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Insolvenzen international

18.11.2014

Im Jahr 2013 sind die Insolvenzzahlen in Europa nach einem Zuwachs von 2,9 Prozent um 1,4 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden in den westeuropäischen Volkswirtschaften im Vorjahr rund 192.700 Unternehmen insolvent.

In einigen Ländern setzten sich Trends fort, beispielsweise die Zuwächse der vorangegangenen beiden Jahre in Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Schweden und Spanien. In dieser Zeit konnten Dänemark, Deutschland, Griechenland und Großbritannien Rückgänge verzeichnen. Dazwischen liegt Österreich: Hatten wir im Jahr 2012 einen Zuwachs an Insolvenzen von 2,9 Prozent, so gingen die Zahlen 2013 wieder um nahezu zehn Prozent zurück – allerdings nur, um 2014 wiederum leicht anzusteigen.

Halbjahreszahlen 2014: Vorläufiger Rückgang

Die Gesamtzahlen an Unternehmenspleiten in Europa sind in den ersten sechs Monaten 2014 gegenüber dem Vergleichszeitraum 2013 um fast fünf Prozent zurückgegangen. Dies sollte man jedoch keinesfalls als Entspannungsindikator werten. Der Rückgang ist vielmehr als Nachhall der vergangenen zwei Jahre zu verstehen, die wirtschaftlich vom Meistern der Eurokrise und damit einigem Zweckoptimismus geprägt waren. Wahrscheinlich werden wir schon nächstes Jahr anhand der Zahlen das Ende dieser optimistischen Phase erkennen können.

Süden: Mehr schlecht als recht

Österreich, Deutschland und der Nordwesten Europas stellen sich ihren Problemen schneller und kompromissloser als andere. Im Gegensatz dazu scheint vor allem im Süden Europas ein Klima des offiziell sanktionierten „Weiterwurstelns“ zu herrschen. Wenn die ohnehin sehr niedrigen griechischen Zahlen zwei Jahre lang rückläufig sind, bedeutet das leider nicht automatisch, dass die Strukturprobleme der Wirtschaft beherzt angegangen und gelöst worden sind.

Die Großen und die Kleinen

Das kleine Österreich steht in Europa gemessen an der Wirtschaftsleistung an zwölfter Stelle: Andere Länder, die an Einwohnern auch nicht oder nicht wesentlich größer sind – wie die Schweiz (acht Millionen), Schweden (9,5 Millionen) oder Norwegen (fünf Millionen) – sind deutlich stärker positioniert. Im Falle Norwegens wird immer gerne das Nordsee-Öl und -Gas ins Treffen geführt. Doch dieses spielt in Schweden oder der Schweiz ganz augenscheinlich keine Rolle. Schon ein rascher Blick zeigt, wo die strukturellen Probleme der großen Volkswirtschaften liegen: Rezessionen in Italien, Spanien und den Niederlanden können uns nicht kalt lassen. Alle drei Länder verzeichnen fast „lehrbuchgemäß“ entsprechende Insolvenzzuwächse. Polen liegt durch seine extrem erfolgreiche Aufholjagd in den vergangenen 15 Jahren mittlerweile „in der Mitte Europas“ und hat es verstanden, seine Mittlerrolle am Ostrand Europas auch wirtschaftlich zu nutzen.

Es geht talwärts

Die Konjunktur in Europa trübt sich spürbar ein. Auch Deutschland musste seine Erwartungen nach unten schrauben. Damit ist die Export- und Wachstumslokomotive, an der auch Österreichs Wirtschaft hängt, derzeit wesentlich langsamer unterwegs als in den vergangenen Jahren. Konjunkturforscher und Volkswirte verkünden bereits das Ende des Wirtschaftswachstums, wie wir es kennen und fordern die Politik auf, sich in ihren Maßnahmen auf Jahre der Stagnation einzustellen. Blickt man auf Österreich darf man sagen: Stagnation auf sehr hohem Niveau.

Österreich: Aufschließen gefragt

Österreich ist in dieser Runde nicht das wachstumsschwächste Land, aber schon von Deutschland trennen uns 0,2 Prozentpunkte. Von Werten wie in der Schweiz oder Schweden können wir derzeit nur träumen. Oder aber das Richtige dafür tun, sodass auch Österreich an diese Wachstumsraten anschließen kann. Der Staat muss schlanker werden, um mehr Investitionen tätigen zu können. Nicht die Unterstützung schwacher Unternehmen sollte Priorität haben, sondern die Schaffung moderner und leistungsfähiger Verwaltungsstrukturen und einer guten Infrastruktur sollte forciert werden.

US-Wirtschaft als Lokomotive?

Wenig überrascht, dass die Welt-Konjunkturlokomotive USA in zwei aufeinanderfolgenden Jahren zweistellige Rückgänge bei den Insolvenzzahlen verzeichnen kann. Die offensive Wirtschaftspolitik der Regierung, gepaart mit beherzten, zuweilen sehr schmerzhaften Maßnahmen konnte der Wirtschaft den nötigen Aufwind geben. Da werden Hoffnungen wach, dass der Zug aus dem Westen auch die etwas trägen europäischen Waggons anschieben wird. Jedoch sind die USA der mit Abstand größte Schuldner der Welt, wobei nicht nur der Staat, sondern auch seine Bürger Nettoschuldner sind, und das mehrheitlich im Ausland. Diese Form des kreditfinanzierten Wachstums droht irgendwann an einen Plafond zu stoßen. Es ist in besonderem Maße eine Frage des Vertrauens in die Kraft und Dynamik der amerikanischen Wirtschaft, die hinter diesen Kreditvolumina steht.

Autor/in:
Hans-Georg Kantner
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