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Den Stand eines Beuprojekts – in Echtzeit und in Abhängigkeit von sich ändernden Voraussetzungen –, vom Start bis zur Fertigstellung nachvollziehbar: Die BIM-Revolution läuft langsam an, ist aber unaufhaltsam und birgt gerade für den Baustoffhandel neben Risiken auch große Chancen. Im Bild ein Eindruck von den Entwicklungen beim BIM-Vorreiter Strabag.

Zukunftsperspektiven

28.11.2017

Um in der digitalisierten Bauwirtschaft nicht unter die Räder zu kommen, müssten sich vor allem Baustoffhändler bereits heute intensiv mit neuen Strategien und Geschäftsmodellen beschäftigen.

Andreas Steyer, Produktmanager beim Software-Produzenten Nevaris, ist sicher: „Kein Entwickler, auch wenn er noch so groß ist, kann bei BIM alles anbieten.“

Obwohl das Building Information Modeling (BIM) in der Branche nicht erst seit kurzem Thema ist, fühlt sich manches Bauunternehmen davon weniger herausgefordert als bedroht. Bei allen Risiken, die mit neuen Technologien verbunden sind – es werden mitunter bewährte Geschäftsmodelle infrage gestellt –, sollten aber auch die darauf beruhenden Möglichkeiten und Chancen eruiert werden. Nicht zuletzt, weil Branchenriesen wie etwa die Strabag regelmäßig über neue Fortschritte im Bereich der Digitalisierung berichten, Stichwort: „BIM 5D“.

Mit den Herausforderungen und Möglichkeiten von BIM beschäftigt sich in diesem Sinn die Unternehmensberatung Roland Berger in einer aktuellen, auf 20 Interviews mit europäischen Experten (u. a. aus der Softwareentwicklung, von Generalunternehmern, Baumeistern und Facility-Managern) beruhenden Studie. Diese widmet sich den internationalen Entwicklungen und definiert BIM als disruptive Technologie, welche die gesamte Bauwirtschaft verändern wird: als einen „Turning point for the construction industry“, so der vielversprechende Titel der Studie.

Durch BIM könnten etwa Architekten und Planer direkt über die passenden Dienstleister und Materialien entscheiden, heißt es dazu. Besonders interessant – und für die Betroffenen alarmierend – ist der Aspekt, wonach Generalunternehmer, aber auch Baustoffhändler an Einfluss verlieren würden, da sich Material- und Produktentscheidungen im Bauprozess immer weiter nach vorn verlagern. Designer und Planer treten in diesem Sinn vermehrt direkt mit den Baustoffherstellern in Kontakt, weshalb Händler ihre Rolle überdenken sollten und sich etwa als „Anbieter modularer Baukästen für ganzheitliche Baustofflöungen“ neu definieren müssten.

Strategische Vorbereitung

Vor all dem stehe jedoch ein Reflexionsprozess, so Schober: „Die Unternehmen müssen sich der Digitalisierung und ihrer Auswirkungen auf das eigene Geschäftsmodell bewusst werden.“ Denn für viele sei das noch kaum relevant oder gar kein Thema: „Das ist ein Problem, denn viele haben immer noch keine umfassende Digitalstrategie. Sie befassen sich nur mit Teillösungen wie zum Beispiel mit der Gestaltung einer Kundenplattform. Auch die Umstellung auf BIM sollte deshalb in eine Digitalstrategie eingebettet werden. Dabei wird sich BIM auf die jeweiligen Marktteilnehmer entlang der Wertschöpfungskette unterschiedlich auswirken. Jeder muss aus diesem Grund genau analysieren, was BIM für sein Geschäft bedeutet und wie er darauf reagieren muss.“ Zusätzlich zu BIM als dreidimensionaler Planungssoftware bediene man sich künftig einer „BIM-Bibliothek“, die Produkte in Form von „BIM-Objekten“ mit Angaben bezüglich technischer Fertigkeiten für Planer und Hersteller zugänglich macht: „Das sind Bausteine, mit denen das Gebäude oder Infrastrukturen ‚konfiguriert‘ und zusammenfügt werden.“ Ein Eintrag eines Produktes in der BIM-Bibliothek komme der heutigen Listung von Produkten beim Baustoffhändler gleich. „Sobald sie sich im Markt etabliert hat, wird sie die umständliche Suche im Handel ersetzen und alle alternativen Produkte mit denselben Eigenschaften im System anbieten.“

Die BIM-Bibliothek verweist in diesem Sinne am kleinen Händler vorbei auf den gesamten Weltmarkt und wird zu einer Art Amazon: ein Laden für jeden Bedarf, der bei aller Kritik am System aber auch neue Chancen für kleinere Player bietet. Das Worst-Case-Szenario wäre, wenn Projektplaner über BIM direkt auf die Hersteller zugehen, um dort das passende Produkt zu bestellen. Der Händler muss also darauf achten, „dass er nicht zum reinen Logistikunternehmen wird, das auf Marketing, Kontakt zu Bauunternehmen und Handwerker verzichtet und stattdessen nur noch ausliefert“. Die notwendige Positionierung inkludiere ein Neudenken von Bestell-, Logistik- und Finanzierungsprozessen; gegebenenfalls müsse auch mit Systemangeboten und aufeinander abgestimmten Komponenten samt zusätzlichen Leistungen ein Mehrwert für Kunden dargelegt werden.

