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Der Naturfarbenhersteller Ecotec Naturfarben greift mit Volvox Lehmfarben auf einen Naturbaustoff zurück.

Bewusstsein zum Aufmalen

21.08.2015

Giftige Dämpfe, böse Chemie als Werkstoff: Die Lackindustrie als Umweltsünder? Von wegen. Nicht erst seit gestern rüsten Unternehmen auf und setzen sich für den Schutz von Mensch und Natur ein – mit schlauen Ideen und lösungsorientierten Konzepten. 

Sicherheit auch für die Kleinsten: Little Greene bietet Wandfarben frei von giftigen Inhaltsstoffen.
Rein biologische Farben und Putze aus Naturkalk von höchster Reinheit vom ökologischen Naturfarbenhersteller Haga.

Nachhaltigkeit, Umweltschutz, soziale Verantwortung: Schlagworte, die heutzutage für jeden Betrieb einen wesentlichen Teil der Unternehmenskultur darstellen. Dabei reicht es schon lange nicht mehr, einfach nur „Gutes zu tun und darüber zu reden“. Strenge Auflagen und Bewertungsmaßstäbe sichern in vielen Branchen die nachhaltige Wirkung der unternehmerischen Verantwortung. Gerade die chemische Industrie muss im Bereich Umweltschutz und Nachhaltigkeit besonders feinsinnig beweisen, dass sie in diesem Bereich schon oft die Vorreiterrolle innehatte: Im Rahmen der Initiative „Responsible Care – Verantwortliches Handeln“ etwa werden vom Fachverband der chemischen Industrie (FCIO) schon seit 1992 heimische Betriebe zertifiziert und im Rahmen externer Audits überprüft. „2006 haben wir die Initiative durch die Maßnahmen der ‚Responsible Care Gobal Charter’ des Weltchemieverbandes auf internationale Beine gestellt“, so Klaus Schaubmayr, Sprecher des Fachverbandes. „Neben der ständigen Verbesserung von Umweltschutz, Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz treten dabei zusätzlich die Aspekte Produktverantwortung, Transparenz und Nachhaltigkeit in den Vordergrund.“ Ein Unternehmen, das schon seit 1994 die RC-Zertifizierung aufweisen kann, ist der in Tirol ansässige Familienbetrieb Adler Lacke. „Lacke werden mit Lebenszyklusanalysen betrachtet – von ,der Wiege bis zur Bahre’“, erläutert Adler Lacke-Geschäftsführerin Andrea Berghofer. „Das heißt, dass wir uns schon bei der Entwicklung eines Produkts konkrete Gedanken über die Entsorgung oder auch die Auswirkungen auf die Umwelt machen“.

Helikopter-Perspektive

Dabei gelte es, neben Ökonomie und Ökologie auch Soziokulturelles und technische Funktionalitäten zu beachten. „Also ein möglichst geringer Energie-, Ressourcen- und Flächenverbrauch vom Rohstoff bis zum Recycling“, so Berghofer. Wie in der Natur üblich, gilt es dabei das gesamte System zu optimieren und relevante Themen aus der „Helikopter-Perspektive“ zu betrachten: Zum Beispiel kann ein Wasserlack auf Basis nachwachsender Rohstoffe aus der Natur mit geringer Haltbarkeit zwar aus Sicht der Rohstoffe ökologisch erscheinen. „High-Tech-Produkte auf Basis synthetischer Materialien mit einer hohen Haltbarkeit sind aber unterm Strich nachhaltiger, weil über den gesamten Lebenszyklus weniger oft renoviert werden muss oder bereits mit einem Auftrag ein optimales Resultat erzielt wird. Es kann auch vorkommen, dass ein Wasserlack deutlich schlechter hinsichtlich des ökologischen Verhaltens abschneidet, weil das erforderliche Trocknungsverfahren viel Energie benötigt oder die Herstellung der Rohstoffe aufwendiger ist.“ Im Unternehmen steht derzeit auch eine Werkserweiterung an, dabei werden die modernsten Ansätze bezüglich Nachhaltigkeit in der Fertigung berücksichtigt, wenngleich eine Umstellung auf völlig umweltfreundliche Herstellungsverfahren und Materialien in einer Lackfabrik nur mit Einschränkungen möglich ist. „Wir arbeiten kontinuierlich an der Optimierung unserer Prozesse und es gelingt uns, trotz optimiertem Energie- und Rohstoffeinsatzes gleichbleibend hohe Qualität zu liefern“, so Berghofer weiter. „Dabei konnten schon Erfolge bezüglich des Stromverbrauchs durch neuartige Rühr- und Dispergiertechnologien, Abfallreduktion, Reduktion von Abwasser durch Recycling mit Wasserkreisläufen oder innovativen Reinigungskonzepten und ähnliches erzielt werden.“

