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Vom Herzen Europas ins Reich der Mitte

21.03.2006

Vorbei an schwer beladenen Lkw-Kolonnen, die Brennöfen des Zementwerks im Rückspiegel, führt der verwinkelte Weg zum Firmensitz der Schmid Industrieholding in Wopfing.
Leicht zu finden ist das frisch renovierte Herrenhaus aus der Jahrhundertwende nicht. Lediglich ein schmaler Schriftzug in goldenen Lettern auf weißem Grund weist die Richtung zur Denkfabrik des Baustoffriesen. Nach der letzten Straßenabzweigung gibt eine imposante, von hochaufragenden Eichen geschmückte Auffahrt den Weg frei zur Geburtsstätte einer Baustoffdynastie, die in der heimischen Bauwirtschaft ihresgleichen sucht. Im neu errichteten Wintergarten empfangen uns Vater Friedrich und seine beiden Söhne Peter und Robert Schmidt. Eine Prämiere: Zum ersten Mal in der Geschichte des Unternehmens steht das erfolgverwöhnte Baustoff-Triumvirat Rede und Antwort zum Aufbau des international tätigen Firmenimperiums.

Mit dem Mini nach Amerika
Seit knapp vier Jahrzehnten zeichnet Friedrich Schmid für die Geschicke des Konzerns verantwortlich. Nach zwei Herzinfarkten des Firmengründers lag es ab 1969 an dem damals 26-jährigen Friedrich, den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Für den Absolventen der Montanunion in Leoben war es ein Sprung ins kalte Wasser.
Der väterliche Beistand in den ersten Jahren der Selbstständigkeit und seine Auslandserfahrungen haben ihm geholfen, die Anfangsschwierigkeiten im Unternehmertum zu meistern.
Dass Friedrich Schmid ein Mann ist, der ungewöhnliche Wege zum Erfolg beschreitet, bewies er schon in jungen Jahren. Mit seinem Mini-Cooper durchstreifte er die US-amerikanische Zementlandschaft und besuchte zahlreiche Produktionsstätten, immer Ausschau haltend nach innovativen Ideen und technischen Errungenschaften. „Ich war schon ein Unikum mit meinem Mini unter den riesigen amerikanischen Straßenkreuzern und sorgte allerorts für Aufsehen“, erinnert er sich an seine jugendliche Unbeschwertheit.
Dieser unbefangene Zugang war den Söhnen nicht gegönnt. Zu steil war die Vorgabe des Vaters. Nach dem Wirtschaftsstudium mussten sie sich ihre Sporen erst außerhalb des Familienunternehmens verdienen. Vor rund 16 Jahren stieg zuerst Peter Schmid in den Betrieb ein und übernahm die Geschäftsführung von Austrotherm. Knapp sechs Jahre später fand auch sein um zwei Jahre älterer Bruder Robert den Weg ins Familienunternehmen: „Nach meinen ersten Gehversuchen bei Baumit wollte ich einen eigenständigen Verantwortungsbereich übernehmen. Die Antwort meines Vaters war eindeutig“, so Robert Schmid. „Willst du Unternehmer werden oder nicht – hab ich ihn damals gefragt. Ein Unternehmer sucht sich seinen Aufgabenbereich selbst – gab ich ihm mit auf den Weg“, wirft Friedrich Schmid ein und weiter: „Entschuldigt, dass ich euch unterbreche, aber ihr kommt auch noch dran – dann, wenn es um die Zukunft geht“, mit dieser Ansage fällt Friedrich Schmid, Familien- und Firmenoberhaupt und viel dekoriertes Urgestein der heimischen Baustoffszene seinen Söhnen ins Wort. Friedrich Schmid hat viel zu erzählen und weiß sein Gegenüber mit schier unglaublichen Anekdoten aus über 40 Jahren leidenschaftlichem Unternehmertum in seinen Bann zu ziehen.
Seinen größten Coup landete er Ende der 1970er-Jahre mit dem Aufbau eines eigenen Zementwerks an den Argusaugen des allmächtigen Zementkartells vorbei. „Drei Jahre lang haben wir strengstes Stillschweigen bewahrt und nicht einmal im eigenen Unternehmen das Wort Zement auch nur in den Mund genommen“, lacht er und schlägt mit der Hand auf den Tisch. Erst als der Drehofen durch Wopfing „rollte“, fiel es den mächtigen Lobbyisten wie Schuppen von den Augen: Der junge Schmid hatte das Kartell in die Knie gezwungen und sich seinen Platz in der heimischen Zementlandschaft erobert.

