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 © Kulm Hotel St. Moritz, Nigel Young, Foster + Partner, Daniel Martinek © Kulm Hotel St. Moritz, Nigel Young, Foster + Partner, Daniel Martinek © Kulm Hotel St. Moritz, Nigel Young, Foster + Partner, Daniel Martinek © Kulm Hotel St. Moritz, Nigel Young, Foster + Partner, Daniel Martinek © Kulm Hotel St. Moritz, Nigel Young, Foster + Partner, Daniel Martinek

Alt und neu in Holz vereint

20.06.2017

Das schweizerische St. Moritz war in diesem Jahr Austragungsort der 44. Alpinen Schi-Weltmeisterschaften. Rechtzeitig vor Beginn der WM wurde Ende letzten Jahres der Eispavillon aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und um zwei spektakuläre Holzbauwerke erweitert. Für das architektonische Konzept zeichnet niemand Geringerer als der britische Stararchitekt Lord Norman Foster verantwortlich, der zusammen mit dem ortsansässigen Architekten Arnd Küchel dem verfallenen Gebäude gestalterisch zu Leibe rückte. 

Sowohl die Eröffnung als auch die Siegerehrungen der diesjährigen Schi-Weltmeisterschaft in St. Moritz fanden vor der aufpolierten, historischen Kulisse des ehemaligen Eispavillons statt und gaben dem Großevent den gebührenden feierlichen Rahmen. Diesen Auftritt verdankt das rundum sensibel sanierte Gebäude dem Traditionshotel Kulm, eine der ersten Hoteladressen in den Schweizer Alpen. Im Hinblick auf die Schi-WM wurde das Gebäude in mühevoller Kleinarbeit im vergangenen Jahr umfassend saniert und mit Jahresende als Kulm Country Club nach fast 30-jährigem Dorn­röschenschlaf wiedereröffnet.

Jugendstil-Baujuwel

Auf dem Höhepunkt der Belle Époque errichtete das Hotel Kulm St. Moritz im Jahr 1905 seinen Eispavillon aus heimischen Hölzern, gestaltet im Jugendstil. Sowohl für Wintersportgäste als auch für Einheimische wurde der Pavillon mit Blick auf das Eisfeld schnell zu einer der ersten Adressen, konnte man von hier aus im Warmen doch die Eis- und Kunstläufer bestens beobachten. So wie bei den Olympischen Winterspielen 1928 – den ersten Winterspielen überhaupt – als hier die Athleten ihre Trainings absolvierten. 20 Jahre später bei den Olympischen Winterspielen 1948 war der Eispavillon das Hauptquartier der Eiskunstläuferinnen und Eiskunstläufer. Bis Ende der 1980er-Jahre in Betrieb wurde der in die Jahre gekommene und stark sanierungsbedürftige Eispavillon schließlich geschlossen und war beinahe drei Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben.

Es bedurfte eines weiteren, sportlichen Großereignisses, um das alte, mittlerweile zur Bauruine heruntergekommene Gebäude wieder zum Leben zu erwecken und zur neuen Attraktion im Ort zu machen.    

Wiederbelebung eines Klassikers 

Über 110 Jahre nach seiner Errichtung erstrahlt der alte Eispavillon seit Kurzem wieder in neuem Glanz. Für die komplette Neugestaltung wurde das Team von Lord Norman Foster gemeinsam mit dem lokal ansässigen Architekten Arnd Küchel verpflichtet. Selbst einige Jahre in St. Moritz beheimatet war Foster nicht schwer für diese vergleichsweise kleine, aber besonders außergewöhnliche Bauaufgabe zu gewinnen. 