Maschinenlesbare Daten

Mit der anlaufenden BIM-Revolution „wird sich alles ändern“, ist Anton Gasteiger sicher. Als Gründer und Geschäftsführer der Aga-Bau-Planungs GmbH sowie als Partner in der Bimm GmbH („Bimm“ für Building-Information-Modeling-Management, Anm.) verfügt er über viel Praxiserfahrung. Zudem ist er Vorstandsmitglied der Nonprofitorganisation Building Smart, die BIM mit der Entwicklung des „Building Smart Data Dictionary“ vorantreiben will. „Dieses Wörterbuch soll die Kommunikation zwischen Softwareprogrammen und in weiterer Konsequenz mit Projektbeteiligten vereinfachen“, beschreibt Gasteiger diesen Zugang zur BIM-Bibliothek. Die Materialbeschaffung laufe derzeit weitgehend analog ab: „Händler werden telefonisch kontaktiert, und man erhält eine Preisauskunft inklusive Aufschlag des Händlers, da er das Produkt vermittelt.“ Durch BIM könnten nun Architekten und Planer – siehe oben! – weltweit anfragen, was der Markt hergibt: „Dabei müssen die Informationen der Bauteile nicht mehr von Menschen lesbar sein, da maschinenlesbare Daten wie Strichcodes und QR-Codes sinnvoller und effizienter sind.“

Aktuell laufen die umfassende Digitalisierung von Produktbeschreibungen sowie der Aufbau der globalen Vernetzung; parallel dazu sei in Frankreich eine gut 20-köpfige Truppe dabei, diese Technologie in eine europäische CEN-Norm zu bringen, wie Gasteiger darlegt. An einem Beispiel erklärt, soll das Dictionary etwa einem Architekten, der eine Innentüre sucht, den Weltmarkt mit „hunderttausend Angeboten“ eröffnen. Über gefilterte Detaildefinitionen – wie hoch und breit, welche Farbe, mit/ohne Fenster? – reduziere sich das Angebot in Sekunden „auf vielleicht nur noch zehn Exemplare“, von denen das ideale, den Vorstellungen entsprechende Modell angefordert werden könne. Grundvoraussetzung für diese BIM-Anwendung ist jedoch, „dass jede Information in jeder Tür eindeutig identifizierbar ist“. Wie im Internet, das bekanntlich keine IP-Adresse oder URL mehr als einmal zulässt, sei es notwendig, die einzelnen Parameter wie Breite, Höhe, Farbe etc. unverwechselbar darzulegen. In diesem Sinn werde sich der Baustoffhandel aktiv mit den Herstellern kurzschließen müssen, damit Logistik und Bestellung über die Ausführenden funktionierten.

Allerdings sieht auch Gasteiger für die Händler das schon in der Roland-Berger-Studie beschriebene Problem, wonach der Direktkontakt der Planer zu den Erzeugern künftig durch die Software- Unterstützung „noch rascher und effizienter wird“. Sollte ein Hersteller definieren, dass er (weiterhin) nur an ausgewählte Händler liefert, sei das natürlich legitim. „Aber schauen wir doch mal, was bereits heute der Fall ist: Branchenriesen liefern direkt an Verbraucher und gehen keine Umwege mehr. Die Großen der Bauwirtschaft bestellen ihre tausende Tonnen Eisen zum Jahresersten nicht über einen Zwischenhändler, sondern beim Hersteller.“ Insofern dürfe man auch nicht „die schon jetzt vorhandenen Tatsachen als künftige Probleme der Digitalisierung behandeln und sagen: Die Technik ist schuld“. Und um den konkreten Stand der Technik ein für allemal zu vergegenwärtigen, stellt Gasteiger fest: „Wir haben bereits ein Tool, mit dem wir den Beton ab Werk bestellen könnten, wenn die Anlagen digitalisiert wären. Es handelt sich um eine direkte Kommunikationstechnologie zum Mischwerk, inklusive gewünschter Uhrzeit des Prouktionsendes und der Angabe, was ich wann wo geliefert haben möchte.“

Einer, der sich definitiv mit den Herausforderungen und Auswirkungen von BIM für sein Business auseinandersetzt, ist René Rieder. Der Geschäftsführer von Quester sieht die Neuerungen „in erster Linie als Chance“. Kernkompetenz seiner Branche sei ja „nicht nur die reine Logistik, sondern auch Beratung und Services“. Was zum einen noch weiter vertieft, vor allem aber gegenüber Neukunden auch besser hervorgestrichen werden müsse. Rieder: „Nur wer hier rechtzeitig seine Hausaufgaben macht, wird als wesentlicher Partner in der Wertschöpfungskette gesehen werden.“ Auch das persönliche Gespräch werde seine Bedeutung nicht verlieren, ist er sich sicher, ganz so, „wie es trotz aller Digitalisierung das papierlose Büro auch noch immer nicht gibt“.

