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Zahlenmensch aus Leidenschaft

25.03.2011

Walter Bornett, Direktor der KMU Forschung Austria, analysiert seit vielen Jahren die Lage der heimischen Wirtschaft – und liefert abseits von Forschungsergebnissen auch so manche kritische Wortmeldung.

Gleich hinter der Wiener Karlskirche in der Hoyosgasse 5 feiert heuer einer der kritischen Geister der heimischen Wirtschaftsexperten still sein Zehn-Jahr-Jubiläum als Direktor des privaten und unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts KMU Forschung Austria. „Stimmt. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Mal schauen, ob irgendwer eine Feier für mich organisiert“, lacht Walter Bornett. Bereits seit 1995 hinterfragt und analysiert er, erst als stellvertretender Direktor und schließlich als Chef, den Werdegang der Österreichischen Klein- und Mittelbetriebe.

Dass Bornett heute in seinem per Hinweistafel deklariertem Raucherbüro sitzt und nicht im elterlichen Kürschnerbetrieb, scheiterte – abgesehen von einer fehlenden handwerklichen Geschicklichkeit – am damaligen, tierschutzbedingten Wandel in der Kürschnerbranche.

Eine durchaus prägende Erfahrung, die ihm auch Verständnis für die vielfältigen Probleme von KMUs einbrachte: „Der Markt hat sich halbiert. Das Thema Pelz war mehr oder weniger tot. Es gab Überlegungen, aus dem Betrieb etwas ganz anderes zu machen. Das wollte mein Bruder aber nicht, und zwei Familien hätte das Unternehmen nicht getragen.“ Und auch sonst weiß Bornett, wie es ist, die Geschicke einer Firma zu leiten. „Ich bin immer selbstständiger Unternehmer gewesen. Neben der Geschäftsführung des elterlichen Betriebs sowohl beim Hernstein Institut als auch daneben als freiberuflicher Vortragender und Managementtrainer.“ Seit 1997 betreibt Bornett eine KG, betreut Erfahrungsaustauschgruppen und hält Vorträge.

Der bekennende „Zahlenmensch“ mit einer seltsamen Leidenschaft für Rechnungswesen, Buchhaltung und Revision erweckt den Eindruck eines Einzelkämpfers. Er selbst sagt zu seinem beruflichen Werdegang: „Ich habe immer eine Negativ-Auslese getroffen, vertrage nur schwer jemanden über mir. In einer Hierarchie fühle ich mich nicht so wirklich wohl. Und anders als heute war es in den 70er-Jahren überhaupt kein Problem, einen Job zu finden.“ Wie Bornett zu seinen Jobs gekommen ist, davon können heute Arbeitssuchende wohl nur träumen: „Ich habe das Telefonbuch genommen und bei I wie Institut aufgeschlagen, zehn Firmen angeschrieben.“ So gelang der Einstieg zu seinem heutigen Arbeitsplatz, dem damaligen Institut für Gewerbeforschung, heute eben KMU Forschung Austria.

Und dort erweist sich Bornett als kritisches Sprachrohr der Klein- und Mittelbetriebe. Das liegt in seiner Natur. Schon an der Uni hat er sich mit Professoren angelegt: „In mir schlummert zumindest ein kleiner Anarchist. In dem Sinn, dass man gewisse Aussagen und Entscheidungen auch hinterfragen muss. Das ist auch eine Frage der Abhängigkeit oder Unabhängigkeit.“ Andere können sich eben nicht all zu weit aus dem Fenster lehnen. Naturgemäß eckt Bornett des Öfteren auch an. Etwa wegen seiner kürzlichen Meldung, dass „es relativ viele kleine Betriebe gibt, die eigentlich nicht überlebensfähig sind“. „Es kann nicht jeder Unternehmer sein.

Viele halten sich mehr schlecht als recht über Wasser, stören den Markt, weil sie aufgrund ihrer finanziellen Situation zu furchtbaren Preisen anbieten. Meine Aussage war: ‚Solche Betriebe sollte man durchaus in Ruhe sterben lassen.‘“ Gemeint sind damit immerhin rund acht Prozent der KMUs. Da dauerte es nicht lange, hatte Bornett etliche Funktionäre der Wirtschaftskammer am Hörer. „Wir sind eben ein unabhängiges Institut. Die Wirtschaftskammer ist ein sehr wichtiger Kunde für uns, keine Frage. Da bin ich sehr interessiert, dass ein gutes Einvernehmen herrscht. Aber was wahr ist, ist wahr“, steht Bornett zu seinen Aussagen. „Das ist sicher eine Stärke des Instituts: Dass wir keine Gefälligkeitsaussagen und -gutachten machen.“ Wie ist das heute grundsätzlich mit öffentlicher Kritik? „Erwünscht ist sie schon, aber mit Maß und Ziel. Je nach Abhängigkeitsverhältnis, wird die Einschränkung einmal massiver, einmal weniger. Angesichts knapper Budgets muss man um jeden Auftrag kämpfen, und dann gibt es halt viele, die sagen: Dann bin ich eben ruhig. Nach der Devise: Wer nichts macht, kann nichts falsch machen. Das war ich aber nie.“

