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„Was ist schlecht daran, wenn etwas billig ist?“

14.03.2017

Über die aktuellen Herausforderungen des Baunebengewerbes. Teil 2 der Diskussionsrunde unter der Leitung von Gisela Gary.

Teil 1 der Diskussion lesen Sie hier.

Die Qualität leidet – denn es geht nicht nur um die finanzielle Bedrohung durch die ausländischen Firmen, sondern es geht auch um die mangelhafte Qualität, oder?
Hermann Atzmüller: Auf jeden Fall. Die meisten Personen, die quasi ‚herüber arbeiten‘, haben keine Ahnung über unsere Vorschriften und Standards. Der Auftraggeber ist in vielen Fällen gar nicht gewillt, dass er die Baustelle koordiniert und kontrolliert, sondern er lässt das ausländische Unternehmen für die Qualität haften. Meist fordert der Auftraggeber dann auch noch einen Qualitätsabzug von 30 % und er freut sich, dass er billiger eingekauft hat. Mich wundert, dass sich die Versicherungsbranche bei diesen Vorgehensweisen so ruhig verhält. Haftung und Schadenersatzansprüche infolge mangelnder Bauausführung sowie Kontrolle werden in Zukunft erheblich zunehmen.

Othmar Berner: Was antworten wir, wenn einer sagt, was ist schlecht daran, wenn jemand so billig baut. Wir werden immer hingestellt, dass wir so teuer sind. Aus Konsumentensicht ist das ausschlaggebend. Der von uns werfe den ersten Stein, der bspw. bei einem Autokauf noch nie gehandelt hat. Also da müssen wir schon auch umdenken. Was ist schlecht dran, wenn etwas billig ist?

Helmut Mager: Also ganz ehrlich, ich kaufe aber auch kein Auto mit drei Rädern, nur weil es viel billiger ist, als eines mit vier.

Othmar Berner: Aber vielleicht definieren wir einmal, was wirklich günstig ist.

Erwin Wieland: Ja, was ist schlecht an billig, eine gute Frage. Ich fürchte, wir sind eine Neid- und Verhinderungsgesellschaft. Wie antworten wir, wenn etwas billig ist, mit ziemlicher Sicherheit, dass die Arbeit schlecht ist, weil den Nachbarländern ja auch die gute duale Ausbildung fehlt. Aber was wirklich schlecht ist, ist unsere Einstellung zum System, unser grundsätzlich gut funktionierendes Gesundheits- und Sozialsystem ist am Ende. Der Dumping-Preis ist generell das Problem, den für geringere Kosten werden Qualitätsabstriche hingenommen. Doch ich glaube, das Problem ist noch komplexer. Wir jammern auf hohem Niveau, genauso ist es bei den Themen faire Vergabe, Gewerbeordnung und Steuerreform. Wie lange diskutieren wir diese Themen schon? Unterm Strich kommt nichts raus, weil wir anscheinend mit unseren Vorschlägen wieder gegen EU-Richtlinien verstoßen. Doch wir hätten Möglichkeiten, wie bspw. die Schwellenwerteverordnung, bei der bis zu 300.000 Euro der Auftrag frei vergeben werden kann.

Atzmüller: Ich glaube, es fehlt an Information, man muss den Konsumenten darauf aufmerksam machen, dass auch er ein Arbeitnehmer ist. Sein Arbeitsplatz wackelt, wenn er dieses Lohn- und Sozialdumping-System unterstützt. Wenn es die Nachbarschaftshilfe nicht gäbe, gäbe es sehr viel weniger Einfamilienhäuser, denn ein Haus nur mit Professionisten gebaut, kann sich heutzutage keiner leisten. Solange die meisten Abgaben am Faktor Lohn ‚dranhängen‘ ist die Wirtschaft gezwungen, Arbeitsplätze so weit wie möglich einzusparen oder an billigere Unternehmen auszulagern.

Wedl-Kogler: In diesem Zusammenhang bin ich für das Luxemburger Modell, in der Zusammenarbeit zwischen Regierung, Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern wäre es dann möglich, auf die Entwicklung der Wirtschaftslage positiv einzuwirken und Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Beispiel ist der Wegfall der Mehrwertsteuer für private Hausbauer. Das könnte das österreichische Handwerk wieder attraktiver machen.  

