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Einprägsam

14.12.2012

Ein Sessel vom Flohmarkt mit einer brüchigen ledergeprägten Sitzfläche hat uns auf die Spur eines Lavanttaler Traditionsunternehmens gebracht. Die Besitzer des sympathischen Familienbetriebs wollen ein Handwerk mit Seltenheitswert vor dem Aussterben bewahren.

Der Raumausstatter A. Meyer in St. Andrä bei Klagenfurt existiert nun in der vierten Generation und wird von Anton Meyer Senior und Anton Meyer Junior geführt. Ein Geschäftsbereich war immer schon dem Lederprägen und der Restauration von Stilmöbeln gewidmet – mittlerweile eine Seltenheit im österreichischen Handwerk.

Vater oder Sohn? Wer von Ihnen beiden betreut den Bereich der Lederprägung in Ihrem Betrieb?
Anton Meyer Senior: Das machen wir beide.

War das immer schon ein Traum von Ihnen, den
Familienbetrieb weiterzuführen?
Anton Meyer Senior: Ein Traum? (lacht) Naja, der Betrieb war halt schon da. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im 1947er- oder im 1948er-Jahr, hat der Vater die Lederpressen und die Druckplatten zur Lederprägung von der Firma Schuh aus Wien erworben. Seitdem arbeiten wir damit. Je nachdem, wie hoch die Nachfrage ist.
Anton Meyer Junior: Wir sind bemüht, jetzt wieder mehr daraus zu machen. Kaum einer weiß, dass es noch die Möglichkeit gibt, Leder zu prägen. Und der Markt ist groß! Besonders in den großen Wiener Häusern gibt es Hunderte von diesen Lederprägestühlen, die neu gemacht oder überarbeitet werden müssen. Unser besonderer Vorteil ist, dass wir vom Großvater das Wissen und die originalen Druckplatten mit Jugendstil-Motiven besitzen. 50 bis 70 Prozent der Stühle, die damals produziert wurden, können wir somit nachprägen.

Kann man auch jetzt noch Druckplatten mit neuen ­Motiven anfertigen lassen?
Anton Meyer Senior: Ja, wir lassen auch neue Platten fräsen. Schwierig wird’s allerdings bei sehr feinen Motiven. Eine Fräse muss auch von jemandem programmiert werden und das ist teuer und kostet Zeit.

Wie war der Umstieg nach dem Tod des Vaters bzw. Großvaters von einem traditionellen Betrieb zu einem zeitgemäßen Betrieb?
Anton Meyer Senior: Viel haben wir nicht machen müssen, das ging ziemlich automatisch bei uns.
Anton Meyer Junior: Naja, man kann als Raumausstatter schon „hängenbleiben“. Vielen ist das auch passiert. Aber bei uns ging die Umstellung im Generationssprung von meinem Großvater zu meinem Vater gut über die Bühne.

Die Ziele für Ihr Unternehmen?
Anton Meyer Junior: Es gibt zwei Varianten – entweder der Endkonsument und Besitzer eines Stuhls möchte diesen neu bezogen haben. Dann bauen wir ihn mit Rosshaar neu auf und beziehen ihn mit Leder. Oder: Restauratoren oder andere Raumausstatter bestellen von uns die Prägung und verarbeiten das Leder selbst weiter. Beides ist für uns in Ordnung.
Anton Meyer Senior: Zudem wollen wir ja nicht nur altdeutsche Stühle oder Jugendstilsessel mit den vorhandenen Prägeplatten machen, sondern fertigen auch Wappen oder individuelle Logos an. Für eine moderne Hotelbar haben wir zum Beispiel das Hirschmotiv angefertigt. Das findet sich auch in Polsterungen und diversen Bestickungen wieder.

Welches Leder ist für die Prägung geeignet? Wird es nach der Prägung speziell imprägniert?
Anton Meyer Senior: Nicht jedes Leder ist für eine Prägung geeignet. Zuerst wird das Ausgangsmaterial lohgegerbt. Es muss einen bestimmten Fettanteil haben. Wenn das Leder zu schwammig ist, hält der Stempel nicht und die Konturen werden unscharf.
Anton Meyer Junior: Bei chromgegerbtem Leder löst sich das Muster nach einiger Zeit. Als Schutz lackieren wir mit durchsichtigem Schellack.