Wesentlicher als die Frage, wann BIM kommt – denn dass es kommt, daran sei nicht zu zweifeln –, sei, „wie schnell und wie stark verbreitet es eingesetzt wird“. Ein relevanter Faktor dafür sei der Zeitpunkt, ab dem „auch in Österreich BIM bei Ausschreibungen verpflichtend vorgeschrieben sein wird“. Wer bis dahin nicht hinlänglich vorbereitet sei, habe das Nachsehen. Aus Rieders Sicht bestehen aber noch zahlreiche Herausforderungen technischer Natur, u. a. auch im Bereich der Datensicherheit: „Datenverluste, ungenaue oder fehlende Informationen sind heute noch an der Tagesordnung.“ Angesichts der in der Roland-Berger-Studie erwähnten Einschätzung, wonach es in Europas Bauwirtschaft mit Autodesk und der Nemetschek-Gruppe zwei Marktführer für BIMSoftware sowie gut 280 kleinere Anbieter gebe, meint Rieder: „Etablierte Unternehmen haben es wahrscheinlich – wie auch bei herkömmlicher Software – allein durch ihre Verfügbarkeit einfacher, durchgängig Fuß zu fassen.“

Kein Softwareanbieter deckt alles ab

Die erwähnte Nemetschek-Gruppe mit insgesamt 15 Firmen ist ein Mitbegründer der „Open BIM“-Initiative, die offene Standards über die sogenannte IFC-Schnittstelle vorantreibt, sagt Andreas Steyer. Er ist Produktmanager bei Nevaris, einem dieser 15 Unternehmen, und sieht durchaus Chancen für kleinere Software-Entwickler und somit für eine Marktvielfalt: „Kein Anbieter, auch wenn er noch so groß ist, kann bei BIM alles anbieten.“ Vor allem auch deshalb, weil sich immer mehr BIM-Spezialgebiete herausbilden und es künftig neue Aufgaben für die Software geben werde, „die wir uns noch gar nicht vorstellen können“. Und genau deswegen seien die offenen Schnittstellen und Formate immens wichtig.

In Steyers Wahrnehmung investieren die Hersteller derzeit enorm in BIM: „Zum Beispiel bauen Schüco oder auch St. Gobain eigene BIM-Abteilungen auf und sehen klar die Chance, indem sie Produkte für digitale Modelle nutzbar machen und den Vorsprung zur Konkurrenz ausbauen.“ Aber nicht jeder Hersteller hat diese Größe – „auch da wird es welche geben, die das nicht allein leisten können“. Ein Zukunftsmodell für den Handel wäre auf jeden Fall, sich als Experte für Baustoffe zu positionieren. Der Vorteil für die Endabnehmer: „Baustoffhändler haben einen größeren Überblick und sind im Gegensatz zu den Herstellern vor allem produktneutral.“

In dasselbe Horn bläst Jakob Wedenig, technischer Leiter und Prokurist beim Grazer Unternehmen Bausoft Solution. Dort werden Unternehmen der Bauwirtschaft in BIM-Fragen beraten. In letzter Konsequenz bedeute BIM „eine Verbesserung der Wertschöpfungskette für alle Beteiligten eines Bauprojekts“. Die Optimierung fuße dabei auf zwei wesentlichen Bereichen: den Kommunikations- und den Informationsprozessen. „Wird BIM konsequent umgesetzt – zuerst planen, dann bauen – stehen bereits zu Beginn von Bauprojekten detailliertere Informationen zur Verfügung, auch bezüglich des erforderlichen Warenbedarfs. Für den Baustoffhandel entstehen dadurch wertsteigernde Potenziale für die Logistik, die frühzeitig geplant und somit optimiert werden könnten.“

Baufirmen könnten künftig Liefertermine viel einfacher mit der eigenen Baustellenlogistik abgleichen. Wedenig: „Eventuell wird man 24 Stunden am Tag just in time bestellen wollen.“ Aktuell gebe es Aufholbedarf bei der digitalen Einbindung von Zulieferern, gerade auch zum Beispiel im Vergleich zur Automobilindustrie. Wenn man bei der künftigen Ausbaustufe „BIM 6D“ den laufenden Betrieb von Gebäuden – und also das Facility-Management – mit einbinde, würden sich noch andere Möglichkeiten ergeben: „Nach Fertigstellung wird ein ‚as built‘-Modell an den Gebäudebetreiber übergeben, in dem alle verbauten Produkte enthalten sind. Geht etwas kaputt, könnte ein Facility-Manager per Mausklick Produkte direkt nachbestellen“ – was dem Zulieferer neue Vertriebskanäle eröffnet.

Was die grundlegenden Aus- und Weiterbildungen für künftige BIM-Profis aus allen Gewerken angeht, würden sich wohl zwei Schienen etablieren, meint Wedenig: „Zum einen beginnen die Hochschulen, die BIM-Thematik in Studiengänge zu implementieren. Zum anderen ist aber die Workshopebene eine, auf der rasch, punktgenau und auf den aktuellen Bedarf des Unternehmens abgestimmt geschult werden kann.“

Autor/in:
Bernhard Madlener
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