Wolfgang Ivancsics: Wir haben ein Problem mit der Abwanderung von Bauaufträgen. Was fehlt ist die Bewusstseinsbildung. Die Botschaft müsste sein, regional zu kaufen und die regionalen Anbieter zu unterstützen. Schlimm sind vor allem die nicht gesetzeskonform erbrachten, grenzüberschreitenden Bauleistungen, denn wir sind dann die, die die Schäden aufgrund der mangelnden Qualität beheben müssen.

Hermann Atzmüller: Es gibt Scheinunternehmer und Subunternehmer, welche auf Baustellen tätig sind. Vor allem bei öffentlich ausgeschriebenen Aufträgen sind öffentliche Gelder im Spiel, deren Verlust uns am meisten schmerzt. Von Seite des Auftragsvolumens aus betrachtet ist da sicher ein großes Problem. Öffentliche Gelder werden von den Bewohnern Österreichs bezahlt und sollten der österreichischen Wirtschaft zur Verfügung stehen.

Warum werden dann nicht Rechnungen verlangt, sobald der Bauherr ein öffentliches Geld will?
Erwin Wieland: Ja das stimmt, doch auch eine Rechnungslegungspflicht verhindert nicht die Sub-sub-Vergabe, die ja meist der Knackpunkt ist. Da wären wieder die regionale Leistung und die Einzelvergabe sinnvoll. Wir hätten die Möglichkeiten, doch einem Generalunternehmer und Auftraggeber ist das völlig egal. Von ihnen bekommst du nicht einmal mehr eine vollständige Ausschreibung, sondern nur einen Plan und fertig.

Hermann Atzmüller: Gemeinden und Kommunen müssen sparen und haben nicht die personellen Möglichkeiten größere Bauaufgaben selber abzuwickeln. Dazu bedienen sie sich Totalübernehmern (TÜ) der Generalunternehmen (GU), welche ihre Projekte zu Fixpreisen abwickeln. Diese TÜ / GU fühlen sich jedoch nur den Preisvorgaben ihrer Auftraggeber verpflichtet und bedienen sich oft Sub- und Scheinunternehmen. Ich würde mir hierbei mehr Transparenz bei den Vergaben sowie der Abrechnungen wüschen (Faire Vergabe).

Othmar Berner: Bei größeren Projekten erhalten wir einen Preis vorgeschrieben. Dieser ist meist sehr knapp bemessen, um ihn einhalten zu können, müssen wir Leute finden, die den Auftrag mit uns gemeinsam erfüllen. In Oberösterreich gab es ein großes Baulos, das wurde an eine regionale Firma vergeben, die haben den Auftrag in Sub weitergegeben. Die letzte Firma in der Kette war aus Polen und bezahlte 3,00 Euro Stundenlohn an ihre Mitarbeiter. Doch bei diesem Fall sind alle Zwischenschritte korrekt eingehalten worden! Das ist in Wahrheit eine moderne Sklaverei.

Irene Wedl-Kogler: Das Problem im Gewerbe ist, dass Firmen entweder wachsen oder auf ein gesundes Maß schrumpfen müssen. Oft ist es notwendig, aus dem Objektbau wegzugehen, weil hier nur noch Preise verglichen werden und die KMUs nicht mehr mithalten können. Kleine Unternehmen sind häufig nicht mehr im öffentlichen Bereich tätig und müssen sich auf die kleinen Aufträge, von Privaten und KMUs verlagern. Dort wird gute Arbeit noch honoriert, Kunden schätzen Fachkenntnisse und Zusammenarbeit. Jetzt haben wir noch gut ausgebildete Facharbeiter, doch wie sieht es in zehn Jahren aus? Ich befürchte eine Abwärtsspirale. 

Lesen Sie hier Teil 3 der Diskussion.

 

Es diskutierten: 
Wolfgang Ecker, stellvertretender Bundesinnungsmeister Bauhilfsgewerbe
Irene Wedl-Kogler, Bundesinnungsmeisterin Bauhilfsgewerbe
Franz Stefan Huemer, Bundesinnungsgeschäftsführer Bauhilfsgeswerbe
Othmar Berner, Bundesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler
Helmut Mager, stellvertretender Bundesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler
Ernst Josef Zimmermann, Landesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler, Burgenland
Erwin Wieland, Bundesinnungsmeister Maler und Tapezierer
Manfred Josef Judex, stellvertretender Landesinnungsmeister Maler und Tapezierer, Niederösterreich
Hermann Atzmüller, Bundesinnungsmeister Holzbau
Wolfgang Ivancsics, Bundesinnungsmeister Hafner, Platten- und Fliesenleger und Keramiker

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