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Wiens Masterplan

21.11.2003

„Für die Zukunft Wiens“

Im Wiener Gemeinderat wurde nun der Verkehrsmasterplan 2003 der Bundeshauptstadt beschlossen. Zahlreiche bauliche Impulse sind zu erwarten. Kritik von den Oppositionsparteien.

Während die einen den U-Bahnausbau gutheißen, fordern andere, dass die Straßenbahnen besser ausgebaut und genutzt gehören. Die Wiener SPÖ hat mit ihrer Mehrheit im Gemeinderat den Wiener Verkehrsmasterplan 2003 beschlossen. Wie auch immer die anderen Parteien dazustehen mögen, die Bauwirtschaft darf mit zahlreichen Aufträgen rechnen.
Im Detail wurde beschlossen, dass klare Priorität für öffentlichen Verkehr, Radverkehr und Fußwege im Focus stehen. Ganz unter dem Motto „Mobil in Wien – G’scheit unterwegs“ setzt sich der Masterplan Verkehr 2003 einen klaren Maßstab: Reduktion des motorisierten Individualverkehrs von 35% auf 25% bis 2020 zugunsten des öffentlichen Verkehrs, des Radverkehrs und der Fußgänger. Die ausgearbeiteten Handlungsschwerpunkte sollen die Erreichung dieses Ziels sichern, bauen auf dem bisher Erreichten auf.
Schienen und Straßen sind die „Lebensadern“ jeder mobilen Gesellschaft. Damit Wien in neuem Europa nicht zu einem Nebenschauplatz wird, muss die Infrastruktur – Schiene und Straße – gezielt ausgebaut werden. Zu den wichtigsten Infrastrukturprojekten des Masterplan Verkehr zählen unter anderem der Durchgangsbahnhof „Wien Europa Mitte“ anstelle des derzeitigen Südbahnhofs, die Erweiterung des U-Bahn-Netzes, der Bau neuer Straßenbahnlinien sowie die Schaffung leistungsfähiger Verbindungen Richtung Flughafen und Bratislava. Aber auch die Nordost-Umfahrung, Güterverkehrsterminals, Park&Ride-Anlagen sowie verschiedene Autobahnprojekte sind für Wien von zentraler Bedeutung. Der Masterplan Verkehr 2003 berücksichtigt bei allen Projekten auch finanzielle Aspekte und schlägt bei vielen Finanzierungskonzepte vor. Der finanzielle Anteil der Stadt Wien an den vorgeschlagenen Projekten ist jedenfalls gesichert.
Die Anzahl der im Verkehr Verletzten und Getöteten soll bis 2020 um 50% reduziert werden (6716 im Jahr 2002). Die Projekte „Aktiv gegen Unfallschwerpunkte“, „Schulwegpläne“ und „Lichtoffensive“ werden verstärkt und erweitert. Radfahrprüfungen, Safety Audits bei Planungen, kinder- und seniorengerechte Straßenraumgestaltungen, Beratungen und Gender Mainstreaming sollen noch mehr Gewicht bekommen.