Haben Sie im Bereich neuer Technologien bereits Erfahrungen gesammelt, wie z. B. Laser?
Anton Meyer Senior: Wir haben eine Lehrwerkstätte, in der wir damit experimentiert haben. Aber das hat eigentlich mit Handwerk nichts mehr zu tun, und die Optik ist nicht sehr ansprechend, wenn großflächig gelasert wird. Das ist eher für kleinere Monogramme geeignet.
 
In welchen Größenordnungen können Sie arbeiten?
Anton Meyer Senior: Zwei Meter mal einem Meter können wir mit einer Tischlerpresse schon prägen, wenn wir den Prägestempel dazu haben. Aber normalerweise arbeiten wir auf 60 mal 60 Zentimeter.

Können Sie mir Ihre Kunden beschreiben?
Anton Meyer Junior: Die Kunden kommen hauptsächlich aus Österreich und Deutschland. Nachdem wir mittlerweile fast die Einzigen sind, die diese Nische der Lederprägung füllen, ist unser Einzugsgebiet sehr groß. Es geht los bei Leuten,  die einen oder zwei Stühle besitzen, bis hin zum Adeligen, der sich ein neues Motiv auf zehn Sesseln prägen lässt. Im Raumausstattungsbereich kommen Firmen, Hotels und öffentliche Betriebe wie Krankenhäuser auf uns zu.

In welcher Preisklasse bewegt sich die Restaurierung eines Stuhls?
Anton Meyer Junior: Das ist nicht sehr kostenintensiv. Ab ca. 250 Euro ist man dabei.

Wie hoch ist Ihr Umsatz aus der ­Lederprägung im Vergleich zum Gesamtumsatz?
Anton Meyer Junior: 1 bis 3 Prozent. Also wirklich ein Nischenbereich.
Anton Meyer Senior: Dazu kommen ca. 40 Prozent Boden, 30 Prozent Polsterei, der Rest teilt sich auf Stoffe, wie zum Beispiel Vorhänge, auf.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie hier?
Anton Meyer Senior: Wir sind 14 Leute.

Bilden Sie auch Lehrlinge aus?
Anton Meyer Junior: Derzeit haben wir in der Werkstatt nur einen Lehrling. Wir sind aber seit eineinhalb Jahren auf der Suche. Diesen Beruf will scheinbar niemand mehr lernen. Die Jungen wollen eher Elektriker, Tischler oder Installateur werden, aber nicht Tapezierer und Dekorateur. Ich glaube, die meisten sind nicht genug darüber informiert, welche Möglichkeiten mit diesem Beruf verknüpft sind.

Welche Anforderungen haben Sie an einen Lehrling?
Anton Meyer Junior: Fast keine! (lacht) Er sollte handwerkliches Geschick mitbringen, ein bisserl Engagement, Zeit und Lust.
Anton Meyer Senior: Aber diejenigen, die herkommen, sind nahezu unbrauchbar.

Ihr Hauptgeschäft liegt im Bereich des Raumausstatters. Warum „stirbt“ Ihrer Meinung nach der typische Raumausstatter aus?
Anton Meyer Senior: Es mag sich einfach niemand mehr die Arbeit antun. Die Jungen wollen studieren und ziehen weg.

Gehen Sie bei der Raumausstattung Kooperationen ein? Wer baut die Möbel?
Anton Meyer Senior: Es gibt etwa acht Kilometer von St. Andrä die Lavanttaler Tischlergemeinschaft. Für die sind wir Ansprechpartner in Bezug auf Polsterungen, Täfelungen und so weiter. Zudem haben wir dort auch einen Restaurator, der sich speziell auf die Restauration von ledergeprägten Stühlen spezialisiert hat. In Wien, im ersten Bezirk, versuchen wir jetzt eine Kooperation mit einem Handtaschenhersteller.

