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„Wir brauchen qualifizierte Mitarbeiter“

14.03.2017

Über die aktuellen Herausforderungen des Baunebengewerbes. Teil 3 der Diskussionsrunde unter der Leitung von Gisela Gary.

Teil 1 und 2 der Diskussion lesen Sie hier bzw. an dieser Stelle.

Ist die Erweiterung der Nebenrechte in der Novelle der Gewerbeordnung nicht ein Schlag gegen die Ausbildung?
Irene Wedl-Kogler:
Ja, mit Sicherheit. Dennoch, das Schlimmste konnten wir gerade noch abwenden. Es bleibt zumindest weiterhin der Auftrag als Messlatte für den Umfang der Ausübung der Nebenrechte und nicht wie ursprünglich geplant, der Jahresumsatz. Aber klar, die Erweiterung der Nebenrechte betrifft uns alle. Denn nun kann ein Unternehmer fremde Leistungen anbieten, wenn sie seine sinnvoll wirtschaftlich ergänzen. Da bin ich gespannt wie sich das entwickelt. Zusätzlich haben wir auch mit dem Lohn ein West-Ost-Problem, das wiederum mit dem Stellenwert des Handwerks zu tun hat. Im Westen finde ich auch noch einfacher qualifizierte Facharbeiter, im Osten schon weniger. Auch die Einstellung zur Arbeit ist in den Ballungszentren generell eine andere.

Hermann Atzmüller: Wir verstehen nicht, warum die Novelle der Gewerbeordnung noch mehr Liberalisierung bringt, obwohl wir ja schon mit der bis dato bestehenden Gewerbeordnung Probleme hatten. Wenn ich mit den Unternehmen über die Themen Nebenrechte, etc. diskutiere, sagen sie mir, dass sie zukünftig jeden Auftrag übernehmen werden und gegebenenfalls bei jedem Vergabeverfahren der Gemeinden Einspruch erheben werden. Wollen wir das? Es führt nämlich dazu, dass die Unternehmen weniger Lehrlinge ausbilden werden, da Lehrlinge bei Nebenleistungen nur hinderlich sind.

Othmar Berner: Das Thema Nebenrechte ist ein wichtiger Punkt. Bedeutet Liberalisierung nun, dass kleine Unternehmen gar nicht gewollt werden? Das kann doch nicht sein. Ich frage mich, ist das passiert oder ist das Absicht? Kleine brauchen einen Befähigungsnachweis, bei großen reicht der Umsatz?

Franz Stefan Huemer: Bei allen Vorteilen, die die Digitalisierung mit sich bringt, wie z.B. die Steigerung der Effizienz, brauchen wir dennoch qualifizierte Mitarbeiter auf den Baustellen, die die Arbeiten fachgerecht ausführen.

Hermann Atzmüller: Ein Beispiel. Der Tourismus will und braucht mehr Liberalisierung. Das ist ja in Ordnung, er soll seine Regelungen bekommen, ebenso der Handel, aber im Handwerk passt dieser Ansatz nicht. Dies würde zu großen Wettbewerbsverzerrungen im Handwerk führen, da sämtliche Ausbildungen, KV-Regelungen und Löhne herrlich umgangen werden können.

Irene Wedl-Kogler: Vielleicht sollte sich die Regierung mal anschauen, wie viel an Steuereinbußen eine weitere Liberalisierung des Gewerbes verursacht. Ich bin davon überzeugt, wir bekommen unsere Probleme nur in den Griff, wenn wir uns ein anderes Abgabensystem überlegen. Das bedeutet, die Abgaben auf Lohn müssen erheblich reduziert und unser Staatssystem muss anders finanziert werden. Wir haben genug Experten, die das errechnen könnten, wie z.B. einen steuerlichen Übergang an den Auftraggeber oder durch eine Bauherrnhaftung, wie auch immer. Wir sind wettbewerbsfähiger, wenn wir die Einnahmen durch unsere Lohnnebenkosten anders finanzieren, auch gegenüber den Nachbarländern, die zu uns herüberarbeiten. Eine Möglichkeit ist, die Steuern dort einzuheben, wo sie erwirtschaftet werden. Das Beispiel mit den Nebenrechten bedeutet doch, dass ein unlauterer Wettbewerb gesetzlich zugelassen wird. Denn, mit einem Gewerbeschein für z.B. Spachtelarbeiten ist es nun möglich, 15 % in ein reglementiertes Gewerbe hineinzuarbeiten. Das würde bedeuten, dass auch unterschiedliche Kollektivverträge zur Anwendung kommen müssten. Zu bedenken möchte ich auch geben, dass wir in vielen Firmen oft mehr Angestellte als gewerbliches Personal haben. Es gibt Baustellen, da gibt es nicht einmal mehr einen Polier. Es entstehen Management geführte Baustellen, die produktive Arbeit wird ausschließlich über den Preis im Sub-Sub-Subsystem vergeben und das wirkt sich auf die Qualität aus. Das hat auch zur Folge, dass bei den Rechtsanwälten das Geschäft floriert.