Die Investitionen in die Sanierung und Revitalisierung des Pavillons sowie die Ergänzung um zwei Holztribünen beliefen sich auf insgesamt rund zwölf Millionen Franken – umgerechnet zirka 11,2 Millionen Euro wurden von der AG Grand Hotels Engadinerkulm mit Unterstützung der Hauptaktionärsfamilie Niarchos bewältigt. „Sport war und ist seit Jahrzehnten ein zentrales Thema, und so freuen wir uns außer­ordentlich darüber, dass der Kulm Country Club pünktlich zur Schi-WM fertiggestellt werden konnte und wir im Februar die Eröffnungs- und Schlussfeier der FIS Alpinen Schi-Weltmeisterschafen ausrichten durften“, freut sich General Manager Heinz E. ­Hunkeler. Das Erdgeschoß wird der Tradition entsprechend auch in Zukunft als Bar und Lounge geführt, während im ersten Stock des Eispavillons ein Restaurantbereich eingerichtet wurde, der als Pop-Up-Restaurant immer wieder unterschiedliche Star-Köche aus aller Welt zu Gast haben soll. 

Originalgetreue Sanierung 

Die soliden Holzelemente prägten schon im Jugendstil das Erscheinungsbild des Pavillons und sind auch stilbildendes und prägendes Element der sanierten Architektur. „Wo immer möglich, wurden die alte Substanz im Jugendstil und die bestehende Holzstruktur erhalten. Sogar die Originalfenster wurden aufwendig saniert“, erklärt der direkt in St. Moritz angesiedelte Architekt Arnd Küchel. Die Planung für die Rekonstruktion des Pavillons erfolgte in enger Abstimmung von Küchel mit Foster + Partner. Gestartet wurde diese Ende 2015 und schon im April des folgenden Jahres starteten die Bauarbeiten, um pünktlich für die WM 2017 gerüstet zu sein. Norman Foster will den historischen Pavillon vor allem als einen Ort der Begegnung verstanden wissen. Ein Begegnungsort, an dem nicht nur Sportler und Zuschauer, Einheimische und Urlauber zusammentreffen, sondern auch die Historie mit der Gegenwart. „Im Restaurantbereich haben wir alte Sportgeräte wie Skeleton-Schlitten und historische Aufnahmen integriert, so dass gleichzeitig auch eine Art Museum in Andenken an die Olympischen Spiele entstanden ist“, erklärt Foster die gestalterische Idee, die hinter dem Entwurf steckt. 

Harmonisches miteinander

Ein besonderes Besucher-Highlight und Blickfang des neuen Country Clubs sind neben dem alten Eispavillon die zwei neu errichteten Tribünen, von denen die Haupttribüne direkt an den Eispavillon anschließt. Um ein harmonisches Gesamterscheinungsbild zu gewährleisten, sprechen Tribünen und Pavillon dieselbe Materialsprache. Als Baumaterial kamen ausschließlich heimische Laubholzarten, wie Buche, Esche oder Eiche, zum Einsatz. Die Wahl auf diese im Holzbau gar nicht so gängigen Holzarten fiel vor allem aufgrund der hohen Festigkeitswerte, die deutlich über denen der standardmäßig eingesetzten Konstruktionshölzer aus Nadelhölzern liegen. Womit sich die Laubhölzer bei der optisch und vor allem technisch höchst anspruchsvollen Gestaltung der Tribünendächer besonders gut eignen. Immerhin muss beispielsweise das Dach der größeren der beiden Tribünen samt Eigengewicht und Schneelast bis zu 19 Tonnen tragen.

Insgesamt 14 Kragträger aus gebogenem Brettschichtholz halten das frei auskragende Tribünendach mit einer Fläche von rund 350 Quadratmetern. Jeder dieser Träger aus Eschenholz wiegt selbst schon alleine an die zwei Tonnen. Als Bedachung dienen Kautschukbahnen, die auch extremen Bedingungen, wie beispielsweise der extremen Temperaturschwankung zwischen Sommer und Winter, standhalten und dank UV-Beständigkeit auch über Jahrzehnte hinweg ihre Elastizität bewahren. Optisch aufgewertet wird das Dach durch einen Lärchenholzrost, der sich seinerseits wiederum durch höchste Widerstandsfähigkeit gegenüber Wind und Wetter auszeichnet. Im Gegensatz zu allen anderen Bauteilen des sichtbaren Tragwerks, die mit einem Feuchte- und UV-Schutzanstrich versehen wurden, sind die Lärchenholzlatten unbehandelt geblieben und werden im Lauf der Zeit eine durchaus gewünschte, graue Patina entwickeln.  

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