Raumausstattung gehört doch eher ins Luxussegment. Das wird vom Kunden als Erstes gestrichen, wenn Geld gespart werden muss.
Anton Meyer Junior: Das haben wir nicht so gespürt. Ich weiß nicht, wo die Leute sparen. Jedenfalls wurde trotzdem eingerichtet und trotzdem auf Urlaub gefahren. Bei uns am Land war das nicht ein Thema, meiner Meinung nach.
Anton Meyer Senior: Naja, der Mittelstand ist uns schon weggebrochen. Die Leute, die ihr Urlaubs- oder Weihnachtsgeld in die Wohnung investieren, gibt’s nicht mehr. Früher hat man um 4000 Schilling einen Küchenboden machen können. Heute kostet so etwas mindestens 1000 Euro, also in etwa das Dreifache. Viele kaufen sich dann ein Laminat beim Obi um 100 Euro, weil sie sich lieber ein Auto leisten und ein bisserl auf Urlaub fahren wollen. An die Luxusklientel muss man halt auch rankommen bzw. längerfristig qualitativ bestehen. Das ist nicht so einfach.
Anton Meyer Junior: Die Rohstoffpreise sind sehr gestiegen. Das müssen wir leider an unsere Kunden weitergeben. Der Kunde hat aber die Wahl, ob er günstige oder hochwertige Ware haben will. Wir haben beides.
Ich glaube, die richtigen Krisenjahre kommen erst. Die öffentliche Hand baut nichts mehr und die Systeme sind korrupt. Das trifft uns sehr. Um den Häuslbauer gibt es einen wilden Preiskampf. Auf den stürzen sich die gro­ßen Betriebe quasi als „letzte Hoffnung“. Die Preise fallen damit in den Keller.

Wo sehen Sie das größte Problem in der Raumausstatterbranche?
Anton Meyer Junior: Viele Leute glauben, dass man sich unsere Waren und Dienstleistungen nicht leisten kann. Mit diesem Image kämpfen wir leider stark. Da versuchen wir gegenzusteuern, zum Beispiel über Mundpropaganda, unsere Website oder über die Medien.
Anton Meyer Senior: Abgesehen davon, sind die Kosten und der Aufwand für die Montagearbeiten nicht zu unterschätzen. Da sind zwei Arbeiter eine Woche unterwegs, müssen schlafen und essen. Ich kann die nicht jede Woche irgendwo in die Wildnis schicken. Zu Hause wartet ja auch eine Familie. Wir können auch keine Leiharbeiter in  Wien anheuern, weil die mit ihren eigenen Montagefirmen zusammenarbeiten. Das würde dann geschäftlich an uns vorbei laufen. Und: Wie bringt man einem Arbeiter bei, dass er beim Otto Normalverbraucher schnell und effizient arbeiten und sich beim Superreichen Kunden Zeit lassen kann? So flexible Arbeitskräfte gibt es sehr selten.

Betreiben Sie aktiv Marketing?
Anton Meyer Senior: 60 Prozent läuft über Mundpropaganda. Es gibt einige Architekten, die uns schon kennen. Zudem haben wir ja die Kooperation mit der Tischlervereinigung Lavanttal. Wir schalten auch Anzeigen in den Tageszeitungen und schicken Prospekte aus, aber der Rücklauf ist in diesem Bereich für uns nicht messbar.
Anton Meyer Junior: Eine unserer Marketingkampagnen war das kostenlose „Room-Service“. Wir sind zu den Kunden hingefahren und haben vor Ort eine Einrichtungsberatung durchgeführt. Der Kunde entscheidet dann schon mit uns, was er aus seinen Räumen machen möchte. Oft ist es nur der Boden oder ein Möbelstück, das tapeziert wird. Aber natürlich statten wir auch komplette Räume aus.

Wohin gehen die Trends 2013?
Anton Meyer Senior: Generell gibt es eine starke Tendenz zur Natur. Bei den Stoffen bleibt es rustikal mit ornamentalen Stickereien. Kommen werden Natur und Leinenstoffe mit Stickereien in erdigen Tönen. In Kombination mit metallischen Oberfächen schaut das sehr gut aus. Bei den Tapeten wird es floral und pastellig.

Text: Cecile M. Lederer

Autor/in:
Redaktion Color
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