Leicht ist das aber wohl auch für den gemeinnützigen Verein KMU Forschung nicht: Zu 86 Prozent finanziert sich dieser aus Forschungsaufträgen. Sieben Prozent bringt eine Förderung zur Führung der Datenbanken, eine wesentliche Grundlage für weitere Forschungen. Weitere sieben Prozent sind Fördermittel über eine Mitgliedschaft bei Austrian Cooperative Research (ACR). Ohne die zwei Förderungen müsste das Institut die Gemeinnützigkeit aufgeben und zu einem Beratungsinstitut werden. Bornett: „Ob das in dieser Größe stattfinden kann, ist fraglich. Eventuell muss man sich dann im Forschungsbereich einschränken.“ In der aktuellen Form ist die KMU Forschung im öffentlichen Interesse unterwegs. Ein Beispiel: Alle zwei Jahre wird der Mittelstandsbericht verfasst. Eine Studie, die auch im Nationalrat behandelt wird. „Da bekommen wir zwar Geld dafür. Das ist aber bei weitem nicht kostendeckend. Zu Marktpreisen würde das – so eine Analyse – das Dreifache kosten. Privatwirtschaftlich müsste man sich daher solche Leistungen überlegen.“

Wie schwer ist es nun aber tatsächlich, unabhängig zu bleiben? Schließlich verfolgen Interessenvertretungen und politische Netzwerke konkrete Ziele. „Zum einen würden wir entsprechende Aufträge ablehnen. Zum anderen ist es so, dass selbst wenn bei der Auftragserteilung ein solches Ansinnen noch gar nicht gestellt wird, sondern erst bei der Präsentation, wir zu den Ergebnissen stehen. Was wir nicht beeinflussen können, ist das, was der Auftraggeber mit den Ergebnissen macht. Weil das Veröffentlichungsrecht vertraglich bei 99,9 Prozent aller Forschungsaufträge beim Auftraggeber liegt.“ Und das komme durchaus vor. So manches Studienergebnis bleibt damit unter Verschluss. Allerdings, so Bornett: „Wir haben pro Jahr zwischen 100 und 150 Projekte laufen. Von denen kommt es vielleicht bei zwei Projekten vor. Also verschwindend gering.“ Auch politische Aussagen werden nicht vom Institut getroffen. „Wir nennen die Fakten. Dann aber Änderungen etwa im Steuersystem zu fordern, das ist Aufgabe der Interessenvertreter. Ich unterstütze das im besten Fall aus meiner persönlichen Erfahrung heraus“, stellt Bornett klar.


Kein Blatt vor dem Mund
Hin und wieder kann er sich dann aber kritische Wortmeldungen eben doch nicht verkneifen. Bei einer Podiumsdiskussion in NÖ ging es angesichts der schwierigen Wirtschaftslage um öffentliche Investitionen für das Baugewerbe. „Das kommt dann aus der Situation heraus. Wenn ich eine Zahl vor mir liegen haben, dass der Anteil der öffentlichen Aufträge im nieder­österreichischen Bau- und Baunebengewerbe rückläufig war, und es sagt jemand, die öffentlichen Ausgaben seien aber in den vergangenen Jahren gestiegen, dann ist der Schluss nahe, dass andere – Industrie, Handel oder wer auch immer – mehr profitiert haben.“ Und da nimmt sich Bornett kein Blatt vor den Mund.

