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Wohnkonzepte der Zukunft

05.11.2010

Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und individuelle Bedürfnisse: Veränderungen der Gesellschaft machen es notwendig, herkömmliche Wohnkonzepte zu überdenken und neue Wohnformen zu schaffen.

Der Ruf nach neuen Wohnkonzepten für individuelle Wohnformen wird auch in Österreich immer lauter. Nicht nur das Thema „Nachhaltigkeit“ im ökologischen und ökonomischen Sinn beschäftigt dabei Bauherren wie Ausführende gleichermaßen, sondern beispielsweise auch barrierefreies und altersgerechtes Bauen. Die gesellschaftlichen und demografischen Veränderungen haben nicht zuletzt einen direkten Einfluss auf das Bauwesen.

Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, werden immer mehr Projekte und Konzepte entwickelt. Die Bevölkerung wird zunehmend älter. Prognosen, wonach sich die Altersgruppe der über 80-Jährigen bis 2050 auf mehr als eine Millionen Senioren verdreifachen wird, werfen für die Wohnmodelle der Zukunft zahlreiche Fragen auf. Damit steigt nicht zuletzt die Notwendigkeit, Wohnhäuser und Wohnungen altersgerecht umzugestalten. Zudem bevorzugen ältere Menschen in den meisten Fällen, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Nicht zuletzt deshalb, weil die Betreuungskosten zu Hause erheblich geringer sind als in Pflegeheimen.

Wohnen ohne Barrieren
Seit September dieses Jahres setzt die Bauwirtschaft bereits in der Ausbildung neue Akzente zu diesem Schwerpunkt bei der Lehrlingsausbildung, um notwendige zusätzliche Qualifikationen im Bereich des altersgerechten Bauens abzudecken. „Das Ziel ist es, bundesweit ein flächendeckendes Netz von Ansprechpartnern zu schaffen, an die sich Sanierungswillige und öffentliche Stellen wenden können, um konkrete Projekte kompetent abwickeln zu können“, erklärt Hans-Werner Frömmel, Bundesinnungsmeister Bau. „Während im Neubau Barrierefreiheit österreichweit weitgehend gut umgesetzt wird, gibt es diesbezüglich in der Sanierung noch bei weitem zu wenig Bewusstsein“, so Frömmel. „In der Sanierung hat man es vielfach mit der Beseitigung von bestehenden Barrieren zu tun. Dies kann Kosten verursachen, dieses sind aber einmalig und gewährleisten zeitlich unbegrenzt Barrierefreiheit für die Zukunft“, ist der Bundesinnungsmeister überzeugt. „Das Pflegeheim ist die teuerste und auf breiter Basis unfinanzierbare Wohnversorgung. Jede Wohnform, die geeignet ist, den vorzeitigen Eintritt von älteren Menschen in das Pflegeheim zu verhindern, ist entsprechend zu favorisieren und zu begünstigen“, so Frömmel. In Zusammenarbeit mit den BauAkademien wurden Spezialseminare zum Thema „Bauen für das Alter“ entwickelt und umgesetzt.

Sicherheit bringt Wohnqualität
Auch in den einzelnen Bundesländern ist man sich der Veränderung bewusst und bemüht, rechtzeitig vorzusorgen. Unter dem Motto „Sicherheit bringt Wohnqualität“ setzt Salzburg beispielhaft Initiativen zur Verbesserung: „Unser Ziel ist es, ältere Menschen davon zu überzeugen, rechtzeitig in ihrer Wohnung vorzusorgen. Denn ebenso wie im Auto den Sicherheitsgurt gibt es für die Wohnung geeignete Vorkehrungen, die jeder für die eigene Sicherheit treffen kann“, weiß Erika Scharer, Sozialreferentin und Landesrätin in Salzburg. Das Land Salzburg hat gemeinsam mit dem Roten Kreuz, dem Kuratorium für Verkehrssicherheit und der Wirtschaftskammer Salzburg das Sturzpräventionsprojekt „Sicher Wohnen 60+“ entwickelt. Stürze sind mit 80 Prozent der Unfälle die Hauptunfallart in den eigenen vier Wänden. Alleine in Salzburg stürzen rund 4.600 Menschen über 60 Jahre in der eigenen Wohnung so schwer, dass sie im Krankenhaus behandelt werden müssen. Sturzursachen sind häufig Teppiche auf rutschigen Parkettböden, schlechte Beleuchtung, Badewannen ohne Haltegriffe oder Zugänge, die nicht barrierefrei gestaltet sind. Die Salzburger Wirtschaftskammer ist bemüht, die Sicherheit der ältere Bewohner in ihren eigenen Wohnungen zu erhöhen. Für Bewohner, die handwerkliche Unterstützung benötigen, wurde eine Liste von Salzburger Handwerksbetrieben erstellt, an die sich Senioren wenden können. Diese Liste umfasst etwa 90 Partnerbetriebe aus verschiedenen Fachbereichen. „Die Wirtschaftskammer Salzburg unterstützt dieses innovative Sicherheitsprojekt für Senioren sehr gern“, so Wolfgang Hiegelsperger, Spartengeschäftsführer der WKS.