1000 km Radwege bis 2006
Der Anteil des Radverkehrs soll bis 2010 auf 8% verdoppelt werden. Bis 2008 werden dafür 30 Millionen Euro alleine in den Radverkehr investiert, das Radwegenetz soll bereits bis 2006 auf 1000 km anwachsen. Das „Citybike Wien“ soll zu einem selbstverständlichen Verkehrsmittel werden. Sämtliche Einbahnen werden in den nächsten Jahren von einem gestärkten Radverkehrsmanagement hinsichtlich „Radfahren gegen die Einbahn“ überprüft. Streckenweise kann auch die Radwegebenützungspflicht aufgehoben werden. Zu Fuß in Wien soll durch vorgeschriebene Gehsteigmindestbreiten
(2 m), die Beseitigung von Barrieren, taktile und akustische Leitsysteme und längere Grünzeiten attraktiver werden. Rotlicht-Blinken in der Räumzeit soll Verunsicherungen bei Fußgänger vermindern.
Innerstädtisch soll die 4. Ausbauphase der U-Bahn erfolgen (U1 Süd, U2 Nord, U6 Nord, U6 Süd/Badner Bahn, U2 Eurogate). Vor allem die tangentialen Straßenbahnlinien (wie 67, O, 16, 26, 6, 65 oder 27) werden massiv ausgebaut, generell soll „Halt nur an Haltestellen“ weiter beschleunigt werden. Im Wiener Umland soll noch weiter verbessert werden (durch zum Beispiel zusätzliche Erschließung Schwechats durch die Linie 6, Einbindung der Badner Bahn in die U6, zusätzliche Park&Ride-Anlagen). Das Projekt „S-Bahn plus“ soll eine massive Aufwertung der S-Bahnen und ihrer Stationen bewirken. Auch fordert der Masterplan Verkehr die rasche Umsetzung der ÖBB-Bahnhofsoffensive. Ziel ist die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs aus dem Wiener Umland bis 2020 auf 55% (derzeit 65%).
Der verkehrspolitische Erfolg der Wiener Parkraumbewirtschaftung ist unbestritten – der Masterplan Verkehr sieht für die nächsten Jahre neben einer Harmonisierung auch eine gezielte Modifizierung und Erweiterung vor. Garagen und Park&Ride-Anlagen werden weiter ausgebaut und gefördert. So sollen etwa bis 2010 mindestes 5000 weitere geförderte Garagenstellplätze geschaffen werden. Generell soll der ruhende Verkehr unter die Erde und an den Stadtrand verlagert werden.
Kritik hagelt es nun vom Verkehrssprecher der Wiener ÖVP, Wolfgang Gerstl: „22 Kilometer geplanter U-Bahnausbau in den nächsten zehn Jahren werden den Bedürfnissen einer Weltstadt eindeutig nicht gerecht. In vergleichbaren Millionenstädten wird der U-Bahn-Ausbau wesentlich stärker forciert. Wir fordern die Verdoppelung des U-Bahnbaus in Wien.“ Zusätzlich dürfe man die Intervallverdichtung der Straßenbahnen nicht vernachlässigen. Der von den Wiener Sozialisten „antriebslos betriebene Minimalausbau“ des Öffentlichen Verkehrs zeige den nicht vorhandenen Willen, wirkliche Antworten auf die zukünftigen Herausforderungen zu geben, so Gerstl weiter. „Weiters soll die SP-Stadtregierung mit ihrer Festlegung einer nicht verwirklichbaren Tunnelvariante den Bau des Autobahn-Außenringes nicht weiter verhindern, sondern endlich die für die Wiener Bevölkerung dringend notwendige Verkehrsentlastung im Norden und Nord-Osten Wiens ermöglichen“, fordert Gerstl.

