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Vordenker und Problemlöser

23.07.2010
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Von der Politik auf den Bau: Alfred Gusenbauer startete nach seiner politischen Laufbahn in der Wirtschaft durch. Souverän, analytisch und international bestens vernetzt, stellt er sich nun den neuen Herausforderungen.

Der Portier im Haus Teinfaltstraße 8 im ersten Bezirk in Wien schüttelt freundlich den Kopf: „Gusenbauer? Sagt mir nichts.“ Kanzlei Specht vielleicht? „Ja, klar, fünfter Stock bitte.“
Aus den Augen, aus dem Sinn – so geht’s so manchem Politiker. Nicht so Alfred Gusenbauer, der seit Juni Aufsichtsratsvorsitzender der Strabag SE ist. Die Bestellung an die Spitze des größten Baukonzerns Österreichs kam selbst für Insider überraschend.
Die noble Kanzlei Specht ist der Innenstadt-Bürostandort von Alfred Gusenbauer. Dort ist auch der offizielle Sitz seines Unternehmens „Gusenbauer Projektentwicklung und Beteiligung GmbH“.

Doch natürlich hat er auch bereits in der Zentrale der Strabag in Wien einen Schreibtisch. Ein ehemaliger Bundeskanzler in einem Baukonzern? Was versteht ein Politiker vom Bauen?
Genug. Als Sohn eines Bauarbeiters wuchs er in Ybbs an der Donau auf. Somit hatte er von klein auf einen Bezug zur Bauwirtschaft. Sein ursprünglicher Berufswunsch war diese Branche jedoch nicht: „Meine Eltern stellten mir die Ausbildung frei, mein Vater war Bauarbeiter, ein sehr liberaler! Er sagte damals zu mir, wofür du dich entscheidest, ich werde dich maximal unterstützen. Ich bestand die Aufnahmsprüfung im Gymnasium Wieselburg. Nach der Matura wollte ich studieren, er hat mir ausgerechnet, was er mir dazuzahlen kann, und ich begann zu studieren.“

Während des Studiums jobbte Gusenbauer bereits. Mit Nachhilfestunden besserte er sich seine erste Studienzeit auf. Doch das Studium stand für den früh an Politik interessierten und nach wie vor höchst politischen Menschen Gusenbauer (noch) an erster Stelle. Doch bereits nach zwei Jahren begann Gusenbauer hauptberuflich als Bundessekretär bei der Sozialistischen Jugend und dann als Vorsitzender zu arbeiten. 1990 begann Gusenbauer in der Arbeiterkammer mit dem Aufbau der Europaabteilung – also lange, bevor es überhaupt noch eine Europadiskussion in Österreich gab: „Bis zum Jahr 2000 blieb ich in der Arbeiterkammer, parallel dazu hatte ich meine politische Tätigkeit. Nach dem Ausstieg aus der Politik sprach mich die mir bereits bekannte Esther Koplowitz an, Mehrheitseigentümerin-Vertreterin der FCC, ob ich nicht quasi als Scharnier zwischen Österreich und Spanien zu ihnen kommen möchte.“


Netzwerker und sprachbegabt

Nach dem Jahr bei der Alpine bekam er Einblicke in die Baukonzernwelt: „Natürlich fand ich vor allem meine Tätigkeit auf dem osteuropäischen Markt sehr spannend. Doch dann fragte mich Hans Peter Haselsteiner, ob ich nicht als Aufsichtsratvorsitzender der Strabag zu ihm kommen will. Natürlich ist die Strabag eine andere Dimension, mit 14 Milliarden Umsatz und rund 70.000 Beschäftigten – und ich willigte ein.“ Hans Peter Haselsteiner und
Gusenbauer sind seit vielen Jahren befreundet.

Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Sie verstünden nichts vom Bau? Was qualifiziert Sie als Aufsichtsratschef?

„Der Punkt ist, die Rolle des Aufsichtsratschefs ist ja nicht die, tief in das Unternehmen einzugreifen – denn dafür gibt es die Vorstände. Meine Aufgabe besteht darin, die strategische Orientierung des Unternehmens mitzuentwickeln, die kaufmännischen Belange zu bewältigen wie auch dort, wo ich über ein gutes Netzwerk verfüge, nämlich im gesamten südosteuropäischen Raum und dem Nahen Osten, diese Kontakte der Strabag zur Verfügung zu stellen. Ich wäre auf der Baustelle sicher keine große Hilfe – aber dort liegen auch nicht meine Aufgaben und Kompetenzbereiche.“ Seine Netzwerkfähigkeiten perfektioniert Gusenbauer mit seiner Sprachbegabung – er spricht perfekt Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch.


