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Der neue Unternehmenssitz von Nature et Découvertes im französischen Versailles ist in 15 kleine Häuser unterteilt. Sie werden durch die steilen Vordächer in Form von Spitzgauben, die steil zum Himmel zeigen, sichtbar.

Das Origami-Dach

20.07.2020

Die französischen Architekten Patrick Bouchain und Bastien Lechevalier entwickelten und realisierten eine „Maison“, ein Zuhause für das Unternehmen „Nature et Découvertes“. Das unkonventionelle Gebäude besteht aus 15 kleinen Häusern. Erbe, Moderne und Natur sind in das Konzept eingeflossen. Der Auftrag war mit großen Herausforderungen verbunden – auch für die Handwerker. 

Francois Lemarchand, Gründer von Nature et Découvertes, ist ein Sohn der berühmten Stadt Versailles. Er wollte seinen neuen Unternehmenssitz in seiner alten Heimat wissen, und er wollte kein kaltes, unpersönliches Bürogebäude, sondern ein Zuhause – für seine Firma und seine Mitarbeiter. Für ihn war es von besonderer Bedeutung, dass das Firmengebäude ganz nach ökologischen Prinzipien gebaut wird, denn dies spiegelt sich bereits in seiner Unternehmensphilosophie wider.
Damit war das Briefing klar. Den überzeugenden Entwurf lieferte der renommierte französische Architekt Patrick Bouchain, den Bastien Lechevalier realisierte. Es ist eine „Maison“ – ein Haus, ein Zuhause geworden.
Der Auftrag hatte seine Bürden. Das Schloss des Sonnenkönigs dominiert den Namen der Stadt und die Stadt selbst. Weiters musste die Sichtachse zwischen Schloss und dem nahegelegenen Wald gewahrt bleiben. Somit durfte das Gebäude eine gewisse Höhe nicht übersteigen. Und die Basis des Gebäudes musste die schwere Stahlkonstruktion der ehemaligen Güterverkehrshalle bilden. 3.000 Quadratmeter Bürofläche und ein Geschäft galt es hier unterzubringen.

Stabiles Licht aus Norden
Dem Unternehmen, das einen besonderen Bezug zur Natur lebt und verkörpert, war die Nachhaltigkeit von essenzieller Bedeutung. Es wurden die modernsten Techniken des Holzbaus angewandt, die neueste Technologie bei Photovoltaikmodulen eingesetzt, das natürliche Licht optimal genutzt. „An der Nordfassade wird das Licht eingefangen“, erzählt Bastien Lechevalier, der als Architekt für die perfekte Umsetzung verantwortlich war. „Die Spitzgauben auf dem Dach sorgen für ein stabiles Licht. Im Süden dagegen ist die Fassade geschlossener“, so Lechevalier.

15 kleine Häuser
Das Gebäude ist in 15 kleine Häuser unterteilt. Sie werden durch die steilen Vordächer in Form von Spitzgauben, die steil zum Himmel zeigen, sichtbar. „Jede Abteilung bekommt ein eigenes Haus. Zudem sind die Stockwerke wie jene in Wohnhäusern aufgebaut – mit einer Gemeinschaftsebene und Büros zum Zurückziehen“, erläutert Lechevalier das Konzept. Die erste Idee war ein Stahldach, aber es musste feiner und leichter sein. „Wir suchten ein Material, das perfekt für die Details passt, denn die Vordächer wirken wie Origami“, berichtet der Architekt vom Entstehungsprozess.
Aluminium konnte alle gewünschten Kriterien erfüllen, und so fiel die Wahl auf „Prefalz“ in Weiß. Die Umsetzung erfolgte in enger Abstimmung mit dem Spengler. Es galt, gemeinsam die beste Lösung bei diesem außergewöhnlichen Projekt zu finden.

Für den Nutzer
Im Mittelpunkt der Überlegungen war immer der Endnutzer. „Der Bauherr oder der Eigentümer ist nicht immer der Nutzer“, erläutert der Architekt. „Wir müssen aber die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Nutzer kennen, denn sie sind diejenigen, die jeden Tag im Gebäude sind und hier arbeiten“, erklärt er seinen Ansatz, den er stets in seiner Arbeit als Architekt lebt.

Die nächste Dimension
Die 15 steilen Vordächer, die spitz in den Himmel ragen, waren die große Herausforderung für die Handwerker. Benoit Brisset war der Projektmanager des Handwerksbetriebs Glot Couverture, der für die Umsetzung des Headquarters verantwortlich war. Einfach war das Projekt nicht. Aber Benoit Brisset ist gern gefordert – auf der Baustelle und als Manager.
Glot Couverture zählt 20 Mitarbeiter, 17 davon sind auf den Dächern Frankreichs unterwegs.
Das größte Projekt im Jahr 2019 war die Eindeckung in Versailles. Insgesamt stecken mehrere Monate Arbeit in diesem Objekt. Zu Spitzenzeiten waren drei 3er-Teams auf der Baustelle beschäftigt. Die Baustelle bot allerdings wenig Platz für die vielen Bauunternehmen, die gleichzeitig an der Fertigstellung des neuen Unternehmenssitzes arbeiteten. „Wir mussten die Einzelteile in der Werkstatt vorbereiten und haben sie dann zur Baustelle gebracht. Wir haben versucht, so wenig Zeit wie möglich auf der Baustelle selbst zu verbringen“, erzählt Brisset. „Der Platz war eng und das Timing war wichtig.“

Bei der speziellen Form der spitzen, hohen Vordächer war viel Geschick und Erfahrung gefragt. Brisset und sein Team haben im ersten Schritt drei Prototypen erstellt, um die besten Lösungen für die Erstellung von Profilen in der Werkstatt zu finden. „Wir haben viel ausprobiert und getestet, um die optimale Ausführung zu finden“, berichtet Brisset. Es galt, den Entwurf in die nächste Dimension zu übertragen. „Die Zeichnungen waren in 2D. Wir mussten sie in 3D machen“, erzählt Benoit Brisset von der größten Herausforderung an diesem Projekt. Die Vordächer bestehen aus vielen ganz unterschiedlichen Flächen. „Jede ist anders“, so der Handwerker. Es war viel Fingerspitzengefühl und Tüftelei erforderlich, damit die einzelnen Teile am Ende perfekt zueinanderpassen. „An dem Punkt, wo die Teile aufeinandertreffen, haben wir erst gesehen, wie exakt wir gearbeitet haben“, so der Projektleiter.
Die viele Arbeit hat sich gelohnt. Das über 100 Meter lange Gebäude strahlt heute mit „Prefalz“ in einem wunderschönen Weiß.

Text: Katharina Riedl

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