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Handwerkertrio Woodsaw: Benjamin Fürlinger, Rainer Wachter, Sebastian Rahs.

Mit der Woodsaw durch alte Strukturen

20.06.2016

Das Handwerkertrio Woodsaw sorgt in Wien und Umgebung derzeit für Furore. Mit ihrer unkonventionellen Art sind sie insbesondere bei Unternehmen mit sozialem Background gefragt.

Ein Hauch von Rauem Norden liegt in der Luft, als Sebastian Rahs und Rainer Wachter den Raum betreten. Rahs und Wachter sind zwei Drittel des Wiener Handwerkstrios Woodsaw. Statt Blaumann tragen sie blaue Hemden, eng geschnürte Lederstiefel und Handwerker-Quilt. Alleinstellungsmerkmal nennt man das in der Marketingsprache. Eine Sprache, die sich nach Meinung von Raumausstatter Wachter, Tischler Rahs und Elektriker Benjamin Fürlinger im Handwerk erst noch etablieren muss. Ein Gespräch über gemeinschaftliches Arbeiten, soziales Unternehmertum und warum der Unwille einen Führerschein zu machen der Grundstein für ein Superleichtbauprojekt sein kann.

 

Ein Raumausstatter, ein Tischler und ein Elektriker machen gemeinsam ein Geschäft auf. Klingt wie die Story aus einem skandinavischen Kinderbuch.

Rainer Wachter: (lacht) Ja, das gibt‘s wirklich kein zweites Mal.

Sebastian Rahs: Aus heimischer Sicht mag diese Herangehensweise tatsächlich sehr ungewöhnlich ausschauen. Im angloamerikanischen Raum zum Beispiel gibt es aber ganz viele solcher mikroskopisch kleinen Generalunternehmer im Bauwesen.

Rainer Wachter: Wenn da jemand sagt: ‚Ich bin Installateur‘, dann ist er Installateur. Und wenn er seinen Job gut macht, dann ist er auch erfolgreich.

 

Nun sind wir ja aber in Österreich, nicht im angloamerikanischen Raum. Warum also Woodsaw?

Sebastian Rahs: Ich habe jahrelang als Industriedesigner gearbeitet. 50 Prozent meiner Planung sind dabei meistens verloren gegangen, weil verschiedenste Ausführende noch ihre eigenen Vorstellungen eingebracht haben. Wenn du aber alles aus einer Hand planst und ausführst, dann geht so gut wie nichts verloren.

 

Klingt plausibel. Wieso ist vor Euch noch keiner auf diese Idee gekommen?

Rainer Wachter: Das ist eine gute Frage. Die Antwort liegt meiner Meinung darin begründet, dass man für diese Herangehensweise ein absoluter Allrounder sein muss. Obwohl wir alle drei unterschiedliche Gewerke gelernt haben, kann jeder von uns jede Arbeit machen. Es gibt tausende sehr gute Handwerker in Österreich. Aber nur wenige möchten auch die Arbeiten anderer Gewerke ausführen.

 

Ihr seid also Handwerker und Designer zugleich. Wie läuft bei Euch der Planungsprozess ab?

Rainer Wachter: Zunächst einmal muss man sich komplett vom handwerklichen Denken loslösen. Man darf beim Planen noch gar nicht an die Ausführung denken. Ansonsten baut man sich selbst eine Barriere. Als allererstes ist für uns wichtig: Wir denken uns etwas Cooles aus. Und wenn dem Kunden das Konzept gefällt, dann überlegen wir uns erst: Wie können wir es umsetzen?

Sebastian Rahs: Zu wissen, wie man etwas ausführt, kann die Kreativität in der Planungsphase total limitieren. Deshalb blenden wir dieses Wissen – beispielsweise Materialverhalten – zunächst komplett aus.

 

Bitte gebt doch mal ein Beispiel.

Unisono: Ruffboards!

Sebastian Rahs: Zur Vorgeschichte: Die Kundinnen produzieren Longboards (längliche Skateboards, Anm. d. Red.) aus alten Snowboards. Gebaut werden sie von ehemaligen Sträflingen. Wir haben für Ruffboards eine mobile Werkstatt entworfen, die gleichzeitig Verkaufs-, Stau- und Werbefläche ist. Alles natürlich auf engstem Raum und mit geringem Budget. Und weil die Kundinnen keinen Lkw-Führerschein machen wollten, musste die mobile Werkstatt außerdem als Superleichtbau realisiert werden.

Rainer Wachter: Das ganze Projekt war so komplex, dass die Planung mindestens so viel Zeit in Anspruch genommen hat wie die Ausführung. Herausgekommen ist eine Regalwelle, die von innen nach außen geht. Die Welle ist dabei Blickfang, Verkaufsszenario und Boardregal in einem.

