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Wutbürger mit Wiener Blut

12.11.2010

Ein blinder Fleck in der Integrationsdebatte: „Gastarbeiter“ tragen seit den 60er-Jahren am Bau zum ­Wirtschaftsaufschwung bei. Österreich fühlt sich im Ressourcenkonflikt in der sozialen Existenz bedroht.

Der Fall Sarrazin und die Ergebnisse der Wiener Wahl haben eine „Integrationsdebatte" eröffnet, die seit Wochen anschwillt. In allen bisherigen Beiträgen in Deutschland und Österreich bleibt ein blinder Fleck. Seit 1977 haben wir diese Thesen öffentlich vertreten, sie haben sich inzwischen nur weiter erhärtet, werden aber weder im akademischen Bereich noch in der politischen Tagesarbeit beachtet. Es geht hier nicht um die gleichzeitige Debatte zur Rot-Weiß-Rot-Card für neue qualifizierte Arbeitskräfte, sondern um die „Gastarbeiter", die seit 1965 in Schüben in Österreich aufgenommen wurden.

Die seit 1960 offiziell nach Österreich gebrachten oder selbst eingereisten Arbeitskräfte aus Jugoslawien und vor allem aus der Türkei haben in wirtschaftlichen Aufschwungszeiten die niedersten, schwersten und für Österreicher wegen des sozialen Ansehens und der Entlohnung unattraktivsten Jobsegmente von Fach- und Hilfsarbeitern übernommen, was in der Wirtschaftsentwicklung zu einem sozialen Aufstieg der niedersten „einheimischen" Schichten führte, wobei der Einsatz auf dem Arbeitsmarkt nur als vorübergehend geplant und eine (gar) rotierende Rückkehr der „Gastarbeiter" angedacht war. Den erwähnten Beschäftigungssegmenten entsprechend handelte es sich bei den „Gastarbeitern" um wenig gebildete, arme Personen zumeist aus dem ländlichen Bereich. Sie sollten im normalen Leben unauffällig sein und irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren. Österreich sei eben kein Einwanderungsland.

 

Abgrenzungs- und Entwertungsdruck

Inzwischen haben sich in der österreichischen Gesellschaft unter den beiden untersten heimischen Schichten der Fach- und Hilfsarbeiter, die selbst von den darüber befindlichen Schichten einem starken Abgrenzungs- und Entwertungsdruck ausgesetzt sind, neue Unterschichten bestimmter Migrantengruppen (etwa mit „türkischem oder jugoslawischen Migrationshintergrund" und überwiegend muslimischem „Kulturhintergrund") gebildet, die mittlerweile selbst Österreicher sind.

Zwischen den „heimischen" Unterschichten und den darunter positionierten neuen österreichischen Unterschichten der Migranten besteht ein ernster und realer Ressourcenkonflikt im Bereich des Zugangs zu Arbeitsplätzen, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Wohnung und Freizeitbereichen. Daher werden auch die neuen Migrantengruppen von der Bevölkerung dieser beiden Schichten seit ihrem Eintritt in die Gesellschaft in hohem Maße abwertend, ablehnend und ausgrenzend behandelt, was über die Jahre Umfragen stets belegen, obwohl umgekehrt die neuen Migrantengruppen der untersten Beschäftigungssegmente ja gerade in diese beiden „heimischen Schichten" sozial „integriert" und aufgenommen werden müssten: Was immer man dabei unter „Integration" verstehen will.

 

Politische Hetze

Die heimischen Schichten wollen die neuen „Österreicher" nicht „integrieren" und „aufnehmen", sondern lehnen sie überwiegend ab, zum einem, weil sie sich im erwähnten Ressourcenkonflikt je nach Wirtschaftslage in der eigenen sozialen Existenz durch die Neuen bedroht fühlen und durch politische Hetze ihre Ängste verstärkt werden, zum andern weil sie selbst im „heimischen" Schichtaufbau als unterste Schichten als minderwertig und unterprivilegiert behandelt werden. Es ist daher aus diesen beiden Gründen auch sicherlich schwierig und bis zu einem gewissen Grad paradox, von jenen „heimischen" Fach- und Hilfsarbeitschichten eine erhöhte Aufnahmebereitschaft und „Toleranz" gegenüber den österreichischen Migrantenunterschichten zu fordern, die selbst in der Gesellschaftshierarchie die untersten Plätze einnehmen. Die Tatsache mangelnder Voraussetzung für eine Aufnahmebereitschaft der heimischen Unterschichten wird im Diskurs häufig bereits umgedreht ausschließlich als mangelnde Integrationswilligkeit der Migranten qualifiziert. Die neuen Unterschichten zimmerten sich eine „eigene Welt" mit einem Mix aus Versatzstücken neuer österreichischer und mitgebrachter Muster. Die Entstehung einer „Parallelgesellschaft" war unvermeidlich („Gläserne Wand").

