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Zukunft des Wohnens

18.03.2010

Vor allem der Klimawandel zwingt die Bauwirtschaft zu weitreichenden Änderungen im Wohnbau. Alternative Energieformen, automatisierte Haustechnik und ökologische Baumaterialien liegen weiter stark im Trend.

Schon in zwei Jahrzehnten, sind zahlreiche Experten überzeugt, wird sich unser Wohnen grundsätzlich gewandelt haben. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt es: Die Zukunft hat uns längst eingeholt. Vieles, das vor 20 Jahren noch als Science-Fiction belächelt wurde, ist Realität geworden, in der Architektur sogar „state of the art“.
„Die Städte werden dichter und zugleich grüner. Die Straßen ruhiger, die Luft sauberer“, zeichnet der Schweizer Architekt Robert Hastings ein durchaus erfreuliches Bild der Stadt der Zukunft. Fossile Brennstoffe haben dann an Bedeutung verloren. Hastings, der auch an der Donau-Universität Krems unterrichtet: „Innerhalb von 15 Jahren ist es vorbei: Verbrennungsmotoren sind in den Städten verboten. Fotovoltaik selbstverständlich.“

Impulsgeber Klimawandel
Klimaereignisse werden dazu den entscheidenden Impuls geben, ist der Experte überzeugt. Das belegen auch die jährlichen Studien der Münchner Rück Versicherung. Sie dokumentiert seit Jahrzehnten weltweit alle Naturkatastrophen und Klimaveränderungen. Fazit: Auch in unseren Breiten wird sich das Wetter entscheidend ändern. Schon der Fakt, dass die letzten zehn wärmsten Jahre in den letzten zwölf Jahren – seit Anfang der Beobachtungen 1856 – stattgefunden haben, unterstützt die düstere Prognosen: Mehr Hitzwellen inklusive Dürren und dazu mehr Extremniederschläge und vermehrte Stürme erwarten auch die Alpenrepublik. Abseits des Wetters nicht zu vergessen: der drohende Mangel an fossilen Brennstoffen.

Was folgt ist eine notgedrungene Modernisierung durch neue Erfindungen und Entwicklungen. Hastings Gebäude-Zukunftsvision kurz zusammengefasst: Die Dachformen sind für Fotovoltaik optimiert und begrünt, Dachfenster bringen Licht und Kühlung. Wände bestehen aus vorgefertigten Paneelen, Faserverbundstoffe werden als Basis für lasttragende Platten-Module verwendet. Luftdurchlässige Solar-Fester sind Teil des Lüftungssystems.
Home-Automations-Systeme regeln Hauhalt wie Haustechnik vollautomatisch. Bei der Energieerzeugung werden dezentrale Lösungen zunehmen, etwa Fotovoltaik und Brennstoffzellen als Energiespeicher. Wärmequellen sind vor allem Solarenergie und Erdwärme. Wasser dient als Wärmeleiter bei der Bauteilaktivierung. „Deshalb wird die Leichtbauweise zunehmen – für eine schnellere Reaktion“, meint Hastings. Das Haus selbst wird zum selbstständigen Energieproduzenten.

Keineswegs ein Ding der Unmöglichkeit. Schon jetzt, erklärt Hans-Martin Henning vom deutschen Fraunhofer-Institut, ist das Haus als Kraftwerk keine Träumerei mehr: „Es ist möglich, eine Plus-Energie-Bilanz zu erreichen. Wohlgemerkt bezogen auf das Jahreslevel. Fotovoltaik spielt dabei eine große Rolle.“ Gemeint: neue Produkte wie Dünnschicht-Fotovoltaikanlagen. Durchsichtige Folien, die etwa am Fenster angebracht für Lichtschutz und Energie zugleich sorgen.