Regionale Rohstoffe

Ein computergesteuertes Prozessleitsystem und eine hauseigene Abwasser-Aufbereitungsanlage wertet auch das Werk des Lackherstellers Synthesa in Perg auf. So gut als möglich werden dabei auch die Produktionsabfallmengen reduziert und der Anteil an recyclebaren Produktionsstoffen erhöht – dabei wird sogar der bei der Produktion anfallende Staub durch Filteranlagen wieder in den Prozess zurückgeführt. Der ebenfalls mit dem RC-Zerfitikat ausgezeichnete Betrieb produziert darüber hinaus seit Jahren ohne zugekaufte Klimazertifikate CO2-neutral. „Wichtigster Schritt dafür war die Umstellung auf erneuerbare Energiequellen“, so Paul Lassacher, Geschäftsfüher Forschung & Entwicklung bei Synthesa. Der Energiemix setzt sich in Perg im Verhältnis von zirka 50:50 aus Wärme aus dem lokalen Biomasse-Heizwerk sowie Strom aus der Wasserkraft eines regionalen Kleinwasserkraftwerks zusammen. „Zudem kommt ein gewichtiger Teil der eingesetzten Materialien aus einem geografischen Radius von 80 Kilometern. Das spart Transportwege, reduziert damit CO2-Emissionen und unterstützt die regionale Wirtschaft.“ Ein mehr als zehnköpfiges Projektteam ist bei Synthesa ständig mit Fragen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit beschäftigt, darüber hinaus wird die gesamte Belegschaft motiviert, im Sinne der Ressourcenschonung zu agieren. „Im Großen und Ganzen trägt das Synthesa-Team die Philosophie der Nachhaltigkeit in vollem Maße und mit Begeisterung mit und ist stets bereit, dafür auch Engagement zu zeigen“, ist Lassacher sichtlich stolz. „Über alle Produktbereiche hinweg ist es das Ziel von Synthesa, innovative, hochwertige und dauerhafte Produkte auf den Markt zu bringen, die durch ihre Materialeigenschaften dem Umwelt- und Klimaschutz, der Gesundheit und dem Wohlbefinden der Menschen dienen.“

Ganz natürlich

Vom Scheitel bis zur Sohle einer ökologischen Produktion verschrieben präsentiert sich auch das im deutschen Rupperswil ansässige Unternehmen Haga. Erst kürzlich ist die Übersiedelung in ein nach strengsten Kriterien der Ökobautechnik errichtetes Firmengebäude über die Bühne gegangen. 40 Mitarbeiter kümmern sich dort um Produktion und Vertrieb von mineralischen Putz- und Dämmstoffsystemen. Der verwendete Naturkalk ist überdurchschnittlich rein, desinfiziert und bietet eine optimale Vorbeugung gegen Wohnraumschimmel. Zum Einsatz kommen ausschließlich natürliche Roh- und Zuschlagstoffe, somit ist für das Unternehmen auch die Volldeklaration der Inhaltsstoffe ganz selbstverständlich. „Der Nachhaltigkeitsgedanke gehörte bereits zur Gründungsidee, was für die damalige Zeit zu Beginn der 50er Jahre sehr ungewöhnlich war“, so Haga-Geschäftsführer Thomas Bühler. „Die größte Herausforderung war, auf eine – für einen Produktionsbetrieb – wirtschaftliche Betriebsgröße zu kommen. Das war anfangs nicht einfach, weil Ökologie und Nachhaltigkeit damals noch keine große Rolle spielten und man als Ökounternehmen eher mitleidig belächelt wurde.“ Heiz- und Kühlenergie wird bei Haga über eine reversible Wasser-Wärmepumpe erzeugt, alle Arbeitsplätze in der Produktion sind mit modernen Absauganlagen ausgestattet. „Nachhaltigkeit gehört bei uns zur gelebten Unternehmenskultur. Auch unsere Mitarbeiter werden danach ausgesucht, inwieweit sie sich mit den Fragen von Nachhaltigkeit und Ökologie identifizieren“, erläutert Bühler. Die Optimierung der Ökobilanz des Unternehmens wird dabei als Daueraufgabe gesehen: in den kommenden zwei Jahren steht der Bau einer Photovoltaik-Anlage mit einer Fläche von 3.000 Quadratmetern an.