Neue Wohnform Baugruppen
Eine ganz andere Wohnform bietet die Baugruppenkultur, die in Wien bzw. Österreich noch ganz am Anfang steht. Die Initiative „Gemeinsam Bauen Wohnen“ will die Baugruppenkultur nun auch in Wien etablieren. Bei einer Baugruppe als avancierte Form der Wohngemeinschaft organisieren sich Gleichgesinnte in einem Bauträgerverein, um gemeinsam ein Gebäude ganz nach den Vorstellungen und Bedürfnissen der jeweiligen Gruppe zu planen und zu errichten. Der Interessenverein wurde bereits vor etwa einem Jahr gegründet. Unter dem Titel „Heißer Herbst der Wohnprojekte“ ist die Initiative im Oktober 2010 an die breite Öffentlichkeit getreten. Das größte Hindernis für die Umsetzung sieht Vereinsmitglied Ernst Gruber momentan noch in den logistischen und strukturellen Problemen: „Bei den Grundstücksvergaben werden ganz klar große Wohnbauträger bevorzugt“, ist Gruber überzeugt.

Baugruppen brauchen meist länger, um die Finanzierung zu sichern, und hinken daher hinter den großen Gesellschaften hinterher. „Wohnbauträger bauen aber naturgemäß für einen Standardmenschen, den es so nicht gibt“, begründet Gruber das steigende Interesse für die neue Wohnform, bei der individuelle Wünsche Berücksichtigung finden. Um diesem Wunsch nachzukommen und den Baugruppen bei der Vergabe öffentlicher Grundstücke Konkurrenzfähigkeit einzuräumen, fordern die Initiatoren, dass ein bestimmter Prozentbereich der zu vergebenden öffentlichen Grundstücke mit einem Vorkaufsrecht für Baugruppen versehen werden soll. Als Vorzeigemodell dient hier die Stadt Hamburg, wo ein fixer Prozentsatz der städtischen Baugrundstücke an Baugruppen vergeben wird. Zudem wäre eine kleinere Parzellierung als bisher üblich notwendig. Und nicht zuletzt müssten die Wohnbauförderungen entsprechend angepasst werden. Gruber beklagt daher: „Die Stadt ist aber sehr auf ihre patriarchale Rolle fixiert.“ Der Verein fordert die Einrichtung einer Agentur als Anlaufstelle für Interessenten. Und auch die Banken sind aufgefordert, neue Finanzierungs- und Kreditmodelle für Baugruppen zu entwickeln. Baugruppenprojekte sind aber nicht zwingend Neubauprojekte, wie Gruber betont. Vor allem in Wien liegt das größere Potenzial voraussichtlich in der Revitalisierung von Altbauten.

Baugruppenprojekte aus der Praxis
Trotz der kleinen Rolle, die Baugruppenprojekte am heimischen Wohnungsmarkt spielen, wurden in den vergangenen Jahren bereits Projekte in Wien umgesetzt. Österreichs größtes selbstverwaltetes Wohn- und Kulturprojekt ist die „Sargfabrik“ in Penzing, die auf dem Areal einer ehemaligen Sargfabrik 1996 als Vision von einer innovativen Wohnkultur Wirklichkeit geworden ist. An die einst größte Sargtischlerei der Donaumonarchie erinnern heute nur mehr der Grundriss des Neubaus, der stehengebliebene Schornstein und der Name. Im Jahr 2000 wurde mit der „Miss-Sargfabrik“ in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Erweiterung des Wohnprojektes fertiggestellt. Der Verein B.R.O.T. (Beten, Reden, Offensein und Teilen) hat in Hernals und Liesing Baugruppenprojekte realisiert. Unter dem Titel „ro*sa“ wurden zwei Frauenwohninitiativen in der Donaustadt und im Meidlinger Kabelwerk umgesetzt.