Faible für Probleme
Ein junger Mann erscheint während des Interviews und erinnert an den Zeitplan: „Wir müssen um viertel vor fahren.“ – „Ja“, schmunzelt Gusenbauer, „zehn vor reicht auch.“ Ein Workaholic? Zumindest, so scheint’s, ein sonniger, stets gut gelaunter. Doch zumindest stressresistent dürfte er sein – vielleicht keine schlechte Voraussetzung für eine Führungsposition in der Bauwirtschaft. Die Projektentwicklung und Beteiligung GmbH gründete Gusenbauer im Dezember 2008, gleich nach seinem Ausscheiden aus der Politik. Unter anderem berät er die Sigma Holding, eine auf Immobilien spezialisierte Firma, mit Rene Benko an der Spitze, oder einen großen deutschen Medienkonzern. „Ich berate Unternehmen nicht im klassischen Sinn, sondern wesentlich breiter. Ich bin ein Problemlöser und ein Strategiefinder.“
 
Immobilien interessieren Gusenbauer ebenso wie das Baugeschäft. Der im Sternzeichen Wassermann geborene verfügt laut Eigendefinition über ein hohes Maß an Fantasie: „Meine Stärken sind sicher, dass ich Situationen sehr rasch erfassen kann, analytisch denke und einfach schnell im Erfassen, Verstehen und Bewerten von Problemen bin. Ich bin immer mit einem gewissen Zug aufs Tor unterwegs.“ Deshalb machen ihm seine häufigen Reisen auch nichts aus.

Als Schwäche sieht er zeitweilig seine offensichtlich angeborene Milde und Güte: „Aber ich bin eben so, ich bin gern mit Menschen und habe einen positiven Zugang zum Leben.“ Ungeduldig oder gar aufbrausend sind keine Charaktereigenschaften von ihm, was ihn aber zur Weißglut bringt, ist Dummheit und Ignoranz – doch als Politiker lernte er, sich in Geduld und in einer gewissen Großzügigkeit zu üben.

Wirklich grantig kann er dann manchmal aber werden, wenn „ich jemandem kooperativ begegne, und dieser dann die Erwartungen, die ich hatte, nicht erfüllt“.  Und wie funktioniert die Kommunikation und Zusammenarbeit mit Hans Peter Haselsteiner? „Bestens! Er ist eine starke Führungspersönlichkeit, hat seine Vorstellungen. Aber er ist kein Mensch des Justamentstandpunktes. Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere – aber wir passen perfekt zusammen.“

Mehr Flexibilität

Wie sehen Sie die Zukunft der Bauwirtschaft? „Wir sind sehr stark davon abhängig, wie sich die allgemeine Konjunktur entwickelt. Die Konjunkturpakete laufen aus, wir müssen uns darauf einstellen, dass wir es mit einer noch schwierigeren Marktsituation als bis dato zu tun haben werden. Doch eines, was ich kommen sehe, ist, dass die Bauwirtschaft in Zukunft noch viel mehr Flexibilität braucht. Die Menschen werden geografisch weitere Strecken zu ihren Arbeitsplätzen fahren müssen – denn es werden vermutlich gleich viele Leute wie heute am Bau arbeiten, aber eben an verschiedenen Standorten.

Die europäische Infrastruktur ist noch sehr lückenhaft, auch in Südosteuropa gibt es einen gewaltigen Aufholbedarf, hier warten viele Aufträge auf uns. Russland ist für uns z. B. ein großer Markt. Alle Preise für natürliche Ressourcen sind im Steigen. Russland wird auch in Zukunft über eine solide Einnahmenstruktur verfügen, um die notwendigen Investitionen zu bewältigen – das heißt: Dort müssen wir Aufträge lukrieren. Der öffentliche Stimulus hat sich in Österreich vor allem auf die sogenannten automatischen Stabilisatoren bezogen,

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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