Die Verfestigung neuer österreichischer Migrantenunterschichten der weiterhin überwiegend im untersten Beschäftigungssegement gefesselten Gruppen „mit Migrationshintergrund" und ihrer Nachfolgegenerationen ist eine soziale Realität, die so gut wie niemand ausdrücklich anerkennen will. Das gilt für den akademischen Bereich, für die Parteien in gleicher Weise wie für die Vertreter der neuen Minderheitenunterschichten selbst. Mit dieser These würden die Migranten „da unten" festgenagelt. Eine derartige soziale Analyse würde gerade diesen Ausschluss begünstigen, da sie ihn vorformuliert. Den Ausschluss vollzieht aber nicht der analysierende Soziologe. Der Ausschluss ist bereits über Jahrzehnte durch andere Techniken struktureller Gewalt und soziale Entwicklungen erfolgt. Der Zug ist schon längst abgefahren!

 

Sozial- und Kulturmuster

Die Anerkennung der real existierenden neuen „Unterschichtung" ist die Voraussetzung für eine theoretische und praktische Bearbeitung des „Integrationsproblems". Was bedeutet dieses Faktum für die Politik? Migranten der ersten Generation haben bei ihrer Ankunft eine Persönlichkeit, die schon in der Heimat geschwächt und durch soziale Not und Armut labil ist und durch bestimmte ihren Unterschichtbedingungen entsprechende sprachliche, kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und politische Elemente geprägt sind, die wir lila nennen wollen. Die Übernahme der sprachlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Elemente der untersten Schichten der Aufnahmegesellschaft, die wir gelb nennen, nur in diese könnten sie ja integriert werden (!), wird durch das ausgrenzende und ablehnende Verhalten der genannten Schichten enorm erschwert.

Soll es die Identifikation mit dem Unterdrücker, mit dem Ausgrenzer sein? Die Gefahr, die gelben Sozial- und Kulturmuster nur als negativ zu erfahren, erhöht sich. Die zweite und dritte Generation erfährt eine ähnliche Ausgrenzung und hat Eltern, die selbst entweder eine Übernahe der gelben Elemente nicht erreicht haben oder aus Frustration nicht mehr anstreben. Es erfolgt kein psychologischer Übertritt in den gelben Bereich, sondern eine bruchstückhafte funktionelle Übernahme bestimmter gelber Elemente. Ganz im Gegenteil: Die Dauerausgrenzung führt häufig zu einer neuerlichen Verstärkung der von der Aufnahmegesellschaft negativ besetzten lila Werte der Heimat, allerdings in einer den Subkulturmilieus entsprechenden, modifizierten Form, etwa in einer rigide verengten Variante des Islam. „Diese Unterschichten werden dadurch auch zum Spielball radikaler Infiltration. Die von den Migranten selbst entwickelten autonomen Organisationen (Vereine, Verbände, Beratungs- und Betreuungsorganisationen usw.) zeigen ein Spektrum von links bis extrem rechts(-religiös), was die Lage weiter verkompliziert.

Die Persönlichkeitsprofile dieser Migrantengruppen sind durch Module beider Sozialsysteme bestimmt (Bindestrich-Identität, Mehrfachidentität), wobei nur selten ein ausgewogenes Gleichgewicht der beiden Bezugssysteme möglich ist! Die seit 9/11 zusätzlich religiös unterlegten aggressiven Ausgrenzungsmechanismen haben in den letzten Jahren bei manchem Migranten zu einer Verstärkung der lila Kulturmuster der muslimischen Herkunftssysteme geführt, die nunmehr von der Mehrheitsgesellschaft empört als Integrationsunwilligkeit und befremdliche Flucht in Parallelwelten angeprangert wird.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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