Die Zukunft gehört, so der Experte, vor allem einer Kombination aus Fotovoltaik und Geothermie. Henning: „Wir arbeiten an der Optimierung dieser Systeme. Für die globale Entwicklung ist es zunehmend relevant, dass nicht nur ein Nutzen vorliegt, sondern Wärme und Energie produziert werden.“ Nur ein Stichwort: multifunktionale Fassadenkonzepte. Und: „Es braucht aber einen ganzheitlichen Ansatz. Auch der Raumkomfort muss berücksichtigt und die Bauphysik im Auge behalten werden.“

Steigende Mobilität
An einen „großen“ Klimawandel und weitgehende Auswirkungen auf die künftige Bauweisen glaubt Wolfgang Amann vom österreichischen Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen weniger: „Nach der Klimakonferenz in Kopenhagen herrscht ziemliche Ernüchterung. Es herrscht Ratlosigkeit, wie es mit dem Klimawandel wirklich aussieht. In jedem Fall werden die technischen Normen anspruchsvoller, die Anforderungen an die Bauwerke nehmen zu.“ Er gibt auch zu bedenken: „Die größten Schäden sind immer durch Blödheiten passiert, etwa der Hausbau in Hochwassergebieten.“

Um sich ein Bild der Zukunft machen zu können, bietet sich für Amann ein Blick in die Vergangenheit an: „Nach den Prognosen vor 40 Jahren sieht die Realentwicklung nüchtern aus. Man muss vom Status quo ausgehen. Mit Sicherheit wird aber die Mobilität – der Wohnungswechsel – zunehmen.“ Fix ist auch für Amann der Schwenk hin zu den alternativen Energieformen: „Schon in 15 Jahren werden im Wohnbereich keine fossilen Brennstoffe mehr benötigt. Es ist ein stabiler Trend zum Haus als Kraftwerk und einer dezentralen Energieversorgung.“ Ein weiterer Zukunftsaspekt beim Thema Wohnen: „Die verfügbaren Einkommen werden wahrscheinlich weiter moderat ansteigen. Das wird sich auch auf das Wohnen auswirken. Eventuell steigt der Anteil an den Gesamtausgaben, und die Wohnflächen nehmen weiterhin zu.“

Den Trend zu zunehmender Mobilität bestätigt Andrea Baidinger vom Kommunikationsinstitut bauen-wohnen-immobilien. In ihrem Auftrag fragte das Gallup-Institut 1.000 Österreicher nach ihren Umzugsplänen. Das Ergebnis: Innerhalb der nächsten zehn Jahre wollen enorme 24 Prozent der heimischen Bevölkerung übersiedeln. In Wien etwa sind die Gründe dafür in erster Linie eine Verbesserung des Wohnstandards und eine größere Wohnfläche. Und: Der Wunsch nach einem Einfamilienhaus geht definitiv zurück. Die stärkste Entwicklung kann bei den Reihenhäusern gesichtet werden: Aktuell wohnen dort fünf Prozent, 2019 – so die Prognose auf Grundlage der Umfrage – sind es bereits zwölf Prozent. Wo es außerdem hingeht: Möglichst große Grundrisse sind aktuell wie zukünftig gewünscht. Das klassische Vorzimmer löst sich zusehends auf, die Küche ist längst kein eigenes Zimmer mehr, die Badewanne wandert sogar ins Schlafzimmer. Baidingers Fazit: „Die gesellschaftlichen Veränderungen geschehen schneller, als die Bauwirtschaft darauf reagieren kann.“

Unter dem Studientitel „Living in the Future“ hat sich auch das Österreichische Zukunftsinstitut dem Thema angenommen: Das Haus der Zukunft funktioniert als „Stimmungs-Manager“. Die persönliche Lebensqualität, die Gesundheit, der Lebenssinn sind hierbei zentrale Themen. „Die Professionalität in der Ausstattung der Haushalte wird noch weiter ansteigen“, sind sich die Studienautoren Harry Gatterer und Cornelia Truckenbrodt einig. Wohnen wird mehr als bloßer Aufenthalt: Selbstverwirklichung, Rückzugsort (Stichworte Cocooning, Sicherheit, Komfort) und Schnittstelle zwischen Arbeit und Wohnen. Die kommenden Megatrends: eine fortlaufende Landflucht in die Vororte (Exurbs), das Öko-Haus, das intelligente und hochtechnisierte Gebäude. Und, nicht zu vergessen: Aufgrund der demografischen Entwicklung und Überalterung der Gesellschaft wird generationsübergreifendes Wohnen deutlich an Bedeutung gewinnen.