Wie kommen die Wirtschaftsdaten und in weiterer Folge die Studienergebnisse der KMU Forschung zustande? Bei der Bilanzdatenbank bestehen Verträge mit Banken. Diese liefern anonymisiert rund 200.000 Jahresabschlusse pro Jahr. Daraus werden Branchendurchschnittswerte errechnet. Bei der Konjunkturdatenbank, aus der auch die öffentlichen Auftragsanteile hervorgehen, werden die Betriebe direkt viermal im Jahr per Fragebogen befragt. Bei der Brancheninformationsdatenbank kommen zusätzlich noch Experteninterviews und ein Screening von Fachzeitschriften wie der bauzeitung dazu. Für die Strukturdatenbank werden statistische Daten zugekauft. „Die Konjunkturdaten etwa sind in erster Linie für die Interessenvertretungen von Bedeutung, zur Untermauerung von politischen Forderungen. Für die Betriebe sind diese Daten nur eingeschränkt interessant. Als Benchmark, wo man selbst etwa bei der Auslastung steht“, sagt Bornett.

Unterschiede zwischen erfragten Einschätzungen der Unternehmer und Konjunkturdaten erklärt der Wirtschaftsexperte mit Wirtschaftsschwankungen, von denen das Gewerbe teilweise verschont bleibt: „Das Gewerbe entwickelt sich relativ stabil. Durch die fast 100.000 kleinen Betriebe ist keine immense Konjunktur
abhängigkeit gegeben. Selbst 2009, als es gesamtwirtschaftlich ein Minus von etwa 3,8 Prozent gab, verteilte sich das unterschiedlich auf die Branchen. Wenn es dann bergauf geht und das Wachstum liegt bei drei Prozent, gibt es das gleiche Phänomen mit umgekehrten Vorzeichen. Die Kurve beim Gewerbe ist also immer flacher. Und: Das Gewerbe hinkt immer etwas nach.“

Das behaupten kritische Stimmen auch von den Maßnahmen in Hinblick auf die Arbeitsmarktöffnung am 1. Mai. Wie wird sich die auf die KMUs auswirken. Bornett: „In der ersten Phase wahrscheinlich gar nicht. Das wurde schon bei der Ostöffnung überschätzt. Die Wanderungsbewegung ist nicht so groß.“ Damalige Untersuchungen hätten gezeigt, dass sogar sehr arme Menschen in Ostungarn nicht dazu zu bringen waren, Jobs in West­ungarn anzunehmen. Geschweige denn nach Österreich zu kommen. „Diese Mobilität wird überschätzt. Und der Aufholprozess speziell in unseren Nachbarländern war rasanter. Das heißt, dass es ihnen im Vergleich zu 2000 deutlich besser geht. Hier muss man immer die Kaufkraft vergleichen. Hier bekommt er vielleicht ein Vielfaches an Lohn, muss aber auch im Wirtshaus das Achtfache zahlen.“ Und nicht zu vergessen: „Wir brauchen die Leute. Wir steuern ja auf einen extremen Fachkräftemangel zu.“ Jetzt kommen die geburtenschwachen Jahrgänge, zu wenige Menschen in den technischen Berufen, viel zu wenige Schulabgänger, die mit einer Lehre anfangen. Abwehrhaltung wäre fatal. Im Gegenteil: „Wir müssen den Standort Österreich für Zuwanderer attraktiv machen. Für Qualifizierte natürlich.“ Ist da die Rot-Weiß-Rot-Card das richtige Steuerungstool? Bornett beurteilt dies vorsichtig: „Für diesen Zweck ist sie wenig hilfreich. Ich kann ja nicht hergehen und sagen: Jeder, der hier arbeiten will, muss Deutschkenntnisse haben. Was mache ich da mit einem Universitätsprofessor? Den schmeiße ich dann aus dem Land?“


Genussmensch Bornett
Zurück zum Privatmensch Bornett: Abseits von 60 bis 70 arbeitsreichen Wochenstunden und zahlreichen Abendterminen „entspannt“ der Wiener in ruhigeren Zeiten am liebsten auf einem alten, abgelegenen Vierkanthof im Mostviertel. Dort herrscht angenehme Stille als Ausgleich zum Kommunikationsjob. Trotz aller handwerklichen Mankos im Kürschnerbereich, am Hof steht körperliche Arbeit an: „Das ist etwas anders. Das ist Land- und Forstwirtschaft. Zu Holz habe ich eine andere Beziehung als zu Textilien. Vielleicht, wenn mein Vater Tischler gewesen wäre ...“ Ein wirkliches Hobby kann Bornett aber nicht vorweisen, ein Genussmensch ist er: ein guter Wein, gute Küche, Zigaretten. „Das hat schon seinen Stellenwert. Mit dem Sport habe ich, wie man sehen kann, schon vor einige Zeit aufgehört“, schmunzelt er. Aus Zeitgründen.


Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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