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Bild 1: Die Bahnen der Dachhaut hatten keinen Klebeverbund mit der Oberfläche der ersten Lage SK-Bahn, die auf der Wärmedämmung der Attika verklebt war.

Bauschäden nach dem Winter

19.06.2018

Der Winter ist endlich vorbei. Kaum dass die Witterung ein wenig stabil war und die Sonne an Kraft gewonnen hat, sind schon „Notrufe“ bei mir eingegangen. Einen aktuellen Fall möchte ich hier erörtern.

Bild 2: Wie auf diesem ausgebauten Stück der SK-Bahn zu sehen, war auf der Wärmedämmung ein guter Klebeverbund gegeben.

Der zweite Anruf am selben Tag war schon brisanter, da ist es tatsächlich zu Wassereintritten im Zuge der Schneeschmelze gekommen, und es war bereits eine heftige Diskussion, wer was gemacht oder nicht gemacht hat und hätte machen sollen, im Gange. Der Bauträger (AG) hat mich sofort mit jeder Menge Post, Ausschreibung, Auftrag, Detailplänen und Schriftverkehr, mit der Aufforderung, sofort einzuschreiten und das Objekt zu besichtigen sowie eine Sanierung in die Wege zu leiten, eingedeckt. 

Wenn korrekt vorzugehen ist, müssen alle beteiligten Parteien bei der Begehung vor Ort sein. Das ist auch recht rasch gelungen. Die Überraschung kam bei der Befundaufnahme für den Bauwerksabdichter und Spenglerbetrieb (AN). Dieser hatte immer behauptet, für die Wassereintritte im Bereich der Deckenauflagerfuge seien der WDVS-Hersteller und der Elektriker verantwortlich, da diese beiden E-Leitungen auf dem Mauerwerk verlegt und ohne Abdichtung der Durchdringung durch die WDVS-Fassade geführt hätten. Der auf den Leitungen liegende Schnee sei zurückgeronnen und so über die Deckenfuge in das Rauminnere eingetreten. 

Dem konnte ich aufgrund der Wassermenge, die da von der Wohnungseigentümerin aufgefangen worden ist, nicht ganz Glauben schenken. Den AN habe ich ersucht, mir zwei Erfüllungsgehilfen zur Verfügung zu stellen und von beiden Parteien das Einverständnis zum Öffnen des Attikahochzugs eingeholt. Meine Vermutung, Wasser hinter den Abdichtungsbahnen und/oder dazwischen, sollte sich bestätigen. 

Wie auf Bild 1 dargestellt, hatten die Bahnen der Dachhaut keinen Klebeverbund mit der Oberfläche der ersten Lage SK-Bahn, welche auf der Wärmedämmung der Attika verklebt war. Auf der Wärmedämmung war ein guter Klebeverbund gegeben, das zeigt Bild 2 mit dem ausgebauten Stück der SK-Bahn. Ab OK-Dachabdichtung war ca. 15 Zentimeter Wasserstand zu messen. 

Auf meine Frage, warum nicht geflämmt wurde – in der ÖNorm B 3691 steht, dass es zwischen den Lagen keinen Lufteinschluss geben dürfe, und hier zeige die zweite Lage nicht einmal das vollflächige Abschmelzen der Schnellschweißfolie – sagt mir der Vorarbeiter des AN: „Ich habe die erste Bahn, die über der SK-Bahn zu verarbeiten war, als erste, unterste Lage gesehen, da wir auf der Attikakrone eine Dreischichtplatte darunter mit XPS-G Wärmedämmung montiert haben und die SK-Bahn unter der Dreischichtplatte geendet hat. Mit dieser Lage sind wir über die Dreischichtplatte hinausgefahren und haben ca. zehn Zentimeter vor dem Ende der Platte geendet. Die beiden anderen Bahnen ebenso, damit haben wir uns das Abhobeln der Dreischichtplatte erspart, da der Hafterstreifen vertieft zu liegen gekommen wäre, wenn wir fertig machen hätten dürfen.“