Unter dem mysteriösen Begriff „ubiquitous computing“ verstehen Experten, was schon bald unsere Realität sein wird: die totale Vernetzung der Technologien zum umfassenden Nutzen des Menschen. „Wer konventionelle Elektrotechnik in einem Neubau einbaut, hat nach Fertigstellung des Hauses sofort einen Altbau“, wird gewarnt. Auch bei Zukunftsforscher Gatterer spielt das „hauseigene Kraftwerk“, etwa das Passivhaus in Kombination mit Fotovoltaik oder Miniblockheizkraftwerk, eine wesentliche Rolle in der Zukunft. Bemerkenswert ist hierbei eine Studie der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München zum Thema Brennstoffzelle.
Das Ergebnis der Simulationsrechnungen: In einer Wohnsiedlung, deren Gebäude mit kleinen Brennstoffzellenanlagen sowie mit einem über ein Nahwärmenetz angeschlossenen motorischen Blockheizkraftwerk versorgt werden, sinken die Leitungsverluste auf fast ein Zehntel, die Netzbelastung halbiert sich, und der Strombezug reduziert sich um zwei Drittel. Das ist doch was. Ein wesentliches Thema wird auch die Baubiologie. Auf sie muss zukünftig verstärktes Augenmerk gelenkt werden. Natürliche Materialien wie Lehmputz oder Stroh als Dämmung sind stark im Kommen. Und sie sorgen auch am Markt für Bewegung

Trends im Wohnbau
Die wesentlichen Trends in Sachen Wohnbau hat Marktforscher Thomas Wagner im Auftrag des deutschen Bauprodukt-Vermarkters Heinze in der „Trendstudie 2009–2015“ erfasst. 373 Architekten und Innenarchitekten wurden befragt, was in den nächsten fünf Jahren „in“ und „out“ ist. Bewertet wurde nach Schulnoten. Mit einigen Überraschungen: Stark an Bedeutung wird im Bereich Häusertypen besonders das Holzhaus (siehe Grafik). Rückläufig ist der Trend bei Häusern mit Keller und Bungalows. Ähnliches ist bei den Baustoffe zu sichten: Holz (2,4) liegt in der Gunst der Architekten relativ klar voran. Stärkere Ausprägungen bei den Tendenzen gibt es unter den Dämmstoffen: Weiterhin im Kommen sind Wärmedämmverbundsysteme (2) vor Holzfaserdämmplatten (2,5) und Zellulosedämmplatten (2,6). Im Mittelfeld bewegen sich Steinwolle, Mehrschichtleichtplatten, Perlite, Blähbeton, Styropor, Schaumglas und andere Hartschaumstoffe (2,8–3).
Abgeschlagen: Schafwolle und Glaswolle (3,4). Das Fazit von Studienautor Wagner: „Naturmaterialien für Böden, Wände und Möbel sind angesagt.“

Für die Zukunft des Wohnens will man sich auch in Österreich wappnen. Neben zahlreichen neuen Konzepten, etwa dem Stadtentwicklungsprojekt Solarcity in Linz, hat sich auch die Plattform „Haus der Zukunft“ des Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie dem Thema verschrieben. Hier werden innovative Projekte und Ideen gefördert wie publiziert. Ein Beispiel: die Entwicklung einer vollautomatisierten, prognosegesteuerten Gebäudeklimatisierung auf Basis von Wetterberichten. Ein Blick in die Zukunft lohnt sich immer.

Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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