Sebastian Rahs: In der Konzeptionsphase wussten wir noch nicht, wie sich all diese Anforderungen realisieren lassen könnten. Aber bei uns gehört die Herausforderung einfach zum Schaffensprozess dazu.

 

Haben alle Eure Kunden einen nachhaltigen oder sozialen Background?

Sebastian Rahs: Tatsächlich haben wir bislang noch kein Projekt ohne nachhaltigen oder sozialen Aspekt umgesetzt. Von Ruffboards über den Biozertifizierten Stadtheurigen Gschupfter Ferdl bis hin zum interkulturellen Gastroprojekt Habibi & Hawara bewegen wir uns derzeit ausschließlich im Umfeld sozialen Unternehmertums.

Rainer Wachter: Das Arbeiten in diesem Umfeld ist bei uns aber nicht programmatisch, sondern gewachsen. Unsere Kunden bleiben einfach unsere Kunden – und sie empfehlen uns innerhalb der Community weiter.

 

Ist es also reiner Zufall, dass Ihr im Wiener Impact Hub angesiedelt seid, einem Gemeinschaftsraum sozialer Unternehmer?

Sebastian Rahs: Tatsächlich habe ich schon vor der Gründung von Woodsaw im Impact Hub Büroflächen genutzt. Nun haben wir dort auch unsere eigenen Räume. Als Gegenleistung, dass wir die Räumlichkeiten nutzen dürfen, teilen wir unser handwerkliches Wissen mit anderen Impact Hub-Nutzern.

Rainer Wachter: Künftig wollen wir zum Beispiel auch Workshops im Impact Hub anbieten, etwa Handwerk als Teambuilding-Maßnahme für Unternehmen oder auch im Bereich der Burnout-Prävention.

 

Wie vereint ihr die Themen Nachhaltigkeit und soziales Unternehmertum mit dem derzeit vorherrschenden Preisdumping-Trend?

Rainer Wachter: Zunächst einmal haben wir durch die Arbeit im Impact Hub geringere Fixkosten. Außerdem kommunizieren wir dem Kunden von Anfang unsere klare und transparente Preispolitik. Unsere Kunden sagen, wieviel Budget sie zur Verfügung haben und wir schauen, ob wir das Projekt machen können oder nicht. Und das schätzen sie.

 

Wie wichtig sind soziale Medien wie Facebook im zeitgenössischen Handwerk?

Rainer Wachter: Ich finde es superwichtig, dass man als Handwerker bei Facebook sehr präsent ist. Sebastian sieht das anders. Er findet, dass Facebook noch wichtiger als superwichtig ist (lacht). Spaß beiseite: Mit Facebook ist vieles sehr einfach. Wir können uns ganz leicht nach außen präsentieren, wir können Geschichten über uns erzählen und Bilder von der Baustelle oder aus der Werkstatt posten.

Sebastian Rahs: Ich glaube Facebook ist mittlerweile so wichtig wie E-Mail oder Briefverkehr. Ich bekomme mittlerweile genauso viele Facebook-Nachrichten wie E-Mails oder SMS. Und der Kunde erwartet, dass wir genauso schnell darauf reagieren wie bei anderen Kommunikationswegen.

 

Wie arbeitet Ihr mit anderen Handwerkern zusammen?

Sebastian Rahs: Man kann uns natürlich auch als Subunternehmer buchen. Umgekehrt vergeben wir natürlich aber auch Aufträge an Maler, Kunstschmiede, Kunsthandwerker und andere Gewerke.

 

Ihr drei seid alle gleichberechtigt in den Entscheidungen. Ernsthaft: Wie mühsam ist das?

Sebastian Rahs: Wir haben uns kürzlich erklären lassen, dass es eigentlich unpraktisch ist, zu dritt zu sein. Studien zufolge steht es dann nämlich immer zwei gegen einen.

Rainer Wachter: Das ist wahr. Aber das ist auch das Schöne an Woodsaw: Bei uns ist einfach alles anders.

Sebastian Rahs: Natürlich bekräftigen drei unterschiedliche Sichtweisen aber auch den kreativen Schaffensprozess.

 

Abschlussfrage: Was wolltet Ihr schon immer einmal loswerden?

Sebastian Rahs: Mich freut es sehr, dass Handwerk jetzt so en vogue ist. Man erntet immer mehr Wertschätzung dafür, dass man zum Beispiel weiß, wie man ein Regal baut oder ein Bett plant oder eine Tapete anbringt.

Rainer Wachter: Das stimmt. Lange Zeit wurden zum Beispiel immer nur die Planer zur Eröffnung eines Objekts eingeladen, nie aber die Handwerker, die das Projekt ausgeführt haben. Diese Strukturen brechen langsam auf. Schön, dass wir Teil davon sein dürfen.

Autor/in:
Redaktion Color
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