Der Weg nach Osten
Als die ausländischen Zementgiganten im Vorfeld des österreichischen EU-Beitritts ante portas standen, hat er umsichtig und schnell reagiert. Mit dem Aufbau einer Transportbetonflotte schaffte er sich ein zweites, Gewinn bringendes Standbein im Kerngeschäft. Die Übernahme der Stuchez-Betonwerke legte die wirtschaftliche Basis dafür. Weiter Übernahmen folgten, Wopfinger Transportbeton schaffte den Aufstieg zu einem regionalen Player im Osten von Österreich und Schmidt Senior festigte nachhaltig seinen Ruf als zäher Verhandler mit unternehmerischen Weitblick, Handschlagqualität und Abschlussfreudigkeit.
Doch schon viel früher hat Schmid umsichtig agiert, erweitert und expandiert. Als einer der Ersten erkannte er das enorme Potenzial der thermischen Sanierung von Gebäuden. Mit der Übernahme von Nowotny sicherte er sich das Know-how des Polystyrol-Pioniers. Mit dem Markennamen „Austrotherm“ debütierte er unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf dem ungarischen Markt. Eine internationale Erfolgsstory nahm ihren Lauf. Die Entscheidung für Ungarn traf der passionierte Jäger nicht etwa infolge einer umfassenden Marktstudie oder fundierter Potenzialanalysen, sondern aus dem Bauch heraus und aufgrund seiner Affinität für Land und Leute. Heute findet man Austrotherm-Niederlassungen in Polen, der Slowakei, Ungarn, Serbien und Montenegro, Kroatien, Rumänien, Ukraine, Bulgarien, Albanien und der Türkei. „Wer langsam geht, kommt schneller ans Ziel“, lautet die Devise in Bezug auf die Expansion. „Im Grunde erfolgen unsere Expansionen Schritt für Schritt. Über den Vertrieb wird der Markt erschlossen. Passt der Umsatz, investieren in einen eigenständigen Produktionsstandort. So arbeiten wir uns nach Osten vor“, erläutert Peter Schmid, der von Beginn an maßgeblich zum Erfolg des Auslandsgeschäft beigetragen hat. Angesprochen auf die geografischen Grenzen der Expansion gibt Robert Schmid scherzhaft zum Besten: „Unser Ziel ist es, die Lücke zwischen Osteuropa und unserem Baumit-Standort in Peking zu schließen.“ Eine Expansion nach Westeuropa und Übersee steht nicht zur Diskussion. „Dort, wo die Märkte bereits ausgereizt sind, wollen wir uns nicht hineindrängen. Bloßer Verdrängungswettbewerb ist unsere Sache nicht. Wesentlich interessanter ist für uns beispielsweise das enorme Marktpotenzial in Indien oder Russland“, zeigt sich Friedrich Schmid investitions- und erweiterungsfreudig. Dass im Osten nicht alles Gold ist, was glänzt – diese Erfahrung mussten auch die Schmids machen. „Wirtschaftlich auf die Nase gefallen sind wir mit unseren Expansionsschritten bislang nicht. Aber bei der Auswahl unserer Führungskräfte haben wir gelernt, Vorsicht walten zu lassen“, erklärt Friedrich Schmid. Die Palette der negativen Erfahrungen reicht vom plumpen Griff in die Firmenkasse über Absprachen mit Konkurrenten bis hin zum Betrug im großen Stil. Dabei scheut Friedrich Schmid auch nicht vor detektivischer Kleinarbeit zurück und macht sich persönlich auf die Jagd, um schwarzen Schafen auf die Schliche zu kommen.

Herr im eigenen Haus
Anstatt sich den internationalen Kapitalmärkten zu verschreiben, beschreiten die Schmids seit jeher einen konservativen, aber nicht minder Erfolg versprechenden Kurs. „Wir lassen uns nicht durch Aufsichtsräte, Gremien oder externe Berater in unseren Entscheidungen beschneiden“, definiert Friedrich Schmid die Vorteile eines schlagkräftigen Familienunternehmens. So verlässt er sich in erster Linie auf seine langjährige Erfahrung und seine Intuition: „Natürlich basieren unsere strategischen Entscheidungen auch auf Markterhebungen. Aber mindestens ein Viertel treffen wir aus dem Bauch heraus. Der Rest ist einfach Glück.“
Entschlüsse im Familienbetrieb werden schnell getroffen – eine Chance, sich auch gegenüber Großkonzernen erfolgreich zu behaupten. Darüber hinaus ist damit aber auch die Geheimhaltung sichergestellt. Das simple Erfolgsrezept: „Man muss einfach gut verdienen und letztendlich gibt es ja auch noch die Banken“, so Friedrich, Peter und Robert Schmid unisono. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist die branchenunübliche, hohe Eigenkapitalquote. Natürlich wird auch bei den Wopfinger Baustoffspezialisten ein Expansionsvolumen von 55 Firmen in den vergangenen 16 Jahren nicht aus der Portokasse bezahlt. Jedoch befolgen sie die goldene Regel: Die Schulden sollten eine Größenordnung von 25 Prozent des Umsatzes nicht überschreiten.
Der wirtschaftliche Erfolg gibt dieser Philosophie recht. „Die Entwicklung ist seit den 1960er-Jahren stetig – von rund vier Millionen Euro Jahresumsatz konnten wir uns auf heute 810 Millionen Euro steigern.“

