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Vergraben ist nicht weg

15.03.2006

Die Herausforderung liegt einerseits darin, Altlasten zu finden und zu bergen, die Deponie zu reinigen, andererseits aber auch darin, neues Bauland aus ehemaligen Müllplätzen zu gewinnen. Da es erst seit den 80er-Jahren eine strengere Gesetzgebung betreffend Abfallsentsorgung gibt, liegt auf ganz Österreich verteilt noch eine Fülle an mehr oder weniger schlimmen Altlasten vergraben. Bundesländer mit hohem Industrieunternehmensanteil sind von Altlasten stärker betroffen als zum Beispiel das Burgenland, wo in den Deponien eher harmloses Material lagert. Müllhalden, die Fässer mit Lack- und anderen Lösungsmittelrückständen verstecken, gibt es vor allem in Niederösterreich und im Umland von Wien. Vergraben ist nicht weg. Das Grundwasser ist in Gefahr: Vergraben ist zwar oberflächlich weg – doch im Untergrund gärt es zum Teil höchst gefährlich weiter. Ein Lokalaugenschein in der Angerlergrube in Theresienfeld bei Wiener Neustadt zeigte die umfassenden Bauaufgaben der Umwelttechnikexperten der Bauwirtschaft auf. Nach den ersten Erkundungen geht es direkt in die Erde. Und was dort alles buchstäblich auftaucht, erschrickt auch die hartgesottensten Chemiker. Fässer mit Chemikalien und alten Lackresten – wurden von Recyclingunternehmen zum Beispiel in der Angerlergrube stillschweigend entsorgt. „Das Unternehmen ist in Konkurs, wir haben heute keine Handhabe mehr gegen die ,Entsorgungsvorgangsweise’ des Recyclingunternehmens“, erklärt Josef Plank, Umweltlandesrat von Niederösterreich. Dies ist auch der Grund, warum 90 Prozent der Räumung der Angerlergrube aus dem Altlastensanierungsfonds bezahlt werden.

Gefährliche Stoffe
Nur zehn Prozent der Kosten entfallen auf den jetzigen Eigentümer Alexander Angerler. Keine Aufzeichnungen führen die Experten, die mit der Räumung der Angerlergrube beauftragt sind, ans Ziel – lediglich der Spürsinn der Umwelttechniker bringt so manche Altlast ans Tageslicht. Gearbeitet wird wie auf der Neugeborenenstation. Weiße Anzüge für die Chemiker, Luftfilteranlagen für die Lenker der Baufahrzeuge – die Türen der Bagger, Radlader und Riesenkipper müssen während der Arbeit in der Grube immer geschlossen bleiben. Nach den Erkundungen wird Meter für Meter umgegraben, ausgehoben, untersucht.
Die ehemalige Angerler-Schottergrube ist wie die Fischer-Deponie durch Ammonium, Chloride, Phenole und verschiedene Kohlenwasserstoffverbindungen verunreinigt. Die Sanierung umfasst die Bergung und Entsorgung bzw. Wiederverwertung von insgesamt 232.000 Tonnen Bodenaushub, Abfall und kontaminiertem Untergrund. „In den oberen Schichten finden wir zum Teil nicht verunreinigten Bodenaushub – die tatsächlich gefährlichen Abfälle erwarten wir im unteren Bereich, der bis in eine Tiefe von 18 Meter liegen wird“, erklärt Friedrich Wilhelm Budde von Bilfinger Berger. Bis dato wurden 25.000 Tonnen unbedenkliche Abfälle geborgen sowie 75.000 Tonnen sauberer Bodenaushub, der für die Wiederverfüllung verwendet werden kann. Mit der Räumung der Angerlergrube wird ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Grundwasserreserven in der Mitterndorfer Senke gesetzt: „Ziel der niederösterreichischen Umweltpolitik ist, die Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Luft nachhaltig zu sichern. Weitere Altlasten wie Blumau, Tuttendörfel, die Aluminiumschackendeponie zwischen Wiener Neustadt und Weikersdorf und die Theresienfelder Betonfelder werden nun nach und nach saniert“, so Plank.
Die Räumung der Angerlergrube ist mit 24 Millionen Euro veranschlagt – ist Bilfinger Berger im Einsatz. Bis Oktober 2006 soll die Angerlergrube fertig saniert sein. „Bevor wir uns jedoch an die wirklich gefährlichen Schichten heranwagen, wird aus Gründen des Arbeitnehmer- und Anrainerschutzes ein Teil des Bio-Puster-Systems zur Belüftung des abzubauenden Bodens zum Einsatz kommen. Die eigentlichen Räumungsarbeiten werden bis Juni laufen, die Wiederverfüllung und Rekultivierung wird im Oktober abgeschlossen sein“, erklärt Budde.
Michael Zorzi, Geschäftsführer der BundesaltlastensanierungsgmbH (Balsa) ist für die Sicherung oder Sanierung all jener Bodenaltlasten zuständig, die durch Kriegseinwirkung entstanden sind bzw. deren Verursacher nicht mehr greifbar sind. Aktuelle Projekte der Balsa sind die Projektsteuerung der Altlastsanierung Fischer-Deponie, Projektsteuerung und örtliche Aufsicht bei der Räumung des Recycling Point Blumau, Planung der Sicherungs- bzw. Sanierungsmaßnahmen der Kriegsaltlast Tuttendorfer Breite bei Korneuburg. Eine massive Altlast stellt das Projekt Aluminiumschlackendeponie zwischen Wiener Neustadt und Weikersdorf. „In Niederösterreich gibt es 56 registrierte Altlasten. Davon sind bereits 13 saniert, bei 18 läuft die Sanierung, bei weiteren sechs sind wir in der Planungsphase zur Sanierung. Für weitere 19 Altlasten sind zurzeit keine Maßnahmen absehbar. Seit 1989 wurden bei 30 Projekten 155 Millionen Euro in die Sanierungen investiert. Der geschätzte Mittelbedarf bis 2009 beträgt rund 105 Millionen Euro“, erklärt Plank das Auftragsvolumen für die Bauwirtschaft für die kommenden Jahre.
Die Sanierung von Deponien ist ein wichtiges Spezialgebiet der Bauwirtschaft. Darüber hinaus unterliegt der Bau auch bei allen Abbruch- und anderen Bauarbeiten, bei denen Bauschutt und andere Baurestmassen anfallen, dem Altlastensanierungsgesetz. Seit Jänner gilt das neue Alsag – welches den Recyclingkreislauf forciert. „Die Bauwirtschaft ist gut beraten, dem Gedanken des Gesetzgebers zu folgen und der verstärkten Kostenbelastung durch echte Kreislaufwirtschaft zu entgehen, z. B. durch qualitativ hochwertiges Baustoff-Recycling mit Güteschutz. Gleichzeitig ist deshalb vor dem Verwenden von nicht qualitätsgesicherten, aufgebrochenen Baurestmassen auf der Baustelle und vor dem Vermischen von Bodenaushub mit Bauschutt zu warnen“, erklärt Martin Car, Geschäftsführer des Österreichischen Baustoff-Recycling-Verbandes. Lesen Sie dazu bitte auch nebenstehenden Kommentar.
Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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