Auch aktuelle Projekte sind in der Hauptstadt in Planung: Am einstigen Gelände des Nordbahnhofs soll ein Baugruppenprojekt mit bis zu 45 Wohneinheiten entstehen. Im Sonnwendviertel auf dem Areal des künftigen Hauptbahnhofs sind zwei Baugemeinschaftsprojekte mit jeweils bis zu 27 Wohnungen in Umsetzung. Das „Wohnprojekt Wien“ wird von einszueins Architekten realisiert, die aus dem Bauträgerwettbewerb als Sieger hervorgingen. Für die Wohnungsvergabe hat sich das Planerteam eine neue Strategie überlegt: Jeder zukünftige Bewohner soll vier mögliche Wohnungsoptionen auswählen, die Architekten arbeiten anschließend Verteilungsvorschläge aus, die von der Gruppe bewertet werden. Zudem formieren sich derzeit drei Gruppen für Vorhaben in der „Seestadt Aspern“, wofür erneut B.R.O.T., aber auch die Gruppen „Seestern“ und „ja:spern“ Interesse am Bau angemeldet haben.

Ein generationsübergreifendes Wohnprojekt mit 19 Wohnungen, das als Baugruppenprojekt durchgeführt wird, entsteht zurzeit in der Ottakringer Grundsteingasse in Wien. Mit Unterstützung der interdisziplinären Agentur Raum & Kommunikation und dem Architekten Wolf Klerings soll ein Konzept umgesetzt werden, das Kleinwohnungen vorsieht, in denen später etwa eine eigene Pflegekraft untergebracht werden kann. Ein Vorteil für die Beteiligten ist bei diesem Sanierungsprojekt, dass es bei der Förderung für die Interessenten keine Einkommensobergrenze gibt.

Trotz der verstärkten Vernetzung und des mitunter großen Interesses an Baugruppenprojekten ist noch viel Pionierarbeit notwendig, wie auch Annika Schönfeld von der Initiative für gemeinschaftliches Bauen und Wohnen weiß: „Eigentlich fängt jedes Projekt immer wieder bei null an“, so Schönfeld. Doch die Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, die Rahmenbedingungen für Baugruppenprojekte zu verbessern und mögliche Interessenten zu vernetzen.

Integration durch Wohnverhältnisse
Der Strukturwandel hat auf viele Bereiche Einfluss. So auch auf die Industrie, wie Heimo Scheuch, CEO Wienerberger AG und Präsident der TBE (Fédération Européenne des Fabricants de Tuiles et de Briques), betont: „Angesichts der Krise und der dramatischen Rückgänge im Neubau sowie der technologischen Herausforderungen durch die EU-Vorgaben zu Energieeffizienz und CO2-Reduktion kommt es derzeit zu einer Marktbereinigung.“ In diesem Zusammenhang plädiert Scheuch auch für eine Ankurbelung des sozialen Wohnbaus zur Integration in Europa. „Integration ist nur in ‚menschenwürdigen Wohnverhältnissen‘ möglich, Zustände wie in den Vororten mancher europäischen Hauptstädte oder in manchen Wohnsiedlungen in Osteuropa, den typischen Plattenbauten, wird Integration verhindert“, ist Scheuch überzeugt. Gerade in diesem Bereich sind Investitionen notwendig, wie auch Paul Rübig, Mitglied des Europäischen Parlaments und des Industrieausschusses, bestätigt: „Europa soll die Bedeutung der Baustoff- und Bauindustrie, einer arbeitsplatzschaffenden Branche, erkennen, und die Mitgliedsländern sollen Anreize setzen, um die Sanierungs- und Neubautätigkeit anzuregen“, fordert Rübig.

Diana Danbauer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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