Hermann Atzmüller: In puncto den Trend zur Auslagerung bei unseren Firmen stimme ich zu, viele sind oft nur mehr Handelsbetriebe. Und genau diese Betriebe klagen dann über den Facharbeitermangel, weil sie keine Mitarbeiter ausbilden wollen und können.

Othmar Berner: Und was ist schlecht daran?

Irene Wedl-Kogler: Dadurch kommt es zu Fehlentwicklungen, so wird es uns in der Zukunft an technisch gut geschultem Personal fehlen. Dadurch werden die Ausschreibungen nicht besser, diese sind oft nur mehr funktionell gestaltet, statt nach der standardisierten LB-Hochbau. Früher waren Normen im Ministerium angesiedelt und ich bin der Meinung dort gehören sie auch wieder hin. Wir brauchen ebenso produktneutrale Lösungen. Auch das Fehlen kompatibler Detaillösungen bringt immer mehr unmögliche Haftungen für unsere Handwerker. Wir haben uns selbst überflogen.

Thema Mindestlohn – ein realistisches Modell für den Bau?
Othmar Berner: 1.500 Euro Mindestlohn, welche Diskussion ist das? Wir bezahlen doch längst in dieser Größenordnung unsere Leute.

Manfred Josef Judex: Wir haben sehr gut qualifiziertes Personal, auch Hilfspersonal für einfache Tätigkeiten. Aber ein Mindestlohn von 1.500 Euro schafft erst wieder ein massives Ungleichgewicht. Da sehe ich schon die Gefahr, dass die Arbeiter sagen, na, ist ja egal, ich bekomme ja sowieso den Mindestlohn, das ist doch kein Ansporn, das motiviert doch nicht zu guten Leistungen.

Wolfgang Ecker: Wir können außer Streit stellen, dass wir gute Mitarbeiter gern gut bezahlen. Doch die Spirale geht ins unendlich, die Sozialpartnerschaft ist gefordert. Ich sehe eine Gefahr in dem Zusammenhang mit dem Mindestlohn und das ist die Arbeitszeitflexibilisierung. Wir bekommen quasi den Mindestlohn und die Mitarbeiter die Arbeitszeitflexibilisierung. Wir brauchen aber flexible Mitarbeiter. Es liegt an uns, dass wir hier einen guten Weg finden.

Franz Stefan Huemer: Durch die Anhebung der unteren Lohnkategorien werden sich die Unternehmer in Zukunft überlegen, Hilfsarbeiter bzw. weniger qualifizierte Mitarbeiter einzustellen. Somit steigt auch der Druck auf diese Mitarbeiter.

Erwin Wieland: Der Mindestlohn betrifft gute Mitarbeiter nicht, diese werden ohnehin über KV bezahlt. Doch der Mitarbeiter, der nicht so viel leistet, bekommt beinahe das gleiche bezahlt. Und wer bezahlt das? Wir Unternehmer? Im Endeffekt muss das auf den Endverbraucher umgelegt werden, der Staat kann das auch nicht mehr finanzieren. Ich fürchte, die Erfinder des Mindestlohns haben die Realität verloren.

Othmar Berner: Probleme sehe ich auch bei den Reisezeiten und bei den Lehrlingen. Denn es nützt mir als Unternehmer nichts, wenn die Lehrlinge von der Arbeitszeitflexibilisierung ausgenommen sind, was habe ich dann davon?

Ernst Josef Zimmermann: Bei der Mindestlohndebatte stellt sich schon die Frage, ob die Leute dann noch so richtig motiviert sind. Wir brauchen Fachkräfte. Da sehe ich ein Problem. Wir Betriebe werden immer mehr unter Druck gesetzt. Ich bin seit 30 Jahren selbstständig, hatte mein Wochenende, eine gute Auslastung. Heute habe ich 30 % mehr Arbeit und 40 % weniger Ertrag. Wie soll ich einen jungen Mitarbeiter motivieren, dass er sich dann selbstständig machen soll? Da werden wir bald nur noch EPUs haben, wenn das so weitergeht.

Othmar Berner: Das stimmt, das Unternehmersein hat sich wirklich massiv verändert und es geht sich heute nicht mehr gut aus.

Lesen Sie hier Teil 4 der Diskussion.

Es diskutierten: 
Wolfgang Ecker, stellvertretender Bundesinnungsmeister Bauhilfsgewerbe
Irene Wedl-Kogler, Bundesinnungsmeisterin Bauhilfsgewerbe
Franz Stefan Huemer, Bundesinnungsgeschäftsführer Bauhilfsgeswerbe
Othmar Berner, Bundesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler
Helmut Mager, stellvertretender Bundesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler
Ernst Josef Zimmermann, Landesinnungsmeister Dachdecker, Glaser und Spengler, Burgenland
Erwin Wieland, Bundesinnungsmeister Maler und Tapezierer
Manfred Josef Judex, stellvertretender Landesinnungsmeister Maler und Tapezierer, Niederösterreich
Hermann Atzmüller, Bundesinnungsmeister Holzbau
Wolfgang Ivancsics, Bundesinnungsmeister Hafner, Platten- und Fliesenleger und Keramiker

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