Diese Detailausbildung war in der Art der Ausführung die Ursache des partiellen Wassereintritts in die Innenräume. Fertiggestellt wurde die Blechabdeckung der Attika nicht, die Abdichtungsbahnen waren die letzte Leistung vor dem ersten Schneefall. Die Attika bestand aus Ytong-Steinen, nicht verputzt. Die Dampfsperre war gerade 20 Zentimeter über die Rohdecke aufgestellt. Die Gefälle-Wärmedämmung der horizontalen Fläche war mehrlagig verlegt, ca. 25 Zentimeter dick. Die senkrechte Wärmedämmung der Attika zehn Zentimeter dick bis unter die Dreischichtplatte ausgeführt. Das WDVS hat die Dreischichtplatte an der Fassadenseite teilweise um zwei bis drei Zentimeter überragt. Damit war auf der Attika­krone eine nicht abgedichtete Fläche, auf welcher der Schnee lag und die ein Gefälle von ca. 15 Zentimeter zur Dachfläche aufwies, vorhanden. 

Beim Abtauen ist das Wasser in Richtung der lose auf der Dreischichtplatte aufliegenden zweiten Lage Abdichtung gelaufen, darunter gelangt und so hinter den Hochzug und durch das Ytong auf die Decke und in das Innere. Bei genauer Betrachtung der Sockelschiene und der Fensterstürze konnte man auch dort Spuren (Verschmutzungen) des ablaufenden Wassers feststellen. 

Klarerweise gingen die Schuldzuweisungen zwischen AG und AN hoch. Der AN meinte, warum sie nicht fertig gemacht hätten, wir haben im Vertrag, dass Arbeitsunterbrechungen nicht zulässig sind. Die Attikaabdeckung montiert und nichts wäre passiert. Der AN entgegnete, er sei dem AG schon entgegengekommen, dass er mit den Arbeiten im November überhaupt begonnen habe, nach der Norm hätte er auch die Abdichtungsarbeiten nicht mehr ausführen dürfen. Aber eine Abdeckung aus Alu-Blech bei minus zehn Grad in Ein-Meter-Teilen zu montieren und zu falzen, da der Blechzuschnitt um drei Zentimeter über der zulässigen Breite für die Abdeckung in Drei-Meter-Teilen ist, gehe sicher nicht. „Ich kann nicht falzen, da reißt jeder Falz ein, damit ist auch keine Dichtheit erreichbar“, so der AN. 

Der AG unterstellte, dass auch in der Fläche Wasser vorhanden wäre und er das ganze Dach neu haben wolle. Die Nachschau ergab, dass kein Wasser im Dachaufbau vorhanden war. Für den AN blieb trotzdem das Sanieren des gesamten Attikahochzugs. Auf den Kosten blieb er sitzen, und im Endeffekt hat ihm das Nichtbefolgen der ÖNorm B 3691 auch noch den Ruf eines Pfuschers eingetragen. Eine Fremdsanierung war noch zu verhindern, der AG hat nur da­rauf bestanden, dass die Leistungen SV-begleitet hergestellt werden. 

Nach solch einem Schaden sind alle Beteiligten klüger. Der AN meinte, das nächste Mal greife er die Abdichtung nicht an, wenn es schon so kalt ist. Der AG meinte, dem Arbeitsablauf und dem Bauvorhaben hätte es gutgetan, wenn er erst im Sommer und nicht mitten im Winter übergeben hätte. 

Meine Meinung dazu ist, die ÖNorm B 3691 stellt den Stand der Technik dar, jeder Unternehmer ist gut beraten, sie zu befolgen. Und bevor mit Krampf ein Flachdach hergestellt wird, ist es besser, den AG aufzuklären und eine Bau-Notabdichtung auf der Rohdecke geflämmt als Zusatzleistung anzubieten. Denn wegen Einhaltung der ÖNorm kann kein AG einem AN den Auftrag entziehen, ohne dem AN den dadurch entgangenen Gewinn zu ersetzen.

Autor/in:
Gerhard Freisinger
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Landesinnungsmeister-Stv. Gerhard Freisinger ist Bundes­sprecher der ­Berufsgruppen Schwarzdecker und Abdichter gegen Druckwasser und Feuchtigkeit in der Bundes­innung der Bauhilfs­gewerbe sowie allgemein gerichtlich beeideter und zertifizierter Sachverständiger für bau­gewerbliche Tätigkeiten. Außerdem ist Gerhard Freisinger ständig akkreditiertes, stimmberechtigtes Mitglied des ON-Instituts in zahlreichen Ausschüssen.
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