auch damit nicht beseitigt werden, und so sucht die Stadtverwaltung bereits jetzt nach neuen Mitteln und Wegen, das Stadtgebiet zu erweitern.

Tom Cervinka

Artikel aus: bau.zeitung 20/07, S. 36f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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