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Peter Giffinger, CEO bei Saint-Gobain Österreich und Präsident bei respACT, über mögliche Konsequenzen der Corona-Krise.

Was bleibt von der Corona-Krise?

23.04.2020

Die Corona-Krise hat gezeigt: Das Rückgrat der Krisenbewältigung sind einmal mehr die heimischen Unternehmen, die mit kreativen Lösungen kurzfristig ihren Betrieb umstellen und dringend benötigtes lokal herstellen. Welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollen, analysiert Peter Giffinger, CEO bei Saint-Gobain Österreich und Präsident bei respACT in einem Gast-Kommentar.

Das Coronavirus ist von einer entfernten Gefahr in China zu einer akuten Pandemie avanciert, die ein Herunterfahren der Wirtschaft ausgelöst hat. Die Abhängigkeit von wichtigen Rohstoffen zum Beispiel für die Pharmaindustrie, oder die Knappheit von lebensrettenden Schutzmasken im Gesundheitsbereich wurden schmerzlich evident. Das Rückgrat der Krisenbewältigung sind einmal mehr die heimischen Unternehmen, die mit kreativen Lösungen kurzfristig ihren Betrieb umstellen und dringend benötigtes lokal herstellen. Welche Konsequenzen wir daraus ziehen sollen, analysiert Peter Giffinger, CEO bei Saint-Gobain Österreich und Präsident bei respACT in einem Gast-Kommentar.

1. Neuer Stellenwert für lokale Rohstoffsicherheit

Der Stellenwert einer lokalen Rohstoffsicherung ist mit der Corona-Krise in den Fokus gerückt und hat schmerzlich das Bewusstsein geschärft, nicht alle Schlüsselbereiche in andere Kontinente auszulagern. Natürlich auch aus Gründen der Nachhaltigkeit. Beispielsweise wird im Bergbau in Bad Aussee und Puchberg Gips, der Rohstoff für die Produktion der Rigips-Platten und -Putze unter nachhaltigen Rahmenbedingungen gewonnen und laut Natura 2000 wieder rekultiviert und der Umwelt zugeführt. Reserven dieser Art werden in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen.

2. Rohstoffe zu wertvoll für Deponien

Apropos Rohstoffknappheit, derzeit gehen viele Rohstoffe auf den Deponien verloren. Auch jene, wie beispielsweise Glas und Gips, die einer „echten Kreislaufwirtschaft“ entsprechen, da, anders als z.B. bei anderen recycelten Produkten, daraus wieder 1:1 dasselbe Produkt entsteht. Um diese wertvollen Ressourcen zu nutzen, fehlen derzeit die richtigen Anreize und Förderungen. Obwohl viele Hersteller schon mit innovativen Lösungen bereit stehen, beispielsweise weber.therm.circle, von Weber Terranova, eine Wärmedämmverbundfassade, die 1:1 nach dem Rückbau wieder eingebaut werden kann.

3. Co2 sparen und Kosten senken

Die Corona-Krise, zeigt zwar eine kurzfristige Erholung der CO2-Emissionen, hat aber laut Experten, keinen nachhaltigen Einfluss auf den Klimawandel. Im Gegenteil, da zu befürchten ist, dass die gesetzten Ziele zur Reduktion des CO2-Ausstoßes aufgrund des Spardrucks sogar in Gefahr geraten könnten. Neben dem Zurückfahren der fossilen Energie könnte ein zusätzlicher wichtiger Hebel von der Bauwirtschaft kommen: Heute können mit gleichen oder nur geringfügig höheren Kosten energieautarke Niedrigenergiehäuser gebaut werden. Diese Bauweise würde langfristig zu einem stabilisierenden CO2-Effekt beitragen und gleichzeitig die Kosten für Heizung und Gebäudekühlung praktisch auf null bringen. Der individuelle Kostendruck z.B. durch Arbeitslosigkeit, der nach Krisen wie der derzeitigen zu erwarten ist, könnte abgefedert werden. Auch Industrieanlagen sollten besser gedämmt werden. Laut Expertenschätzungen von „klimaaktiv“*) würde die konsequente Dämmung von technischen Anlagen zu einer Reduktion von bis zu sechs Prozent des Gesamtbrennstoffverbrauchs führen. In der Regel amortisieren sich der Austausch von älteren technischen Isolierungen oder darüberhinausgehende Maßnahmen schon nach wenigen Jahren. Saint-Gobain Isover wird mit seinem breiten Produkt-Portfolio, das von Wärme, Kälte-, Schall- bis hin zu Brandschutzisolierungen reicht, dieses Potential intensiv bearbeiten.

4. Krise beschleunigt Prozesse wie Digitalisierung

Dieser Tage wurde die Digitalisierung vom Trendthema zur Notwendigkeit, um Geschäftsprozesse weiter am Laufen zu halten. Auch wir von Saint-Gobain konnten unsere Geschäftsprozesse und die unserer Kunden Dank Digitalisierung am Laufen halten, nicht nur bei der Planung mit dem digitalen Bau-Management und systemübergreifenden BIM-Plugin, sondern auch beim täglichen Business ‑ vom Dokumentenlauf über unsere Homeoffice-Plattform bis hin zu digitalen Meetings. Die Corona-Krise sollte die digitale Transformation stark beschleunigen.

5. Wohnraum wird flexibler

Seit einigen Jahren wird bei Bildungs- und Bürobauten schon standardmäßig auf das Innraumklima Wert gelegt. Durch die Verbreitung von Homeoffice-Lösungen, werden Systeme für Raumakustik im Wohnbau Einzug halten. Lösungen wie beispielsweise Rigips Duo`Tech Schallschutzwände oder Akustikdecken mit innovative Lösungen von Ecophon könnten zukünftig auch in Wohnhäusern zum Standard gehören. Dämmung als Schutz vor der sommerlichen Überwärmung wird ebenfalls eine immer wichtigere Rolle spielen, um Energiekosten zu sparen. Zudem wird in Zukunft immer mehr Wert auf Flexibilität liegen. Etwa, um im Bedarfsfall ein Home-Office einzurichten. Oder Wohnräume seniorengerecht zu adaptieren, um möglichst lange zu Hause leben zu können. Flexibilität ist eine der großen Stärken des Leichtbaus. Aus unserer Sicht wird Trockenausbau in Zukunft noch stärker an Bedeutung gewinnen.

6. Vorfertigung legt weiter an Dynamik zu

Aus Gründen des Arbeitsschutzes, wird sich nach der Krise die modulare Bauweise noch schneller entwickeln. Die zunehmende Verlagerung von der Baustelle in die Vorfertigung wird auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken, der derzeit aufgrund der geschlossenen Grenzen wieder besonders evident ist. Saint-Gobain ist beim sogenannten seriellen Bauen ein innovativer, strategischer Partner z.B. für die Fertigteil- oder Holzbauindustrie.

7. Resilienter gegen Krisen durch Innovation

Die Krise sollte als Weckruf verstanden werden, um dem Thema Innovation in Europa wieder einen höheren Stellenwert einzuräumen. Beispielsweise könnten Finanzmittel der Corona-Hilfsprogramme mit Innovationsanreizen verknüpft werden. Neue Technologien wie beispielsweise künstliche Intelligenz, Robotics und neue Werkstoffe würden dazu führen, dass in Europa zukünftig nachhaltig und zugleich wettbewerbsfähig produziert werden kann. Das würde uns gegen zukünftige Krisen resilienter machen.

*) Quelle: Studie „klimaativ“, Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus
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