Gesund und schön

Die Entwicklung von Farben mit Rohstoffen aus der Natur war auch für Ecotec-Gründer Hans Willi Babka erklärtes Ziel. „Natürlich“ galt in den Anfangszeiten der ökologischen Bewegung als uneingeschränkt gesund – doch das klassische Naturfarben-Lösemittel Orangenterpen ist ein Beispiel dafür, dass nicht alle Rohstoffe aus der Natur auch umweltunbedenklich einzusetzen sind. Mit dieser Erkenntnis wandelte sich das Produktionsziel von Ecotec: alle Inhaltsstoffe werden seitdem unter der Maßgabe ausgewählt, dass sie möglichst weder den Menschen noch die Umwelt gefährden können – von der Rohstoffgewinnung bis zur Herstellung der Farbe, der Anwendung durch Handwerker und Endverbraucher sowie der späteren Entsorgung. Bekannt geworden ist das Unternehmen in den vergangenen 23 Jahren auch durch die Erfindung der modernen Lehmfarbe: ein Produkt, das zudem die Wohngesundheit fördert. Neben den beiden Unternehmensschwerpunkten Unbedenklichkeit und Kreativität ist es erklärtes Ziel, höchsten technischen Ansprüchen gerecht zu werden. Babka und sein 20köpfiges Team betrachten auch hier den kompletten Lebenszyklus, von der Herstellung bis zur Verarbeitung und Haltbarkeit.

Für die Kleinsten

Umweltfreundliche und sichere Farben bietet das englische Traditionshaus Little Greene, das in Wien durch die Marvin Graf GmbH vertrieben wird. Zum Einsatz kommen ausschließlich natürliche, biologische und unbedenkliche synthetische Pigmente, die auch den Qualitätsstandards EN ISO 9001 entsprechen. Die Farben auf Wasserbasis übertreffen die VOC-Vorschriften bei Weitem; ölbasierte Farben sind mit natürlich vorkommenden Pflanzenölen versetzt. Durch die größere Deckkraft wird auch der Verschwendung von Material und Ressourcen vorgebeugt. Bedenkenlos für den Einsatz in Kinderzimmern sind die Little Greene-Farben nicht nur durch den Verzicht auf giftige Inhaltsstoffe – sie sind zudem schmutzabweisend, abwaschbar und feuchtigkeitsresistent und so für besonders stark beanspruchte Räume geeignet. Zertifiziert nach internationalen Standards sind bei Little Greene nicht nur die Produkte, sondern auch die Produktion – und zwar nach dem europäischen Umweltstandard.

Zertifizierungsdschungel

Dass Maßnahmen im Rahmen von CSR-Zielen auch im Rahmen externer Audits überprüft werden müssen, ist mittlerweile auch für die Unternehmen selbst enorm wichtig. „Was wir in diesem Zusammenhang kritisieren, ist die enorme Flut an Ökozeichen und sonstigen Umweltzertifizierungen, wie sie in den verschiedenen Aktionsplänen zur öffentlichen Beschaffung oder Kriterien für die Wohnbauförderung bzw. für den Nachweis der Nachhaltigkeit von Gebäuden verlangt werden“, so Schaubmayr. Der Druck auf die Betriebe wachse dadurch enorm, einheitliche Nachhaltigkeitszertifizierungen mit vernünftigen Parametern seien dabei eine wesentliche Stütze. Hilfe im CSR-Dschungel bietet so auch ein Leitfaden zum Thema, den die österreichische Lack- und Anstrichmittelindustrie gemeinsam mit Fachhandel und Wirtschaftsministerium entwickelt hat und der die Unternehmen motiviert, die drei Säulen der Nachhaltigkeit – Ökologie, Ökonomie und Soziales – in ihr Unternehmenskonzept zu integrieren. 

Autor/in:
Christina Mothwurf
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