Mit Innovation an die Spitze
„Jedes Jahr eine Innovation“, lautet der Slogan, dem sich Baumit verschrieben hat. Seit nunmehr fünf Jahren tritt Robert Schmid im Rahmen des Baumit-Messeauftritts auf der Bauen & Energie in Wien den Beweis dafür an. „25 Prozent des jährlichen Umsatzes sollen mit Produkten erwirtschaftet werden, die nicht älter als fünf Jahre sind“, legt Robert Schmid die Latte sehr hoch. Die Schwierigkeit dabei liegt nicht im Finden von innovativen Produkten, sondern darin, mit Innovationen auch eine Umsatzsteigerung zu erzielen.
„Wir haben den Anspruch, tatsächliche Neuerungen auf den Markt zu bringen und nicht Dinge, die Show sind und nur vermeintlich innovativ erscheinen“, so Robert Schmid. Dieser qualitative Ansatz wird von den Konsumenten auch langfristig belohnt. Das belegen die eindrucksvollen Wachstumsraten der Holding. Ein Prozent des Jahresumsatzes der gesamten Schmid Industrieholding fließen jährlich in Forschung und Entwicklung.
Mit Spitzenwerten von bis zu fünf Prozent des Jahresumsatzes kann beispielsweise Austrotherm aufwarten. „Unsere Ideen passieren in der Regel wenig strukturiert, beispielsweise auch im Stiegenhaus oder beim traditionellen Mittagessen im Kreise der Familie“, umreißt Robert Schmid den Ideenfindungsprozess, der einen wesentlichen Anteil am Erfolg des Unternehmens trägt. „Zusätzlich kommt uns selbstverständlich auch der interne Wettbewerb zwischen den einzelnen Niederlassungen im In- und Ausland zugute“, ergänzt Peter Schmid.
Gebündelt werden die kreativen Leistungen im Kompetenzzentrum in Wopfing. Bevor eine Produktneuheit europaweit positioniert wird, muss sie ihre Feuerprobe auf dem heimischen Markt bestehen. „Erst wenn die Marktakzeptanz in Österreich – unserem schwierigsten Markt – sichergestellt ist, erfolgt der Schritt ins Ausland“, so Robert Schmid. Das Bewusstsein gegenüber Innovationen als entscheidender Faktor für nachhaltigen, wirtschaftlichen Erfolg ist im unternehmerischen Denken des Baustoffkonzerns seit jeher tief verwurzelt. Am Anfang stand eine österreichische Novität: Fertigprodukte wie der Hobby-Putz und der Hobby-Zement als Do-it-yourself-Anwendungen für den „Häuslbauer“.
Diese Produkte sind die Vorläufer der späteren Baumit-Produktfamilie – eine jener Ideen, die Friedrich Schmid von seiner abenteuerlichen Erkundungstour durch die Vereinigten Staaten mitbrachte.

Von Ruhestand keine Spur
Obwohl er seine Söhne damals beim Einstieg ins Unternehmen „an der langen Leine“ hielt, kann der erfolgsverwöhnte Baustoffpionier und vierfache Familienvater bis heute seine väterliche Patronanz nicht verbergen. Entgegen aller Erwartungen hat sich Friedrich Schmid schon vor Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Nach wie vor zieht er aber die Fäden im Hintergrund und zeichnet als souveräner Patriarch für die strategische Ausrichtung der, unter dem Dach der Schmid Industrieholding vereinten Baustoffunternehmen, verantwortlich. „In zwei bis drei Jahren werde ich mich gänzlich aus dem Geschäft zurückziehen“, legt Friedrich Schmid die Karten auf den Tisch. Das Funkeln in seinen Augen signalisiert aber etwas anderes und auch die noch vagen Pläne nach dem Ausstieg deuten nicht auf Ruhestand hin. So spielt er mit dem Gedanken, ein Hochhaus in Bratislava zu bauen, eine Marina in Kroatien zu errichten oder Raps in der ukrainischen Tiefebene anzubauen. „Im Notfall werde ich halt Präsident eines Briefmarkenvereins“, scherzt er übermütig, lehnt sich zurück und zieht genüsslich an seiner Havanna.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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