„Offen für das neue Europa“
SP-Stadtrat Rudolf Schicker kann mit solcher Kritik nicht viel anfangen und ist mit dem Masterplan indes zufrieden. Denn das letzte Wiener Verkehrskonzept wurde 1994 beschlossen. Viele Maßnahmen wurden seither umgesetzt, etwa die Parkraumbewirtschaftung oder der weitere Ausbau der U-Bahn und der Radwege. Seit 1994 haben sich aber auch viele Randbedingungen wesentlich geändert – und daher ist es Zeit für einen neuen Plan: Den Masterplan Verkehr 2003. „Der Masterplan Verkehr 2003 ist innovativ, aber nicht utopisch. Er ist an klaren Prioritäten orientiert, aber nicht fundamentalistisch. Er ist konkret, aber nicht einengend. Er ist offen für das neue Europa, aber ein Plan für die Zukunft Wiens“, betont Schicker.
Der Masterplan Verkehr 2003 geht stark auf die Rolle Wiens im neuen Europa ein: Wien als TEN-Knoten, Wien als potenzieller Hauptprofiteur der EU-Erweiterung, Wien als Technologie-Metropole und Wirtschaftsstandort. Innerhalb dieses großen Rahmens legt der Masterplan 2003 aber auch konkrete Strategien und Maßnahmen für die speziellen Verkehrsbedürfnisse Wiens fest. Bei der Entstehung des Masterplans wurden hinsichtlich der Beteiligung der Menschen, Bezirke und Institutionen neue Maßstäbe gesetzt: Die alltäglichen „Verkehrs-Erfahrungen“ der Wiener flossen ebenso wie die Meinungen der Verkehrsexperten in einem der bisher umfangreichsten Beteiligungsverfahren Österreichs ein. Herausgekommen ist ein modernes urbanes Verkehrskonzept für die nächsten 20 Jahre.
Die Grünen orten neben viel Licht im Verkehrsmasterplan auch viel Schatten. Neben einigen wesentlichen Neuerungen wie zum Beispiel im Radverkehrsbereich hält der Masterplan auch an jenen Straßenbauprojekten fest, denen die Grünen immer kritisch gegenüber gestanden sind, Stichwort Lobauautobahn. Daher stimmen sie bei den einzelnen Kapiteln auch unterschiedlich ab. Neben dem motorisierten Individualverkehr werden auch die Kapitel Ruhender Verkehr, Flugverkehr, Kosten und Prioritäten abgelehnt, so Christoph Chorherr. Und führt Punkte an, die aus Grüne-Sicht verbessert gehören: Wie die qualitativen Verbesserungen im bestehendenden Hauptradverkehrsnetz mit entsprechenden Ausbaustandards wie Leistungsfähigkeit, Überholmöglichkeit, klare Linienführung. Für den Ausbau werden bis 2008 rund 30 Millionen Euro budgetiert. Zu den Prioritäten-Projekten zählen laut Chorherr der Rad-Ring-Rund, Querungen der Inneren Stadt oder das Wiental; Hadersdorf-Pilgrambrücke. Die Grünen fordern das Öffnen der Einbahnen für Radfahrer. Denn Radfahren gegen die Einbahn soll nicht Ausnahme, sondern Regel werden, gibt sich der Grüne-Politiker kämpferisch. Sowie weiterer Ausbau der Fahrradabstellplätze, die aus Mitteln der Parkometerabgabe finanziert werden können.
Das Kapitel enthält etliche Maßnahmen, die seitens der Wiener Grünen schon seit Jahren gefordert werden. „Zum Beispiel sind der forcierte Neubau von Straßenbahnlinien und der Zentralbahnhof Wien wesentliche Anliegen. Dennoch gibt es auch kritische Punkte. So ist die U6-Verlängerung nach Stammersdorf ein Projekt, an dessen Sinnhaftigkeit kaum jemand außer dem Floridsdorfer Bezirksvorsteher Lehner glaubt“, kritisiert Chorherr weiter. Aus seiner Sicht ist wesentlich, dass die Errichtung einer Schnellstraßenbahn zum Vorteil der Floridsdorfer Bevölkerung möglichst rasch in Angriff genommen wird. Die U6 Verlängerung würde um das Fünffache mehr als die sogenannte Super-Bim kosten, deutlich später fertig werden und nur zwei Minuten Zeitersparnis zwischen Floridsdorf und Rendezvousberg bringen. „Zudem werden längerfristige Optionen für unsinnige Projekte offen gehalten. So ist das Projekt U5 nach Hernals absolut ineffizient, weil diese Destination sinnvoller, schneller und wesentlich kostengünstiger durch bestehende Straßenbahnlinien – in der Währingerstraße – bedient werden kann“, betont der Grüne-Politiker. Zudem sei im Masterplan die S-Bahn ausgeklammert, weil ein neues S-Bahnkonzept erst im Dezember 2003 vorliegen soll. „Insofern können die Absichten der Stadt Wien zur S-Bahn gar nicht bewertet werden. Nachdem die S-Bahn natürlich ein wichtiger Verkehrsträger ist, fragen wir uns, wieso Stadtrat Schicker nicht noch ein Monat warten hätte können, um die Ergebnisse dieses S-Bahnkonzepts in den Masterplan einzuarbeiten“, schließt Christoph Chorherr ab.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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